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Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle Daniel Gutzmann [email protected] 31. Januar 2009 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung .................... 2 2 Das klassische Modell ......... 4 3 Unbestimmtheitsphänomene .. 8 4 Semantik/Pragmatik-Modelle .. 13 5 Zusammenfassung ............ 21 Literatur ........................ 21 Zusammenfassung Bei der Entwick ung seiner Konzeption der Semantik/Pragmatik-Schnittste e betrachtete Grice nur Fä e, in denen die semantische Repräsentation eines Satzes komp ett bestimmt ist. erdings ste en Fä e von semantischer Unbe- stimmtheit eine einfache Sicht auf Semantik, Pragmatik und ihrer Interaktion in Frage. Dabei gibt es eine Vie zah sprach icher Phänomene, die semantische Unbestimmtheiten in die semantische Repräsentation des Gesagten einfüh- ren. Um dieses a gegenwärtige Phänomen in eine umfassende Theorie zu integrieren, wurden verschiedene Theorien entwicke t. Diese unterscheiden sich im Wesent ichen darin, an we cher Ste e sie die Haupt ast der uflösung der Unbestimmtheit verorten, was zu jewei s unterschied ichen rchitekturen der Semantik/Pragmatik-Schnittste e führen. Nach einem Überb ick über die drei Hauptströmungen – Minima ismus, Synkretismus, Kontextua ismus – werden die verschiedenen nsätze konzeptue miteinander verg ichen und systematisch gegenübergeste t. Ich danke Inge Poh dafür, dass sie mir die Mög ichkeit gegeben hat, auf der Landauer Semantik- konferenz vorzutragen und diesen doch recht theoretischen Überb icksartike zu schreiben. Weiterhin danke ich a en Tei nehmern der Semantikkonferenz, sowie Laurence Horn, Erik Stei und Katharina Turgay für wertvo e Kommentare und Diskussionen. e Feh er und Unbestimmtheiten gehen ganz bestimmt auf mein Konto.

Unbestimmtheitunddie Semantik/Pragmatik … Semantik/Pragmatik-Schnittstelle DanielGutzmann∗ [email protected] 31.Januar2009 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung..... 2

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  • Unbestimmtheit und dieSemantik/Pragmatik-Schnittstelle

    Daniel Gutzmann

    [email protected]

    31. Januar 2009

    Inhaltsverzeichnis

    1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Das klassische Modell . . . . . . . . . 43 Unbestimmtheitsphnomene . . 8

    4 Semantik/Pragmatik-Modelle . . 135 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . 21Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

    Zusammenfassung

    Bei der Entwicklung seiner Konzeption der Semantik/Pragmatik-Schnittstellebetrachtete Grice nur Flle, in denen die semantische Reprsentation einesSatzes komplett bestimmt ist. Allerdings stellen Flle von semantischer Unbe-stimmtheit eine einfache Sicht auf Semantik, Pragmatik und ihrer Interaktionin Frage. Dabei gibt es eine Vielzahl sprachlicher Phnomene, die semantischeUnbestimmtheiten in die semantische Reprsentation des Gesagten einfh-ren. Um dieses allgegenwrtige Phnomen in eine umfassende Theorie zuintegrieren, wurden verschiedene Theorien entwickelt. Diese unterscheidensich imWesentlichen darin, an welcher Stelle sie die Hauptlast der Auflsungder Unbestimmtheit verorten, was zu jeweils unterschiedlichen Architekturender Semantik/Pragmatik-Schnittstelle fhren. Nach einem berblick ber diedrei Hauptstrmungen Minimalismus, Synkretismus, Kontextualismus werden die verschiedenen Anstze konzeptuell miteinander verglichen undsystematisch gegenbergestellt.

    Ich danke Inge Pohl dafr, dass sie mir die Mglichkeit gegeben hat, auf der Landauer Semantik-konferenz vorzutragen und diesen doch recht theoretischen berblicksartikel zu schreiben. Weiterhindanke ich allen Teilnehmern der Semantikkonferenz, sowie Laurence Horn, Erik Stei und KatharinaTurgay fr wertvolle Kommentare und Diskussionen. Alle Fehler und Unbestimmtheiten gehen ganzbestimmt auf mein Konto.

    mailto:[email protected]

  • 2 Daniel Gutzmann

    1 Einleitung

    In einem simplen, naiven Bild ber Kommunikation in natrlicher Sprache ist dieDifferenz zwischen dem, was eine Sprecherin uert, und dem, was sie meint, mi-nimal; sprich, das Gemeinte lsst sich normalerweise direkt von dem verwendetenlinguistischen Material ablesen. Ausnahmen hierzu stellen lediglich eindeutig inde-xikalische Ausdrcke dar, ebenso offenkundige, bildliche Sprache wie Metaphernoder Ironie. Auch wenn diese hochfrequent sind, so lsst sie sich leicht von normaler,wrtlicher Kommunikation unterscheiden lsst (vgl. Bach 2005: 15).

    Dass die Kluft zwischen dem Gesagten (what is said) und dem Gemeinten (whatis meant) viel weitreichender ist und auch abseits von Indexikalitt und bildlicherSprache zu finden ist, hat H. Paul Grice (1975) eindrucksvoll gezeigt. Allerdingsentwickelte er mit dem Begriff der konversationellen Implikatur, seinem Kooperati-onsprinzip und den dazugehrigen Maximen auch gleich einen geeigneten Apparat,um diese Kluft zu berbrcken. Dennoch fhrt die Mglichkeit, dass eine uerungkonversationelle Implikaturen zustzlich zum oder statt des Gesagten vermittelnkann, dazu, dass das Gemeinte nicht vollstndig durch die Bedeutung des Gesagtenspezifiziert wird, selbst wennman Flle wie Indexikalitt und bildliche Sprache auenvor lsst. In den meisten Fllen sind konversationelle Implikaturen dennoch leichtvon dem Gesagten zu unterscheiden.

    Doch selbst wennman die relativ unstrittigen Flle konversationeller Implikaturenauer Acht lsst, finden sich etliche Beispiele, in denen das, was eine Sprecheringesagt hat, das von ihr Gemeinte nicht erschpfend bestimmen kann. So wird die ArtundWeise, in der die Frucht in folgendem Beispiel rot ist, nicht durch die Bedeutungdes sprachlichen Materials spezifiziert.

    (1) Gib mir mal bitte die rote Frucht.a. die Frucht mit roter Schaleb. die Frucht mit rotem Fruchtfleischc. die Frucht, die einen roten Aufkleber hatd.

    Je nach Situation und Kontext, kann der Sprecher eine Frucht mit roter Schale oderrotem Fruchtfleisch meinen. In einem spezifischeren Kontext vorausgesetzt kannrote Frucht aber z.B. auch auf eine Frucht referieren, die durch einen roten Aufklebervon anderen ansonsten gleichfarbigen Frchten abgegrenzt wird. Prinzipiell kanneine beliebige Relation, in der die Frucht zur Farbe Rot steht, durch (1) kommuniziertwerden. Die Mglichkeiten werden nicht durch das sprachliche Material beschrnkt,sondern lediglich durch unserWeltwissen undunsereVorstellungskraftber spezielleKontexte.

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 3

    Solche Flle von Unbestimmtheit, die sich in der Grauzone zwischen den se-mantisch motivierten, indexikalischen Ausdrcken und rein pragmatischen Be-deutungsaspekten wie Implikaturen und bildlicher Sprache befinden, sind einerder Hauptstreitpunkte der Post-Griceschen Debatte ber das theoretische Verhlt-nis zwischen Semantik und Pragmatik. Im Zuge dieser Debatte, die vor allem inden letzten zehn Jahren sehr vehement gefhrt wurde, entstand ein Flle von Ver-ffentlichungen nicht nur linguistische, sondern insbesondere auch analytisch-sprachphilosophische.1DieDiskussion hat zu der weitgehendenAkzeptanz folgenderSicht gefhrt, die Kent Bach (2005) als die Kontextualistische Platitde bezeichnet:

    Indeed, it is now a platitude that linguistic meaning generally underde-termines speakermeaning. That is, generally what a speakermeans in ut-tering a sentence, even if the sentence is devoid of ambiguity, vaguenessor indexicality, goes beyond what the sentence means. (Bach 2005: 15)

    Auch wenn die Contextualist Platitude zutreffen mag, so stellt sich wie Bach(2005: 16) selbst bemerkt die Frage, was aus ihr zu machen ist. Im Speziellenheit das, ob und inwiefern die Kontextualistische Platitde eine Rekonstruktiondes klassischen Griceschen Modells der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle erfordert.

    Dieser Frage gehe ich in diesem Aufsatz nach. Dabei lege ich den Fokus vor allemauf die Formen von Unbestimmtheit wie in (1), die ich als semantische Unbestimmt-heit bezeichne. Ausgehend von der klassischen Griceschen Triade (linguistischeBedeutung das Gesagte das Gemeinte) gibt es insgesamt drei verschiedene mg-liche Arten der Unbestimmtheit. Neben der Unbestimmtheit in (2a), auf die BachsPlatitde abzielt , gibt es noch zwei weitere Arten von Unbestimmtheit, die jeweilsandere Bedeutungsebenen in Beziehung setzen (Carston 2002: 19).2

    (2) a. Die linguistische Bedeutung unterbestimmt das Gemeinte.b. Das Gesagte unterbestimmt das Gemeinte.c. Die linguistische Bedeutung unterbestimmt das Gesagte.

    Dass die linguistische Bedeutung das Gemeinte nicht komplett spezifizieren kann(2a), folgt zwangslufig daraus, dass das Gesagte das Gemeinte unterbestimmt (2b).Die Unterbestimmung des Gemeinten durch die linguistische Bedeutung und dasGesagte nenne ich pragmatische Unbestimmtheit. Wie erwhnt sind z.B. konversa-tionelle Implikaturen eine bekannte Form von pragmatischer Unbestimmtheit.

    1 Siehe u.a. die Sammelbnde Bianci 2004; Preyer & Peter 2005, 2008; Szab 2005; Turner 1999.2 Im Rahmen diese Aufsatzes ignoriere ich einen mglichen Unterschied zwischen Unbestimmtheitund Unterbestimmtheit und verwende die beiden Begriffe synonym. Zum Unterschied vgl. Carston2002: 20f.

  • 4 Daniel Gutzmann

    Viel problematischer fr ein naives Bild ber das Zusammenspiel von Semantikund Pragmatik ist allerdings die Form der Unbestimmtheit in (2c), der zufolge nichteinmal die semantische Reprsentation einer uerung erschpfend durch die lin-guistische Bedeutung bestimmt wird. Diese Unbestimmtheiten sind Gegenstanddieses Aufsatzes. Dabei verfolge ich insbesondere die Fragestellung, welche Konse-quenzen die Existenz solcher Unbestimmtheit fr das Verhltnis zwischen Seman-tik und Pragmatik hat und wie unterschiedliche Anstze zur Semantik/Pragmatik-Schnittstelle diese Unbestimmtheit in ihr Modell implementieren. Besonders dieFrage, wo Unbestimmtheiten aufgelst werden, wird von Interesse sein.

    Ziel dieses Aufsatzes ist weder eine eigene Theorie der Unbestimmtheit zu entwi-ckeln, noch fr oder gegen eine bestimmte Theorie ber Semantik und Pragmatikzu argumentieren. Vielmehr mchte ich einen berblick ber die verschiedenenVorschlge zur Modellierung der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle geben und diesesystematisch gegenberstellen. Dabei werde ich die Zusammenhnge und Unter-schiede zwischen den verschiedenen Anstzen herausarbeiten. Diese lassen sich vorallem in der unterschiedlichen Konzeptualisierung der Bedeutungsebene what issaid finden, da dies die Ebene ist, die die grte Flexibilitt bei der Theoriebildunggestattet. Die Frage nach der Auflsung von semantischen Unbestimmtheiten spieltdabei eine entscheidende Rolle.

    In 2werde ich zunchst das klassisch-GricescheModell der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle skizzieren und die zwei harmlosen Arten semantischer Unbestimmt-heit darstellen, auf die Grice (1975: 44) selbst schon hingewiesen hat und die inseinem Modell bereits bercksichtigt werden. In 3 stelle ich dann verschiedenesprachliche Phnome vor, die problematische Flle von Unbestimmtheit einfhrenknnen, und arbeite die Probleme heraus, die sie fr eine naive Sicht auf die Seman-tik/Pragmatik-Unterscheidung darstellen. In 4 stelle ich unterschiedliche Modelleder Semantik/Pragmatik-Schnittstelle gegenber und vergleiche sie besonders inHinblick darauf, wo sie die Auflsung unbestimmter Ausdrcke verorten.

    2 Semantik & Pragmatik das klassische Modell

    Auch wenn die Unterscheidung zwischen Semantik und Pragmatik eine lange Tradi-tion hat und zum Beispiel bereits im semiotischen System Charles Morris zu findenist,3 so lsst sich das erste ausformulierte Modell der Semantik/Pragmatik-Schnitt-stelle H. Paul Grice zuschreiben. Durch seine Unterteilung der Sprecherbedeutung(speaker meaning), d.h. der effektiv vom Sprecher kommunizierten Bedeutung, inwhat is said auf der einen und what is implicated auf der anderen Seite, fhrt er eine

    3 One may study the relations of signs to the objects to which the signs are applicable. [] [T]hestudy of this dimension will be called semantics. Or the subject of study may be the relation of signs tointerpreters. [] [T]he study of this dimension will be named pragmatics. (Morris 1938: 6)

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 5

    Unterscheidung ein zwischen der wrtlichen Bedeutung einer uerung und dem,was eine Sprecherin darberhinaus oder zustzlich kommuniziert (Abbildung 1).

    speaker meaning

    what is said what is implicated

    conventionally conversationally

    Abbildung 1: Speaker Meaning nach Grice 1975

    Auch wenn Grice sich selbst nicht dazu uert, kann man diese Unterteilungals Vorschlag fr eine Abgrenzung zwischen Semantik und Pragmatik interpretie-ren. Die Ebene des what is said entsprche demnach der Semantik einer uerung,whrendwhat is implicated den pragmatischen Teil stellen wrde.4 Eine solche Paral-lelsetzung von Grices Bedeutungsebenen mit Semantik bzw. Pragmatik stt schnellan ihre Grenzen und lsst viele pragmatische Aspekte wie z.B. Sprechakte auer Acht.Dennoch ist GricesModell sehr einflussreich gewesen und bildet den Ausgangspunktfr die gesamte Debatte zur Semantik/Pragmatik-Unterscheidung. Vor allem Gricesprimre Strategie, die logische Semantik vor allzu gebrauchsorientierten Strmungenzu retten, indem er eine bedeutungsminimalistische Semantik (vgl. Posner 1980)durch seinen pragmatischen Apparat verstrkt, hat gezeigt, dass sich semantischeund pragmatische Bedeutungstheorien nicht zwangslufig widersprechen, sonderneine Arbeitsteilung zwischen ihnen auch aus theoretischer, sprachphilosophischerSicht durchaus sinnvoll sein kann.5

    Nach Grices (1975: 25) Auffassung ist what is said eng mit der durch das linguisti-sche Material wrtlich ausgedrckten Bedeutung verbunden:

    In the sense in which I am using the word say, I intend what someonehas said to be closely related to the conventional meaning of the words(the sentence) he has uttered. (Grice 1975: 44, meine Hervorhebung,D.G.)

    4 Dabei bleibt es jedoch unklar, welcher Status den konventionellen Implikaturen zugesprochen wird,da diese eine Art Doppelleben fhren. Zwar haben sie keinen Einfluss auf den wahrheits-konditionalenInhalt eines Satzes (zumindest nach Grice), so sind sie doch fest mit der wrtlichen Bedeutung einesAusdrucks verbunden. Die Frage ist also, auf welches Kriteriumman bei der Unterscheidung zwischenSemantik und Pragmatik mehr Gewicht legt: auf Relevanz fr die Wahrheitsbedingungen oder aufKonventionalitt. Fr diesbezgliche Diskussionen vgl. u.a. Potts 2005: 2; Gutzmann 2008: 3; Horn2008; Neale 1992.5 Fr neurolinguistische Evidenzen fr eine Arbeitsteilung zwischen den beiden Komponenten,siehe z.B. Kasher et al. 1999.

  • 6 Daniel Gutzmann

    Man kann also mit Carston (2002: 21) annehmen, dass fr Grice der Abstand zwi-schen der linguistischen Bedeutung und dem Gesagten relativ gering ist. Allerdingsfhrt Grice fort und erwhnt selbst zwei pragmatische Prozesse, die stattfindenmssen, bevor what is said spezifiziert werden kann:

    Suppose someone to have uttered the sentence He is in the grip of avice. Given a knowledge of the English language, but no knowledge ofthe circumstances of the utterance, one would know something aboutwhat the speaker had said. [] But for a full understanding of what thespeaker had said, one would need to know the indentity of x, the time ofutterance, and the meaning, on the particular occasion of utterance, ofthe phrase in the grip of a vice. (Grice 1975: 44, meine Hervorhebung,D.G.)

    Die Referenz eines indexikalischen Ausdrucks und die konkrete Lesart ambigerAusdrcke ist nicht in dem linguistischenMaterial verankert. Um diese Unbestimmt-heiten aufzulsen, sind die pragmatischen Prozesse der Disambiguierung und Refe-renzbestimmung ntig.

    (3) AmbiguittenDisambiguierung: He is in the grip of a vice.a. He is unable to rip himself of a certain kind of bad character trait.b. Some of his part is caught in a certain kind of tool.

    (4) Deixis Referenzbestimmung:He is in the grip of a vice.a. Peter is in the grip of a vice.b. John is in the grip of a vice.c.

    Disambiguierung und Referenzbestimmung sind somit zwei pragmatische Prozesse,die unvermeidlich sind, um what is said zu bestimmen. Die durch sie aufgelstenArten der Unbestimmtheit werden aber meist als unproblematisch erachtet, daes sich hier um offensichtliche Flle handelt. In der Debatte um die theoretischeModellierung der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle spielen diese zwei Arten folglichnur eine untergeordnete Rolle.6

    Zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild der Semantik/Pragmatik-Schnitt-stelle, das ich als das klassische Modell bezeichne: Eine (wie auch immer geartete)Syntax gibt linguistisches Material aus. Ist dieses Material ambig, muss zunchst(pragmatisch) disambiguiert werden. Die linguistische Bedeutung (in Form von

    6 Allerdings wird ihr unbestritten prsemantischer Status oft als Argument dafr herangezogen,dass auch andere pragmatische Prozesse prsemantisch operieren. Vgl. u.a. Levinsons (2000: 3)Diskussion zum prsemantischen Status von generalisierten konversationellen Implikaturen.

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 7

    Logischen Formen oder Semantischen Reprsentationen) wird kompositional ausdem sprachlichen Material berechnet. Die linguistische Bedeutung kann jedochimmer noch aufgrund von indexikalischen Ausdrcken unterbestimmt sein, sodassein weiterer pragmatischer Prozess diese Leerstellen fllen muss. Erst dann kanndie wrtliche Bedeutung (what is said) eines Satzes berechnet werden. Diese dientdann als Input fr weitergehende pragmatische Prozesse, durch die die tatschlichkommunizierte Sprecherbedeutung erschlossen wird und die Implikaturen, Ironie,Metaphern etc. umfassen (Abbildung 2).

    Syntax Disambiguierung

    Output: syntaktische Strukturen

    kompositionale Semantik Indexikalische Pragmatik

    Output: linguistische Bedeutung

    semantische Interpretation

    Output: wrtliche Bedeutung

    Gricesche Pragmatik

    Output: Sprecherbedeutung

    Abbildung 2: KlassischesModell der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle (Levinson 2000: 188)

    In diesem klassischen, Griceschen Modell werden also nur die zwei erwhntenArten von Unbestimmtheit erfasst. Fr beide gilt, dass sie noch vor der Ebene vonwhat is said aufgelst werden, sodass jede unterschiedliche Auflsung der Unbe-stimmtheit zu einem anderen what is said fhrt. Die an der Auflsung beteiligtenProzesse sind also prsemantische, pragmatische Prozesse, die das jeweilig Gesagteim Kontext selegieren. Darber, welche Mechanismen bei diesen pragmatischen Pro-zessen eine Rolle spielen, sagt Grice (1975) selbst nichts. Der Groteil der modernenAnstze geht allerdings davon aus, dass dabei die gleichen pragmatischen Prinzipienverantwortlich sind wie in der postsemantischen, Griceschen Pragmatik, auch wennUneinigkeit darber besteht, welche diese genau sind (vgl. u.a Blutner 2000; Carston2002; Levinson 2000).

  • 8 Daniel Gutzmann

    3 Unbestimmtheitsphnomene

    Ambige und indexikalische Ausdrcke sind zwei Mglichkeiten, wie die linguisti-sche Bedeutung des geuerten Sprachmaterials das Gesagte unterbestimmen kann.Auch wenn es sich bei ihnen um die offensichtlichsten Formen der Unbestimmt-heit handelt (und sie folglich die akzeptiertesten sind), so ist das Phnomen dersemantischen Unbestimmtheit nicht auf diese beiden Formen beschrnkt, sondernwesentlich vielfltiger und hchst frequent. Der radikalsten Form der underdetermi-nacy thesis zufolge ist sogar jede uerung unterbestimmt (vgl. z.B. Searle 1983; unddie Diskussion in Carston 2002: 1).

    Im Folgenden werde ich eine Auswahl an linguistischen Ausdrcken und Kon-struktionen vorstellen, die das Gesagte nicht vollstndig spezifizieren, ohne dass essich dabei um ambige oder deiktische Ausdrcke handelt.

    3.1 Unartikulierte Konstituenten

    Whrend Stze mit noch nicht zugewiesener Referenz oder unaufgelsten Ambi-guitten entweder eine indexabhngige Proposition oder mehrere Propositionenausdrcken, gibt es Stze, die keine volle Proposition ausdrcken. Dies ist der Fall beisogenannten fehlenden oder unartikulierten Konstituenten (vgl. Carston 2002: 22;Recanati 2002):

    (5) a. Paracetamol ist besser. Als was?b. Das ist das gleiche. Wie was?c. Sie bricht auf. Von wo?d. Er ist zu jung. Wozu?e. Es regnet. Wo?

    Auch wenn die Stze in (5a)(5e) syntaktisch vollstndig sind, drcken sie dennochkeine vollwertige Proposition aus. Dies lsst sich daran erkennen, dass man dieAntwort auf die angegebenen Fragen beantworten knnen muss, um (5a)(5e) einenWahrheitswert zuordnen zu knnen. Da nach Grice (1975) what is said jedoch voll-propositional ist, sind die Stze in (5a)(5e) folglich als Flle zu werten, in denen dieBedeutung des sprachlichen Materials das Gesagte unterspezifiziert.

    3.2 Genitivkonstruktionen

    hnlich verhlt es sich bei possessiven Genitivattributen in Nominalphrasen. Auchdie Bedeutung solcher Genitivkonstruktionen ist unterbestimmt. Die Relation, diezwischen der nominalen Bezugskonstituente (dem Possessor) und dem genitivischenAttribut (dem Possessum) besteht (Genitivrelation im Folgenden), wird nicht

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 9

    explizit durch das sprachliche Material ausgedrckt. In Abhngigkeit vom Kontextkann diese Relation unterschiedlich interpretiert werden (vgl. Asher 2007: 10).

    (6) Marias Auto ist schnell.a. das Auto, das Maria besitztb. das Auto, das Maria fhrtc. das Auto, auf das Maria gewettet hatd. das Auto, das Maria entwickelt hate.

    Obwohl die Interpretation der Genitivrelation in (6) als eine possessive Relation, wiein (6a), der Konstruktion den Namen gibt, kann es sich dabei hchstens um eineDefault-Interpretation handeln. Je nach Kontext sind beliebige andere Relationenwie in (6b)(6d) mglich, solange diese im Kontext salient genug sind.

    Whrend sich die in 3.1 diskutierten unartikulierten Konstituenten allerdingsohne weiteres ergnzen lassen, kann die Genitivrelation nicht expliziert werden,ohne dabei die Konstruktion zu modifizieren.

    (7) a. Paracetamol ist besser (als Antibioticum).b. Es regnet (in Hamburg).

    (8) a. Marias Auto ist schnell.b. Das Auto (das Maria fhrt) ist schnell.c. *Marias (fhrt) Auto ist schnell.

    Die unartikulierten Konstituenten haben also eine ihnen zugedachte Leerstelle imSatzrahmen. Fr die Genitivrelation gilt dies nicht, wie die Beispiele in (8) zeigen.Nur wenn man die Struktur der NP ndert, lsst sich die Genitivrelation paraphra-sieren. Allerdings ist dann, wie in (8b), keine attributive Genitivkonstruktion mehrvorhanden, in die die Relation eingefgt wird. Explizierung der Genitivrelation beigleichzeitiger Strukturerhaltung ist nicht mglich, , wie (8c) zeigt.

    Wie die unartikulierten Konstituenten muss die Gentivrelation bestimmt werden,damit dem Satz ein Wahrheitswert zugewiesen werden kann. Das liegt daran, dassdie Relation zwischen genitivischem Attribut und dem Kopfnomen fr die Referenzder gesamten NP entscheidend ist. So kann das Auto, das Maria gehrt, ein anderessein als das Auto, das sie fhrt. Um zu bestimmen, auf welches Auto die Sprecherinmit (8a) referiert, muss die Hrerin die Genitivrelation erschlieen. Erst wenn sieweiss, auf welches Auto referiert wird, kann sie entscheiden, ob das Auto schnell istoder nicht. In einem Kontext, in dem Maria einen Porsche besitzt, aber immer nurden benzinsparenden Kleinwagen ihres Partners fhrt, kann einer uerung wie (8a)ein jeweils anderer Wahrheitswert zukommen, je nachdem, welche Genitivrelation

  • 10 Daniel Gutzmann

    die Hrerin erschliet.

    3.3 Nominalkomposita

    Determinative Nominalkomposita verhalten sich analog zu den Genitivkonstruk-tionen. Auch bei Nominalkomposita besteht eine implizite Relation zwischen demreferierenden Kopfnomen und dem spezifizierenden Bestandteil. Wie bei der Geni-tivkonstruktion sind hier durch das sprachliche Material selbst fast keine Interpreta-tionsbeschrnkungen gegeben.

    (9) Peter geht insHolzhaus.a. das Haus, das aus Holz bestehtb. das Haus, in dem Holz gelagert istc. das Haus, in dem Holz verkauft wirdd.

    Auch inBezug auf dieMglichkeit zur Explizierung verhlt sich die Relation zwischenden Bestandteilen eines Nominalkompositums wie die Genitivrelation. Sie kannebenfalls nicht eingefgt werden, wenn die Struktur erhalten bleiben soll.

    (10) a. Peter geht insHolzhaus.b. Peter geht in das Haus (das aus Holz besteht).c. Peter geht in das (aus Holz bestehende) Haus.d. *Peter geht in das Holz(bestehend)haus.

    Dass die Kompositumsrelation erschlossen werden muss, um eine vollstndige Pro-position zu erhalten, liegt auf der Hand, da sie entscheidend fr die Referenz desganzen Nomens ist.

    Nominalkomposita verhalten sich folglich in der Art und Weise, wie sie Unbe-stimmtheit einfhren, parallel zu den in 3.2 besprochenen Genitivkonstruktionen,nur dass es sich hier ummorphologische Einheiten und nicht um Syntagmen handelt.

    3.4 Skalare, relative und teilbezogene Adjektive

    Adjektive knnen auf unterschiedliche Art undWeise Unbestimmtheit in die seman-tische Reprsentation eines Satz einfhren. Die drei frequentesten Gruppen lassensich an den folgenden Beispielen illustrieren (Terminologie nach Gross 1998; zitiertin Carston 2002: 23).

    (11) Skalare Adjektive: Bob ist gro.a. Bob ist gro fr einen Fnftklssler.b. Bob ist gro fr einen Basketballspieler.

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    c. Bob ist gro fr einen Menschen.d.

    (12) Teilbezogene Adjektive: Der Stift ist rot.a. Der Stift ist hinsichtlich seiner Oberflche rot.b. Der Stift ist hinsichtlich seiner Tinte rot.c. Der Stift ist hinsichtlich seiner Kappe rot.d.

    (13) Relative Adjektive: Das Problem ist schwierig.a. Das Problem ist schwierig fr einen Schler.b. Das Problem ist schwierig fr einen Mathematiker.c.

    Skalare Adjektive wie gro in (11) sind insofern unbestimmt, dass es nicht sprachlichkodiert ist, ab welchem Punkt auf der Grenskala ein Objekt als gro definiertwird, was durchaus kontextuell variieren kann. Vergleicht man Bob mit seinenKlassenkameraden, dann gilt er als gro, whrend er im Vergleich zu Erwachsenenklein ist. Im Gegensatz zu den Nominalkomposita und Genitivkonstruktionen lsstsich die Bezugsskala bei solchen Adjektiven problemlos elaborieren, wie die Beispielein (11a)(11c) zeigen.

    Teilbezogene Adjektive wie rot in (12) prdizieren ber einen bestimmten Teil desBezugsnomens.7Welcher Teil dies ist, muss kontextuell erschlossen werden. Auchwenn das allgemeine Weltwissen hier bestimmte Interpretationen wahrscheinlichmacht, kann ein entsprechend reicher Kontext auch beliebige andere Interpretationenermglichen. Auf welchen Teil sich das Adjektiv bezieht, lsst sich explizit kenntlichmachen, wie in (12a)(12c).

    Relative Adjektive wie schwierig in (13) haben immer nur Gltigkeit in Bezug aufetwas anderes. Ein Problem ist nicht schwierig an sich, sondern immer schwierig frjemanden. Wie in (13a) und (13b) zu sehen, lsst sich die Bezugsklasse problemloshinzufgen, ohne an der Struktur des Satzes etwas zu ndern. Die meisten relativenAdjektive sind auerdem zugleich skalar. Ein Beispiel fr ein relatives, aber nicht-skalares Prdikat wre zum Beispiel letzt-. Ein Objekt ist immer nur das letzte inBezug auf etwas, whrend letzt- offensichtlich nicht skalar ist.

    Fr alle drei Arten von Adjektiven gilt allerdings, dass in der Forschung bisherkein Konsens darber besteht, ob die durch sie eingefhrte Unbestimmtheit auchtatschlich semantische Unbestimmtheit ist. Strittig ist also, ob die linguistischeBedeutung solcher Adjektive die semantische Reprsentation einer uerung be-reits auf der Ebene von what is said unterbestimmt, oder ob es sich nicht eher um

    7 Dass Farbadjektive wie rot zustzlich auch vage sind, lasse ich an dieser Stelle auer Acht. ZumProblem der Vagheit, siehe u.a. Pinkal 1985 und Williamson 1994.

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    pragmatische Unbestimmtheit handelt, in dem eingangs erwhnten Sinne, dass dasGesagte die Sprecherbedeutung unterbestimmt. Hlt man an der Prmisse fest, dasswhat is said voll propositional ist, stellt sich die Frage, ob Stze wie (11), (12) und (13)eine volle Proposition ausdrcken oder nicht. Auf unterschiedliche Positionen zudieser Problematik komme ich in 4 noch zu sprechen.

    3.5 Offene Zitate

    Auch wenn sie selten als Unbestimmtheitsphnomen diskutiert werden, so fhrenzumindest sogenannte offene Zitate (Recanati 2001) Unbestimmtheit ein. OffeneZitate sind die Formen von Anfhrung, in denen der angefhrte Ausdruck dieselbeRolle im Satz spielt, die er auch ohne die Anfhrungszeichen spielen wrde, also alleFormen der Anfhrung mit Ausnahme der direkten und rein metasprachlichen (vgl.Brendel & Meibauer & Steinbach 2007).

    (14) Peters Brtchen sind frisch.

    Die Interpretation der Anfhrung wird auch in diesem Fall nicht durch das sprach-liche Material selbst bestimmt. Je nach Kontext kann man zu unterschiedlichenInterpretationen gelangen:

    (15) A: Was hat Kaffee & Frhstck ber Peters Brtchen geschrieben?B: Peters Brtchen sind frisch.Peters Brtchen sind das, wasKaffee&Frhstck als frisch bezeichnethat. (gemischtes Zitat)

    (16) A: Peters Brtchen sind steinhart!B: Peters Brtchen sind frisch. Peters Brtchen sind nicht frisch. (modalisierendes Zitat)

    (17) Auf einer Reklametafel: Peters Brtchen sind frisch. Peters Brtchen sind sehr frisch. (emphatisches Zitat)

    Auch hier wird diskutiert, auf welcher Bedeutungsebene die Unbestimmtheit derAnfhrung anzusiedeln ist. Dass diese Unbestimmtheiten zur Bestimmung derSprecherbedeutung aufgelst werden mssen, ist unumstritten. Es herrscht aberUneinigkeit darber, ob es sich hier umAmbiguitten (z.B. Cappelen & Lepore 2008)oder um Unbestimmtheit des Gesagten (z.B. Geurts & Maier 2005; Recanati 2001)handelt, oder ob das Gesagte die Sprecherbedeutung unterbestimmt (z.B. Gutzmann2007; Klockow 1980; Stei 2007).

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    4 Semantik/Pragmatik-Modelle

    Nachdem der vorangegangene Abschnitt verdeutlicht hat, dass sich das Problemder semantischen Unbestimmtheit bei weitem nicht auf Ambiguitten und Deixisreduzieren lsst, sondern sich in zahlreichen und sehr unterschiedlichen sprachlichenKonstruktionen finden, gehe ich nun auf die Frage ein, wie Unbestimmtheit enaufgelst werden, um eine Spezifizierung von what is said zu ermglichen.

    Grundstzlich lassen sich zwei groe Gruppen von Anstzen ausmachen, seman-tisch orientierte Anstze und pragmatische Anstze.

    (18) Semantische AnstzeWrter bedeuten, was sie bedeuten, nur wird ihre Bedeutung wesentlichkomplexer, ebenso wie der Prozess der Bedeutungskomposition. Es wird mitTechniken wie Coercion, Unifikation, und Type-Shifting gearbeitet (vgl. u.a.Asher 2007; Pustejovsky 1995).

    (19) Pragmatische AnstzeDie konkrete Wortbedeutung eines Ausdrucks wird im Kontext generiert.Dazu gibt es verschiedene Mechanismen und Techniken (Modulation, FreieAnreicherung, Explikaturen, Implizituren ) (vgl. u.a. Bach 1994a; Carston2002; Recanati 2004, 2007).

    Ein semantischer Ansatz versucht die verschiedenen Bedeutungen, die ein Ausdruckannehmen kann, durch sein Zusammenspiel mit der Bedeutung der Ausdrcke, mitdenen er kombiniert wird, zu berechnen. Dies lsst sich am Beispiel der Genitivre-lation illustrieren. Wie in 3.2 dargestellt, besteht eine sprachlich nicht realisierteRelation zwischen dem Genitivattribut und dem Bezugsnomen. Diese Relation kannunterschiedlicher Art sein. Ein semantischer Ansatz wie der des Generativen Le-xikons (Pustejovsky 1995) nimmt komplexe lexikalische Merkmalsstrukturen frWrter an, die unter anderem sogenannte Qualia-Merkmale umfassen. Diese Merk-male beinhalten Informationen ber den Zweck eines Objektes, dessen Entstehungusw. Die Genitivrelation wird mit einem solchen Qualia-Merkmal assoziiert.

    (20) a.

    Buch

    qualia =

    telic = lesen(x)(y)agentive = schreiben(x)(y). . .

    b. Marias Buch Das Buch, das Maria liest

    Das Buch, das Maria schreibt

  • 14 Daniel Gutzmann

    Das Problem eines solchen Ansatzes ist allerdings, dass er auf der einen Seite nicht re-striktiv genug ist, da weiterhin Unbestimmtheiten bestehen. Sobald mehrere Qualia-Merkmale zur Verfgung stehen, kann das Generative Lexikon nicht allein bestim-men, welches die im Kontext relevante Relation ist. Auf der anderen Seite ist ein reinsemantischer Ansatz zu restriktiv, da er kontextuell mgliche Relationen ausschliet(vgl. Asher 2007; Blutner 1998), auch wenn fr diese ein sehr spezieller Kontextvonnten ist. Beispiel (21) illustriert eine solche kontextuell evozierte Relation.

    (21) [Kontext: Da der Esstisch zu hoch ist, es aber an Sitzkissen mangelt, mssendie Kinder im Kindergarten whrend des Essens auf Bchern sitzen.]Marias Buch ist dick. Das Buch, auf dem Maria sitzt, ist dick.

    In einem solchen Kontext kann die Genitivrelation zwischen Maria und dem Buchdurchaus eine des Sitzens auf sein. Allerdings ist das Prdikat sitzen sicherlich nichtTeil derQualia-Struktur vonBuch. Qualia-Relationen knnen also hchstensDefault-interpretationen der Genitivrelation sein.

    Auch wenn ein semantischer Ansatz wie der des Generativen Lexikons sehr gutin der Lage ist, mgliche Standardinterpretationen vorherzusagen,8 so erscheintes dennoch unvermeidlich, unterspezifizierte semantische Formen anzunehmen.Pragmatische Anreicherungsprozesse sind also notwendig, um die semantischeReprsentation eindeutig zu bestimmen.

    Dies zieht zwei Fragen nach sich. (i) Wo kann und soll Unbestimmtheit aufgelstwerden? (ii)Welcher Status soll Grices Ebene vonwhat is said zugeschrieben werden?

    Die verschiedenen theoretischen Anstze geben unterschiedliche Antworten aufdiese beiden Fragen, was zu unterschiedlichen Konzeptionen der Interaktion zwi-schen Semantik und Pragmatik fhrt. Im Folgenden gebe ich einen berlick berdie verschiedenen Antworten auf diese Fragen und die daraus entstehenden Archi-tekturen der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle.

    4.1 Minimalismus

    Anstze, die sich als Semantischer Minimalismus bezeichnen lassen und wie sie z.B.vonCappelen&Lepore (2005) oder Borg (2004) verfochten und ausfhrlich in Preyer& Peter 2008 diskutiert werden, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Distanzzwischen der kompositional berechneten, linguistischen Bedeutung eines Satzes undwhat is saidmglichst minimal halten wollen (Carston 2002: 21). Damit dies erreichtwerden kann, rcken minimalistische Anstze what is said und die linguistischkodierte Bedeutung konzeptuell nher zusammen. Der Minimalismus betont somit

    8 Besonders bei Genitivattributen zu nominalisierten Infinitiven ist diese Methode erfolgreich, dahier in den meisten Fllen der Possessor mit einem Argument des zugrunde liegenden Verbs assoziiertwird; vgl. z.B. Blume 2004.

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 15

    die Nhe von what is said zur linguistischen Bedeutung.9 Dadurch ist die wrtlicheBedeutung (literal meaning) einer uerung frei von pragmatischen Inferenzen abgesehen von Referenzbestimmung und Disambiguierung (vgl. Recanati 2004: 6).

    (22) Minimalismus

    literal meaning { sentence meaningwhat is said Semantikvs.speaker meaning Pragmatik

    Um diese konzeptuelle Annherung zwischen what is said und der Satzbedeutungumzusetzen, gibt es es zwei unterschiedliche Strategien, die in einer Absenkungvon what is said bzw. in einer Anhebung der linguistischen Bedeutung bestehen.

    Die erste Strategie lehnt die Annahme ab, dass es sich bei Unbestimmtheitsph-nomen aus 3 um semantische Unbestimmtheit handelt. Die Unbestimmtheit wirdhier erst auf der Ebene des Gemeinten bzw. des Sprechakts angesiedelt. So vertretenCappelen & Lepore (2005) die Auffasssung, dass mit einem Satz wie (23) gesagt wird,dass Marias Auto schnell ist, und dass (23) genau dann wahr ist, wenn Marias Autoschnell ist.

    (23) Marias Auto ist schnell.what is saidmin Marias Auto ist schnell.

    Die semantische Reprsentation des Gesagten wird in einem solchen Ansatzminimalgehalten und die Auflsung der Unbestimmtheit auf die rein pragmatische Ebeneverschoben. Diese Verschiebung fhrt allerdings zu einem oft kritisierten Sprechakt-pluralismus (Cappelen & Lepore 2005), dem zufolge alle mglichen Erweiterungender einfachen Proposition in (23) als Sprechakt von der Sprecherin vollzogen werden.So werden mit (23) unter anderem die Behauptungen vollzogen, dass das Auto, dasMaria fhrt, schnell fr ein normales Auto ist, und dass das Auto, das Maria entwi-ckelt hat, schnell imVergleich zu Formel-1 Rennwagen ist. Aufgabe der Hrerin ist es,den Sprechakt herauszufiltern, der im Kontext tatschlich relevant ist. Eine einfache,minimale Semantik zieht hier also eine reiche und komplexe kognitiv-pragmatischeKomponente nach sich.10

    Die andere Strategie, die Distanz zwischen der linguistischen Bedeutung und demGesagten zu minimieren, besteht darin, die linguistische Bedeutung anzureichernund somit nher an das Gesagte zu rcken. Dies wird zumeist dadurch erreicht,dass versteckte indexikalische Variablen im linguistischen Material postuliert wer-

    9 Da auch Grice 1975 diese Nhe betont vgl. das Zitat aus 2 auf Seite 5 liee sich ihm unterUmstnden auch eine minimalistische Position zuschreiben.10 Dank an Erik Stei, der mir diese grundlegende Korrelation nochmals verdeutlicht hat.

  • 16 Daniel Gutzmann

    den. Diese Variablen bekommen ihren Wert im uerungskontext zugewiesen undsind deshalb fr die Kontextabhngigkeit von what is said verantwortlich. In einemsolchen Hidden Indexicals Ansatz, wie er unter anderem von Jason Stanley (2007)vertreten wird, wird die Unbestimmtheit also direkt in der Reprsentation der lin-guistischen Bedeutung verankert. Dadurch wird die Auflsung von semantischenUnbestimmtheiten zu einem einfachen Sttigungsprozess (siehe 4.4 weiter unten),wie z.B. die Bestimmung der Referenz von gewhnlichen indexikalischen Ausdcken.

    Selbst wenn es keine Grnde a priori gegen die Annahme solcher versteckter,indexikalischer Variablen gibt bei der Zeitvariable des einfachen Prsens z.B. machtdies durchaus Sinn stt ein solcher Ansatz schnell auf Probleme. Unbestimmtheit,die durch sprachliche Ausdrcke wie die in 3 dargestellten eingefhrt wird, habenwir gerade deshalb von auf Deixis basierender Unbestimmtheit abgegrenzt, weil sienicht wie indexikalische Ausdrcke nach semantischen Regeln aufgelst werden, diesich auf kontextuelle Parameter beziehen (wie Sprecherin, Ort und Zeit). Stattdessenknnen sie zum Groteil nur durch inferentielle Prozesse und Bezugnahme auf denweitenKontext bestimmt werden (Recanati 2005: 453).Whrend die Bedeutung einesindexikalischen Ausdruck wie ich zwar auch nur im Bezug auf den kontextuellenParameter der Sprecherin ermittelt werden kann, so wird dies dennoch durch einesemantische Regel gesteuert, nmlich, dass sich ich auf die Sprecherin bezieht.11Fr die Unbestimmtheitsphnomene aus 3 gilt dies nicht. Fr sie gibt es keinesemantische Regel, die allein durch Bezugnahme auf einen kontextuellen Parameterdie semantische Reprsentation vervollstndigt (Recanati 2004: 56). Natrlich lieees sich technisch einwandfrei bewerkstelligen, einen Parameter fr die Relation,die zwischen Maria und ihrem Auto besteht, einzufhren. Dieser wrde dann vonder unsichtbaren indexikalischen Variable, die fr das possessive Genitivattributpostuliert wird, herausgegriffen. Auch wenn wir dadurch eine semantisch Regel frdie Genitivkonstruktion htten, so wre klar, dass man philosophisch schummelnwrde (Recanati 2005: 453); wir htten lediglich einer pragmatischen Regel einesemantische Tarnung gegeben. Eine andere Frage auf die ich in diesem Aufsatzgenerell nicht eingehe ist darber hinaus die nach der psychologischen Realittsolcher versteckter indexikalischen Variablen.1211 Die semantische Regel, die die Bedeutung eines rein indexikalischen Ausdrucks liefert, entsprichtKaplans (1989) character, die konkrete Bedeutung, die ein solcher Ausdruck im Kontext erhlt (alsodie konkrete Sprecherin), entspricht seinem content.12 Fr einen vehementen Angriff auf Anstze, die Indexikalitt ber die Standardflle hinaus postu-lieren, vgl. Cappelen & Lepore 2005. Fr weitere Argumente gegen den Indexikalismus, siehe auchCarston 2002: 2.7 und Recanati 2004: 7.

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 17

    4.2 Synkretismus

    Eine andere ebenfalls in gewisser Hinsicht als minimalistisch zu bezeichnende Po-sition gibt die Gricesche Prmisse auf, dass what is said voll-propositional ist. Alswichtigster Ansatz sei hier die Theorie von Kent Bach genannt.13 In einer Reihe vonAufstzen (Bach 1994a,b, 2001, 2005) verteidigt Bach eine minimale Auffassung vonwhat is said, die sich recht strikt an dem tatschlich geuerten sprachlichenMaterialorientiert. Diese Ebene ist nicht notwendigerweise propositional, sondern bestehtoftmals nur aus einem subpropositionalen propositional radical (Bach 1994a: 127).14Im Gegensatz zumMinimalismus nimmt Bach jedoch eine zweite Ebene des Gesag-ten an:what is saidmax im Gegensatz zuwhat is saidmin. Auf dieser Ebene werden dieUnbestimmtheiten durch die Prozesse der Kompletion und Expansion aufgelst, so-dass eine propositionale Struktur erreicht wird. Diese Ebene stellt dann die Impliziturdes (minimal) Gesagten dar. Die Strategie, what is said in eine eher semantische undeine eher pragmatische Ebene zu zerlegen, lsst sich als Synkretismus bezeichnen.

    Whrend dem Minimalismus zufolge (24) bereits eine vollwertige Propositionauf der Ebene des Gesagten ausdrckt, so gesteht der Synkretismus einer uerungzunchst subpropositionale Struktur zu, die erst auf der weiteren Ebene der Impliziturzu einer vollwertigen Proposition erweitert wird.

    (24) Marias Auto ist schnell.a. what is saidmin Marias Auto ist schnell.b. what is saidprag Das Auto, das Maria gehrt, ist schnell fr normale

    Autos.

    Durch die Einfhrung der zustzlichen semanto-pragmatischen Ebene der Implizi-tur betont der synkretische Ansatz sowohl die Rolle des Gesagten fr die wrtlicheBedeutung, als auch den Zusammenhang zwischen dem Gesagten und der Sprecher-bedeutung.

    (25) Synkretismus

    literal meaning { sentence meaningwhat is saidminSemantik

    vs.speaker meaning { what is saidpragwhat is implicated Pragmatik

    Durch diese Aufteilung kann der synkretische Ansatz die Unbestimmtheiten wei-

    13 Weitere Vertreter als synkretisch anzusehender Anstze wren u.a. Salmon (1991) oder Soames(2002), vgl. Recanati 2004: 4.14 Dies darf nicht mit Wittgensteins (1953) Satzradikal verwechselt werde, das die Proposition einesSatzes darstellt (im Gegensatz zum Satzmodus).

  • 18 Daniel Gutzmann

    terhin als semantisch behandeln und deren Auflsung konzeptuell beim bergangvon what is saidmin zu what is saidprag lokalisieren. Somit muss der Synkretismus dieAuflsung vonUnbestimmtheiten nicht auf die rein pragmatische Ebene verschieben,was Cappelen & Lepores (2005) Sprechaktpluralismus vermeidet.

    Auch wenn die synkretische Sicht eine pragmatisch angereichterte vierte Ebeneannimmt, gehen sowohl Synkretismus als auch Minimalismus von der Existenzeiner minimalen Ebene des Gesagten aus, die eng an der rein linguistisch kodiertenBedeutung angelehnt ist. Deshalb lassen sich beide Sichtweisen unter dem BegriffLiteralismus zusammenfassen.

    4.3 Kontextualismus

    Die zahlreichen Positionen, die ich hier unter dem Label Kontextualismus zusam-menfasse, haben gemeinsam, dass sie die Annahme einer minimalen Ebene desGesagten, die die beiden literalistischen Anstzen vereint, ablehnen.15Nach Recanati(2004: 90) gibt es laut kontextualistischer Sicht keine Bedeutungsebene, die zugleich(i) propositional ist (d.h. die der Wahrheit nach beurteilt werden kann) und (ii)in dem Sinne minimalistisch ist, dass sie nicht von sogenannten pragmatischentop-down Prozessen beeinflusst wird, die im Gegensatz zu bottom-up Prozessen, wiez.B. Referenzzuweisung, nicht linguistisch getriggert, sondern vielmehr kognitiv-konzeptuell bedingt sind. Dadurch betont der Kontextualismus den pragmatischenCharakter des Gesagten und rckt dieses nher an die Sprecherbedeutung heran.

    (26) Kontextualismussentence meaning Semantikvs.speaker meaning { what is saidwhat is implicated Pragmatik

    In einem kontextualistischenModell gibt es folglich keine wrtliche Bedeutung einesSatzes mehr. Nur in einem bestimmten Kontext haben uerungen eine konkreteBedeutung. Whrend im Minimalismus auf der Ebene des Gesagten also noch keineAuflsung der Unbestimmtheitsphnomene aus 3 stattgefunden hat und dieseim synkretischen Modell zwischen what is saidmin und what is saidprag verortetwird, ist das Gesagte im Kontextualismus frei von semantischer Unbestimmtheit.Hier haben die pragmatischen Prozesse bereits stattgefunden. Im Kontextualismusenthlt die semantische Reprsentation folglich die konkreten Spezifizierungen derunbestimmten Ausdrcke.15 Als kontextualistische Anstze lassen sich u.a die Anstz von Searle (1978, 1983), Travis (1975, 1981)und Recanati (2004) zhlen, ebenso wie die Relevanztheorie (Carston 2002; Sperber &Wilson 1996;Wilson & Sperber 2005) und eventuell Levinsons (2000) Modell.

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 19

    (27) Marias Auto ist schnell.what is saidprag Marias Auto ist schnell.

    Der Kontextualismus geht somit von einer reichhaltigen, bereits kognitiv-fundiertensemantischen Reprsentation des Gesagten aus, wodurch der Unterschied zwischenSemantik und der rein pragmatischen (Griceschen) Komponente, in der die Spre-cherbedeutung berechnet wird, geringer wird.

    4.4 Unbestimmtheit und Semantik/Pragmatik-Modelle

    Die drei skizzierten Modelle unterscheiden sich darin, wo sie das Gesagte kon-zeptuell verorten: der Minimalismus betont die Nhe zur linguistisch kodiertenSatzbedeutung, der Kontextualismus die Nhe zur Sprecherbedeutung, whrendder Synkretismus beide Aspekte bercksichtigen will und zwei distinkte Ebenen desGesagten annimmt.

    Wie in der vorangegangenen Diskussion klar geworden ist, korreliert ein unter-schiedliches theoretisches Verstndnis von what is said (i) mit einer unterschied-lichen Auffassung von semantischer Unterbestimmtheit und (ii) mit einer unter-schiedlichen Lokalisierung der Auflsungsprozesse.

    Alle drei Anstze unterscheiden zwischen primren und sekundren pragma-tischen Prozessen. Konsens besteht darin, dass Referenzfixierung und Disambi-guierung primre pragmatische Prozesse sind, whrend die Berechnung konversa-tionellen Implikaturen im Allgemeinen als ein sekundrer pragmatischer Prozessverstanden wird. Uneinigkeit besteht aber bezglich der Auflsung von semantischerUnbestimmtheit. Da diese im minimalistischen Modell erst nach der semantischenReprsentation stattfindet, handelt es dich dort um einen sekundren pragmatischenProzess, da nur linguistisch getriggerte Sttigungsprozesse (saturation) die Satzbe-deutung vom Gesagten trennen. In Bachs (1994a) synkretischen Modell hingegenwird zwischen Sttigungsprozessen und anderen pragmatischen Prozessen wie Kom-pletion und Erweiterung unterschieden. Diese sind jedoch ebenfalls als primrepragmatische Prozesse anzusehen und trennen die minimale Reprsentation desGesagten von dem pragmatisch angereicherten what is saidprag . Hier wird die Aufl-sung der semantischenUnbestimmtheit verortet. Der Kontextualismus unterscheidetzwar auch zwischen Sttigungsprozessen und anderen primren pragmatischen Pro-zessen, siedelt jedoch beide auf demWeg von der linguistischen Bedeutung hin zumGesagten an.

    Die Unterschiede zwischen den drei Modellen der Semantik/Pragmatik-Schnitt-stelle lassen sich wie folgt zusammenfassen.

    (28) Anzahl der Bedeutungsebenen

  • 20 Daniel Gutzmann

    a. Minimalismus: 3 Ebenenb. Synkretismus: 4 Ebenenc. Kontextualismus: 3 Ebenen

    (29) Konzeption des Gesagtena. Minimalismus: minimales what is saidmin, das frei von pragmati-

    schen Prozessen auer Sttigung ist.b. Synkretismus: minimales what is saidmin, das frei von pragmati-

    schen Prozessen auer Sttigung ist und pragmatisch angereicherteswhat is saidprag .

    c. Kontextualismus: pragmatisch angereichertes what is saidprag , das so-wohl durch Sttigungs als auch andere primre pragmatische Prozesseangereichert ist.

    (30) Auflsung von semantischer Unbestimmtheita. Minimalismus: Satzbedeutung what is saidminb. Synkretismus: what is saidmin what is saidpragc. Kontextualismus: Satzbedeutung what is saidprag

    Diese Unterschiede sind in Abbildung 3 nochmals schematisch dargestellt.

    Minimalismus

    sentence meaning

    saturation

    what is saidmin

    secondary pragmatic processes

    what is communicated

    Synkretismus

    sentence meaning

    saturation

    what is saidmin

    other primarypragmatic processes

    what is saidprag

    secondary pragmatic processes

    what is communicated

    Kontextualismus

    sentence meaning

    saturation andother pragmatic processes

    what is saidprag

    secondary pragmatic processes

    what is communicated

    Semantik

    Pragmatik

    Abbildung 3: Unterschiedliche Modelle der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle im Vergleich(zusammengestellt aus Recanati 2004)

  • Unbestimmtheit und die Semantik/Pragmatik-Schnittstelle 21

    5 Zusammenfassung

    In diesemAufsatz habe ich den Zusammenhang zwischen semantischerUnbestimmt-heit und der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle untersucht. Dabei habe ich zunchstsemantische Unbestimmheit von pragmatischer Unbestimmtheit abgegrenzt, wie siez.B. durch die Mglichkeit konversationeller Implikaturen entsteht. Anschlieendhabe ich das klassisch-Gricesche Modell der Semantik/Pragmatik-Schnittstelle um-rissen, das denAusgangspunkt fr die aktuelleDebatte darstellt.Mit Indexikalitt undAmbiguitt werden in diesem Modell nur zwei Arten semantischer Unbestimmtheitbercksichtig. In 3 habe ich an einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Phnomenedemonstriert, dass sich semantische Unbestimmtheit nicht auf die beiden genann-ten Formen reduzieren lsst, sondern in der natrlichen Sprache sehr frequent ist.Dieses Problem fr die klassische Konzeption der Interaktion zwischen Semantikund Pragmatik hat verschiedene neue Vorschlge und Anstze hervorgebracht, dieSemantik/Pragmatik-Schnittstelle theoretisch zu modellieren. Die drei wichtigstenKlassen von Modellen habe ich in 4 miteinander verglichen, insbesondere aufihren Umgang mit der Ebene des Gesagten und der Lokalisierung der Auflsungsemantischer Unbestimmtheit. Ich habe die verschiedenen Anstze skizziert und ihreUnterschiede herausgearbeitet. Auf die schwierige Frage, ob oder warum ein Ansatzdem anderen konzeptuell berlegen ist, konnte ich im Rahmen dieses berblicksarti-kels nicht eingehen. Es ist ohnehin fragwrdig, ob konzeptuelle berlegungen alleindie Entscheidung fr oder gegen eine bestimmte Architektur liefern knnen. In die-ser Hinsicht ist dasmomentan rapide wachsende Feld der experimentellen Pragmatik(Meibauer 2007; Noveck & Sperber 2004) sehr vielsprechend, sodass in Zukunftmehr empirische Befunde aus der Psycho- undNeurolinguistik zur Verfgung stehenwerden, die neue Einsichten in diese komplexe Debatte bringen knnen.

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    Daniel Gutzmann

    Graduiertenkolleg

    Satzarten: Variation und Interpretation

    Goethe-Universitt Frankfurt

    Varrentrappstr. 40-42

    60486 Frankfurt amMain

    [email protected]

    http://dx.doi.org/10.1007/BF00375998http://erikstei.de/resources/Stei_GebrauchUndBedeutung.pdfhttp://erikstei.de/resources/Stei_GebrauchUndBedeutung.pdfmailto:[email protected]

    EinleitungDas klassische ModellUnbestimmtheitsphnomene[Modelle]ZusammenfassungLiteratur