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Aspekt und Tempus im Frankokreol - Romanisches …latina.phil2.uni-freiburg.de/.../Aspekt_und_Tempus_im_Frankokreol.pdf · Aspekt und Tempus im Frankokreol Semantik und Pragmatik

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  • Aspekt und Tempus im Frankokreol Semantik und Pragmatik grammatischer Zeiten im Kreol

    unter besonderer Bercksichtigung von Franzsisch-Guayana und Martinique

    Stefan Pfnder

  • Meiner Gromutter

  • Herzlich danken mchte ich

    den Professoren Wolfgang Raible und Ralph Ludwig, die das Entstehen der Arbeit ermglicht und mit groem persnlichem Engagement sowie vielfltigen weiterfhrenden Anregungen begleitet haben,

    Professor Edeltraud Werner fr ihren steten Rat und wertvolle Kritik,

    den Professoren G. Antos, A. Bolle, R. Chaudenson, M. Haspelmath, J. Lang, M.-C. und G. Hazal-Massieux, G. Meiser, I. Neumann, sowie M. Barenberg, PD Dr. H. Bhmer, Dr. N. Daz, L. Honorien und Dr. S. Michaelis, die den Fortgang der Arbeit mit wertvollen Hinweisen gefrdert haben,

    meiner Familie, meiner Frau und meinen Freunden fr ihre weitreichende Untersttzung,

    meinen guayanesischen, martinikanischen und russischen Bekannten, stellvertretend der Familie Nmor-Henri, ohne deren muttersprachliche Kompetenz und Gastfreundschaft whrend meiner Forschungsaufenthalte diese Arbeit nicht htte entstehen knnen,

    der Studienstiftung des Deutschen Volkes, hier ganz besonders den Eheleuten Professor W. Eberbach und Frau Dr. G. Feige,

    sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und der Deutschen Forschungs-gemeinschaft fr die finanzielle Untersttzung, die mir die Studienaufenthalte in Franzsisch-Guayana, Martinique und Aix-en-Provence ermglicht hat.

    Halle (Saale), im Mrz 2000

  • Inhalt

    Prolog: Oun 't tan 'eine andere Zeit' .............................................. 1

    I. Thema und Ziele.......................................................................... 14

    II. Korpus............................................................................................ 21

    III. Methode......................................................................................... 37

    III.1. Onomasiologie und Semasiologie ........................................37 III.2. Text .......................................................................................39 III.3. Prototypikalitt bei Aspekt und Tempus ..............................46

    IV. Theoretische berlegungen ...................................................... 57

    IV.1. Zur Forschungsdiskussion ....................................................57 IV.2. Aspekt im Russischen...........................................................62 IV.3. Subjektivitt, Schau und Deixis bei Aspekt und Tempus ....65 IV.4. Aspektuelle Opposition imperfektiv-perfektiv.....................75 IV.5. Prsens und Perfekt: Aspekte oder Tempora?......................81 IV.6. Zusammenfassung.................................................................84

    V. Korpusanalyse.............................................................................. 88

    V.1. Aspekt und Tempus im Guayana- und Martiniquekreol: zum Forschungsstand............................................................ 88

    V.2. Einzelanalysen ......................................................................94

    V.2.1. Prozessualitt und Habitualitt............................... 94 V.2.2. 'La passion selon St-Jean en langage ngre'......... 108 V.2.3. In ein laufendes Geschehen

    einbrechende Aktion............................................. 112 V.2.4. Regrepflicht ........................................................ 120 V.2.5. Statische Verben ................................................... 127 V.2.6. Zuknftige Handlungen........................................ 144 V.2.7. Aspekt und Subordination .................................... 151 V.2.8. Subordination und Schriftlichkeit ........................ 155

  • V.2.9. Vorerwhnte Handlungsaufforderungen ..............161 V.2.10. 'Res gestae' ............................................................162 V.2.11. Aspekte des Sterbens ............................................174

    V.3. Zwischenbilanz ...................................................................181

    VI. Vorarbeiten zu einer Teiltypologie 'Aspekt'........................192

    VI.1. Zentrale vs. periphere Romania bzw. 'Kreolia'? .................192 VI.2. Vergleich mit spanischen, portugiesischen

    und englischen Kreolsprachen............................................200

    VII. Grammatikalisierung und Sprachkontakt: neue Hypothesen zur Partikel ka............................................210

    VIII. Ergebnisse ...................................................................................226

    Epilog: Grammatik und Zeit .............................................................240

    Literaturverzeichnis ............................................................................247

  • Abkrzungen

    A

    ALFA

    DETA

    DYN

    EGR

    FN

    FUT

    F(UT)-PRF

    HAB

    I

    IBAS

    INGR

    IMPF

    ISEK

    IT

    Nullmarker

    Aspekt

    allgemein-faktisch

    Details

    dynamisches Verb

    egressiv

    Funote

    Futur

    Futur II

    habitual

    imperfektiver Aspekt

    Inzidenzbasis

    ingressiv

    imparfait

    Inzidenzsekante

    iterativ

    P

    P.C.

    P.S.

    PAST

    P(AST)-PRF

    PRF

    PROG

    PRS

    PRS- PRF

    STAT

    SUB

    T

    TMA

    TOTA

    perfektiver Aspekt

    pass compos

    pass simple

    Prteritum

    Plusquamperfekt

    Perfekt

    progressiv (=prozessual)

    Prsens

    Perfekt

    statives Verb

    Subordination

    Tempus

    Tempus-Modus-Aspekt

    Totale

  • Prolog: Oun 't tan 'eine andere Zeit'

    "Sprich von der Zeit. Sie luft nicht voran wie ein Faden, sondern wie ein Kettenhund, der nach vorn springt, zurckgerissen wird, erzittert [...]."

    (P. Chamoiseau, Texaco, 1992)

    Im Roman des martinikanischen Autors Chamoiseau ist zu lesen, wie ein karibischer weiser Mann von Zeit spricht:

    Parle de Temps. a n'avance pas comme un fil mais comme un chien ferr, qui va devant, qui boule en arrire, qui frissonne, [...]. (P. Chamoiseau, Texaco, 1992: 322)

    Dies ist ein ungewhnlicher Vergleich zur Charakterisierung der Zeit. Der Autor unterstreicht im Kontext des in franzsischer Sprache verfaten Romans Texaco, da es sich hier nicht um eine individuelle bildliche Wendung, sondern um ein im sdlichen frankokaribischen Kulturkreis (Kleine Antillen/ Franzsisch-Guayana) verbreitetes Reden von Zeit handelt. Wie aber soll beispielsweise Geschehenes erinnert werden, wenn es keinen Flu gibt, den man erinnernd stromaufwrts gehen knnte, sondern einen Hund? So wie dieser angekettet ist, mssen wohl jene, die sich erinnern wollen, wohl oder bel im Jetzt bleiben. Spricht deshalb der von St. Lucia stammende Schriftsteller Derek Walcott vom ewigen Moment des Jetzt? Die Suche nach der vergangenen Zeit, nach der Geschichte, ist im Falle Tlumes, der Protagonistin in einem Roman der guadeloupekreolischen Autorin Simone Schwarz-Bart, offenbar durch zwei sich auf den ersten Blick widersprechende Charakteristika geprgt. Zum einen gelingt es ihr, das Vergangene zu vergegenwrtigen, so da der Leser den Eindruck gewinnt, die Toten lebten noch. Zum anderen bekommt sie trotz ihrer Stellung als weise Dorflteste und schlielich trotz allen hartnckigen Bemhens keinen Zugang zu den Kausalitten und Zusammenhngen der (guadeloupe-) kreolischen Geschichte (1972: 244):

    Je n'arrive pas comprendre comment tout cela a pu commencer, comment cela a pu continuer, comment cela peut durer encore.

    Die lteste des Dorfes sucht in ihrem Gedchtnis nach den Anfngen der Gemeinschaft, doch sie kann sich nicht erinnern und daher nicht 'verstehen, wie alles begann'. Die vergangene Zeit, die Geschichte der Kreolen, liegt weitgehend im dunkeln, weil man nichts wei von der

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    Geschichte. Dann aber kann man nicht erinnern, sondern allenfalls erahnen, was geschah, so wie man bei uns davon spricht, die Zukunft zu erahnen, vorherzusehen. Im kreolischen Kulturraum wird gar davon gesprochen "vorherzusehen, was geschah" (Glissant 1964). "Es ist eine andere Zeit [...], es ist eine andere Zeit, nicht dieselbe"1; so uerte sich mir gegenber eine ltere Informantin im Regenwaldgebiet Franzsisch-Guayanas. Die 'andere Zeit' ist fr die Sprecherin an die Hauptstadt Cayenne geknpft; hierher d.h. aus einem strker durch den kulturellen Einflu Frankreichs geprgten Raum kommt das Neue. Es ist also nicht so sehr eine historische Entwicklung gemeint, sondern ein synchronisches Phnomen im Sinne von Kulturkontakt. Die kreolische Dame meinte, wie die weitere Nachfrage ergab, nicht etwa metonymisch die Lebensumstnde, sondern im engeren Sinne Zeit. Sollte man folglich, so wie fr Guayana im Vergleich zu Frankreich von einer anderen Musik und einer anderen Kche gesprochen wird, auch von 'einer anderen Zeit' (oun 't tan) sprechen mssen?

    Zunchst, bevor ich der aufgeworfenen Frage nachgehe, sei kurz begrndet, weshalb in einem Prolog zu einer grammatischen Untersuchung von "Zeit" die Rede ist. Es verhlt sich nicht so, da Grammatik etwa als calque erfahrbarer Wirklichkeit verstanden wrde; eine solche Prmisse liegt der Arbeit nicht zugrunde2. Allerdings haben sowohl Tempus als auch Aspekt mit Zeit zu tun; es geht bei diesen Kategorien mit Gerold Hilty um die Darstellung von Handlungen mit Bezugnahme auf Zeit3. Bei Tempus 1 A oun 't tan ki riv, oun 't tan, a pa menm-an. Man Georgette, Savanne Maya, 12.

    August 1995. 2 Das Ziel soll folglich nicht sein, Beziehungen zwischen Aspekt/ Tempus und dem

    Sprechen von Zeit zu suchen, um spezifische Verbindungen zwischen Sprache und Denken auszuloten. In der Sprache konstituiert das Zentrum des Sprechens gleichzeitig den Ausgangspunkt fr die Darstellung von Zeit. Dieses Zentrum wird traditionell durch die Parameter ich-hier-jetzt definiert (Bhler 1934); diese ego-hic-nunc-origo wird als Koordinatenkreuz fr die deiktische Relationierung der Tempora zum Sprechzeitpunkt aufgefat. Aspekt hingegen wird definiert als die Innen- oder Auensicht auf die zeitliche Konstitution eines Geschehens. So gesehen wird mit Schrott 1997 fr das Aspekt- und Tempussystem "in der sprachwissenschaftlichen Untersuchung [...] traditionell ein eigenes Zeitkonzept" angenommen, welches (zumindest fr die Tempora) durch das deiktische Zeigen von der origo aus zu beschreiben ist. Dieses spezifische 'Zeitkonzept der Sprache' soll als strikt von historischen, literarischen, psychologischen und philosophischen Zeitkonzeptionen geschiedene Gre verstanden werden.

    3 Siehe Hilty 1965. Anders freilich Weinrich 1964/ 1994. Vgl. auch die hufigen Hinweise am Beginn von Tempusarbeiten auf berlegungen bei Augustinus im XI. und XX. Buch der Confessiones; vgl. Flasch 1993: 196ff.

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    geht es um die Deixis, mithin um den Bezug auf das ich-hier-jetzt des Sprechers. Bei Aspekt geht es nicht um deiktisches Zeigen, sondern um den Blick auf ein vom Verb wiedergegebenes Geschehen. Dieser Blick kann mit oder ohne Fokussierung der inneren zeitlichen Struktur einer Verbalhandlung dargestellt werden. Wenn auch in je spezifischer Weise, so dienen also Aspekt und Tempus der grammatischen Enkodierung von Bezugnahmen auf Zeit im weitesten Sinne4. Doch sollen die grammatischen Analysen nicht mit den folgenden berlegungen zur Zeit vermischt werden; sie sind daher in Form von Prolog und Epilog der Arbeit zustzlich beigefgt. Hierbei kann keine umfassende (kultur-)wissenschaftliche Analyse angestrebt werden; es geht vielmehr um ein Zusammentragen von kurzen Beobachtungen, die anhand der Literatur des untersuchten Gebietes erfolgen sollen. Mithin steht keine Argumentation im Mittelpunkt, an deren Ende man zu einem wohlgeformten Begriff von Zeit gelangte5, sondern eine kleine Sammlung von Beispielen, wie in zwei voneinander entfernten Arealen (Europa und Franzsisch-Guayana/ Kleine Antillen) von Zeit gesprochen wird.

    Ziel dieser berlegungen ist es, das gerade bei der Feldarbeit in der Karibik als 'anders' empfundene Umgehen mit bzw. Sprechen von Zeit zu reflektieren. Es geht mit anderen Worten darum, das Fremde nicht nur als exotisch, sondern in einem kulturhistorischen Zusammenhang stehend zu betrachten. Wenn die oben zitierte Kreolin von einer 'anderen' Zeit spricht, so ist damit offenbar mehr als eine bloe laudatio temporis acti gemeint. Um das 'andere' inhaltlich zu fllen, will ich anhand literarischer Beispiele Zusammenhnge herausarbeiten, indem ich folgenden Fragen nachgehe:

    1. Angekettet in der Gegenwart: "[Die Zeit] geht nicht voran ... [sie ist wie] ein angeketteter Hund" steht die Zeit in der kreolischen Gemeinschaft still? Heit dies, da ein Erinnern unmglich ist angesichts des erzwungenen Vergessens der Sklavenzeit?

    2. Zeit, die hin- und herspringt: "[Die Zeit] geht nicht voran wie ein Faden ..." wie ist Zeit ohne Linearitt und Chronologie zu denken? Inwiefern spielt die mndliche Prgung der Gesellschaft hier ein Rolle?

    4 Genauer hierzu Kapitel I und IV. Vgl. auch Maslov 1985: 2: "Evidently both types

    of meaning are connected with the general idea of time, but tense and aspect give concrete expression to this idea in different ways".

    5 Vgl. hierzu aus der Flle der Literatur zur Zeit besonders Aris 1988, Borst 1990, Elias 1994, Mecke 1990, Paungger/ Poppe 1995, Russell 1915, Ullrich 1998, Weinrich 1997, Whitrow 1991.

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    3. 'Zeitvergleich': Deutet das in 1 und 2 berlegte auf ein in der Karibik anders zu nennendes Erleben von Zeit als in Europa? Ein franzsisches und ein russisches Beispiel scheinen dem zu widersprechen.

    1. Angekettet in der Gegenwart Folgt man den Untersuchungen von Jan und Aleida Assmann und Richard Price, so werden in 'mndlichen' Gesellschaften die res gestae in einer spezifischen Form erinnert. Zu dieser Spezifik gehrt u.a. das an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten erfolgende Wiedererzhlen einer Begebenheit, welche die Verbindung der Kulturgemeinschaft mit dem bewohnten Ort begrndet. Diese Erzhlungen knnen die Form eines Mythos aufweisen (Assmann/ Assmann 1988). In Anlehnung an Mircea Eliade knnen einige dieser Geschichten, welche zur Identittsbildung einer Gruppe beitragen, auch als 'fundierende Mythen' bezeichnet werden. Doch die kreolische Geschichte beginnt mit der gewaltsamen Entwurzelung afrikanischer Menschen. Am Anfang der kreolischen Gesellschaftsentstehung steht kein fundierender Mythos, sondern im Hinblick auf das Grauen der Versklavung eher die Infragestellung der Menschlichkeit an sich: "Ich frage mich, ob wir Menschen sind, denn wenn wir Menschen wren, htte man uns vielleicht nicht so behandelt" (Schwarz-Bart 1972; vgl. Glissant 1992). Nicht wie Menschen, allenfalls wie 'Hunde' wurden die Sklaven behandelt; ganz wie Hunde wurden die Menschen angekettet. Bei Chamoiseau aber liest man dasselbe von der Zeit, welche mit einem angeketteten Hund verglichen wird. Die Zeit erscheint jenem weisen Mann im oben zitierten Roman Texaco (1992: 322)6 als etwas durchaus nicht ruhig Dahinflieendes. So selbstverstndlich uns das Bild vom Zeitstrom erscheinen mag, es ist offenbar nicht universal. Die 'angekettete' Zeit jedenfalls kann die Rume nicht flieend durchziehen, sie ist auf den Raum begrenzt, den der Radius der Eisenkette zult. Die Zeit luft zudem nicht ruhig im Kreise, sie 'springt hin und her' und wird von der sich spannenden Kette immer wieder zurckgerissen. Eine Dimension dieses Bildes knnte das folgende sein: Da es nahezu keine schriftliche berlieferung gibt, ist die Vergangenheit, die in zweihundert von dreihundert Jahren das unfabare Leid von Sklaven darstellt, nicht erreichbar. Die nichtschriftliche Erinnerung lt nur ein begrenztes 'Zurckreisen' zu. So ist es, als drehe der Suchende sich im Kreise, als umkreise er die erinnerten Menschen, ohne sich ihnen wirklich nhern zu knnen: "Je soulve la lanterne pour chercher le visage de mon anctre, et tous les visages sont les mmes et ils sont tous miens, et je

    6 Vgl. Ludwig 1999.

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    continue chercher et je tourne autour d'eux", sagt die schon zitierte Tlume (1972: 244). Wenn nun der martinikanische Philosoph und Schriftsteller douard Glissant fordert, die kreolische Geschichte aus dem Grabe des Vergessens zu befreien7:

    Notre histoire, il nous reste la dterrer ou l'lever, en nous et parmi nous. Ce qui nous donne, pour le moment, le plaisir trouble de frquenter cette illusoire ternit (1993: 17),

    so liefert er mit diesem Postulat eine mgliche Interpretation der 'angeketteten Zeit'. Diese Zeit knnte wie eine Aufhebung ihrer selbst, und damit wie Zeitlosigkeit oder Ewigkeit, verstanden werden. Doch diese Ewigkeit sei eine Illusion, so Glissant. An ihre Stelle solle die Befreiung der Geschichte treten, und damit berreicht der Philosoph das Staffelholz an die Historiker.

    Die Beziehung zwischen Gesellschafts- oder Staatsbildung und Zeiterleben wird von Norbert Elias wie folgt gedeutet (1994: 25): "Die Entstehung langdauernder und relativ stabiler Staatseinheiten war [...] eine Bedingung fr das Erleben der Zeit als eines fortlaufenden Flusses". In dieser Sicht ist die Schaffung von Zeitregulatoren8 nicht allein mit Hilfe von Uhren und Kalendern, sondern auch von Zeitskalen, die Jahrhunderte erfassen und sich auf fundierende Ereignisse (Assmann 1992) beziehen ('wir leben heute im 20. Jahrhundert nach Christi Geburt') die Bedingung fr das Erleben der Zeit als einen ruhig strmenden Flu. Wie Assmann geht es auch Glissant offenbar um Ursprungsmythen im Sinne von Mircea Eliade9. Solche Mythen aber liegen mit Glissant noch im Grabe des kreolischen Vergessens, so da der Aufbau einer Beziehung zum bewohnten Raum und der damit verbundenen Geschichte sehr schwerfllt. Pausch schreibt dazu: "Die 'bks' seien nur an der Ausbeutung des Bodens interessiert, whrend die Schwarzen sich weigerten, jenes Land als das ihre zu akzeptieren, auf dem ihre Vorfahren Sklavendienste htten verrichten mssen [...]; der Wind, die Erde, die Pflanzen und das Meer lehren sie [die Kreolen], Topographie und Vegetation als Spiegel der Vergangenheit wiederzuentdecken" (1996: 168f.). Eine kreolische Identitt herauszubilden, scheint heute ein Bedrfnis zu sein, zumal im Zuge des Aufbaus der Plantagengesellschaft eine gewaltsame Mischung verschiedener entwurzelter Kulturen stattfand.

    7 Vgl. Weinrich 1997. 8 Begriff nach Elias 1994: 5f. 9 Vgl. Halbwachs 1959 und zur Deutung auch Raible 1988 und Ludwig 1999.

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    So kann die Suche nach der kreolischen Geschichte als die Suche nach fundierenden Geschichten (im Plural) verstanden werden, mit Hilfe derer eine eigene, d.h. kreolische Identitt entstehen knnte, indem die Zeit einem Raum zugeordnet, ja an einen Raum fest angeknpft wird: "Et Mathieu voyait le Temps [!] dsormais nou la terre" (Glissant 1964: 279)10. Die historiographische 'Befreiung' der Geschichte aus dem Vergessen erweist sich mglicherweise als ein sehr schwieriges Unterfangen, wenn die Zeit unstrukturiert und wie ewig erscheint. Ein Zugriff auf die Zukunft oder die Vergangenheit ist verwehrt, solange die Zeit (wie es der auf St. Lucia geborene kreolische Nobelpreistrger Derek Walcott formuliert) gleich einem eternal moment of now empfunden wird. Interessanterweise wurde im europischen Mittelalter ein auf den ersten Blick in das diskutierte Bildfeld passender Begriff als Ausdruck fr Ewigkeit bentzt: nunc stans ('stehendes Jetzt'). Doch handelt es sich in der kreolischen Kultur genaugenommen nicht um ein stillstehendes Jetzt, sondern um ein sehr bewegtes, ja wild hin- und herspringendes; darum soll es in der Folge gehen.

    2. Zeit, die hin- und herspringt Im folgenden soll berlegt werden, welcher Zusammenhang zwischen dem kreolischen Dunkel der Erinnerung und der nur in gesprochener Sprache erfolgenden Bewahrung des kulturellen Gedchtnisses besteht. Fr Europa ist der 'Strom der Zeit' ein vertrautes Bild11. Wir denken an einen Flu, der in irreversibler Richtung aus der Vergangenheit kommend durch den Sprechmoment hindurch in die Zukunft fliet12. Linear ist die

    10 Vgl. den port d'me im Kontrast zum Motiv des Herumirrens bei Schwarz-Bart

    1972: 241-245. 11 Viele Zitate wren mglich; ich mchte hier aus einem wenig bekannten Gedicht aus

    der russischen Literatur, datiert 6. Juli 1816, zitieren. Das Gedicht wurde von Deravin verfat, dem "geistigen" Vater Alexandr Pukins: 'Der Flu der Zeiten trgt in seinem Strome fort / all das, was den Menschen wichtig ist im Leben / und wirft in die Schlucht des Vergessens / [die] Vlker, Zarenreiche und Zaren [...]'. ("Reka vremen v svoem stremlen'i / Unosit vse dela ljudej / I topit v propasti zabven'ja / Narody, carstva i carej [...]").

    12 Der Flu der Zeit ist somit auch fr das menschliche Vergessen verantwortlich, wie es etwa eine bekannte Schluformel mittelalterlicher Urkunden zeigt: "Die Dinge, die den Zeitgenossen sehr gut bekannt sind, sind zweifelhaft und dunkel fr die kommenden Generationen durch den Flu der Zeit" (MG Const. II, No. 84, 105). Es handelt sich hier um die Erklrung Friedrichs II. ber das Knigreich Sizilien vom

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    Zeit auch im Bild des Fadens aufgefat; linear und zustzlich gerichtet ist auch der sog. Zeitpfeil. Anders im oben zitierten Auszug aus dem Roman des Kreolen Chamoiseau: "[Die Zeit] geht nicht voran wie ein Faden ...". Wie aber ist Zeit ohne Linearitt und Gerichtetheit (Chronologie) erlebbar? Im zitierten Roman wird von Zeit als einem Hund gesprochen, genauer einem durch die Kette unfreien Tier, das sich nur innerhalb eines begrenzten Raumes bewegen kann. Die Bewegung selbst, bleibt man im Bild, ist keine gleichmige oder gerichtete, eher eine ruckartige, ein Hin und Her in einem runden oder halbrunden Raum. Aus europischer Perspektive ist dieser Vergleich vor allem deshalb besonders ungewhnlich, weil ein Kettenhund gefangen ist, wild umherspringt und immer wieder zurckgerissen wird, whrend das uns wesentlich vertrautere Bild vom 'Flu der Zeit' eher auf eine unaufhaltsame, ruhig flieende und gerichtete Bewegung deutet. Das karibische Reden von Zeit verweist nicht typischerweise auf eine gleichmig strmende, gerichtete Bewegung, sondern eher auf eine wirbelartige Bewegung (z.B. Glissant 1993: 74); um diesem Zeiterleben Ausdruck zu verleihen, zieht Chamoiseau den Vergleich mit dem springenden, aber angeketteten Hund heran. Es erscheint unangemessen, die Ereignisse der vergangenen Zeit in chronologischen Faktenketten wiederzugeben und die erinnerte Vergangenheit als 'Fakten' zu inventarisieren, zumal Geschichte nicht geschrieben, sondern erzhlt wird. Der Prgung von Chronologien, Kausalittsketten und Begriffen scheint sich gerade das gesprochene kreolische Wort, die kreolische parole, zu verweigern. Folgt man Glissant, so reihen sich diese paroles nicht linear im Flu der Rede, sondern ordnen sich "wie ein Wirbelsturm"; und nur der Zugang zu diesem Wortwirbel ermglicht eine Vorstellung von der geschichtlichen Dimension der frankokaribischen Kultur: "Vous tournez la parole non plus comme un fil mais comme un tourbillon [...] et l vraiment vous imaginez le monde alentour" (1993: 20). Da 'verlebendigende' Erzhlkunst im kreolischen Kulturraum immer seltener anzutreffen ist, werden die Erzhlungen der Alten mit

    November 1220; in diesem Text, der sich in eine Urkundentradition einreiht (vgl. z.B. MG Const. II, Nr. 73, 86ff.), verzichtet Friedrich aus politischer Taktik auf den kaiserlichen (nicht kniglichen) Anspruch auf Sizilien. Diese Formel erinnert an ein bekanntes Bild aus der Mythologie; ich meine den Unterweltflu Lethe, der den Seelen der Verstorbenen Vergessen schenkt: "In diesem Bild und Bildfeld ist das Vergessen ganz in das flssige Element des Wassers eingetaucht. Es liegt ein tiefer Sinn in der Symbolik dieses magischen Wassers. In seinem weichen Flieen lsen sich die harten Konturen der Wirklichkeits-Erinnerung auf und werden so liquidiert" (Weinrich 1997: 19; Hervorhebung im Original).

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    sprachwissenschaftlichen oder literarischen Mitteln verschriftlicht. Doch diese Verschriftlichung, welche die Worte fixiert und zeitlich situiert, fhrt offensichtlich entgegen ihrer Intention zu einer mise mort du pass. Vor dem Hintergrund dieser Gefahr fragt sich der Erzhler des bereits zitierten Romans Texaco, ob es eine Schrift gebe, die sich mit den gesprochenen Worten und den Momenten des Schweigens auskennt und die sich wie die gesprochene Rede die ganze Zeit im Kreise bewege (1992: 354). Die Frage bleibt bislang offen, eher scheint es so zu sein, da die unterschiedlichen Zeitabschnitte im linear geprgten Medium der Schrift nicht mehr 'gleichzeitig existieren' knnen, sondern sich auf dem Zeitpfeil bestimmten chronologisch in Beziehung stehenden Punkten zuordnen. Wre es also die Schriftlichkeit, die das Erleben der Zeit als linear progredierender Entitt frdert (vgl. Ludwig 1999: 41)?

    3. 'Zeitvergleich' Stephen Gould fhrt das europische lineare Zeiterleben auf einen biblischen Ursprung zurck (1990: 27f.): "Der Zeitpfeil ist die Urmetapher der biblischen Geschichte. Gott hat einst die Erde erschaffen, er hat Noah befohlen, eine einmalige Sintflut in einer einzigen Arche zu berstehen, er bergibt Moses in einem bestimmten Augenblick die Gesetzestafeln, und er sendet seinen Sohn zur festgesetzten Zeit an einen besonderen Ort, auf da er fr uns am Kreuz sterbe und am dritten Tage wiederauferstehe. Viele Gelehrte sehen im Zeitpfeil den wichtigsten und charakteristischsten Beitrag des jdischen Denkens; denn die meisten anderen Kultursysteme, die frheren wie die spteren, geben der Immanenz des Zeitkreises den Vorzug vor der Kette linear verlaufender Geschichte". Der althebrische Zeitpfeil ist nach Gould (30) wie folgt zu beschreiben: "Er kann gedacht sein als Kette von einmaligen Ereignissen zwischen dem Fixpunkt der Schpfung und dem Fixpunkt des Weltendes, aber auch ein viel jngerer Gedanke als inhrente Gerichtetheit der Zeit". Der Zeitpfeil steht fr die Intelligibilitt unterscheidbarer und unwiderrufbarer res gestae13. Gould

    13 Fr Elias ist auch der Zeitbegriff der Physik in diesem Zusammenhang zu sehen:

    "Heute setzen Philosophen und vielleicht auch Physiker oft selbstverstndlich voraus, da 'die Zeit in eine Richtung fliet und da der Ablauf der Zeit nicht umkehrbar ist' - obgleich Einsteins Theorie, auch wenn sie am Nacheinander der Zeit festhielt, deren einliniges Fortschreiten in Zweifel zog. Es ist kaum vorstellbar, da Physiker auf ihrem Gebiet den Begriff eines fortlaufenden, irreversiblen Zeitflusses htten entwickeln knnen ohne die langsame und mhevolle Herausbildung sozialer Zeitskalen, mit deren Hilfe man die nichtwiederkehrende, kontinuierliche Folge von Jahren, Jahrhunderten und Jahrtausenden exakt bestimmen konnte" (1994: 24f.;

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    zitiert in diesem Zusammenhang Richard Morris, der die Vorstellung der Gerichtetheit der Zeit als fr die abendlndische Gesellschaft typisch kennzeichnet: "Wir [...] stellen uns die Zeit gewhnlich als etwas vor, das sich in gerader Linie in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein erstreckt [...]. Der lineare Zeitbegriff hatte tiefgreifende Wirkungen auf das abendlndische Denken. Ohne ihn wre es schwierig gewesen, den Gedanken des Fortschritts zu fassen oder von kosmischer oder biologischer Evolution zu sprechen". Doch auch die Bibel verwendet konkurrierend zum Zeitpfeil den Zeitkreis, vor allem im Buch Salomo (1,5-9):

    Die Sonne geht auf und geht unter und luft an ihren Ort, da sie wieder daselbst aufgehe. Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht und wieder herum an den Ort, da er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, da sie her flieen, flieen sie wieder hin [...] Was ist's, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird [...].

    Der Zeitkreis hat mit Kettenhund eine Art der Permanenz gemein, kann sich aber anders als der Hund auf wiederkehrende Zyklen isolierbarer Ereignisse beziehen. Die uns so selbstverstndlich erscheinende Vorstellung vom Strom der Zeit, in dem "Dinge und Ereignisse auftauchen, mitschwimmen und untergehen, einander bedrngend, befrdernd, verdrngend" (Schrder 1969), soviel ist deutlich geworden, hat fr das kreolische Zeiterleben eine eher marginale Bedeutung. Doch wird das Konzept vom Zeitflu auch in Europa selbst kritisch hinterfragt. Ansatzpunkt dieser Kritik ist die Feststellung, der leiblich verfate Mensch sei selbst sich entfaltende Zeitlichkeit: "Wieso eigentlich kann diese Konstruktion uns berhaupt je so einsichtig erscheinen? Einzig deshalb nmlich, weil der Lauf des Zeitstromes immer schon einen Beobachter zum Zeugen hatte, der freilich lange Zeit vom offiziellen Denken nicht zur Kenntnis genommen wurde. Allein diesem Beobachter aber ermglicht sich die Feststellung, etwas sei vergangen, gegenwrtig oder zuknftig.

    meine Hervorhebung). Zum Zeitpfeil in der Physik vgl. Steven Hawking 1997: 192: "Die Naturgesetze machen keinen Unterschied zwischen der Vorwrts- und der Rckwrtsrichtung der Zeit. Es gibt jedoch mindestens drei Zeitpfeile, die die Vergangenheit von der Zukunft unterscheiden: der thermodynamische Pfeil, die Zeitrichtung, in der die Unordnung zunimmt; der psychologische Pfeil, die Zeitrichtung, in der wir die Vergangenheit und nicht die Zukunft erinnern; und der kosmologische Pfeil, die Zeitrichtung, in der das Universum sich ausdehnt und nicht zusammenzieht."

  • 10

    Vergangenes, Gegenwrtiges oder Zuknftiges [...] existiert [somit] je nur fr ein Leibbewutsein" (Barenberg 1980: 116)14. Es scheint Vorsicht mit der bisher vorgenommenen holzschnittartigen Zuordnung vom Reden ber (vergangene) Zeit geboten, da auch in Europa von der Zeit nicht immer als Flu oder Pfeil gesprochen wird. Es sind bei genauerem Hinsehen interessante Parallelen zur kreolischen Rede von der Zeit auszumachen. Die Erfahrung der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Bewutseinsmoment wird zum Beispiel in einem Textausschnitt bei einem der Vter des franzsischen Nouveau Roman, Robbe-Grillet, dargestellt. In Le rendez-vous (1981: 67f.) heit es von dem kleinen Jean: "Il se rappelle, avec une prcision extraordinaire, ce qui n'est pas encore arriv: ce qui lui arrivera demain, ou mme ce qu'il fera l'anne prochaine." So treffen sich im Gedchtnis des Jungen eine junge verstorbene Frau namens Djinn, die der Vergangenheit des Kindes angehrt, und ein junger Mann, Simon, welchen der Junge eigentlich erst in der Zukunft kennenlernen wird, an den er sich aber bereits im Zustand des Komas erinnert.

    14 Anders formuliert z.B. noch der englische Sprachwissenschaftler Iakob Harris sein

    Verstndnis von der Zeit; Harris geht dabei von einem vom Individuum zu lsenden Zeiterleben aus: "Zeit und Raum kommen darin berein, dass sie, ihrer Natur nach, beyde ununterbrochen zusammenhngen, und folglich ausgedehnt sind. So ist zwischen London und Salisbury eine Ausdehnung des Raums, und zwischen gestern und morgen eine Ausdehnung der Zeit, deren Unterschied bloss darin besteht, dass alle Theile des Raums auf einmal und zusammen, die Theile der Zeit hingegen nur nach einander, und in einer Folge existiren. Wir erhalten also einen Begriff von der Zeit, wenn wir sie uns als etwas nach und nach existierendes Stetiges denken" (1751; hier zitiert nach der bersetzung von 1788: "Hermes oder philosophische Untersuchung ber die allgemeine Grammatik", Kapitel "Von der Zeit und den Temporibus", Seite 82; meine Hervorhebung). Harris geht hier von der Schwierigkeit aus, Zeit zu fassen, da sie nicht mit einem Blick als Existierendes wahrgenommen werden kann. Beim Raum ist es nun mglich, durch Distanz zum Darzustellenden einen gewhlten Abschnitt 'unter einen Blick' zu nehmen. Zeit aber entzieht sich diesem Verfahren scheinbar, da sie nur nach und nach existiert. Das einzig Zuverlssige scheint die 'Stetigkeit' zu sein. Genau hier setzt Harris nun an: Dank dieser Stetigkeit kann er annehmen, da zwischen dem Moment des Aufgehens der Sonne an einem Montag und dem Augenblick des Sonnenaufgangs am Dienstag 'blosse Zeit' liegt, etwa ein natrlicher Tag. Das heit, da Harris hier mit aus der Raumbetrachtung entlehnten 'Abschnitten' arbeitet, um zu einem Begriff der Zeit zu kommen. Dieser Zeitbegriff beruht darauf, "dass wir zwey oder mehrere Augenblicke mit dem Zwischenraum von Stetigkeit, der sich zwischen ihnen befindet, unter Einen [sic] Blick zusammenfassen" (1788: 88-89).

  • 11

    Ein gnzlich gendertes Zeiterleben wird auch von dem russischen Autor Dostoevskij in seinem Roman Idiot berichtet. Der Protagonist, ein junger Mann aus hchstem Adel, leidet an epileptischen Anfllen. An zentraler Stelle des Romans erinnert sich dieser Frst Mykin an die lange Sekunde vor einem wenig zuvor geschehenen Anfall, die sog. Aura, und konstatiert: "In diesem Moment wird mir irgendwie das sonderbare Wort verstndlich, da hinfort keine Zeit mehr sein soll" (328)15. Nun ist das Situiertsein in der Zeit sicher eine Voraussetzung fr das Situiertsein in der Logik, so da erkenntnistheoretisch in der zeit-rumlichen Begrenzung auch die Begrenzung der Erkenntnis gefat werden kann. Wenn Mykin nun in dem Moment der Aura die von ihm einst gelesene Aussage verstndlich wird, "da hinfort keine Zeit mehr sein soll", so liegt gleichsam eine Loslsung von den Grenzen der zeitlichen Einbindung vor. Dieses Heraustreten aus der Zeit wird fr den Protagonisten auch zum Heraustreten aus den Grenzen der gewohnten menschlichen Wahrnehmung: "Das Gefhl des Lebens und des eigenen Bewutseins verzehnfachte sich beinahe in solchen Augenblicken, die wie Blitze waren" (1869: 326). Mit anderen Worten: Wenn fr den Frsten whrend der Aura ein Zustand eintritt, in welchem "keine Zeit mehr" ist, so wird dies nicht nur als Heraustreten aus der Zeit oder aus den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung empfunden, sondern auch als berwindung der Grenzen der menschlichen Erkenntnis: Der epileptische Mykin erreicht in der Aura Weisheit und 'letzten Grund', d.h. das Gefhl prophetischen Sehens: "Den Kopf, das Herz erhellte ein unvorstellbares Licht; alle Erregungen, alle seine Zweifel, alle Unruhe lsten sich gleichsam in einem Frieden, waren aufgehoben in einer hchsten Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung, voller Weisheit und letztem Grund. Aber diese Augenblicke, dieses Aufscheinen, waren erst die Vorahnung jener letzten Sekunde (nie lnger als eine Sekunde), mit der der eigentliche Anfall begann" (1869: 32616). Und diese 'volle Weisheit' ist im Sinne eines prophetischen 'Sehens' wenn auch nur fr die Dauer einer einzigen Sekunde gemeint:

    15 In der Tat berichtet Dr. Blankenhorn vom Epilepsiezentrum Kehl-Kork, da ein

    spezifischer Zug der Epilepsie der Verlust der zeit-rumlichen Orientierung vor, nach und whrend des eigentlichen Anfalls ist. An den Anfall selbst kann sich der Epileptiker spter in der Regel nicht entsinnen, Vorboten (Prodromi) des Anfalls und der unmittelbare Beginn (Aura) werden jedoch vom Kranken wahrgenommen und auch erinnert. Die Zeit des Anfalls selbst fehlt jedoch in der Erinnerung; oft wird beschrieben, da die Zeugen des Anfalls 'etwas ganz anderes tun als eben noch'.

    16 "Um, serdce ozarjalis' neobyknovennym svetom; vse volnenija, vse somnenija ego, vse bespokojstva kak by umiretvorjalis' razom, razrealis' v kakoe-to vysee spokojstvie, polnoe jasnoj, garmoninoj radosti i nadedy, polnoe razuma i

  • 12

    Es ist jene Sekunde, die nicht lang genug war, damit der Wasserkrug des Epileptikers Mahomet auslief, jedoch lang genug, um in der Sekunde smtliche Wohnungen Allahs in Augenschein zu nehmen17..

    Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisdimension des Frsten wird auch die folgende von der Forschung meist als 'enigmatisch' eingestufte Aussage des Frsten verstndlich. Als Mykin sich am ersten Abend in Petersburg mit einem Heiratsantrag an Nastasja Filipovna wendet, die er nur wenige Stunden zuvor kennengelernt hat, sagt er: "Ich habe heute vormittag Ihr Portrait gesehen und glaubte, ein mir vertrautes Gesicht wiederzuerkennen. Und ich hatte sogleich das Gefhl, als htten Sie mich schon gerufen" (245). Der Frst kann Menschen 'wieder-erkennen', die er noch nie gesehen hat, weil er sie in einem der Momente der entgrenzten, nicht an die Zeitachse gebundenen Erkenntnis doch bereits gesehen hat. In einer Umkehrung der vertrauten Erkenntnisweise wird es zusammenfassend gesagt mglich zu erinnern, was sein wird, und vorherzusehen, was passiert ist. Dies erinnert an den kreolischen Ansatz 'vorherzusehen, was geschah'; nur da es hier 'geschieht' und nicht als bewute Handlung eingefordert wird. Es handelt sich zudem eher um Ausnahmeerscheinungen und Grenzflle. Wir treffen eine hnliche Darstellung wie im kreolischen Kulturraum somit auch in Europa an, sie ist aber hier die Ausnahme18; sie ist nicht als Anspruch fr kollektive Erinnerungsttigkeit des Geschichte-Schreibenden zu verstehen.

    okonatel'noj priiny. No eti momenty, eti probleski byli ego tol'ko preduvstviem toj okonatel'noj sekundy (nikogda ne bolee sekundy), s kotoroj nainalsja samyj pripadok" (188).

    17 Dostoevskij 1869/ 1996: 328: "Eto ta e samaja sekunda, v kotoruju ne uspel prolit'sja oprokinuvijsja kuvin s vodoj epileptika Magometa, uspevego, odnako, v tu samuju sekundu obozret' vse ilija Allaxovy" (189). Mykin ist allerdings bewut, da diese Glckserfahrung durch die Krankheit bedingt ist. Diese Form der mystischen Glckserfahrung wird im Epilepsiezentrum in Kork uerst selten beobachtet, die Verbindung mit dem Eindruck hherer, ja hchster Erkenntnis ist gar gnzlich unbeschrieben. Gleichwohl hlt Dr. Blankenhorn (persnliche Mitteilung) diese Form der Wahrnehmung besonderer Erkenntnis medizinisch fr durchaus plausibel, da sehr vereinfacht gesprochen die kurzfristige Vernetzung der unterschiedlichsten Gehirnfunktionen durchaus z.B. Synsthesien hervorrufen kann, d.h. eine andere Form der Wahrnehmung, also mglicherweise auch eine andere Art der Erkenntnis.

    18 Diese Sichtweise auf die Zeit ist bei Dostoevskij zwar an eine Krankheit gebunden, aber an eine besondere Krankheit, die als gttlich und dmonisch zugleich empfunden wird. Die Klassifizierung der Visionen im Sinne einer Krankheit ist allerdings zeit- und kulturgebunden. In diesem Zusammenhang sei auf ein hnliches Beispiel aus der italienischen Literatur verwiesen. Auch in Elsa Morantes Roman La Storia wird geschildert, wie es nach einem epileptischen Anfall der Protagonistin zur

  • 13

    Eine andere Zeit? Es sollten in diesem Prolog mgliche Anhaltspunkte dafr gesucht werden, wie in der 'eigenen' und der 'fremden' Kultur19 von Zeit gesprochen und geschrieben wird. Dies scheint um so wichtiger, als die kreolische Sprache im Spannungsfeld zwischen Mndlichkeit und Schriftlichkeit analysiert wird, so da es naheliegt, auf kulturelle Entwicklungen einzugehen20. Somit ging es ganz wrtlich um einen Zeitvergleich, ganz so, wie ihn Bankruber typischerweise vor einem Coup vornehmen, indem sie prfen, ob ihre Armbanduhren dieselbe Zeit anzeigen. Allerdings scheint ein solcher Zeitvergleich anders als der Uhrenvergleich bei der Vorbereitung fr einen Bankraub nur bedingt durchfhrbar; kulturell gebundenes 'Sprechen' ist im Vergleich zu Armbanduhren ungleich schwerer 'auf Null' zu stellen bzw. auf einen gemeinsamen oder neutralen Ausgangspunkt zu justieren. Fr das Ungewohnte der Vorgehensweise (d.h. Prolog und Epilog) mchte ich mit den Worten des Sprachwissenschaftlers und Theologen Johann Severin Vater (1808: VIII) um Nachsicht bitten: "Tadle mich Niemand blos deshalb, weil ich hier und da einen neuen Weg gieng; ich that es in der redlichsten Absicht, zu ntzen".

    Verschiebung des gewohnten Zeiterlebens kommen kann: "Wie immer nach ihren Anfllen blieb beim Erwachen nur der Schatten einer Erinnerung zurck, die Erinnerung an einen chaotischen berfall, der nur wenige Augenblicke gedauert hatte. [...] auch die ganze vorangegangene Zeit, nicht nur die angstvolle Stunde, die dem Anfall vorausgegangen war, sondern die ganze Vergangenheit, stellte sich in ihrer Erinnerung wie etwas Zuknftiges dar und auf verwirrende Weise etwas ungeheuer Entferntes" (zitiert nach Engelhardt 1996: 11). Doch nicht nur die grundlegende Situierung der Ereignisse in dem 'Flu der Zeit' oder auf dem 'Zeitpfeil' (vor-, gleich- oder nachzeitig zum ego-hic-nunc) scheint aufgehoben, auch Lnge und Krze der Zeit fallen zusammen: "Sie hatte sich vom berfllten, lrmenden Ufer ihres Gedchtnisses in einem Boot entfernt und war in dieser Zwischenzeit rund um die Erde gefahren" (hier zitiert nach Engelhardt 1996: 11; meine Hervorhebung). Der extrem kurze Anfall wird als uerst lang erlebt.

    19 Siehe Ludwig 1996, 1997, 1999, Burac 1994, Rieger 1994, Castor/ Othily 1994. 20 Vgl. z.B. Raible 1995, Ludwig 1997, Jean-Louis 1987, Rattier 1990, M.-C. Hazal-

    Massieux 1993.

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    I. Thema und Ziele Der Begriff Frankokreol bezeichnet eine Gruppe von Kreolsprachen, die in der Kolonialzeit im mehrsprachigen Spannungsfeld franzsischer, westafrikanischer und indigener Sprachen entstanden sind und heute im Indischen Ozean (Seychellen, Mauritius, Rodrigues, Runion) und in der Karibik (Louisiana, Haiti, Saint-Barthlmy, Guadeloupe, Dominica, Martinique, St. Lucia, Franzsisch-Guayana) gesprochen werden. Kreolsprachen sind also vergleichsweise junge Sprachen, die vor etwa dreihundert Jahren aus dem Verstndigungsbedrfnis hervorgingen, das zwischen europischen Kolonisten, afrikanischen Sklaven und gegebenenfalls der indigenen Bevlkerung einiger Kolonialgebiete bestand. Im Unterschied zu den Pidginsprachen dienen Kreolsprachen nicht in spezifischen Sprechsituationen (Handel, Befehle u..) dem rudimentren Austausch, sondern sind vollstndige Systeme, die zur ersten Sprache einer Gemeinschaft geworden sind. Aspekt21 und Tempus gelten als zentrales Thema in der Kreolsprachenforschung22, nicht zuletzt deshalb, weil beide Kategorien in vielen Kreolsprachen offenbar untereinander auffallend hnlich, zu den jeweiligen Kolonialsprachen (Franzsisch, Spanisch, Portugiesisch,

    21 Zum Begriff vgl. z.B. Maslov 1985: 1: "The French term 'aspect', now used

    internationally, dates back to the first half of the 19th century. It was first used by C. P. Reiff [...] to translate the Russian term vid used by Grech to indicate firstly the perfective and imperfective aspects and secondly some of those features of the Russian verb which are now called 'modes of action' (sposoby dejstvija - Aktionsarten). Much later, after the appearance of Agrell's book (1908) the term 'aspect' meaning vid as opposed to 'modes of action' gradually became internationally accepted. From the 1930s 'aspectology' came into use to describe the study as a field of scholarship".

    22 Siehe z.B. Holm: "The verb phrase has been of central importance in creole studies. While it is true that no particular set of syntactic features will identify a language as a creole without reference to its sociolinguistic history, it is also true that the structure of the verb phrase has been of primary importance in distinguishing creole varieties from non-creole varieties of the same lexical base" (1995: 168). Die Forschungskontroverse ber Tempus und Aspekt im Kreol hngt zudem mit der Annahme zusammen, da in diesem Bereich der Grammatik, in welchem besonders groe Unterschiede zu den jeweiligen Kolonialsprachen ins Auge fallen, wertvolle Hinweise auf die Genese der Kreolsprachen gefunden werden knnten. Vgl. die Arbeiten von Damoiseau 1994a, Schlupp 1997, Arends et al. 1995, Ludwig 1996, Matthews 1993, Michaelis 1993, Mufwene 1984.

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    Englisch oder Niederlndisch) hingegen sehr unterschiedlich erscheinen23: "In the Caribbean, the non-creoles have their European system of tense marking (e.g. auxiliary verbs and verbal inflections) more or less intact, whereas the creoles have a radically different way of dealing with tense and aspect" (Holm 1995: 168). Aus diesem Grund werden die Aspekt- und Tempussysteme recht einhellig als "one of the most strikingly consistent properties of creole grammars" gewertet (Matthews 1993: 233)24. Gleichwohl klaffen im Bereich der Aufarbeitung der Funktionen von Aspekt und Tempus in den Frankokreols noch entscheidende Lcken, von denen ich zwei in der Forschung als wesentlich konstatierte nennen mchte:

    Obgleich das Regenwaldgebiet Franzsisch-Guayanas die grte territoriale Ausdehnung innerhalb der frankokreolischen Gebiete aufweist25, fehlen bisher eine Beschreibung des Aspekt-/ Tempussystems ebenso wie ein Korpus des hier gesprochenen Kreols.

    Es liegt meines Wissens keine jngere vergleichende Studie der Frankokreolsprachen im Bereich Aspekt/ Tempus vor, welche die in den vergangenen zehn Jahren entstandenen Korpora dieser Sprachen auswertet26.

    Als Grund fr das Fehlen von Beschreibungen des Guayanakreols werden zumeist die besonders eingeschrnkten Reisemglichkeiten (die meisten Siedlungen sind nur per Hubschrauber, Postflugzeug und Kanu zugnglich) und die in den isolierten Waldgebieten 'unzureichende' Infrastruktur angegeben (Schlupp 1993). In bezug auf den ausstehenden

    23 Die Bezeichnung der (ehemaligen) Kolonialsprachen als lexifier-Sprachen verweist

    auf die Beobachtung, da im Bereich der Lexik z.B. der verschiedenen franzsischen Kreolsprachen die Herkunft der meisten Elemente aus franzsischen Varietten des 17. und 18. Jahrhunderts herzuleiten ist; entsprechendes gilt auch fr die spanischen und portugiesischen Kreolsprachen (vgl. z.B. Stein 1984, Arends et al. 1995).

    24 Vgl. McWorther 1998. 25 Guayana ist etwa so gro wie Ungarn. Es liegen berhaupt nur zwei

    sprachwissenschaftliche Monographien zu Guayana vor, von denen keine auf die grammatischen Zeiten spezialisiert ist. Beide grammatischen Arbeiten beziehen sich ausschlielich auf das Kreol des schmalen Kstenstreifens Guayanas, das von einem starken Kontakt mit dem Franzsischen und dem Martiniquekreol geprgt ist. Zudem sttzen sich weder Fauquenoy 1972 noch Schlupp 1997 auf ein Korpus gesprochener Sprache, sondern auf bersetzungsfragebgen und transkribierte Mrchen. Dies greift jedoch m.E. zu kurz, vgl. III.2. zu 'Textsorten'.

    26 ltere Skizzen bei Goodman 1964, Boretzky 1983, Holm 1989 und fr die Karibik sehr wesentlich: G. Hazal-Massieux 1992. Seitdem sind neue Korpora enstanden, vgl. die Zusammenstellungen in Ludwig 1997 und M.-C. Hazal-Massieux 1996.

  • 16

    Vergleich grammatischer Zeiten in den Frankokreolsprachen wird hingegen auf methodische Schwierigkeiten verwiesen. Zum einen sei die Beschreibung der Kategorie Aspekt bisweilen von temporalen bersetzungen in die vertraute Sprache (z.B. Franzsisch) geprgt und daher nicht przise. Zum anderen wrden bestehende Tempus-/ Aspektbeschreibungen von einem Teil der native speakers nicht akzeptiert; dies wurde etwa als Indiz fr eine bedeutsame Variabilitt von Aspekt und Tempus in Abhngigkeit von der jeweiligen high variety (also etwa des Franzsischen) gedeutet27. Aus diesen berlegungen ergeben sich drei grundlegende Fragestellungen fr die vorliegende Arbeit.

    1. Wie ist das Aspekt-/ Tempussystem des Kreols strukturiert, welches in den isolierten Regenwald- und Savannengebieten Franzsisch-Guayanas gesprochen wird?

    Whrend eines Forschungsaufenthaltes 1995 habe ich in den Kstenbereichen, vor allem aber in mehreren isolierten Gebieten im Savannen- und Regenwaldgebiet Franzsisch-Guayanas sowie in Martinique ein neues Korpus gesprochener Sprache erstellt28. Dieser Arbeit liegen nun fr Guayana und Martinique insgesamt 81 Aufnahmen mit einer durchschnittlichen Lnge von etwa 60 Minuten zugrunde, an denen je zwei bis drei Sprecher beteiligt sind. Ein Vergleich zwischen mndlichen und schriftlichen Dokumenten ist u.a. mglich durch Untersuchung der ersten in kreolischer Sprache verfaten und jngst in Martinique abgeschlossenen wissenschaftlichen Arbeit zur gesellschaftlichen und mythisch-religisen Rolle der kreolischen Geburtshelferinnen, die einen hohen Grad an Planung aufweist, also nah am Pol der konzeptionellen Schriftlichkeit anzusiedeln ist29. In der Beschreibung der Semantik der Aspekte und Tempora wird auf Anstze der Prototypensemantik rekurriert, da die vorliegende Analyse sich auf die gesprochene Sprache konzentriert, von der zu erwarten ist, da aufgrund von Polysemie bzw. Merkmallosigkeit (vgl. Kap. IV.4.) eine 27 Diese Problematik scheint einer der Grnde fr die Kontroverse zwischen Gnther

    1981, Boretzky 1983 und Maurer 1998 zum Prncipekreol zu sein. 28 Bei der Auswahl war ich um mglichst spontane Sprache bemht, wie z.B. in

    Situationen, in welchen Kreolsprecher nur untereinander sprechen, Emotionen Ausdruck verleihen u.., siehe Kapitel II.1.

    29 Vgl. zu den Begriffen konzeptionelle/ mediale Mndlichkeit/ Schriftlichkeit z.B. Ludwig 1986 und 1996, Raible 1987 und 1998, Koch/ Oesterreicher 1985.

  • 17

    hohe Anzahl an peripheren oder metaphorischen Funktionen festzustellen ist30.

    2. In welcher Relation steht dieses Kreol zu anderen Frankokreolsprachen im Bereich Aspekt/ Tempus?

    Das Kreolische Franzsisch-Guayanas ist hufig mit den Sprachen Martiniques und Guadeloupes verglichen und in Arbeiten ber diese beiden recht gut erforschten Kreolsprachen 'am Rande' mitbehandelt worden (z.B. Bernab 1983). Es besitzt jedoch Charakteristika, die es deutlich von diesen Sprachen unterscheiden, wie Guy Hazal-Massieux bereits 1990 angedeutet hat. Diese Unterschiede liegen im Bereich Aspekt und Tempus jedoch weniger auf der formalen als vielmehr auf der funktionalen Ebene. Die gemeinsamen Aspekt- und Tempusmarker weisen unterschiedliche Bedeutungsschattierungen auf, deren Abgrenzung etwa bei Prsens/ imperfektiver Aspekt bisher aussteht. Dies hat auch damit zu tun, da im Guayana- und Martiniquekreol (wie auch in vielen anderen Sprachen) Aspekt und Tempus so eng interagieren, da man von einem einzigen Aspekt-Tempus-System oder wenigstens hybriden Aspekt-Tempus-Formen auszugehen geneigt ist. Dennoch knnen Sprachen danach unterteilt werden, ob sie fast ausschlielich, auch oder gar nicht aspektuelle oder temporale Funktionen grammatikalisiert haben (vgl. Raible 1990a). Die Unterscheidung wird in jedem Fall an der inhaltlichen Ebene festgemacht. Beide inhaltlichen Funktionen, Aspekt und Tempus, sind mit einer generellen Idee von Zeit verknpft, wenngleich nicht in identischer Art und Weise31. Tempus drckt die Lokalisierung einer Handlung32 in der Zeit aus. Diese Verortung wird verstanden im Sinne eines deiktischen Zeigens vom hic-et-nunc des Sprechers. Eine Verbalhandlung kann z.B. als vorzeitig 'ich spielte' oder nachzeitig 'ich werde spielen' bezogen auf das hier-und-jetzt des Sprechers oder Schreibers dargestellt werden33. Im Gegensatz zu 30 Vgl. Kap. III.3., Ludwig 1992, 1996, Winford 1996, Schrott 1997, Granda 1995,

    Hilty 1965. 31 Vgl. zum Verhltnis von Tempus/ Aspekt und Zeit z.B. Bull 1960, Kuhn 1988,

    Lehmann 1992, Vendler 1957 sowie den Epilog der vorliegenden Arbeit. 32 Der Begriff 'Handlung' bezieht sich hier und im folgenden auf das VERBALGESCHEHEN

    im weitesten Sinne, unabhngig von Statik, Dynamik, Telik etc. Vgl. zu diesen Unterscheidungen Kap. V.2.5.

    33 In diesem Sinne wird im folgenden auch das Futur primr als Tempus verstanden, ohne die in vielen Sprachen bzw. in einer Sprache in verschiedenen diachronen Stadien hufig auftretenden modalen Werte zu bersehen.

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    Tempusbedeutungen haben aspektuelle Bedeutungen keine deiktische, lokalisierende Funktion. Der Zeitbezug wird bei Aspekt anders hergestellt: Im Frankokreol sind z.B. die Hauptfunktionen des imperfektiven Aspektes die Prozessualitt, die Habitualitt und die allgemeine Faktizitt. In Anlehnung an Jurij Maslovs sprachvergleichende Studie soll Aspekt definiert werden als Einschtzung oder qualitative Darstellung einer Verbalhandlung durch den Sprecher, bezogen auf den Verlauf der Handlung in der Zeit, aber ohne Bezug zum hier und jetzt des Sprechers (1985: 4)34. Diese Definition ist sehr abstrakt und mu vorlufig so sein, um den sehr vielfltigen Funktionen der aspektuellen Opposition gerecht zu werden.

    Aspekt und Tempus werden in der vorliegenden Untersuchung als 'grammatische Zeiten' zusammengefat, da sie als grammatische Ausdrucksmittel der Situierung (Tempus) oder der qualitativen Darstellung (Aspekt) von Handlungen in der Zeit verstanden werden35. Aspekt ist in allen Kreolsprachen grammatikalisiert; in vielen Kreolsprachen ist Aspekt die gegenber Tempus dominante Kategorie36. Da die Forschungsdiskussion um Aspekt im Kreolischen relativ jung ist, sollen die theoretischen berlegungen dieser Arbeit auer aus der romanistischen und allgemeinen Sprachwissenschaft auch aus der weit fortgeschrittenen wissenschaftlichen Aspekt-Kontroverse der slavistischen Forschung ergnzt werden. Anders als in den romanischen Sprachen ist die Kategorie in den slavischen Sprachen eine weit verbreitete und fr die einzelnen Systeme zentrale grammatische Kategorie: "The existence of aspect as a grammatical category is most unequivocal in the Slavonic languages, and Slavonic aspectology, dating as far back as the seventeenth century, is probably the most developed field at the present day" (Maslov

    34 Vgl. Kap. IV.3. zur Deixis. Die groe Menge der Bedeutungsnuancen einerseits

    (siehe Kap. VIII) und andererseits die Schwierigkeit, eine Kategorie zu fassen, wenn diese in der jeweiligen Erstsprache des Analysierenden nur marginal verfgbar ist (z.B. fr das Deutsche nur in der Phrase 'am Tun sein' in (regionalen) Varietten der gesprochenen Sprache), knnen die sehr unterschiedlichen Definitionen in der Forschungsliteratur vielleicht verstndlich machen. Fr die Definition, die fr die vorliegende Untersuchung vorgeschlagen wird (vgl. Kapitel IV.4.), soll kein Anspruch universaler Gltigkeit erhoben werden, sie soll die Funktionen der Aspektmarkierungen im Kreol beschreiben knnen, wobei der Schwerpunkt auf dem Kreolischen Franzsisch-Guayanas liegt.

    35 Vgl. z.B. Wodarczyk 1997, Schrott 1997, Smith 1991: XVI: "Aspect is the domain of the temporal organization of situations"; siehe auch Maslov 1985, Comrie 1976.

    36 Siehe beispielsweise Arends et al. 1995, Bickerton 1981, Goodman 1964, Matthews 1993, Ludwig 1996, Singler 1990 und Stein 1984.

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    1985: 1). Wenn von dieser Forschungsdiskussion profitiert werden soll, so auch deshalb, weil im bersetzungsvergleich auffallende bereinstimmungen zwischen dem Russischen und dem Kreol festzustellen sind37.

    Ein lteres kreolisches Dokument wird im Rahmen der Arbeit erstmals in bezug auf Aspekt und Tempus untersucht. Es handelt sich bei dem Text um die Entdeckung eines Historikers, die 1994 fr Aufsehen sorgte. Der Wissenschaftler hatte zufllig die Handschrift eines Evangeliumstextes in Kreol entdeckt, berschrieben mit Passion selon St-Jean en langage Ngre. Dieses Dokument gilt als einer der ltesten zusammenhngenden Texte des Frankokreolischen und wird nach den jngsten Untersuchungen Mitte des 18. Jahrhunderts datiert38. Ort und Sprache der Abfassung sind bisher unbekannt; es handelt sich wohl entweder um ein Protokreol, das von einer frhen koin zeugen knnte (Fattier 1996) oder um ein hybrides Dokument, das fr die Evangelisation zwischen den frankokaribischen Kolonien zirkulierte und zu diesem Zweck mit Elementen verschiedener Frankokreols angereichert wurde. Die Analyse dieses krzlich edierten Textes ergibt interessante Parallelen mit dem Kreol, das heute in den isolierten Gebieten Guayanas gesprochen wird. Vor diesem Hintergrund soll eine dritte Grundfrage der vorliegenden Untersuchung wie folgt lauten:

    3. Kann das Kreolische Franzsisch-Guayanas als Zeuge lterer kreolischer Sprachstufen gedeutet werden?

    G. Hazal-Massieux untersucht in einem Beitrag von 1990 ausgewhlte linguistische Phnomene im gesamten karibischen Raum von Guayana bis Louisiana, um sie im Sinne der berlegungen Matteo Bartolis (1945) als These wie folgt zu formulieren: "Une fois poses comme aires centrales les aires insulaires, d'abord de Martinique et de Guadeloupe et un moindre degr de Saint-Domingue, on peut considrer que la Louisiane et la Guyane constituent des aires latrales, comme dans la Romania, l'Ibrie et

    37 Es sollen allerdings nicht russische Kategorien auf das Kreol projiziert werden;

    vielmehr wird ein auereinzelsprachliches Analyseraster erstellt, das durch steten Abgleich von onomasiologischer und semasiologischer Perspektive kontrolliert und ggf. modifiziert wird, siehe Kap. III.1.

    38 Fattier 1996; Prudent 1998 (Kongrebeitrag Regensburg 1998) datiert auf 1750; Marie-Christine Hazal-Massieux auf die zweite Hlfte des 18. Jahrhunderts (vgl. Cybercours auf der Homepage des Institut d'tudes Croles in Aix-en-Provence, http://www.superdoc.com/aidel/iecf/Cours/index.htm).

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    la Dacie, ce qui laisse attendre des tmoignages de traits plus anciens que dans l'aire centrale"39. Mit anderen Worten: Fr die romanischen Sprachen wird angenommen, da die 'Randzonen' (Iberische Halbinsel, Rumnien) ltere Entwicklungsstufen innerhalb der Romania abbilden. bertrgt man die Annahme, da eine Randzone einen konservativeren Sprachstand spiegelt, auf die atlantischen Kreolsprachen, so knnen im Sinne einer Arbeitshypothese die Sprachen Franzsisch-Guayanas und Louisianas als Zeugen lterer Entwicklungsstufen der Kreolsprachen im karibischen Raum gelten. Da das hier gesprochene Kreol im Vergleich zu anderen Kreolsprachen (aber auch zu den Kstendialekten Guayanas) als konservativ gelten kann, ist das oben erwhnte Vergleichskorpus in Martinique erstellt worden, da das Martiniquekreol im Rahmen der Arealtheorie als besonders progressiv eingestuft wird.

    39 1990: 97; meine Hervorhebung; vgl. auch G. Hazal-Massieux 1996. Hier wird nur

    eine der Bartolischen Arealnormen referiert, vgl. zur Kritik Kap. VI.1.

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    II. Korpus

    "Frher waren wir alle nackt, die Frauen, die Kinder, die Hunde, die Hhner: alle nackt, selbst der Brgermeister ..." (Informant, Roura/ Guayana)

    Die vorliegende Untersuchung wird sich vor allem auf Tonaufnahmen gesprochener Sprache sttzen. Whrend der Vorbereitungsphase hatte ich whrend verschiedener Bibliotheksrecherchen in Aix-en-Provence Personen kennengelernt, die Kontakte zu je einer kreolophonen Familie in Franzsisch-Guayana und Martinique herstellten. Beide Familien, bei denen ich whrend der Forschungsarbeit in der Karibik wohnen durfte, halfen mir vor Ort bei der 'Orientierung', bei praktischen Fragen und bei der Suche nach Informanten. Das Kreolische kann sowohl auf Martinique als auch in Franzsisch-Guayana in Abgrenzung zur offiziellen Sprache Franzsisch als 'Sprache der Nhe und des Vertrauens' gelten. Daher war die Einbindung in einheimische Gastfamilien von unschtzbarem Wert: Die Tatsache, da ein Student aus Deutschland das Kreolische in einigen Wochen lernen und gar noch Aufnahmen machen will, fhrte nicht selten zu Verwirrung und Mitrauen, die es zu berwinden galt40. Als weiteres Vergleichsmaterial konnte ich bisher unverffentlichte Korpora und Analysen Thomas Klinglers zu einer jngst von ihm entdeckten kreolophonen Gemeinde in Pointe Coupe/ Louisiana in die Untersuchung einbeziehen; seine Arbeit ist in der Untersuchungsperspektive deshalb sehr interessant, weil sie das Kreolische einer ebenfalls als konservativ geltenden Variett beschreibt41. Ferner stehen eigene Aufnahmen des Kreolischen von St. Lucia und krzlich verffentlichtes Material zu St-Barthlmy (Calvet/ Chaudenson 1998) fr

    40 Fr Vertrauensaufbau ist Ehrlichkeit m.E. unabdingbar. So habe ich nur eine einzige

    heimliche (nachtrglich autorisierte) Aufnahme mit gleichaltrigen Studenten durchgefhrt. Bei offenen Aufnahmen gilt fr mein Korpus, da die Sprache dann am wenigsten der Selbstkontrolle unterliegt, wenn die Informanten 'schaudern', 'schimpfen' oder 'speisen'. Vgl. Ralph Ludwig 1997: 5ff. und John Lipski (persnliche Mitteilung), die versteckte Aufnahmen ablehnen.

    41 Klingler 1992. Diese Arbeit ist insofern eine wichtige Ergnzung zu der Grammatik des Louisianakreols von Neumann 1985, als sie ebenfalls nicht nur eine mit Bartoli laterale Kreolsprache untersucht, sondern zustzlich die Variett eines Isolates innerhalb der Randlage.

  • 22

    die Analyse zur Verfgung42. Der Untersuchung liegen somit in erster Linie mndliche Texte zugrunde; transkribierte Korpora liegen fr das Franzsische43 und einige franzsische Kreolsprachen vor, fehlen aber fr die Kreolsprachen von Martinique und Franzsisch-Guayana44. Es liegen auch kaum schriftliche Dokumente fr Franzsisch-Guayana vor. Als Ausnahme kann der erste 'Roman' in kreolischer Sprache gelten, der 1885 unter dem Titel Atipa erschienen ist. Mit diesem Roman, dessen Autorschaft bis heute umstritten ist, wurde die Literatur der Karibik erstmalig nicht blo linguistisch, sondern auch als Dokument fr Kulturkontakt "wahr- und ernstgenommen"45. Fr Martinique wird erstmalig eine konzeptionell nah am Pol der Schriftlichkeit anzusiedelnde Arbeit in die Analyse einbezogen; es handelt sich um eine im Umfeld des G.E.R.E.C. (Groupe d'tudes et de Recherches en Espace Crolophone) bei Jean Bernab und Juliette Smeralda-Amon entstandene 'Magisterarbeit' mit dem Titel "Akouchz nan

    42 Die drei letztgenannten Gebiete sind im Sinne der von Bartoli entwickelten

    'Raumnormen' interessante Gebiete, weil in ihnen die zwei wichtigsten Normen kollidieren, da sie im Zentrum (also progressiv?) liegende Isolate (also konservativ?) sind. Obgleich fr Martinique die vergleichsweise umfangreichste Grammatikbeschreibung vorliegt (Bernab 1983, 1987), ist mein Korpus kurioserweise auch hier das erste, da Bernab kein Korpus vorgelegt hat und sich berwiegend auf Sprecherbefragungen sttzt (persnliche Mitteilung). Bei den Frankokreolsprachen des Indischen Ozeans sttze ich mich auf die grndlichen Vorarbeiten von Bolle, Chaudenson, Kriegel und Michaelis u.a. Es werden vor allem die Sprachen der Seychellen sowie des Isolates Rodrigues in die vergleichende Untersuchung einbezogen, da mir fr diese Kreolsprachen Korpora vorliegen (Bolle, Michaelis, Chaudenson, Pfnder). Zu den Aspekt-/ Tempus-Systemen von Mauritius und Runion entsteht derzeit eine Dissertation bei R. Chaudenson (Leila Capron), zu Runion liegen Aufnahmen bei Prof. Dr. A. Bolle vor. Fr die Karibik wird ebenfalls bei Chaudenson eine vergleichende Promotion von Kate Howe zum Tempus-Modus-Aspekt-System Papiamento vs. Hatien geschrieben werden. Ich werde auf Haiti nur wenig eingehen, da die vorhandenen Daten sehr umstritten sind und Dominique Fattier, die krzlich einen sehr umfangreichen Sprachatlas Haitis fertiggestellt hat, mir mitteilte, da die Variation auf der Insel im Bereich auch der Aspekt-/ Tempus-Marker bedeutend sei.

    43 Vgl. die bersicht in Ludwig 1997. 44 Allerdings ist auch das immense Runion-Korpus Chaudensons nicht zugnglich,

    vgl. M.-C. Hazal-Massieux 1996. 45 Thomas Bremer in einem Vortrag der Halleschen Ringvorlesung im Wintersemester

    1997/ 98, in einer Rezension von Hugo Schuchardt. Bremer 1997 sieht in dem Roman ein erstes Dokument der "(karibischen) Kultur der kolonialen Objekte, die sich in den letzten Jahren zunehmend als Subjekte konstituiert haben und ihre eigenen, auch regionalen Identitten nunmehr aktiv, nicht offensiv vertreten".

  • 23

    sid Matnik (Lavy-Pilt) ek dinamik kiltirl. Rityl lantou lansans an ti manmay"46 die erste im Raum Antilles-Guyane in kreolischer Sprache verfate wissenschaftliche Arbeit. Ebenfalls zum ersten Mal zumindest in die Analyse grammatischer Zeiten wird der wohl lteste erhaltene schriftliche Text des antillanischen Kreols integriert. Es handelt sich um ein 1994 verffentlichtes Manuskript einer Evangeliensynopse von anonymer Hand, das nach der Analyse von Dominique Fattier (1996) zum Zwecke der Evangelisation in mehreren kreolophonen Gebieten von Haiti ber Martinique und Guadeloupe bis nach Franzsisch-Guayana kursierte. Fattier wertet es daher als eine Art "scripta, c'est dire mi-chemin entre un idiolecte rgional et une koin idale, une scripta plus ou moins dialectalise, trace d'une poque o les croles de la Carabe taient moins diffrencis qu'ils ne le sont aujourd'hui, tant au plan interne que dans la perception des locuteurs" (Fattier 1996: 10). Der Text ist nach Papieranalyse und soziohistorischen Erkenntnissen bereinstimmend nach 1700, sptestens aber 1740 zu datieren47. Auer den zuletzt genannten konzeptionell wie medial schriftlichen Texten48 sollen wie eingangs ausgefhrt vor allem transliterierte Tonaufnahmen gesprochener Sprache Gegenstand der Untersuchung sein, die im folgenden vorgestellt werden.

    46 Geburtshelferinnen im Sden Martiniques (Rivire-Pilote) und kulturelle Dynamik.

    Rituale im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes', DULCR: Diplme universitaire de la langue et culture rgionale. Von insgesamt 232 Seiten sind 166 in Kreol geschrieben; die inhaltlich anspruchsvolle Arbeit des berwiegend Kreol sprechenden Hugues Atine enthlt einen Anhang mit von ihm zu diesem Zweck geprgter Lexik. Der Autor verwies mich im Gesprch auf die Vielzahl der Diskussionen und berlegungen, die die Anforderungen der wissenschaftlichen Textsorte gerade im Bereich Morphosyntax von ihm verlangten. So beginnt die Arbeit mit der Frage, ob ein Forscher durch den Gebrauch einer bestimmten Sprache, des Kreols, in seiner Arbeit nicht behindert bzw. begrenzt werde ("Es an wouchach limit pas i ka svi an lang...?").

    47 Der Titel (Johannespassion) ist irrefhrend, handelt es sich doch um eine Synopse der Passionen aus Markus, Matthus und Johannes. Dieses Dokument stammt mglicherweise von zwei verschiedenen Schreibern und wurde evtl. aus zwei Texten zusammengefgt. Sollte es kein Protokreol reflektieren (s.o.), so knnte auch eine andere Hypothese zutreffen, nach der es sich um ein auch in sprachlicher Hinsicht hybrides Dokument handelt; vgl. zur Analyse Kap. V.2.2.

    48 Die kreolische Johannespassion wurde mglicherweise auch zum Vorlesen konzipiert.

  • 24

    Die Untersuchung sttzt sich auf 81 kreolische Gesprche, die auf Tonkassetten aufgezeichnet wurden. Sie umfassen im Schnitt etwa je 60 Minuten; 29 Aufnahmen entfallen auf Martinique und 52 auf Franzsisch-Guayana49. Diese Tonaufnahmen wurden in vier Schritten fr die Arbeit aufbereitet. Zunchst wurden Passagen zur Transkription ausgewhlt, die zwei Kriterien erfllen: Es sind zum einen lngere zusammenhngende Passagen, um ein textuelles Arbeiten zu ermglichen, d.h. um z.B. anaphorische Bezge verfolgen zu knnen. So kann etwa Vorerwhntes von situationellen Gegebenheiten und Prsuppositionen getrennt werden. Zum anderen wurden insbesondere Tonaufzeichnungen zur Transkription ausgewhlt, die vom 'Wohlbefinden' der Sprecher (im Urteil anderer Muttersprachler) zeugen, da diese dann spontaner sprechen bzw. ihre Sprache weniger 'kontrollieren'. Die Transkription der so ausgewhlten Aufnahmeabschnitte umfat etwa 230 Seiten. Da aufgrund der genannten Kriterien gerade solche Passagen in Frage kamen, in denen sehr schnell und expressiv gesprochen wird, liegen die von den Sprechern auch zur Tonweitergabe autorisierten Aufnahmen in Form von zwei CDs vor. Zur Kontrolle der in diesen Transkripten vorgefundenen Strukturen wurden alle brigen Aufnahmen durch mehrfaches Hren nach bestimmten Formen durchsucht, welche dann lediglich mit dem jeweils notwendigen Kontext handschriftlich transkribiert wurden.

    Durch meine jeweilige Gastfamilie konnte ich vor allem solche Aufnahmen durchfhren, bei denen einzelne Familienmitglieder oder deren Freunde sich mit Nachbarn oder Verwandten unterhielten. Um eine Vergleichbarkeit des Materials in sprachlicher Hinsicht zu begnstigen, sprach ich mit einem der Gesprchsbeteiligten zuvor vier Themenbereiche ab, die aufgrund von berlegungen zum Abbau sozialer Distanz im Laufe eines lngeren Gesprches in einer vorberlegten Reihenfolge und mit assoziativen 'Brcken' versehen waren50:

    49 Bei sieben Aufnahmen in Franzsisch-Guayana handelt es sich bei den Informanten

    um Immigranten oder deren Nachfahren, deren Kreol durch die Sprachen St. Lucias oder Martiniques beeinflut ist.

    50 Vgl. Rieken 1998: 23: "Es gilt [...] die problematischen Seiten der Befragung mglichst gut abzufangen. Dazu ist die von Jrgen Macha und in der Folge von Martin Kreymann praktizierte 'Form des relativ offenen, gleichwohl von einem Leitfaden themenzentrierten Interviews' sehr gut geeignet. Es handelt sich um einen Kompromi zwischen einem starren Fragekatalog und einem - abgesehen von der Initialzndung des Forschers - vllig freien Gesprch. So bleibt einiger Raum, auf 'Ungereimtheiten und Widersprche' zu reagieren, Miverstndnisse zu klren und den Informanten einen Groteil der Gesprchssteuerung zu berlassen. Dennoch

  • 25

    1. Arbeit auf dem Lande. Hier kam die Rede meist 'wie von selbst' darauf, wie schwer die Arbeit ist, wie sehr die zur Landgewinnung ntige Brandrodung eine gut funktionierende Gemeinschaftsarbeit und die Solidaritt der Dorfgemeinschaft voraussetzt.

    2. Gemeinschaftsarbeit frher und heute. Dieser Vergleich fhrte zumeist zu einer allgemeinen laudatio temporis acti, die dann auf die kreolische (Kruter-)Medizin gelenkt wurde. Beide Themenbereiche Arbeit und Medizin verbanden sich durch das oft ausgedrckte Bedauern, da die alten Arbeitsmethoden und Heilrezepte den Kindern nicht weitergegeben werden.

    3. Von hier konnte die Frage nach dem "Wo soll das noch alles hinfhren?" gestellt werden, um Futurformen zu provozieren; dies erwies sich erwartungsgem als nicht leicht, da das Reden ber die Zukunft ungern angenommen wurde. Eher wurde das Gesprch zurckgelenkt auf die heute aufgrund der weniger strengen Erziehung, der wachsenden Mobilitt und des Fernsehens wenig verantwortungsbewuten Kinder, denen das mndliche Wissen der lteren Generation aus Sorge vor Mibrauch nicht mehr weitergegeben wird.

    4. Zu dem mndlichen (Geheim-)Wissen der 'Alten' gehrt auch ein Schatz an magischen Formeln zum Schutz vor unheimlichen Wesen, wie Zombies, Werwlfen, wandelnden Srgen und nchtlich marodierenden Kkenherden. ber solche Themen wird im Alltag oft gesprochen, allerdings selten in Anwesenheit von Fremden. Gelang am Ende ein solches Gesprch, konnte dies heien, da ein gewisser Vertrautheitsgrad erreicht war. Dann enthalten die Aufnahmen Passagen der erinnerten Angst oder Wut, die sich fr die Analyse deshalb besonders gut eignen, weil die Sprecher am ehesten die Aufnahmesituation vergessen und schneller und spontaner sprechen.

    Wenngleich sich die Analyse in erster Linie auf Transliterationen mglichst spontaner gesprochener Sprache sttzt, wurde zustzlich ein bersetzungsfragebogen eingesetzt, um die im Korpus oft langwierige Suche z.B. nach einem ganz bestimmten Verb abzukrzen. In dem Fragebogen sind 42 kleine Gesprchssituationen zusammengefgt, die den Informanten zur bersetzung ins Kreolische vorgelesen wurden. Ein Teil dieser Gesprchssituationen ist mit der Fragebogenarbeit sten Dahls (1985) kompatibel, um die Vergleichbarkeit von Daten mit dem

    werden natrlich auch hier durch die Orientierung an einem Leitfaden vom Explorator im voraus gewhlte Aspekte akzentuiert und andere ausgeblendet".

  • 26

    international bekannten Sample Dahls zu ermglichen. Dieser wurde teils mndlich, teils schriftlich ausgefhrt, wobei interessante Unterschiede festzustellen sind. Bildergeschichten wurden ebenfalls mndlich und schriftlich nacherzhlt. In der Folge nun bevor ich nher auf die Aufnahmesituation eingehe eine bersicht ber das mndliche Korpus in

    1. Karten; die Punkte verweisen auf die Aufnahmeorte und sind meist bezogen auf eine isoliert gelegene Siedlung in der Nhe des genannten Ortes 2. Tabellen der Aufnahmen.

    Martinique

    Franzsisch-Guayana

    A t l a n t i s c h e r

    O z e a n

    0 1000 km

  • 27

    Franzsisch-Guayana

    (Brasilien)

    (Suriname)

    Maripasoula SalSaint-Georges-de-lOyapock

    Tampak

    Ouanary

    RouraRmire

    CayenneSavanne Maya

    KourouSinnamary

    CorossonyIracoubo

    OrganaboMana

    0 300 km

    Martinique

    Lamentin

    Le Fran ois

    Saint-Esprit

    Le Vauclin

    Rivire-Pilote

    Sainte-Marie

    Basse Pointe

    Sch lcherFort-de-France

    30 km0

  • 28

    Aufnahmen von Kreolsprechern aus Franzsisch-Guayana:

    Nr.

    Beruf/ Arbeitsplatz oder Textsorte

    Ort m./ f. Alter

    131 Landwirtin, Krankenschwester

    Savanne Maya f., f. 75 u. 50

    132 Haushlterin (lange Cayenne) Roura f. 70

    133 Landwirtin Sinnamary f. 68

    134 Postangestellte Mana f. 80

    135 arbeitslos Ouanary m. 18

    136 Bcker (Auszubildender) Ouanary m. 17

    137 Landwirt Ouanary m. 60

    138 Landwirtin, Beamtin Ouanary/ Cayenne f., f. 40 u. 43

    139 Landschaftsgrtner Ouanary m. 33

    140 Landwirt Ouanary m. 74

    141 Landwirt Ouanary m. 79

    142 Goldsucher St-Georges m. 82

    143 Maniok/ Landwirt Tampak m. 70

    144 Landwirt St-Georges m. 78

    145 Schulkantine u. Hotelleitung St-Georges f. 50

    146 Landwirt St-Georges m. 68

    147 Elektrotechniker St-Georges m. 22

    148 Krankenschwester Sal f. 74

    149 Elektrotechniker Sal m. 30

    150 Grundschullehrerin (oft Cayenne)

    Sal f. 46

    151 Physikdoktorand/ Lehrer Cayenne/ Sinnamary m., m. 28 u. 34

    152 Verwaltung Kourou/ Cayenne f., f. 27 u. 36

    153 Landwirtin Mana f. 63

    154 Landwirtin Iracoubo f. 64

    155 Jger (Galibi) Organabo m. 55

    156 Landwirt Iracoubo m. 66

    157 Versicherungskaufmann/ Landwirt

    Sinnamary m. 53

    158 Naturheilerin Cayenne f. 70

    159 Krankenpflegerin (lange in Cayenne gelebt)

    Maripasoula f. 39

  • 29

    160 Schler (Mutter Aloukou) Maripasoula m. 15

    Nr.

    Beruf/ Arbeitsplatz oder Textsorte

    Ort m./ f. Alter

    161 Gelegenheitsarbeiter51 Maripasoula m. 36

    162 Fhrmann Roura m. 65

    163 Landwirtin/ Gastronomin Roura f. 70

    164 Landwirtin Makouria f. 75

    165 Landwirtin, Sozialarbeiterin Korossony f., f. 55 u. 38

    166 Viehzchter Korossony m. 76

    167 Landwirte Korossony m., f. 55 u. 57

    168 Schler Cayenne m. ca. 19

    169 Lehrer Cayenne m. 37

    170 Lehrer (Englisch), Doktorand Cayenne (Paris) m. 36

    171 Lehrer Cayenne/ Iracoubo m., m. 29 u. 27

    179 Lehrer Cayenne u. Rmire m., m. 37 u. 27

    180 Politiker Radio Guyane m. 48

    Aufnahmen von Kreolsprechern aus Martinique:

    Nr.

    Beruf/ Arbeitsplatz oder Textsorte

    Ort m./f. Alter

    201 Schlerin Le Lamentin f. 18

    202 Berufsschullehrerin Fort-de-France f. 42

    203 Leiterin Vorschule Le Franois f. 52

    204 Hochrechnungen Rivire-Pilote m. Radio

    205 Interview Fort-de-France m. Radio

    206 Diskussion Fort-de-France m., f. Radio

    207 Brotausfahrer Le Vauclin m. 36

    208 Hochseefischer Le Vauclin m. 33

    209 Mrchen/ Diskussion Schlcher m., f. Podium

    210 Vorschulkinder Josseaud m., f. 4 u. 5

    211 Landwirte Josseaud m., f. 52 u. 73

    212 Fabrik, Schulkche Desmartinires (R.-Pilote) f., f. 60 u. 51

    51 Einwanderer aus Haiti.

  • 30

    213 Landwirt, Universitt, Kulturverwaltung

    Sainte-Marie m., m., f. 70, 45, 38

    Nr.

    Beruf/ Arbeitsplatz oder Textsorte

    Ort m./ f. Alter

    214 Hausfrau Terres-Sainville (F.-de-F.) f. 70

    215 Student (Spanisch) Rive Droite (F.-de-F.) m. 22

    216 Bananengrohndler Abondance (R.-Pilote) m. 38

    217 Mutter Terres-Sainville (F.-de-F.) f. 70

    218 Obstanbau Le Vauclin m. 73

    219 Bananen-Lohnarbeiter Rivire-Pilote m. ca. 50

    220 Postbeamter, Berufsschullehrer

    Saint-Esprit m., m. 61 u. 48

    221 Hochseefischer Le Vauclin m., m. 68 u. 50

    222 Sozialbeamtin Lamentin f. 40

    223 Rentner (ehemaliger Saisonarbeiter)

    Texaco (F.-de-F.) m. 62

    224 Zuckerfabrikarbeiter Le Vauclin m. 73

    225 Mutter (von 13 Kindern) Le Vauclin f. 70

    226 Fabrikarbeiter, Landwirt Basse Pointe m. 72

    227 Fabrikarbeiterin, Landwirtin Basse Pointe f. 68

    228 Gelegenheitsarbeiterin Le Vauclin f. 71

    229 Landwirtin, Schriftsteller Le Franois f., m. 80, 43

    Aufnahmen von Kreolsprechern aus St. Lucia, aufgenommen in Franzsisch-Guayana:

    Nr. Beruf/ Arbeitsplatz oder Textsorte

    Ort m./ f. Alter

    372 Goldsucher Sal m. 77

    373 Goldsucher, Zimmermann Sal m. 79

    374 Goldsucher, Gelegenheitsarbeiter

    Sal m. 59

    375 Goldsucher Maripasoula m. 80

    376 Goldsucher, Landwirt Maripasoula m. 80

    377 Goldsucher Maripasoula m. 70

    378 Goldsucher, Jger Maripasoula m. 98

  • 31

    Aufnahmen: Auswahlkriterien, Schwierigkeiten, Lsungsanstze Zusammenfassend zu den in den Tabellen und Karten vorgestellten Aufnahmen gesprochenen Kreols ist zu betonen, da es das vornehmliche Ziel der Forschungsreise 1995 war, Tonbandaufnahmen von (mglichst) einsprachigen Kreolsprechern vorzunehmen52. In der di- oder triglossischen Situation von Martinique (franzsisch, regionalfranzsisch, kreolisch) und der pluriglossischen Sprachgemeinschaft von Franzsisch-Guayana ist der Gebrauch von nur einer Sprache sehr selten. Daher ist fr die Beschreibung der untersuchten Kreolsprachen ein Sprecher zu bevorzugen, der berwiegend diese Sprache spricht und hrt, der mglichst ein vom Franzsischen entferntes, sog. basilektales Kreol spricht. Vor diesem Hintergrund ergeben sich fnf Kriterien, die bei den meisten der oben aufgelisteten Aufnahmen mageblich sind53:

    1. Kreolisch als hauptschliche Sprache

    2. wenig Kontakt mit anderen Sprachen

    3. schon sehr lange wohnhaft am ausgesuchten Ort

    4. keine oder nur kurze Reisen auerhalb des Landes

    5. deutliche Aussprache (guter Zustand der Zhne)

    Besonders die Kriterien 1 und 5 kollidieren hufig. Eine wichtige zustzliche Frage in Franzsisch-Guayana ist die Frage nach den Eltern: Es erweist sich als uerst schwierig, einen Sprecher zu finden, der keinen martinikanischen Elternteil hat. Die Immigration hat eine starke Tradition seit dem Ausbruch des Vulkans auf Martinique 1902. Die Integration ist zudem problemlos, da die Sprachen gegenseitig sehr gut verstanden werden und das politisch-soziale System hnlich ist (franzsische berseedepartements). Whrend die Menschen in beiden Lndern zuvorkommend und hilfsbereit waren, stie mein Forschungsvorhaben in Einzelfllen auf klare Ablehnung. Mir scheint eine ber einhundert Jahre alte Erluterung des guayanesischen Schriftstellers Alfred Parpou auch heute Erklrungswert 52 Das zweite, weniger wichtige Vorhaben waren Gesprche in geographisch

    voneinander entfernten Orten Franzsisch-Guayanas, da zur dialektalen Verteilung des Kreolischen keine Verffentlichungen vorliegen.

    53 Ein kleinerer Teil der Aufnahmen beugt sich nicht diesen Kriterien; hier war mir eine mglichst groe Variett der Alters-, Berufs- und sozialen Gruppen (sowie fr Franzsisch-Guayana: Unterschiedlichkeit der Muttersprachen) wichtig, um ein entsprechendes Vergleichsmoment innerhalb der Sprache zu erhalten. So lassen sich Varietten oder (mglicherweise) Entwicklungen innerhalb der Sprachen untersuchen.

  • 32

    zu haben. Whrend des elften der insgesamt zwlf Spaziergnge Atipas, des Titelhelden des ersten Romans in kreolischer Sprache (von 1885), unterhlt sich dieser mit Jean Gaillard. Die Rede kommt auf die wibegierigen Weien:

    Il y a un tas de Blancs, commena Atipa, qui ne savent rien de nous ni de Cayenne; [cependant] ils veulent parler de nous et prtendent connatre les affaires du pays mieux que ceux qui y sont ns. Aussi, la plupart d'entre eux sont des menteurs qui n'crivent que des choses fausses.54

    Es herrscht eine tiefgehende Furcht, der Weie komme, bleibe nicht lange, komme nicht mehr wieder und glaube aber, alles verstanden zu haben und heftig kritisieren zu mssen. Dies ist mit dem Begriff menteurs gemeint. Der Verdacht, da die Weien die Kreolen nicht kennen, sich aber gleichwohl im Recht glauben, ber sie zu reden ([ye] pas connaite ni nous, ni Cayenne; y wl pal di nous) trgt mglicherweise zur Ablehnung von Interviews mit einem Weien bei. Eine Schwierigkeit bestand in dem fr die meisten Kreolen ungewohnten Anliegen, das Kreolische als L2 lernen zu wollen. Ich mute oft ungefhr folgende Aussage hren: "Du kannst Kreolisch nicht lernen, denn man mu hier aufwachsen, um Kreolisch zu sprechen. Kreolisch gibt es nur als Muttersprache, verstehst du? Man kann Kreolisch nicht lernen, als Fremder. Man mu damit gro werden, damit leben. Ich kann dir also nicht helfen, es zu lernen, kann dir nichts erzhlen, ... nicht auf kreolisch"55. Sind schlielich Sprecher zur Aufnahme bereit, ist es nicht selten, da uere Strgerusche den Tonmitschnitt technisch unmglich machen, wenn z.B. der Nachbar fernsieht, die Grillen und Frsche ihr lautes Nachtkonzert beginnen oder tropischer Regen fllt. Dieser letzte Faktor ist nicht geringzuschtzen: Durch die Verwendung von Holz und Wellblech u.. als Baumaterialien sind Aufnahmen bei starkem Regenfall unmglich, 54 "Li gain oune tas blangue, coumenc Atipa, qui pas connaite ni nous, ni Cayenne; y

    wl pal di nous, y wl sav zaffai di peyi la, pass a y lombri entr landans. Aussi, pi beaucoup, a ment, a zaffai qui pas vrai, oune so, y ca crit" (1885: 176).

    55 Diese Zusammenhnge kann ich hier nur als dauernden Begleitumstand meiner Arbeit nennen, ohne die Hintergrnde umfassend zu erlutern. Zu diesen gehrt auch die Tatsache, da das Kreolische ganz berwiegend informell gelernt wurde und also ein Erwachsener, der die Sprache erst erlernt, schlicht Staunen hervorruft. Allerdings stie ich mit meinem Vorhaben in Martinique fter auf Mitrauen oder Ablehnung als in Franzsisch-Guayana; die Diskussion um den Status der kreolischen Sprache wird in Martinique lnger auf der politischen Ebene gefhrt als in Franzsisch-Guayana. Der von mir 1995 als entspannter empfundene Umgang mit dem Kreolischen in Franzsisch-Guayana ist mglicherweise auch auf die wichtige Funktion als Verkehrssprache zurckzufhren (nicht so in Martinique).

  • 33

    da die Geruschkulisse enorm ist. So hatte ich speziell in Franzsisch-Guayana ausgesprochenes Glck, da die Regenzeit zunchst ausblieb. Schlielich beteiligen sich Hunde und Hhner und der Wind ebenso an der Unterhaltung wie z.B. auch das zahme Wildschwein, das ich in Sal/ Franzsisch-Guayana kennenlernte. Zum alltglichen Leben gehrt in Franzsisch-Guayana das 'Buschmhen', das aufgrund des durchdringenden Gerusches der Handrasenmher fr Aufnahmen ein erhebliches Problem darstellt. Diesen Problemen standen jedoch auch die Arbeit frdernde Faktoren gegenber. Mein relativ junges Alter erleichterte die Arbeit wesentlich (oft hrte ich: 'Ich habe einen Sohn, der ist wohl so alt wie Sie ...'), ebenso, da ich bei der Arbeit mit 'zupackte' sowie landwirtschaftliche Grundkenntnisse besitze (ber Pflanzzeiten im Zusammenhang mit der Mondwirkung, aber vor allem praktische Kenntnisse im Reparieren von Werkzeugen und Einfangen von Federvieh). Wichtigster arbeitserleichternder Faktor war immer die Zeit, d.h. die Mglichkeit, Vertrauen zu gewinnen: Die Menschen, mit denen ich Gelegenheit hatte, hufiger zusammenzuarbeiten, sahen mich nicht mehr so sehr als Fremden. Bei Gesprchen mit lteren Informanten war es hilfreich, wenn jngere Leute dabei waren, da sie schneller Vertrauen aufbauen und vermitteln konnten56. Bei einem Treffen mit einem Bewohner Rouras (Guayana) z.B. dauerte es sehr lange, bis es zu einem lockeren Gesprch kam. Der Informant wollte die Kontaktperson nicht verrgern, wollte aber auch nicht mit mir sprechen; deshalb erzhlte er mir offensichtliche Fiktionen: "Frher waren wir alle nackt, die Frauen, die Kinder, die Hunde, die Hhner: alle nackt, selbst der Brgermeister ...". In manchen Fllen kamen ein Mann oder eine Frau mittleren Alters hinzu und sprten, da das Gesprch stockend lief, versuchten daraufhin einzugreifen und zerstrten aber durch die Bevormundung der lteren Person oft das gerade im Entstehen begriffene Vertrauen. Dennoch waren es oftmals diejenigen Begegnungen, die anfangs von besonders starkem Mitrauen geprgt waren, die schlielich zu guten Gesprchen fhrten. So gewann ich einen freundschaftlichen Kontakt zu einem Informanten, der vor mir erst zwei Weien Zutritt in sein Haus gewhrt hatte und dies in den vergangenen 35 Jahren57. Den Informanten bin ich zu groem Dank verpflichtet, da

    56 Manchen lteren Informanten erschien es z.B. befremdlich, da ich gegen die

    Gewohnheit des Landes whrend eines Gesprchs Dinge notierte; dies war fr die jngeren Gesprchspartner 'normal'.

    57 Bei beiden handelte es sich um Jazzmusiker.

  • 34

    mich alle Gastgeber trotz ihres anfnglichen Mitrauens immer sehr zuvorkommend behandelten. Nun zu den Mglichkeiten und Grenzen der Fragebogentechnik. Die Fragebogentechnik ist fr die Untersuchung stigmatisierter, kaum kodifizierter Sprachen wie der meisten Kreolsprachen m.E. nur bedingt einsetzbar. Diese Bedenken formuliert z.B. der Autor der 66 Seiten umfassenden kritischen Lektre der Syntaxe de l'hatien Claire Lefebvres (et al.), Yves Dejean (1982: 10), sehr klar: "Sauf dans les cas les plus vidents et les plus lmentaires, la plupart des questions relatives la langue maternelle provoquent chez le locuteur moyen une raction d'embarras, de trouble, d'incertitude, d'inscurit linguistique et de dsarroi". Dejean weist vor allem auf die Gefahren der Informantenbefragung anhand kontext-entbundener Stze hin: "On dirait que le seul fait d'tre interrog dans un domaine qui ne fait d'ordinaire pas l'objet de ses rflexions et qui semble simple et vident le porte ne pas y voir clair, lui embrouille les ides, lui fait perdre sa scurit linguistique, diminue sa facult de juger les noncs de sa langue, lui enlve sa facilit de jugement habituelle sur la possibilit ou l'impossibilit de certains noncs" (1982: 10)58. Diese von Yves Dejean beschriebene Gefahr der Verwirrung der Sprecher durch Fragen zur Grammatikalitt (ja/ nein) von vorgelegten Beispielen kann gemindert werden, wenn Stze mit Kontext zur bersetzung vorgelegt werden59.

    58 Zur berprfung dieser Probleme hatte ich fr die die Forschungsreise 1995

    vorbereitenden Kurzreisen zu in Sdfrankreich studierenden Kreolen bereits einen kleinen Fragebogen zusammengestellt, der Aussagemuster enthielt, die den analysierten Korpusbeispielen strukturell verwandt sind; whrend der Reise bemhte ich mich, mit mglichst vielen Muttersprachlern zu sprechen, um so eine bessere Grundlage zu schaffen.

    59 Auch zu diesem Vorgehen sind Einwnde zu bedenken: Die Sprecher knnten dazu neigen, nicht spontan, sondern aufgrund erlernter Analogien zu bersetzen (vom Typ pass compos = Nullmarkierung im Martiniquekreol). Um diese Analogien zu vermeiden, schlagen etwa sten Dahl und Kate Howe die Darbietung der Verben im Infinitiv vor. Diese Anregung nahm ich auf, sie stellte sich jedoch als nicht sehr hilfreich heraus, da die Sprecher beim Lesen des Franzsischen sofort die flektierte Verbalform einsetzten. Manche Ergebnisse Dahls sind m.E. deshalb heterogen, weil die Ausgangsstze durch den fehlenden Konte