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Leseprobe Handbuch "Nachhaltiges Veranstaltungsmanagement mt Strategie"

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Text of Leseprobe Handbuch "Nachhaltiges Veranstaltungsmanagement mt Strategie"

  • Stellenwert und Relevanz

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    1. Eine Einfhrung in das Thema

    Nachhaltigkeit ist der respektvolle und wert-schtzende Umgang mit allem was ist.

    1.1 Stellenwert und Relevanz nachhaltiger Veranstaltungen

    Klimaschutz ist heute aus Politik und Gesellschaft nicht mehr wegzu-denken. Die Bundesregierung hat erst krzlich ein Klimaaktions-programm verabschiedet, um zustzlich zwischen 62 und 78 Millio-nen Tonnen CO2 einzusparen. Das ist notwendig, damit Deutschland seine Klimaziele, bis 2020 den Aussto von Treibhausgasen um 40 Prozent gegenber 1990 zu verringern, erreicht. Diese Tatsache fordert jede Branche auf, sich um dieses Thema zu kmmern, auch die Veranstaltungsbranche, die per se fr intensiven Energie- und Ressourcenverbrauch steht.

    Auch die aktuellen Zahlen des Meeting- und Eventbarometers 2014 machen deutlich, dass es existentiell wichtig ist, die nachhaltige Entwicklung des Veranstaltungsmarkts in Deutschland voran-zutreiben: 2013 zhlten die Veranstaltungssttten ber 3 Millionen Tagungen, Kongresse und Events mit 371 Millionen Teilnehmern, zudem stieg die Zahl der internationalen Gste weiter an.

    Auf nationalen wie internationalen Konferenzen befassen sich Initiativen und Gremien mit diesem Thema. Die Fachpresse berichtet regelmig ber Green Meetings, das GCB German Convention Bureau initiiert 2015 bereits die 3. greenmeetings & events Fach-konferenz. Und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hat 2012 und 2013 fr rund 340 Veranstaltungsplaner die Weiterbildung zum Nachhaltigkeitsberater in der Veranstaltungsbranche gefrdert. Die vom GCB organisierten Seminare finden im Nachhaltigkeitsberater 2.0 ihre Fortsetzung.

  • Stellenwert und Relevanz

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    Diese ffentliche Auseinandersetzung zeigt, die Branche bezieht Stellung und ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Denn jede Art von Veranstaltungen belasten Klima und Umwelt, es werden natr-liche Ressourcen verbraucht und vielerorts sogar verschwendet. Aus diesem Bewusstsein heraus entwickelt sich in Deutschland aktuell eine nachhaltige Eventkultur.

    Mittlerweile ist es Standard, das Veranstaltungsticket der Deutschen Bahn in einer Konferenzgebhr zu integrieren sowie Informationen zu kommunizieren, wie der Veranstaltungsort vom Bahnhof mit dem ffentlichen Nahverkehr zu erreichen ist. Das Gleiche gilt fr die webgesttzte Teilnehmerregistrierung sowie mobile Event-Apps, die die Teilnehmer mit allen veranstaltungsbezogenen Informationen versorgen. So knnen auch kurzfristige Programmnderungen ohne die bliche Papierflut schnell und nachhaltig beim Teilnehmer ankommen.

    Die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeit in der MICE-Branche zeigt sich auch in den vielfltigen Aus- und Fortbildungs-initiativen sowie Studiengngen, die um dieses Thema erweitert bzw. neu entwickelt worden sind. Fr zuknftige Berufseinsteiger wird es daher fast schon selbstverstndlich sein, eine nachhaltige Veranstal-tung zu konzipieren und durchzufhren.

    Eine der wichtigsten Branchenstudien fr den deutschen Tagungs-markt, das Meeting- & Eventbarometer, beauftragt vom EVVC Europischer Verband der Veranstaltungs-Centren e.V., GCB German Convention Bureau e.V. und der DZT Deutschen Zentrale fr Tourismus e.V. kommt 2014 zu dem Ergebnis, dass 82% der Anbieter und 66 % der Veranstalter meinen, dass nachhaltige Komponenten in der Veranstaltungsorganisation zunehmend wichtiger werden. Auch die Kernergebnisse der vierten Otto Group Trendstudie 2013 zum ethischen Konsum Lebensqualitt Kon-sumethik zwischen persnlichem Vorteil und sozialer Verantwor-tung liefern wertvolle Erkenntnisse fr den Kongress- und Verans-taltungsmarkt: Immer mehr Verbraucher kaufen Waren und Dienst-

  • Stellenwert und Relevanz

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    leistungen auch nach ethischen Kriterien ein, sagt Prof. Peter Wip-permann, Grnder des Hamburger Trendbros. Erstmals geben mehr als die Hlfte der Verbraucher (56 Prozent) an, hufig Produkte zu kaufen, die ethisch korrekt hergestellt sind. Dabei hat sich der Wert in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt. Bezieht man dieses Ergebnis auf die MICE-Branche, dann heit das konkret, dass zuknftig Anbieter und Veranstalter bevorzugt ausgewhlt werden, die ethisch und fair handeln und dies glaubhaft kommunizieren und dokumentieren knnen.

    Doch es gibt berraschenderweise auch andere Ergebnisse: Die degefest-Trendstudie 2013 unter der Leitung von Prof. Dr. Jerzy Jaworski Hochschule Heilbronn, kommt bei der Frage nach dem Stellenwert von Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsplanung zu folgendem Ergebnis: im Jahr 2008 stuften noch 62,4% der Befragten das Thema als wichtig ein, 2013 waren es deutlich weniger, nur noch 42,2%. Diese rcklufige Tendenz widerspricht der scheinbar hohen Bedeutung des Themas in der ffentlichkeit und spiegelt die Hete-rogenitt der Branche in Meinung und Haltung wider.

    Bei der Frage, wie hoch der Wissensstand in Sachen Nachhaltigkeit ist, bekennen in der gleichen Studie mehr als die Hlfte der Befrag-ten, nur eine allgemeine Vorstellung von diesem Thema zu haben. Auerdem fehlen konkrete Checklisten (20,8%) und eine bersicht ber nachhaltig agierende Partner und Lieferanten (17,5%). Auch im amiando Green Events Report 2013 gaben 30% der Befragten an, dass sie hauptschlich das fehlende Know-how daran hindert, eine Veranstaltung nachhaltig zu organisieren, gefolgt von aus Budget-grnden (24%) und zu groer zustzlicher Zeitaufwand (19%). 20% geben sogar gar keine Grnde an.

    Diese Ergebnisse zeigen, wie gro immer noch die Wissenslcken sind und daraus resultierend die Hemmschwelle ist, sich diesem Thema zu nhern.

  • Nachhaltigkeitsbegriff

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    Auch wenn es sich auf den ersten Blick nicht immer zu lohnen scheint, Veranstaltungen umweltgerecht und klimafreundlich durch-zufhren, Nachhaltigkeit steht ganz oben auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda. Vor dieser Tatsache sollte sich die MICE-Branche nicht verschlieen. Das Thema wird nicht einfach verschwin-den und es ist auch kein Trend, der mal aktuell ist und dann wieder nicht. Alle Akteure, die das verstehen und sich so aufstellen, dass nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Lieferkette nachhaltig agiert, werden zuknftig die Nase vorne haben, die Entwicklung mageblich mitbestimmen und wirtschaftlich erfolgreicher sein als andere.

    1.2 Die Entstehung des modernen Nachhaltig-keitsbegriffs eine historische Betrachtung

    Ein Begriff macht Karriere Alle Welt spricht von Nachhaltigkeit, viele knnen es schon nicht mehr hren, da pltzlich alles nachhaltig werden soll ob der Erfolg eines Stromkonzerns oder die Aktien einer Bank. Je konturenloser der Begriff desto grer ist die Verwirrung. Doch woher stammt der Begriff berhaupt? Erfunden wurde er in Sachsen 1713 vom Oberberghauptmann am kurschsischen Hof in Freiberg Hans Carl von Carlowitz. Nachhal-ten ist ein Kind der damaligen Holzkrise. Lang anhaltender Raubbau an den Wldern hatte die Reserven des wichtigsten Energietrgers auf ein Minimum schrumpfen lassen. Der kurschsische Silberberg-bau mit seinen holzfressenden Schmelzfen war besonders von diesem einreissenden Holzmangel betroffen. In seinem Werk Sylvicultura oeconomica oder Hauwirthliche Nachricht und Naturmige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht verffentlichte Carlowitz die Bilanz seiner Studien und seiner Lebenserfahrung. Darin forderte er die nachhaltende Nutzung der Wlder, weil sonst das Land in seinem Esse also in seinem Sein

  • Nachhaltigkeitsbegriff

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    bedroht sei. Als Erster beschreibt er die Notwendigkeit der Regene-rationsfhigkeit eines Systems: es darf nur so viel Holz entnommen werden, wie nachwachsen kann. Er argumentiert im Interesse des gemeinen Wesens, der Allgemeinheit, und der lieben Posteritt, also der zuknftigen Generationen und kritisiert das auf kurzfristi-gen finanziellen Gewinn, auf Geld lsen, ausgerichtete Denken seiner Zeit. Mit erstaunlicher Klarheit verdeutlicht Carlowitz die Beziehung zwischen konomie und kologie. Nicht der Markt und die Nach-frage drften den Verbrauch bestimmen, sondern wieder wachsen, das Nachwachsen des jungen Holzes. Die Consumtion des Holtzes msse sich im Rahmen dessen bewegen, was der Wald-Raum zu zeugen und zu tragen vermag. Und schlielich forderte er die behutsame Einbettung der menschlichen konomie in mater natura, Mutter Natur. Der Mensch drfe niemals wider die Natur handeln, sondern msse stets mit ihr agiren. Die continuirliche bestndige und nachhaltende Nutzung des Holzes ist eine unent-behrliche Sache (vgl. CARL VON CARLOWITZ /HAMBERGER 2013) Auch wenn diese barocke Sprache fr unsere heutigen Ohren etwas ungelenk klingt seine Postulate, vor etwas mehr als 300 Jahren aufgeschrieben, sind aktueller denn je. Wieder ist Nachhaltigkeit ein Kind der Krise, der globalen Klimakrise. Wieder geht es hufig um den schnellen Euro zu Lasten unserer ko- und Sozialsysteme. Doch wie kam die Nachhaltigkeit aus Sachsen in die Welt nach England, Frankreich und in die USA? ber die deutschen Forst-akademien! Ins Franzsische bersetzte man den Begriff mit rende-ment soutenu, ins Englische mit sustained yield forestry. In dieser Fassung kam er schon 1951 zu den Vereinten Nationen, nmlich in das Forstprogramm der FAO, der Welternhrungsorganisation. Die nachhaltende Nutzung aus der Forstwirtschaft liefert also die Vorlage fr unseren heutigen modernen, erweiterten Begriff der Nachhaltigkeit. Er bezeichnet, dass etwas tragfhig und auf Dauer angelegt ist und spiegelt das menschliche Grundbedrfnis nach

  • Definitionen

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    Alle Definitionen haben wichtige Bestandteile. Aber keine der bis-herigen Definitionen beinhalten alle aus unserer Sicht wichtigen Punkte. Deshalb haben wir eine eigene Definition formuliert. Sie lautet wie folgt:

    Die Organisation und Umsetzung von nachhaltigen Ver-anstaltungen umfasst die ganzheitliche und ausgewogene Betrachtung