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9.1 Dekubitusprophylaxe 9.1.1 Grundlagen Denition: Ein Dekubitus (lat. Druckgeschwür, auch Dekubital-Ulkus, Wundliegen) ist eine durch länger anhaltenden Druck (Druck mal Zeit) entstan- dene Schädigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes(DNQP 2002). Häugkeit Das Dekubitusvorkommen bei Pegebedürftigen mit der Pegestufe 1 liegt in Ham- burg bei 3 %. Es nimmt bei den Schwerstpegebedürftigen mit der Pegestufe 3 auf bis zu 20 % zu. Ein Dekubitus als Todesursache wurde 1999 in der BRD bei 229 Perso- nen registriert; das entspricht 27 von 100000 Todesfällen (Robert-Koch-Institut 2002). Ursachen Druck. Ein über längere Zeit anhaltender Druck auf die Blutgefäße des betroenen Gewebes führt zu einer Mangeldurchblutung (Ischämie) und Unterversorgung mit Sauerstound Nährstoen. Gefährdet sind vor allem die Körperpartien, die ohne oder nur mit geringer Muskelpolsterung einem Knochen anliegen (Abb. 9.1). Scherkräfte. Scherkräfte entstehen beim Verschieben von Hautschichten. Die Oberhaut der Betroenen verschiebt sich z.B. beim Herunterrutschen oder Hoch- ziehen im Bett oder Stuhl in Richtung der Bewegung, während die darunterliegen- den Hautschichten diese Bewegung nicht mitmachen. Durch eine Verdrillung der Blutgefäße, die die Blutzirkulation unterbindet, entstehen Verletzungen, die an der Oberäche zunächst nicht sichtbar sind (IGAP 2004). Abb. 9.1 Dekubitusgefährdete Stellen. Besonders gefährdete Stellen bei verschiedenen Positionen. Hinter- haupt- knochen Schulter- blätter Kreuz- bein Fersen Dorn- fortsätze Fuß- spitzen Ellenbogen Brustbein Jochbein Schultergelenke Ohrmuschel Jochbein Hinterhaupt Schulterblatt Dornfortsätze Ellenbogen großer Rollhügel seitliche Knöchel Kniegelenk Wadenbein Rippen Darmbein- stachel Knie- scheibe Sitzbein- höcker Fersen d im Sitzen b Bauchlage a Rückenlage c 90 ° Seitenlage Stirn Kennzeichen & anhaltende Rötung der Haut, die z.B. nach Lagewechsel nicht vergeht Fingertest. Hiermit kann ein beginnender Dekubitus von einer vorübergehenden Rötung unterschieden werden. Die Pegende drückt dazu mit der Fingerkuppe in die Mitte der Rötung. Bleibt die Haut da, wo der Finger auag, gerötet und wird 9.1 Dekubitusprophylaxe 117 9 aus: EXPRESS Pegewissen, Altenpege (ISBN 9783131498311) 2009 Georg Thieme Verlag KG

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  • 9.1 Dekubitusprophylaxe

    9.1.1 Grundlagen

    Definition: Ein Dekubitus (lat. Druckgeschwr, auch Dekubital-Ulkus,Wundliegen) ist eine durch lnger anhaltenden Druck (Druck mal Zeit) entstan-dene Schdigung der Haut und des darunterliegenden Gewebes (DNQP 2002).

    HufigkeitDas Dekubitusvorkommen bei Pflegebedrftigen mit der Pflegestufe 1 liegt in Ham-burg bei 3%. Es nimmt bei den Schwerstpflegebedrftigen mit der Pflegestufe 3 aufbis zu 20% zu. Ein Dekubitus als Todesursache wurde 1999 in der BRD bei 229 Perso-nen registriert; das entspricht 27 von 100000 Todesfllen (Robert-Koch-Institut2002).

    UrsachenDruck. Ein ber lngere Zeit anhaltender Druck auf die Blutgefe des betroffenenGewebes fhrt zu einer Mangeldurchblutung (Ischmie) und Unterversorgung mitSauerstoff und Nhrstoffen. Gefhrdet sind vor allem die Krperpartien, die ohneoder nur mit geringer Muskelpolsterung einem Knochen anliegen (Abb. 9.1).

    Scherkrfte. Scherkrfte entstehen beim Verschieben von Hautschichten. DieOberhaut der Betroffenen verschiebt sich z.B. beim Herunterrutschen oder Hoch-ziehen im Bett oder Stuhl in Richtung der Bewegung, whrend die darunterliegen-den Hautschichten diese Bewegung nicht mitmachen. Durch eine Verdrillung derBlutgefe, die die Blutzirkulation unterbindet, entstehen Verletzungen, die an derOberflche zunchst nicht sichtbar sind (IGAP 2004).

    Abb. 9.1 Dekubitusgefhrdete Stellen. Besonders gefhrdete Stellen bei verschiedenenPositionen.

    Hinter-haupt-knochen

    Schulter-bltter

    Kreuz-bein

    Fersen

    Dorn-fortstze

    Fu-spitzen

    Ellenbogen

    Brustbein

    Jochbein

    Schultergelenke

    Ohrmuschel

    Jochbein Hinterhaupt

    Schulterblatt

    Dornfortstze

    Ellenbogen

    groerRollhgel

    seitlicheKnchel

    Kniegelenk

    Wadenbein

    Rippen

    Darmbein-stachel

    Knie-scheibe

    Sitzbein-hckerFersen

    d im Sitzenb Bauchlagea Rckenlage c 90 Seitenlage

    Stirn

    Kennzeichen& anhaltende Rtung der Haut, die z.B. nach Lagewechsel nicht vergeht

    Fingertest. Hiermit kann ein beginnender Dekubitus von einer vorbergehendenRtung unterschieden werden. Die Pflegende drckt dazu mit der Fingerkuppe indie Mitte der Rtung. Bleibt die Haut da, wo der Finger auflag, gertet und wird

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    aus: EXPRESS Pflegewissen, Altenpflege (ISBN 9783131498311) 2009 Georg Thieme Verlag KG

  • nicht wei, ist der Test positiv und es liegt ein Dekubitus 1. Grades (Abb. 9.2) vor(Schrder 2004).

    Nationaler Expertenstandard DekubitusprophylaxeDer nationale Expertenstandard Dekubitusprophylaxe ist ein Instrument der Pflege,um verbindliche und auf ihreWirksamkeit hin berprfte (evidenzbasierte) Manah-men und Interventionen anzuwenden und einzusetzen. In der Dekubitusprophylaxeweist der nationale Expertenstandard der Druckreduzierung, der Bewegungsfrde-rung und der Kontinuitt der prophylaktischen Manahmen eine herausragendeBedeutung zu.

    Risikofaktoren& trockene, dnne und unelastische Haut, Immobilitt, hohes Gewicht, Kachexie& Durchblutungsstrungen, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, Inkontinenz& starkes Schwitzen, hohes Fieber, erhhter Gewebedruck (z.B. bei demen)& Diabetes, Anmie, multiple Sklerose, onkologische Erkrankungen

    Stadien des Dekubitus1. Stadium.& deutliche, anhaltende Hautrtung bei intakter Haut& Hautrtung, die sich auch durch den Fingertest nicht wegdrcken lsst

    Abb. 9.2 Dekubitusstadien. Die 4 Stadien und ihre Kennzeichen.

    Rtung

    umschriebene, persistierende Rtung kein Hautdefekt

    Schdigung von Epidermis und Dermis ggf. Blasenbildung nssender Hautdefekt

    Schdigung von Epidermis, Dermis und Subkutis Nekrosenbildung ggf. Ausbildung von Wundtaschen

    wie Grad III zustzlich Schdigung von Muskeln, Sehnen und Knochen ggf. septische Komplikationen

    Epider-mis

    Dermis

    Subkutis

    Musku-latur

    Knochen

    Grad I

    Grad II

    Grad III

    Grad IV

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  • 2. Stadium.& oberflchlicher Hautdefekt, evtl. mit Blasenbildung& nach dem Aufplatzen der Blase schmerzhafte und infektanfllige Hautlsion

    3. Stadium.& Defekt aller Hautschichten und Nekrose des subkutanen Gewebes& Geschwrbildung, blutig dunkelblau verfrbtes Hautareal

    4. Stadium.& Defekt aller Hautschichten, blauschwarze trockene/nssende Schdigung& bis auf die Knochen reichende, infizierte und entzndete Wunde& evtl. Mitbeteiligung von Muskeln, Sehnen, Knochen und/oder Gelenken

    AssessmentinstrumenteZur systematischen Beurteilung des Dekubitusrisikos ist die Einschtzung durch einAssessmentinstrument zu empfehlen (DNQP 2002). Die Braden Skala bercksich-tigt die in der Pflege alter Menschen hufig problembehaftete Ernhrung sowiedas Auftreten von Reibung und Scherkrften bei Lagerungswechsel und Transfer(Abb. 9.3).

    Die Punktwerte werden i.d. R. in der Langzeitpflege einmal wchentlich kontrol-liert. Liegen jedoch besondere Erkrankungen oder Vernderungen beim Betroffe-nen vor, muss umgehend eine neue Einschtzung und eine Anpassung der geplan-ten Manahmen vorgenommen werden.

    Pflegeziele1. Dekubitusgefhrdung einschtzen2. individuellen Bewegungsplan erstellen3. druckreduzierende Unterlagen und Hilfsmittel unverzglich anwenden4. durchgefhrte Interventionen dokumentieren5. Alle an der Versorgung Beteiligten, besonders die Betroffenen und Angehrigen,

    wissen um die Dekubitusgefhrdung, kennen ihre Ursachen, die geplanten Ma-nahmen und wirken auf der Basis ihrer Mglichkeiten an der Umsetzung mit.

    6. Der Betroffene hat keinen Dekubitus.

    Merke: Das Pflegeziel der Dekubitusprophylaxe lautet: Jeder dekubitusge-fhrdete Betroffene erhlt eine Prophylaxe, die die Entstehung eines Dekubitusverhindert (DNQP 2002).

    9.1.2 Pflegemanahmen

    Druckentlastung (Umlagern)Die Wirksamkeit von Druckentlastung ist wissenschaftlich nachgewiesen. Fr jedenBetroffenen ist ein eigener Bewegungsplan zu erstellen. Zunchst wird 2-stndlichbewegt/gelagert. Dann wird die Gewebetoleranz durch den Fingertest ermitteltund das Ergebnis (negativ oder positiv) in den Bewegungsplan eingetragen.Nach dieser individuellen Gewebetoleranz richtet sich die Intervalldauer der einzel-nen Positionierungen, z.B. 1 Stunde oder auch 2,5 Stunden.

    Druckreduzierung (Weichlagerung)Lagerungen sollten mit weichem Lagerungsmaterial wie Federkissen, Lagerungskis-sen mit Polyurethan-Schaum-Fllung (z.B. Rhombo-fill) oder mit weichen Deckenerfolgen. Hohl- oder (Super-)Weichlagerung sollten mit superweicher Matratze,5/6-Kissen-Bett oder Spezialkissen durchgefhrt werden. GrozelligeWechseldruck-matratzen knnen eingesetzt werden.

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