Selbsthilfe 01_2012

  • View
    222

  • Download
    0

Embed Size (px)

DESCRIPTION

Zeitung des Verbandes Angehöriger und Freunde psychisch Kranker, Bozen

Text of Selbsthilfe 01_2012

  • SELBSTHILFE

    Verband Angehriger und Freunde psychisch Kranker

    Poste Italiane Spa - Spedizione in abbo-namento postale - D.L. 353/2003 (Conv: in L. 27/02/2004, n. 46) art. 1, comma 2, DCB Bolzano Reg. 3.7.1995, n. 17/95, Nr. 1/2012

    Kinder-undJugend- psychiatrieinsdtirol

    mitgliederversammlung desverbandes

  • SELBSTHILFE

    IMPRESSUM

    Dritteljhrliche Informationsschrift des Verbandes Angehriger und Freunde psychisch Kranker

    Eintragung beim Tribunal Bozen: Nr. 17/95 R. St. vom 3.7.1995

    Herausgeber:Verband Angehriger und Freunde psychisch KrankerG.-Galilei-Str. 4/a39100 BozenTel. 0471 260 303 Fax 0471 408 687info@selbsthilfe.itwww.selbsthilfe.it

    Verantwortlich fr den Inhalt:Prof. Carla Leverato

    Redaktion:Martin Achmller, Margot Gojer, Lorena Gavillucci, Laura Kob, Carla Leverato;

    bersetzung:Martin Achmller, Margot Gojer, Klaudia Klammer, Carla Leverato, Carmen Premstaller;

    Bilder:Archiv, Martin Achmller, Edith Bertol, Margot Gojer, Carmen Premstaller;

    Layout:Carmen Premstaller

    Druck:Karo Druck, Frangart

    Die Redaktion dankt allen, die durch verschiedene Beitrge zur Verffentlichung dieser Ausgabe beigetragen haben. Sie behlt sich das Recht vor, Krzungen an den Texten vorzunehmen.

    Inhaltsverzeichnis

    Editorial

    Normalund/oderverrckt?

    Kinder-undJugendpsychiatrieinSdtirol

    Dr.VeraNicolussi-Leck- neueKinder-undJugendanwltin

    DiedreigrtenHerausforderungen andiezuknftigeKinderpsychiatrie

    PsychischeErkrankungen imschulpflichtigenAlter

    ZinardsGeschichte

    MitgliederversammlungdesVerbandes2012

    EinWendepunkt

    Projekt:Selbstndigwohnen

    KostenloseBentzungderffentlichenVerkehrs- mittelfrZivilinvalidenab74%

    GrundsteinfrpsychiatrischesRehabilitations- zentruminBozengelegt

    Erffnung:AmbulatoriumfrAllgemeine PsychiatrieundLiaisons-Psychiatrie

    Seite3

    Seite4

    Seite6

    Seite7

    Seite8

    Seite9

    Seite10

    Seite12

    Seite13

    Seite14

    Seite15

    Seite16

    Seite16

    gefrdert von der Stadtgemeinde Bozen

    gefrdert von der

  • EDITORIAL

    Liebe Leserinnen und Leser!Carla Leverato

    a ls ich von Kindern mit einer psychischen Strung sprach, sagte eine Frau zu mir, sie kenne eine Mutter mit einem autistischen Kind. Und sie fgte hinzu: Ich frage sie nie nach ihrem Sohn, um sie nicht in Ver-legenheit zu bringen.

    Ich fand es sehr traurig, dass sie nicht merkte, dass eigentlich nur sie selbst verlegen war, dass es nur ihr selbst peinlich war und dass das, was sie irrtmlicherweise fr gute Bildung hielt, die Mutter noch einsamer machte und ihr das Gefhl gab, eine psychische Strung wre wirklich et-was, wofr man sich schmen msse.

    Der Schmerz, wenn ein Familienmit-glied an einer psychischen Erkran-kung oder Strung leidet, ist gro ganz besonders, wenn ein Kind da-von betroffen ist.

    Wenn es sich um eine andere schwe-re Erkrankung handelt, zeigen sich alle solidarisch und verstndnisvoll

    und bieten ihre Hilfe an. Wenn die Diagnose jedoch psychische Erkran-kung lautet, werden die Eltern oft in ihrer Verzweiflung allein gelassen. Mit (fast) niemandem knnen sie reden, sich ffnen, Verstndnis und Trost suchen.

    Gegen diese Diskriminierung, diese Ausgrenzung kmpft der Verband seit vielen Jahren.

    Bei einem solchen oder hnlichen Schicksalsschlag ist der emotionale Ablauf, der in einem vorgeht, mehr oder weniger vorprogrammiert:Vom gefhlsmigen Durcheinander (ich wei nicht mehr, was ich tue, ich vergesse alles) zur Wut auf alles und jeden, einschlielich auf jene, die gar nichts damit zu tun haben; von Schuldgefhlen (was habe ich blo getan, womit hab ich das verdient? Klar, ich war keine gute Mutter, wa-rum ist mir nicht schon frher etwas aufgefallen?) ber Angst (Wer wei, was passieren wird? Wie sehr wird mein Kind leiden mssen? Es wird nie so sein wie die anderen.) zur Ein-samkeit (Niemand versteht mich. Nie-mand wei, wie sehr ich leide.) von Traurigkeit (nichts interessiert mich mehr) zum Gefhl von Leere und Verzweiflung (auch die gesunden Fa-milienmitglieder werden zu Gegnern oder zumindest zum Hindernis, weil sie Zeit und Energie stehlen, die ich fr das Kind brauche) und manchmal auch zu Depressionen. Verzweifelt sucht man nach Erklrungen bis man allmhlich die Erkrankung und die Situation akzeptiert.

    Der Weg dorthin ist schwer, insbeson-dere wenn die Hilfe der anderen fehlt.

    Hilfe bestehend aus Zuhren, Mut machen, aber auch aus alltglicher, konkreter Untersttzung, wie bei-spielsweise Ich bleibe ein wenig bei deinem Kind, geh du in Ruhe einkau-fen., oder Bring es zu mir nach Hau-se, dann kann es mit meinen Kindern spielen., u. .

    Etwas, was wir alle tun knnen, ist zum einen richtige Informationen zu verbreiten und zum anderen mit gutem Beispiel im Sinne der Solidari-tt vorangehen. Wahrscheinlich sind das sogar die besten Hilfen.

    Und dann gibt es noch die Selbst- hilfe, bei der wir an uns selbst arbei-ten, um etwas zu verndern. In der Geschichte von Zinard stoen wir auf ein Beispiel einer Mutter, die sich nicht scheute, zu handeln. Sie hat sich so-fort bei den rzten alle notwendigen Informationen ber die Prognose, die Symptome, die Behandlungs- mglichkeiten, die Medikamente, den Umgang besorgt. Sie hat verstanden, dass auch die Mitschler und deren Eltern und die Lehrpersonen dar-ber Bescheid wissen mssen, um ihre ngste und ihre Verlegenheit zu ber-winden, um zu wissen, was passieren knnte und was zu tun wre. Und alle standen schlussendlich hinter ihr.

    Aber natrlich brauchte auch sie an-fangs Hilfe, um sich ihrer Gefhle klar zu werden. Nur so war sie auch in der Lage, die der anderen zu verstehen. Versuchen auch wir, eine so verzwei-felte, betroffene Familie niemals allein zu lassen, schenken wir ihnen unsere Solidaritt, alle gemeinsam gegen das Stigma.

  • SELBSTHILFE

    a ls ich Kind war, in Deutschland vor etwa einem halben Jahrhun-dert, haben sich die Jungens zu Kar-neval gern als Cowboys und Indianer verkleidet. Getreu dem damals unangefoch-tenen amerikanischen Film- und Fern-sehmonopol waren die Cowboys die Guten und meistens Siegreichen, die Indianer die Bsen und mei-stens Verlierer; natrlich wollten die meisten unter uns lieber bei den Guten sein. Unter den Bleich-gesichtern gab es aber auch noch mal eine Zweiteilung zwischen den guten und gesetzestreuen Sheriffs und den bsen, Regeln missachtenden Ban-diten; seltsamerwei-se hatten hier die schwarzen ver-m u m m e n d e n H a l s t c h e r der Bsen eine weit-aus gre-re Anzie-hungskraft als der blanke Sheriffstern der Ord-nungshter.

    Heutzutage meine ich manchmal, in meiner psychiatrischen Ar-beits- und brgerlichen Lebenswelt hnliches zu sehen: Die meisten Menschen halten sich fr normal; wer besonders sein will, sorgt dafr, als cool, geil, hip oder trendy aufzuscheinen, keineswegs aber als verrckt. Denn den im me-dizinischen Sinn Verrckten haftet weiterhin etwas Unheimliches an; der Begriff gilt als Unwort, das zwar allent-halben kursiert, aber von niemandem hinterfragt werden will.

    So gibt es doch noch kategorische Grenzen oder Klassenunterschiede in

    unserer offiziellen und inklusiv sein wollenden Es ist normal, anders zu sein-Gesellschaft.Gleichzeitig und paradoxerweise erle-ben wir aber als Kinder der Demokra-tie und Nutznieer der freiheitlichen Selbstbestimmung und -verwirkli-chung jedes Ermahnen zum Einhal-ten von Regeln als lstig, unbeliebt, altvterlich. Das reizt vor allem zu

    Protest und erst recht zu gewisser-maen emanzipatorischer Regel-

    berschreitung. Umsicht, Rcksicht, daraus

    resultierende Zurckhal-tung oder gar Verzicht sind

    vielleicht in politischen Reden in, in der All-

    tagspraxis aber out: Wenn es ums Eigene

    und die familire privacy geht,

    dann ist kein Gesetz, keine

    Regel, kein S t a n d a r d tolerant ge-nug: Ich bin

    ich. Die Ge-sellschaft? Kann

    mich mal! Mein Leben gehrt mir, mein Bauch, meine Ansprche.

    So scheint den meisten Mitmenschen dieser Spagat zwischen ganz normal und unver-gleichlich einzigartig zu gelingen, ohne sie daran zu hindern wei-ter an einem Denken in scheinbar unverrck-

    baren Gegenstzen festzuhalten: Normal Verrckt, Gesund Krank, Richtig Falsch, Gut - Schlecht, So wie wir Anders als wir sind Denk-schablonen, die unser alltgliches Leben und Erleben und den mit-menschlichen Umgang nachwievor prgen. Dabei wissen wir alle, dass dieses Denken und Fhlen oft allzu einfach ist, dass es sehr wohl fr die-

    Normal und/oder verrckt?Mitmenschliche Reflexionen zum Phnomen des psychischen KrankensIngo Stermann

    ACHTUNGDENKFALLEN

  • SELBSTHILFE

    se Gegensatzpaare Zwischenformen, bergnge, Gemeinsamkeiten und dritte Wege gibt:

    zwischen richtig und falsch kann es Perspektiven geben, die scheinbare Widersprche auf einer hheren Sinnebene auflsen und als sich ergn-zende Komponenten aufschei-nen lassen;

    ein schlechtes Ergebnis kann immer noch das am wenigsten katastrophale sein, whrend ein zunchst guter Ausgang Sptfolgen oder Nebeneffekte zeitigen kann, die niemand ak-zeptiert htte, wenn man nur gengend umsichtig und vo-rausschauend gewesen wre;

    ein Kranker weckt Bewun-derung fr die Zuversicht und Kunst, mit denen er sein Schicksal annimmt, gestaltet und meistert, und ein Gesun-der erntet Verachtung, weil er seine Talente unentwickelt ver-kmmern lsst und sein Leben vergeudet;

    Wer diese Art zu denken, diese bung in zuversichtlicher Geduld, mitmenschlicher Demut und Toleranz besonders entfaltet, sind - wenn auch erzwungenermaen - Menschen mit psychiatrischer Lebenserfahrung, so-wohl die selber Betroffenen als auch Angehrige und Freunde: Auf eine besondere Weise haben sie die bittere Wahrheit erfahren, dass man wirklich nur das zu schtzen wei, was man einmal verloren h