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odel, Wahn und Wahrheit Arnulf Marzluf 25. Oktober 2019

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Godel, Wahn und Wahrheit

Arnulf Marzluf

25. Oktober 2019

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Die anschauende Kenntnis der andern Welt kann allhier nurerlangt werden, indem man etwas von demjenigen Verstandeeinbußt, welchen man vor die gegenwartige notig hat. (I. Kant)

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Inhaltsverzeichnis

1 Wahn 5

2 Kant 15

3 Mikrogenese 19

4 Aussagen uber Aussagen 26

5 Kollektivschema 34

6 Symbiose 38

7 Godels Selbstnegation 46

8 Wiener Formalismus 58

9 Noch einmal Sokrates 84

10 Rekursion 97

11 Neuschopfung 104

12 Gift des Unbewussten 111

13 Syntax als Symptom 116

14 Dyade und Paradoxie 124

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15 Schicksale des Selbst 130

16 Selbstverzehr 138

17 Im Symbolreich gefangen 149

18 Gesetz und Nahrung 155

19 Archaik des Neuen 164

20 Das Opfer 184

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1 Wahn

Platon berichtet im Phaidros (247c) von einem Ausflug, der Gotterund Seelen außerhalb des Himmels fuhrt, um das unberuhrbare,wahrhaft Seiende, das Wesen zu schauen. Wissen und seine At-traktion hat den Ursprung außerhalb des Umschwungs, und imWahn kann es gelingen, Wissen aus dieser Region zu erfahren, diedurch eine Grenze von Denken und sinnlicher Wahrnehmung ge-trennt ist, denn diese beiden begrenzen jenes Wissen. Der Umlauf(periphora) bildet eine Grenze zweier ontologisch unterschiedli-cher Bereiche. Die Schau nach der Kehre von innen nach außen istvon logisch hoherer Ordnung, weil die Beschrankungen der Wahr-nehmungen von Farbe, Gestalt und Stoff, also von Dingen entfal-len, die ein Ergebnis der Reduktion von Vielfalt sind. Das Ein-treten in den Umlauf und die Kehre fuhren zur Vielheit ”zuruck“.Es handelt sich indessen um keinen Ruckweg, sondern um einenSprung aus dem Zeitstrom des Umlaufs, der die Schar auf dieRuckseite (noton) fuhrt. Anhand der vorhergehenden Charakter-sierung der Seele (245c) ist anzunehmen, dass auf der Ruckseiteeine besondere Art der Bewegung anzunehmen ist, die von selbstagiert, keinen Anfang und kein Ende hat. Die Seele ist Metapherfur diese Selbstbewegung, ohne Anfang und Ende und somit un-sterblich (autokıneton athanaton). Selbstbewegung ist von hohererlogischer Ordnung als eine Bewegung, die enden kann. Sowohldas ”selbst“ als auch der ”Rucken“ deuten auf eine spezielle Be-ziehung der Sphare zu sich selbst hin. Der Kosmos ist ein zoon, aufdessen Rucken die Schar verweilt, er bewegt sich selbst, er genugtsich selbst und bezieht sich nur auf sich selbst, wenn er sich (sie-

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he Timaios) gar als Nahrung dient. Die Funktion des Ruckens alsTrager tritt in noto-phoros in Erscheinung, als sich selbst bewe-gender Beweger, wie man den Trager und das Lasttier auch nennenkann. Das zoon ist ein Lebewesen, das durch die Selbstbewegungdefiniert ist, die sich auf die Seele stutzt. Der die Seele tragen-de Korper ist zugleich Getragener der Seele, denn die Seele be-wegt den Korper, durch den sie selbst bewegt, d.h. getragen wird.Reiner, d.h. logisch ausgedruckt ist das Verhaltnis von Trager undGetragenem in der Seele und ihr inneres Verhaltnis von Bewegtemund Bewegendem, wenn gesagt wird, sie wurde sich selbst bewe-gen. Die Verteilung von Bewegendem und Bewegtem auf Leib undSeele, Tier und Last oder Mutter und Kind ist in der Autokineseaufgehoben und begrifflich paradox. Die Verteilung ist umgekehrteine Losung, den Widerspruch zu vermeiden, und bescherte unsdas Leib-Seele-Problem. Die Autokinese geht auf das Wort kineo

”in Bewegung setzen“ zuruck, womit Lebewesen gemeint sind, diesich von selbst bewegen, psyche gehort zum Atmen, ebenfalls eineSelbstbewegung, Zeichen des Lebens wie der Herzschlag. Die At-mung gehort wie die Ernahrung zu einem offenen System, das sei-ne Energie von der Umgebung bezieht und gliedert, ein Vorgang,der Sprache ermoglicht. Der kontinuierliche Fluss erlebt Unter-brechungen, die syntaktisch gegliedert werden konnen. Innen undAußen gehen ein Verhaltnis ein, das fur Pythagoras arithmetischwar. Die Zahl hat das Kontinuum – die Bewegung – als Hinter-grund oder Umgebung, das Kontinuum wird von der Zahl begrenztoder umgeben.

Die zugrunde liegende Figur scheint nur als Metapher darstell-bar zu sein, syntaktisch ist sie selbstbezuglich und paradox. DieSeele vereint Bewegung und ihren Gegensatz, Ruhe, in einem,wenn die Bewegung ohne Anfang und Ende ist. Sie ist bewegt undbewegungslos zugleich. Die Figur, der die paradoxe Bewegung derSeele nahekommt, hat M.C. Esher mit seinen Treppen (”Treppauf,

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treppab“, 1960) dargestellt, auf denen man unentwegt unterwegssein kann, ohne von der Stelle zu kommen. Der Eintrittspunkt er-scheint als Beginn und Ende der Bewegung zugleich, weil er nurscheibar richtungsorientiert ist.

James Joyce beginnt Finnegans Weg mit ”riverrun“ und betrittirgend eine Stelle des Fließens, das uberraschender Weise am En-de am Anfang ankommt, sodass Finnegans Weg vorwarts ebensoein Weg ruckwarts ist, und zwar musste an jeder Stelle des Tex-tes seine Janushaftigkeit nachweisbar sein. Die Kreisform, bei derdas Ende ebenfalls in den Anfang ubergeht, sollte vermutlich einenkomplexeren Vorgang symbolisieren, fur den die griechische Ma-thematik keine Mittel hatte. Douglas R. Hofstadter hat die Dar-stellung eines endlosen Vorgangs mit den Mitteln der Endlichkeit

”Seltsame Schleife“ genannt, bei der zwischen dem Endlichen undUnendlichen ein Konflikt besteht.1

Der Wahn (manias), ”der von den Gottern kommt“, ist selbstparadox strukturiert, wofur die Mantik mit ihren ”dunklen“ Aus-sagen – Metaphern – ein Beispiel ist und die Losung dem Geweis-sagten uberlassen, der den Spruch zu interpretieren hat. Metaphernsind von einem hoheren logischen Typ als die pragmatische Fragedessen, der fur seine Entscheidungen eine Entscheidung sucht, furdie das Orakel nun die Metapher parat hat. Das Kommunikations-niveau der Metapher entspricht nicht dem der praktischen Frageund reagiert auf die Kommunikation mit dem Gott mit dem Wahn,der wiederum die Kommunikation mit dem Fragesteller bestimmt.Die Metapher eroffnet in ihm selbst einen Interpretationsraum, indem sich dann die Antwort befindet. Anstatt sich ”bewegen“ (tra-gen) zu lassen, wird er von der Metapher angehalten, sich selbstzu bewegen und einen komplexeren Status einzunehmen. Damit ist

1Douglas R. Hofstadter: Godel, Escher Bach – ein Endloses GeflochtenesBand, 1986, S. 17

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eine Metakommunikation erreicht, in der er sich selbst innen alsAußenwelt erkundet und auf Absichten stoßt, deren Realisierungin der Zukunft und deren Entstehung in der Vergangenheit liegen.Die Prophezeihung scheint eine degenerierte Form der Mantik zusein. Die Metapher zwingt zur Selbstreferenz, eine spezielle Formvon Kommunikation. Geht man von der These aus, dass die schi-zophrene Beziehung auf pathologischer Kommunikation beruht,dann kommen alle Formen der Kommunikation in Betracht. ”It re-fers to the transmission of signals, signs, signifiers, and symbols...This may include interorganismic or intraorganismic communica-tion, communication in biological systems, communication bet-ween animals oder between human beings, psychosocial oder so-cioeconomic communication.“2 In all diesen Fallen ist pathologi-sche Kommunikation moglich, der Wahn abhangig von der Um-gebung, die ihn begrenzt oder den er begrenzt durch Negation vonKommunikation.

Wildens ”intraorganistic communication“ geht von der The-se aus, dass das Unbewusste syntaktisch organisiert ist und uberSprache erreicht werden kann, wie es in der psychoanalytischenSituation geschieht. Der Kommunikationsbruch wurde daran er-kennbar sein, dass das Ich nicht bereit ist, sich Aktionen selbstzuzuschreiben, die objektiv von ihm ausgegangen sind. Ein sol-ches Außersichsein (”Das war nicht ich, wie ich mich kenne“)kennzeichnet eine Art der Liebe, von der Sokrates spricht und sieunter den Begriff der manıa subsumiert.3 Jason W. Brown ver-gleicht den Ruckzug der Gefuhlsbesetzung vom Objektbereich inder Schizophrenie mit dem Ruckzug des geliebten Objektes in dieImagination und fruhere Phasen der Objektbildung. Die Starke desLiebesgefuhls wachst und fließt auf das geliebte Objekt. Der an-

2Anthony Wilden: System and Structure, 1980, S. 1113Phaidros 231d

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dere ist nicht mehr ein Objekt in der Welt, sondern seine volleObjektivation geht in eine Idee oder ein Ideal uber. ”True, pas-sionate, or romantic love depends on layers in mind that are un-conscious, pre-logical, and bound up with animistic and meta-phoric thought.“4 Damit ist der Anschluss an die Begeisterung imwortlichen Sinne gegeben. Da die Objektvorstellung auf einer en-gen Verbindung neuropsychischer Prozesse und Sinneswahrneh-mung beruht, die innen verarbeitet und dann projiziert werden,verandert sich das Gefuge in dem Moment, wenn ein Faktor sichstark verandert, das Anwachsen eines Gefuhls mit dem Ruckzugnach innen einhergeht. Das heißt, dass Sokrates sich diesem Er-starken des Inneren widmet, dem das Gefuhl die Energie zufuhrt.So wird das ursprungliche Ubergewicht der Außenwelt als gene-relles Handlungsziel uberlagert von einem inneren ”Bild“, und dasObjekt steht nun unter doppeltem Vorzeichen und umfasst zweisich auf sich beziehender und ausschließender Systeme, die einerparadoxen Logik gehorchen und als wahnhaft beobachtet werden.Die Gegenwartsbezogenheit der Wahrnehmung wird aufgrund derUberlagerung durch einen massiv hervordrangenden ”flachigen“Gefuhlshintergrund zeitlich unbestimmt.

Auch fur eine Gruppe ist es unmoglich, die Selbstbeziehung zutranszendieren, um in ihr auftretende Paradoxa ”von außen“ auf-zulosen, wie es Godel nachgewiesen hat. ”The relation of ’text’and ’context’ is one of punctuation, for it involves the problemof boundaries... The reason for the term punctuation rather thansyntax, is that syntax is either a strictly linguistic term or else itrefers to the modes and rules of articulation within an given sy-stem (language for instance). Punctuation however, may refer tothe interference of another system with the given system“5 Die

4Brown, Love and Other Emotions, 2012, Pos. 1555Wilden, System, S. 112

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Bestimmung von Text und Kontext ist perspektivisch, beide bil-den eine hohere logische Einheit. Die Vermischung beider Ebenenist in einem pathologischen Kontext eingeubt. ”All double bindsemanating from the others involve a deliberate but usually deniedor repudiated confusion of logical types. When Bateson says thatthe ’schizophrenic’ confuses the metaphor with what is meant, orwhen Freud says that he ’treats word(-presentations) like thing(-presentations)’, or when Lacan says that for the psychotic ’theSymbolic is Real’, they are all talking about LEARNED confu-sions of logical typing in a pathological context.“6 Um der Meta-pher und ihrer Vielschichtigkeit oder Bodenlosigkeit zu entkom-men, nimmt sie der Schizophrene wortlich.

Die positive Seite des Wahns, die Sokrates gemeint haben mag,liegt also in der Vermischung oder Uberlagerung logischer Ebe-nen. Nach Russels Theorie der logischen Typen besteht eine Dis-kontinuitat zwischen einer Klasse und seinen Gliedern, die Klassekann nicht ein Glied ihrer selbst sein, noch kann eines der Gliederdie Klasse sein, denn der Terminus fur die Klasse ist von andererAbstraktionsebene oder anderem logischen Typ als der Terminus,der fur die Glieder der Klasse gebraucht wird. Jedoch wird dieseDiskontinuitat in Wirklichkeit, also der Psychologie realer Kom-munikation, standig und unvermeidlich ubergangen – ”it is in facta condition of human creativity“.7

Der ungarische Psychoanalytiker Imre Hermann hat zwischenformalen Denkprozessen von Psychotikern und dem Denkendes Mathematikers Janos Bolyai Ahnlichkeiten entdeckt. Bolyaigrubelte uber das von Euklid uberlieferte Parallelenaxiom undschuf eine neue ”absolute Geometrie“. Schizoides Denken konnenicht nur fehlerfrei arbeiten, sondern bringe auch Voraussetzun-

6Wilden, S. 1197Wilden, S. 117

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gen fur ein spezifisches formales Denken mit, das in der Mathe-matik benotigt werde. ”Diese zwei Tendenzen, die Forderung derAnschauung und die Abkehr von der sinnlichen Welt, verschmel-zen in dem Hervordrangen der Zeichen. Das Zeichen soll zeitwei-lig bedeutungslos dastehen, womit beide Tendenzen gleichzeitigsiegreich das Feld behaupten: es ist etwas anschaulich gegeben,ohne auf ein individuelles Objekt bezogen zu werden.“8 Die An-schaulichkeit wird vom Objekt momentaner Wahrnehmung abge-zogen und dem Bereich der Zeichen zugeschlagen, womit offen-sichtlich eine Rekonstruktionsleistung einhergeht, in der Zeit undRaum der Anschauung aufgehoben und die neuen ”Objekte“ ope-rationalisierbar sind. Fur Hermann verrat die formalistische Rich-tung der Mathematik ”eine schizoide Denkart, die aus den folgen-den Besonderheiten zusammengesetzt ist: Loslosung von der An-schauung, Einfugung idealer Gebilde, Ruckkehr zur Anschauungauf dem Wege von ’Zeichen’, Bedeutungslosigkeit dieser Zeichenbzw. ihre Deutbarkeit mittels verschiedener Bedeutungen, starkeBetonung der Widerspruchsfreiheit, Kampf gegen das Weltunter-gangserlebnis“.9

Die musikalische Skala dient in besonderem Maße dazu, Maßund Fixierung im Kontinuum, also das Gute (agathos), wahrzu-nehmen, zumal die horbare Ordnung des Intervalls mit dem Maß-losen des Glissandos untergrundig zusammenhangt. Diese Ord-nung ist fur die Pythagoreer primordial, die ihnen zugeschriebe-ne Rede vom Einatmen des Apeiron und einem Vorgang der Be-grenzung des Unbegrenzten eine andere Lesart des ursprunglichenGestaltungsmodus’. Es bietet sich die Leere des Alls an, diesenAkt der Gliederung mit den auf Bahnen wandernden Punkten am

8Imre Hermann: Das schopferische und das schizoid-fehlerfreie Denken,erlautert an Johann Bolyais mathematischen Abhandlungen; in: Psyche, Bd.XII, 1958/59, S. 714

9Hermann, Bolyai, S. 713

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Himmel in Verbindung zu bringen und den Planeten Tone zuzu-schreiben. Der Atem ist bereits die Gliederung des Unendlichen,Kontinuierlichen, namlich Luft in rhythmischer, gegensatzlich be-wegter Art. Der Anthropomorphismus dieser Vorstellung legt ei-ne grundsatzliche Projektionsbereitschaft des Denkens nahe, dieder vorkritische Kant in die Nahe des Wahns ruckt, auch wennkeine Schimaren projiziert werden, sondern rationale Zahlen-verhaltnisse. ”Was Kant der ’Pythagoreischen Mystik der Zah-len’... also vorhalt, das ist – formal gesprochen – die Verwechs-lung der ’Dinge fur uns’ mit den ’Dingen an sich’; jene Amphi-bolie also, die Pythagoras dazu verleitet, die unserer Vernunft ei-gene Kategorie der Zahlbarkeit den gezahlten Gegenstanden zu-zuschreiben... So besteht der Skandal an Pythagoras’ mundus nu-merus darin, daß hier eine der bedeutendsten Entdeckungen derRatio Anlaß zu jener irrationalen Spekulation gab, dem Sein eineArt mathematische Magie unterzuschieben, um sich so die Welt –und in deren Folge auch: Moral, Ethos und Politik – als von ma-thematischen Geistern beherrscht vorzustellen.“10

Die geometrischen Formen begrenzen Kontinua, im Falle despythagoreischen Dreiecks kann man ihre Proportionen in Zahlenausdrucken – Zahl und begrenztes Kontinuum, Gedachtes und An-geschautes sind zwei Seinsweisen der Vielheit. ”Der Gegensatzzum Guten und Richtigen aber erscheint in allen spateren Dia-logen als ein unbestimmtes Schwanken nach zwei Richtungen,zum ’Großen und Kleinen’, ’Mehr und Weniger’, ’Starkeren undSchwacheren’“, das Gute bedeutet Maß und Fixierung in diesemKontinuum. Der Gegensatz zu den Elementen ist das Kontinuum,eine gedachte Bewegung zwischen zwei Gegensatzen, die die erste

10Constantin Rauer: Wahn und Wahrheit. Kants Auseinandersetzung mit demIrrationalen, Berlin 2007, S. 282

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Grenze bilden. Die Grenze stellt nur die Projektion des Gegensat-zes auf das Kontinuum dar, das sie damit unterbricht. 11

Sokrates lobt den Wahn im Phaidros als Quelle der Weisheit unddes Weissagens, aus der auch die Musen schopfen und die Dich-tung beflugeln. Die Zuschreibung des Ausfluges der Gotterscharzum Wahn lasst eine ontogenetische Deutung zu, namlich alsRuckweg des Denkens und Auflosung der Besonderung im Man-nifaltigen hin zu einer Einheit von Moglichkeiten der Besonde-rung, hin zu Ebenen, auf denen die Identitatsbindung des Bewusst-seins und die damit verbundenen Regeln noch nicht in vollem Um-fang gelten, dafur aber welche freigelegt werden, die auf einer on-togenetisch fruheren Stufe vorherrschend waren. Die Entfernungvon der Besonderung erweitert den Moglichkeitsraum, damit aberauch die begriffliche Erweiterung auf einer Stufenleiter der Ein-

11Man kann die wechselseitige Bestimmung von Kontinuum undBegrenzendem-Begrenztem, also Diskretem bereits in Schopfungsmythenangelegt finden, in denen das Gestaltlose symboliserende Figuren geteiltoder zerstuckelt werden. Die Abfolge des Aktes tauscht eine Ursache-Wirkungskette vor, doch kann diese erst nach dem Akt vorliegen, weil zuvorkeine Momente in einer wie auch immer gearteten Ordnung vorhandensind. Die Crux liegt in der paradoxen Einheit von analogem Kontinuumund diskret Digitalem, die sich als Konstante des Denkens vom Mythos biszum physikalischen Welle-Teilchen-Dualismus zieht. Um dieses Paradoxzu verlassen, bildet Platon eine Proportion, einen desmos, der die vier Teiledurchdringt (Tim. 32 a-c), die den gegensatzlichen Elementen Feuer undWasser und Erde und Luft entsprechen. Die Proportion der vier Teile ergibtein zoon, den Kosmos, der sich auf sich bezieht und selbst genugt. Andieser Stelle, wo die Schaffung der Weltseele beschrieben wird, findet einseltsames Spiel mit der Zeit statt. Der Gott gestaltet die altere Seele ausBestandteilen des Selben und des Verschiedenen und weiterer Teilungen,um dann das Ganze in die Mitte des kugelformigen Kosmos zu setzen.Die nun beschriebenen Proportionen ergeben eine musikalische Skalaals Metapher von Kontinuum und Diskretem, Analogem und Digitalem,Semantik (Bedeutung) und Syntax.

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heitsbildung. Platon ”gebrauchte seine intellektuellen Anschauun-gen nur ruckwarts, zum Erklaren der Moglichkeit eines syntheti-schen Erkenntnisses a priori, nicht vorwarts, um es durch jene imgottlichen Verstande lesbare Ideen zu erweitern...“12 Die Kritik ander Ontologie geht generell davon aus, dass die Erzeugung derMannigfaltigkeit aus einem Ersten ein Pseudos ist, weil zunachstvon allen Unterschieden abstrahiert worden ist, um sie dann wie-der vom Ersten aus zu entwickeln. Die Leistung der Abstrakti-on beruht auf Vergleichen und Gruppen- oder Kategorienbildung,fur die die Gliederung des Objektbereiches im Wahrnehmungs-prozess Vorbild ist. Ein Einzelding ist unmoglich, es existiert nurin Relationen. Die Abstraktion eliminiert die Unterschiede, legtumfangreichere Komplexe offen, die den Einzelerscheinungen alsGrundlage dienen, ein Vorgang, fur den eine divinatorische Kraftverantwortlich sein sollte.

Allerdings wird die auf diesem Weg gewonnene Einheit durchAntinomien erkauft, die in metaphernreichen, mit Mythen oft an-gereicherten Texten nicht leicht sichtbar werden, weil logischeInkonsistenzen in Mythen gut aufgehoben sind. Auch PlatonsParmenides-Text spielt unentwegt mit Antinomien. Das Lehrge-dicht von Parmenides selbst liest sich wiederum wie eine Reise insReich eines metaphysischen Wissens, dessen Wahrheiten ohne Be-grundung verkundet werden, weil es sich um Offenbarungen han-delt. Diels vergleicht die Fahrt in seinem Parmenides-Kommentarmit Schamanenreisen.

12Rauer, S. 284

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2 Kant

Kant hat die Paranoia als Anregung fur die Antinomie ge-nommen. Demnach sind ”Gegenstande der Antinomie (1. Un-endlichkeit/Endlichkeit, 2. Ewigkeit/Befristung, 3. Gottesexi-stenz/keine Gottesexistenz, sowie 4. Freiheit/Notwendigkeit)großenwahnsinniger und verfolgungswahnsinniger, d.h. paranoi-der Natur“.1 Kant entdeckt im kranken Denken Formen, die im ge-sunden als Probleme auftauchen. ”Das Neue der Kantischen Sub-jektphilosophie beruht ja nicht in seiner Bewußtseinsphilosophieals solcher..., sondern darin, daß sich Kant erstmals die Frage nachder Einheit des Bewußtseins gestellt hat. Kant ware aber auf dieFrage nach der Bewußtseinsidentitat nie gekommen, wenn er nichtzuvor mit Swedenborg ein gespaltenes Bewußtsein vor sich gehabthatte!“2 In den Antinomien werden Paradoxa sichtbar, die aus derParanoia abgeleitet sind. Das Verfahren dient dazu, das Rationa-le dadurch zu bestimmen, dass geklart wird, was Rationalitat vonderen Antipoden, Irrationalitat, unterscheidet und wie sie funktio-niert, wenn sie funktioniert. Damit wird der Wahn zu einem Hilfs-mittel der Erkenntnis, die Krankheit bietet eine Methode, Funk-tionen des Normalen zu beschreiben. So kommt dem Wahn ei-ne Sonderstellung zu, die darin besteht, dass mit ihm das Subjekteine erweiterte Beziehung zur normalen Welt unterhalt und uberdiese Erweiterung eine Selbstbeziehung und -beschreibung statt-finden kann. Diese Relation des Subjektes uber den Wahn zu sichist bereits mit dem Ausflug der Gotterschar im Phaidros angedeu-

1Rauer, S. 962Rauer, S. 72

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tet, allerdings bleibt das platonische Denken fur Kant dem Wahnverhaftet und so sei Platon der ”Vater aller Schwarmerei mit derPhilosophie“.

1766 veroffentlichte Kant eine Schrift, die aus der Auseinander-setzung mit dem schwedischen Gelehrten und Mystiker EmanuelSwedenborg enstand: ”Traume eines Geistersehers, erlautert durchTraume der Metaphysik“. Der Titel ironisiert eine vermeintlicheAhnlichkeit zwischen der Kommunikation mit einer Welt von Gei-stern und dem Reich der Philosophie, und Kant spielt mit einemBegriff, den er auf seine Tauglichkeit prufen will. ”Ich weiß alsonicht, ob es Geister gebe, ja, was noch mehr ist, ich weiß nichteinmal, was das Wort Geist bedeute. Da ich es indessen oft selbstgebraucht oder andere haben brauchen horen, so muß doch etwasdarunter verstanden werden, es mag nun dieses ein Hirngespinstoder was Wirkliches sein. Um diese versteckte Bedeutung aus-zuwickeln, so halte ich meinen schlecht verstandenen Begriff anallerlei Falle der Anwendung, und dadurch, daß ich bemerke, aufwelchen er trifft und welchem er zuwider ist, verhoffe ich, des-sen verborgenen Sinn zu entfalten.“3 Kant zufolge scheint es notigzu sein, die Produktionen des Geistes von den Vorstellungen zuunterscheiden, um Wahres nicht von Phantastereien uberwuchernzu lassen, zumal das Denken der Philosophen zuweilen in Gefildereicht, die von Phantastereien nicht zu unterscheiden sind. Sarka-stisch urteilt Kant uber den blinden Seher Teiresias, die Kennt-nis der anderen Welt konne wohl nur erlangt werden, ”indemman etwas von dem Verstande einbußt, welchen man vor die ge-genwartige notig hat. Ich weiß auch nicht, ob selbst gewisse Phi-losophen ganzlich von dieser harten Bedingung frei sein sollten,welche so fleißig und vertieft in ihre metaphysischen Glaser nachjenen entlegenen Gegenden hinrichten und Wunderdinge von da-

3Immanuel Kant: Werke in 12 Banden, Vorkritische Schriften II, 1960, S. 926

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her zu erzahlen wissen, zum wenigsten mißgonne ich keine von ih-ren Entdeckungen...“4 Wenige Zeilen spater dient Kant der Traumals Kriterium der Unterscheidung von ”Gedankenwelten“, denn je-der habe im Traum seine eigene Welt, im Wachen eine gemein-schaftliche, und gewisse Philosophen wurden ebenfalls eine ge-meinschaftliche Welt bewohnen, wenn sie ausgetraumt hatten.

Fur den Unterschied zwischen einer ”Empfindung“ (wie demSchall z.B.) und Phantasien nimmt Kant an, dass jene ”mit derVorstellung eines foci imaginarii begleitet sei, der dahin gesetztwird, wo die geraden Linien des in Bebung befindlichen Nerven-gebaudes im Gehirne außerlich fortgezogen zusammenstoßen“,5

im Falle der Phantasien jedoch die Richtungslinien der Bewe-gung sich innerhalb der Gehirne schneiden. Schwerer wiegt hin-gegen der Fall der Geisterseher, die ”das Blendwerk ihrer Ein-bildung nach außen versetzen“.6 Der focus imaginarius ist ”au-ßerhalb dem denkenden Subjekt gesetzt, und das Bild, welchesein Werk der bloßem Einbildung ist, wird als Gegenstand vorge-stellt, der den außeren Sinnen gegenwartig ware.“7 Die Annahmelinearer Bewegungen im Nervengewebe, die sich einmal außer-halb und einmal innerhalb des Gehirns schneiden, sind der Op-tik des Brennpunktes entlehnt, in dem sich die Strahlen sammelnund die Einheit der mannigfaltig anzuschauenden Vorstellungengebildet wird. ”Die Verruckung des Nervengewebes kann die Ur-sache werden den focus imaginarius dahin zu versetzen, von woder sinnliche Eindruck eines wirklich vorhandenen korperlichenGegenstande kommen wurde.“8 So glaubt der Phantast etwas deut-lich zu sehen, was sonst niemand außer ihm erblickt. Im Grunde

4Schriften II, S. 9515S. 9556S. 9547S. 9578S. 958

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wird die innere Selbstbezuglichkeit, die keine Korrektur von außenermoglicht, nach außen verlegt und so vorgetauscht, als sei eineAbgleichung mit diesem Außen erfolgt. In der spateren Vernunft-kritik wird der Vernunft ein Hang attestiert, die Grenze moglicherErfahrung zu uberschreiten, weil ihr transzentendale Ideen ebensonaturlich seien wie dem Verstande die Kategorien, ”obgleich mitdem Unterschiede, daß, so wie die letzteren zur Wahrheit, d.i. derUbereinstimmung unsere Begriffe mit dem Objekte fuhren, die er-steren einen bloßen, aber unwiderstehlichen Schein bewirken...“9

Die transzendentalen Ideen sind jedoch in der Hinsicht unentbehr-lich, weil sie den Verstand zu einem gewissen Ziele richten, ”inAussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in ei-nem Punkt zusammenlaufen, der, ob er zwar nur eine Idee (focusimaginarius), d.i. ein Punkt ist, aus welchen die Verstandesbegrif-fe nicht wirklich ausgehen, indem er ganz außerhalb der Grenzenmoglicher Erfahrung liegt, dennoch dazu dient, ihnen die großteEinheit neben der großten Ausbreitung zu verschaffen.“

9Werke IV, Kritik der reinen Vernunft, S. 564

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3 Mikrogenese

Die Zentralperspektive ware als Metapher zu verstehen, mit derdie Renaissance die Einheit des Vielen und der unterschiedlichenRelationen in einem geometrischen System unterbringen konnte.In der Sehpyramide wirkt das Auge jenseits der rationalen Geo-metrie wie ein Erzeugungspunkt, ein Entfaltungspunkt der Man-nigfaltigkeit, der im Fluchtpunkt gegenuber sein Gegenstuck hat.1

Das Bild vertritt die Objektwahrnehmung, die sinnliche Erfahrungwird auf das Bild wie auf ein Ubergangsobjekt ubertragen undemotionale Momente werden mitprojiziert. Diese Projektion istnicht weit von dem entfernt, was Kant als nach außen verlager-ten focus imaginarius bezeichnet, der einen ”wirklich vorhandenenkorperlichen Gegenstand“ vortauscht.

Die Projektionsthese hat sich in modifizierter Form erhalten.Die Objektwahrnehmung basiert auf einem durch die Sinnesor-gane gesteuerten inneren Verarbeitungsprozess, dessen Ergebnis-se dem Subjekt als der Außenwelt zugehorig markiert werden.Ein solcher Prozess ist Gegenstand der Theorie der Mikrogene-se,2 die die Moglichkeit bietet, die Akzentuierung fruher Stadi-

1Piero della Francesca: ”Die Sehkraft ist nur ein Punkt.“ Der Zentral- undAugenpunkt ist nach Gottfried Boehm (1969) eine Art Kraftpunkt, der sicheine Welt mitsamt der ihr zugehorigen Gegenstande entwerfe. (Lars Blunck:Duchamps Prazisionsoptik, 2008, S. 133)

2Die Theorie der Mikrogenese geht auf den Entwicklungspsychologen HeinzWerner zuruck. ”Er verband die Mikrogenese mit einer entwicklungspsy-chologischen Theorie, die auch als Orthogenetisches Prinzip bekannt wur-de. Diesem zufolge ist Entwicklung auf allen Zeitskalen durch eine diffe-renzierende Entfaltung gekennzeichnet, die ihren Ausgang von einem un-

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en der Ontogenese mit einer partiellen Hemmung in den Aufbau-phasen der Phylogenese zu vergleichen, die fur die notwendigeWeiterentwicklung des Menschen nach der Geburt verantwortlichist und die außeren Einflussmoglichkeiten auf das Resultat er-heblich erweitert. Mit den ontogenetischen werden im Ruckgriffauch phylogenetisch altere Stadien aktiv, moglicherweise als Tier-schicht. Die Neotenie markiert also vermutlich ein Trauma, dasder unaufhorlichen Zuwendung bedarf. Da die ontogenetische derphylogenetischen Schicht aufsitzt, wird es eine ”Kommunikati-on“ zwischen beiden geben, sodass die phylogenetische Bruch-stelle mit einer auf der ontogenetischen Ebene verschlungen ist,die in der mikrogenetischen Endgestalt – der Objektwahrnehmung– als dessen Erweiterung und als Wahn erscheint, der die Kon-sistenz der Realitatserfahrung unterbricht. Die Integration einerfruhen unbewussten Phase in jede Form von bewusst geworde-ner Endgestalt des mikrogenetischen Prozesses der Wahrnehmungstort das Bewusstsein als Funktionseinheit von Aktion und Sin-

differenzierten, wenig strukturierten Zustand nimmt hin zu einer Differen-zierung und Artikulierung komplexerer, integrierter und hierarchisch struk-turierter Zustande. Zentral ist die Annahme, dass der Entfaltungsprozessjedes mentalen Ereignisses, von der Wahrnehmung bis zum Denken, dieeinzelnen Stadien der Gehirnevolution und der Ontogenese (der Lernspu-ren) durchlauft. Die mikrogenetische Theorie versteht demnach jede Artmenschlicher Aktivitat, sei es Wahrnehmung, Denken, Handeln etc., alsEntfaltungsprozess. Dieser basiert auf Abfolgen von Entwicklungsschrit-ten. Der Entfaltungsprozess kommt somit einer in eine kurze Werdensphasegedrangten evolutionaren Entwicklung gleich, die innerhalb von Bruchtei-len einer Sekunde stattfindet. Werner kam zu seiner Theorie uber Studienzur Aphasiologie mit dem Grundgedanken, dass Einbußen und Storungensowohl mit der evolutionar gebildeten Hierarchie von Hirnstrukturen und–prozessen wie mit der entsprechenden psychischen Funktionshierarchiezusammenhangen.“ (Heinz Mack: Grundformen des Psychischen; in: GerdJuttemann, Psychogenese. Das zentrale Erkenntnisobjekt einer integrativenHumanwissenschaft, 1917, S. 48)

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neswahrnehmung. Die Ebene fruher Prozessphasen der Ontoge-nese wird deshalb projiziert und erscheint als metaphorische Vor-stellung. Primitive Kulturen bilden transitorische Phanomene, dieden Bruch, das Trauma symbolisch heilen sollen, indem die Ju-gend in die Wildnis geschickt wird, sich Riten unterzieht und un-ter neuem Status in die Gesellschaft zuruckkehrt, was wie einevorubergehende Regression wirkt, um das Ich neu zu bilden. Diestrukturelle Ahnlichkeit von Freuds Uberich mit Gottern verweistauf die autoritare Macht der Ambivalenz mit einem hohen Potenti-al an Willkur, ja Zufalligkeit von Entscheidungen, denn das Para-dox erlaubt nur Entscheidungen mit Zufallscharakter. So ist dennauch der Zufall divinatorisch, die Gegensatze einende Gottesme-tapher steht fur den totalen Moglichkeitsraum.

Wenn eine aktuelle Wahrnehmung auf einer Reduktion vonMoglichkeiten beruht, aus denen die fur ein Stadium jeweilszweckmaßigsten ausgewahlt werden, um eine Objektanschauungzu konstruieren, dann kann fur die geometrische Beschreibungdes wahrgenommenen Objektraumes etwas Ahnliches gelten. Sieware ebenfalls das Ergebnis einer Reduktion wie es bei Euklidz.B. der Fall ist, mit dessen Geometrie Erfahrungsraume konstru-iert werden. Auch in diesem Fall waren Ruckgriffe auf Stadien an-zunehmen, die komplexer sind als die euklidische Beschreibungdes Wahrnehmungsraumes. Nimmt man den Ruckgriff auch furandere Denkprozesse an, wurde Wissenschaftsgeschichte auf derFahigkeit beruhen, die im Denk- und Wahrnehmungsprozess un-bewusst geleistete Reduktion nach und nach aufzuheben und auffruhere Stadien des Prozesses zuzugreifen. Ein solcher ”Zugriff“bedurfte einer neuen Systembildung, die Beschreibung eine neuar-tige Syntax. Die Reduktion ware ein allgemeines Prinzip kogniti-ver Prozesse und wurde nicht nur den mikrogenetischen Wahrneh-mungsprozess betreffen, sodass auch einfache geometrische For-men zu Endgestalten gezahlt werden konnen, die sich aus komple-

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xeren Formen herausbilden. Der Weg, den die Bildende Kunst ge-nommen hat, ist ein sichtbares Beispiel und fuhrt in der Endphaseder Objektdarstellung zu scheinbar einfachen Formen, die jedochebenso als Einheit unubersehbar vieler Formen ”gemeint“ oder er-lebt werden kann. Es wurde sich bei einem Kunstobjekt um dasFruhstadium einer imaginierten Wahrnehmung handeln. Fur dieRealisierung dieses Stadiums muss eine Form gefunden werden,die das Bewusstsein umsetzen und mit anderen ”Bewusstseinen“kommunizieren kann, wozu die Ruckbildung der Subjektivitat imGestaltprozess dienlich ist.

Wenn damit eine jeweils neue Mathematik offenbart wird, waredies mit Godels Vermutung zu vereinbaren, es gebe ein Reichunentdeckter Mathematik. In einem Brief an Gotthard Guntherschreibt er: ”Wenn ich sage, dass man eine Theorie der Klassen alsobjektiv existierender Gegenstande entwickeln kann (oder soll), someine ich damit durchaus Existenz im Sinne der ontol. Metaphy-sik, womit ich aber nicht sagen will, daß die abstrakten Wesenhei-ten in der Natur vorhanden sind. Sie scheinen vielmehr eine zweiteEbene der Realitat zu bilden, die uns aber ebenso objektiv u. vonunserem Denken unabhangig gegenubersteht wie die Natur.“3

Anton Ehrenzweig weist auf die Verbindung von abstraktemSymbolismus und Unbewusstem hin, welches ihn ”belebt“. ”I ha-ve emphasized throughout that abstract concepts and images owetheir plastic life and feeling of being real to their link with uncon-scious phantasy. All we have to do is to prevent the dissociationof abstract symbols from their undifferentiated matrix in the un-conscious.“4 Der britische Physikphilosoph Ernest Hutton hat eineBeziehung zwischen pythagoreischer Mathematik und pythagore-

3https://www.vordenker.de, Arbeiten aus dem Nachlass N8. Briefwechsel:Gotthard Gunther - Kurt Godel (1954-1960)

4Anton Ehrenzweig: The Hidden Order of Art, S. 287

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ischer Mystik festgestellt. Pythagoras habe als erster die abstrakteVerbindung zwischen Zahlen erfasst, indem er sie gleichzeitig mitphilosophischem und irrationalem Symbolimus in Beziehung setz-te. Die Flexibilitat im Umgang mit Zahlen wurde infolge der me-taphysischen Bedeutung der Operationen moglich. ”The instabili-ty and flux of unconscious phantasies was thus manifested open-ly in the conscious manipulation of numbers.“5 Ehrenzweig ver-weist damit auf die Bedeutung des undifferenziert Unbewusstenfur die Abstraktheit von Zeichen und Symbolen. ”Far from dry-ing up unconscious phantasy life, seems to stimulate the deepestnear-oceanic levels of phantasy from which the conscious powerof abstraction stems.“6

Der Begriff der Entdifferenzierung durch den Einfluss des Un-bewussten auf Objektgestalten bedeutet ebenso ein Ruckgriff aufmikrogenetische Prozessstadien, die psychoanalytische und diemikrogenetische Perspektive erganzen sich, sodass die Abstrak-tion ebenfalls unter doppeltem Vorzeichen steht. Die geometri-sche Figur kann als Phanomen beschrieben werden, das ubrigbleibt, wenn das Einmalige und Besondere einer Erscheinung ver-allgemeinert wird. Sie steht dann fur etwas und kann von ei-nem Zeichen ersetzt werden. Die Dynamik der Abstraktion lei-stet nach Ehrenzweig das Unbewusste, dessen Einfluss auf dasBewusstsein unter bestimmten Umstanden wachsen und dessenAbstraktionsfahigkeiten oder -zwange steigern kann. Die Ab-straktion, die als alternative Form der Realitatsbeschreibung Gel-tung erlangt, steuert der Auflosungstendenz der Entdifferenzie-rung entgegen. Unter mikrogenetischem Aspekt handelt es sichbei der dem Chaos sich annahernden Entdifferenzierung, das derAuflosung von Gestalten und Formen gleichkommt, um die Er-

5Ehrenzweig, Order, S. 2886Ehrenzweig, Order, S. 289

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weiterung des Moglichkeitsraumes, der bereits uber eine Driftund somit ”Keime“ von Gestaltbildung verfugt, die im Denken– bewusst oder unbewusst – wirksam werden konnen. Ehren-zweig beschreibt den Punkt, an dem der kreative Akt in den er-weiterten Moglichkeitsraum eintritt: ”A creative search resemblesa maze with many nodal points. From each of these points ma-ny possible pathways radiate in all directions leading to furthercrossroads where a new network of high- and by-ways comes in-to view. Each choice is equally crucial for further progress.7 DieSuche wird unterstutzt von der Fahigkeit des Unbewussten, denMoglichkeitsraum nach gangbaren und erfolgversprechenden We-gen abzuschatzen (”unconscious scanning“). Der Kreative musseine Entscheidung uber sein Vorgehen fallen, ohne Informationenfur diese Entscheidung zu haben. ”This dilemma belongs to theessence of creativity. The structure of a mathematical problem isa neat example. The creative thinker has to scrutinize it withoutany hope of a really clear view. Let us say an algebraic euquati-on has to be transformed by a number of consecutive steps untilit assumes a form that can be accepted as the solution of someunsolved problem. Each possible transformation opens up an un-limited number of new transformations, some fruitful, some en-ding in blind alleys. Admittedly, strict rules exist that govern al-gebraic transformations; but they do not say which of the possibletransformations will prove fertile in the end.“ Es eroffnet sich einetypische serielle Verzweigungsstruktur, die die Aufmerksamkeitmit ihrem knappen Fokus uberschreitet. Der kreative Mathemati-ker, so Ehrenzweig, sieht sich dem gleichen Problem gegenuber,das aus Kunst und Wissenschaft bekannt ist, Entscheidungen zutreffen, ohne uber genugend Informationen zu verfugen. Die Ent-scheidung muss dem Unbewussten uberlassen werden, denn ”un-

7Ehrenzweig, Order, S. 37

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conscious visualization is better equipped for scanning the com-plex serial structure of a new mathematical argument.“8

8Ehrenzweig, Order, S. 37

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4 Aussagen uber Aussagen

In der Selbstbezuglichkeit des Denkens liegt die Gefahr, Begriffeohne Ubereinstimmung mit Objekten zu bilden und sie fur wahr zuhalten. Schlusse, die uber das Feld moglicher Erfahrung hinausge-hen, sind ”truglich und grundlos“. Der Schluss kann jedoch auchein Denkvorgang sein, uber den ausgesagt wird. Damit wird dieMoglichkeit, uber die Welt auszusagen, auf das Denken als um-fassende Reprasentation erweitert mit unabsehbaren Folgen, dennDenken gehort zu den Tatsachen, gleichviel ob seine Gedanken dieRealitat abbilden oder nicht, zumal die kognitiven Leistungen einGehirn erfordern, das dieser Realitat angehort. Es umfasst inso-fern einen großeren Tatsachenraum als die subjektive Objektwahr-nehmung, uber die Aussagen deshalb gemacht werden konnen,weil diese Aussagen uber die Objektwahrnehmung ”hinausgehen“konnen. Die Aussagen betreffen nicht primar die Objektivitat, son-dern deren Wahrnehmung, die in Aussagen eingehen konnen. DerUrsprung dieses Uberfließens von Wahrnehmung in Aussagen istin Leerstellen der Wahrnehmung begrundet, die durch Aussagengefullt werden sollen. Abwesenheit ist das Motiv fur Aussagenund Symbolbildung.

Die Bindung der Aussage an die Wahrnehmung von Objek-ten bedeutet, dass es sich um eine Relation von Sachverhalt undSymbol handelt. Da Wahrnehmung tauschen kann, weil sie sub-jektabhangig ist, gibt es nur Grade der Wahrscheinlichkeit, dasseine subjektive Aussage uber die Wahrnehmung zutrifft. An die-ser Stelle ubernimmt die langjahrig erworbene Realitatsanpassungunter nachdrucklicher, wenn nicht gar wesentlicher, Beteiligung

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der Kommunikation eine Funktion, das Subjekt im Zweifelsfallvon Fehlannahmen (Traumen) zu befreien. Damit verlagert sichdie Gultigkeit einer Aussage in das, was die Griechen nomos nann-ten, eine gewordene und vom Kollektiv gelebte Ordnung, die implatonischen Dialog eine philosophische Form findet, um subjek-tive Annahmen in ein ubergeordnetes System zu uberfuhren undAussagen als wahr zu befestigen, wobei die Erfahrung der Wahr-heit ein ”Ereignis“ oder ”Erlebnis“ ist. Die Philosophie arbeitet mitAussagen uber die Welt, um in einer zweiten Schicht Aussagenuber diese Aussagen zu formulieren, die eine kollektive Geltungbeanspruchen. Die Basis der Wahrnehmung ist jedoch an indivi-duelle Sinne und individuelles Erleben gebunden.

Die Ahnlichkeiten von Erfahrungen zwischen Individuen sindumso großer, je fruher es sich um Stadien der Ontogenese han-delt, aber auch je homogener die ”Gruppe“ ist, in der Erfahrungengemacht werden. Die Parallele von Kollektiv und fruhen Entwick-lungsstufen des Individuums fuhrt zu standigen Ruckkopplungenin Denk- und Entscheidungsprozessen. Die Konvergenz von Er-fahrungen der Subjekte beruht somit auf dem sukzessivem Ab-bau von Subjektivitat, d.h letztlich dem Ausloschen dessen, wasdas Ich ausmacht, sodass ein mehr oder weniger leeres Sub-jekt als Substrat von Relationen ubrigbleibt. Dieses Allgemei-ne ist das Fruheste. Geht man davon aus, dass die Individuationauf der Reduktion von Moglichkeiten beruht, die auf jeder Ebe-ne der Entwicklung getroffen werden muss, dann ist dieses All-gemeine ein unubersehbarer Moglichkeitsraum, mithin komplex,und nicht einfach eine Art Abstraktion als induktiver Denkvor-gang. Es verschranken sich im Begriff der Induktion entgegenge-setzte Richtungen der Reduktion von Komplexitat. In der Indivi-duation sind ontogenetische und phylogenetische Entwicklungenuberlagert und befinden sich in Wechselwirkung. Es bietet sichdie Berucksichtigung einer Problemverschiebung an, die von ei-

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ner veranderten Grundlage des phylogenetisch Erreichten ausgeht.Eine solche Zasur stellte die Neotenie und die Umstellung zumaufrechten Gang dar. Beide provozieren den Aufbau von symboli-schen Verhaltensmustern und -regeln, die den aufgetretenen Man-gel biologischer Automatismen ausgleichen. Einerseits sind die-se Muster gattungsspezifisch, andererseits realisieren sie sich uberIndividuen, die sie als Basis in ihre eigenen Entwicklungen unbe-wusst wiederholt aufnehmen mussen. Die Ruckbindung an die Ba-sis bleibt immer erhalten, sodass der Prozess in Schleifen ablauft.Damit ist diese Basis immer verdeckt prasent, und ihre strukturelleDynamik zu entdecken, Aufgabe der Innervation, die nicht nur dasDenken, sondern all jene Wege erfasst, die in kreativen Prozessenam Werk sind.

Aussagen uber Aussagen bilden eine Relation, die nur wahr seinkann, wenn sie darauf angelegt ist, die Wahrheit einer Aussage zuprufen, also ob eine ”Ubereinstimmung unserer Begriffe mit demObjekte“ (Kant) vorliegt. Diese Prufung kann zum unendlichenRegress fuhren, weil jede Prufung einer neuerlichen Prufung un-terzogen werden muss. Doch Begriffe treffen auf Wahrnehmun-gen, die auf die Identitat des Begriffs oder der Kategorie angewie-sen sind, um ihre Mannigfaltigkeit von Fall zu Fall zu begrenzen.Diese Begrenzung nennt Platon Idee, annehmend, dass sie auf ei-ner Relation des Begriffs zu sich beruht, die die Identitat einesObjektes oder einer Eigenschaft sichert, indem die Relation einezwischen dem Identischen und dem Nichtidentischen, dem Man-nifaltigen und Bewegten ist. Nach Gadamer etabliert Platon mitder Doktrin der Unbestimmten Zweiheit die Unmoglichkeit derDeduktion eines abgeschlossenen Systems, das sich auf das Ei-ne allein grundet. ”Wenn man in Platos Lehren kein festes Ab-leitungssystem suchen darf, sondern das System der unbestimm-ten Zweiheit gerade die Unabschließbarkeit eines solchen Systemsbegrunden will, stellt sich das platonische Ideendenken als eine

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allgemeine Relationstheorie dar, die auf uberzeugende Weise dieUnendlichkeit der Dialektik zur Folge hat. Ihr Fundament ware,daß Logos immer verlangt, daß eine Idee zusammen mit einer an-deren da ist. Der Blick auf eine einzelne Idee als solche bedeu-tet noch keine Erkenntnis... Von der aristotelischen Analyse derPradikationsstruktur her gesprochen heißt das, daß wir eine Aus-sage uber einen Gegenstand in verschiedenen, auch kategorial ver-schiedenen Hinsichten machen konnen. Das jeweils Ausgesagtewird an dem, wovon es ausgesagt wird, durch den gewahlten Ge-sichtspunkt herausgehoben und durch die Aussage gleichsam insBewußtsein gehoben.“1 So entspricht die Aussage der Bewegungder Wahrnehmung, die als Prozess der Fokussierung auf ein Zielverstanden werden kann. Jede Fokussierung eroffnet eine eigeneKomplexitat (Baum, Stamm, Ast, Faser...)

Die Epimenides-Paradoxie beruht auf einer formalen Selbst-bezuglichkeit der Aussage, in der Subjekt und Objekt ihre Po-sitionen wechseln, d.h. nicht eindeutig stabil unterschieden sind.In dem Satz ”Ich bin ein Lugner“ ist das Ich einmal Urheber derAussage, also Subjekt, und einmal Objekt als Adressat. Die reinformale Selbstbezuglichkeit scheint in sprachlicher Aussageformohne die ontologische Subjekt-Objekt-Unterscheidung auszukom-men. In der Subjekt-Objekt-Relation nimmt das Subjekt die akti-ve Position ein, die dem Beobachter als Handelndem entspricht,der seine Motivation vom Objekt bekommen kann, von dem Reizeausgehen, die in Handlung ubersetzt werden. Die formale Subjekt-Objekt-Relation in der Selbstbezuglichkeit ist eine Reduktion derrealen Relation, welche dadurch bestimmt ist, dass das Subjekt inRelation zu anderen Subjekten steht und ebenso als Objekt auftritt.Die ontologische Position des Subjektes ist die des Beobachters

1Hans-Georg Gadamer: Platos ungeschriebene Dialektik, Ges. Werke. Grie-chische Philosophie II, 1985, S. 151

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anderer Subjekte, die ihm Objekte sind. Diese Beobachterpositionist relativ zum System, was fur jedes Subjekt gilt.2

Die Uneindeutigkeit entstammt jener Entwicklungsphase, in derinneres und außeres Erleben, innere und außere Anschauung erstin eine Relation versetzt werden mussen, die der Objektwahr-nehmung entspricht. Die Relation wird arrangiert nach den Re-geln der Wahrnehmung, in denen innere Formbildungsprozesseund außere Sinnesreize abgeglichen werden. Die Uneindeutig-keit ist demnach ursprunglich systemimmanent, wird im Wahrneh-mungsprozess indessen von einer eindeutigen Relation uberlagert,bleibt aber unbewusst erhalten; wenn nicht, tritt sie als Sym-ptom partieller Entwicklungshemmung in Erscheinung und irri-tiert das Bewusstsein mit Paradoxien als zwangslaufige Beschrei-bungsfehler, die durch Ruckgriffe auf ursprungliche bewusstseins-ferne Moglichkeitsraume entstehen.

Fur das Selbstbewusstsein kommt denn auch keine reine for-mallogische Beziehung in Betracht. ”When one is being cons-cious of being conscious, the object of consciousness is not theself but an idea or description of the self in a state of conscious-ness... The self is conscious in the context of a perception.“3 Dasheißt, dass auf Wahrnehmung oder Erfahrung, auf Objekte alsAusgangspunkt in der Anwendung von Aussagen und Begriffennicht verzichtet werden kann. Dieser Ausgangspunkt sorgt dafur,dass die Selbstbezuglichkeit Hemmungen ausgesetzt ist, und derunendliche Regress des sich auf sich beziehenden Selbsts nurunter Vernachlassigung wahrgenommener Objekte oder Inhaltemoglich ware. Die zur Paradoxie fuhrende Selbstbezuglichkeit desEpimenides-Satzes basiert auf der Reinheit der Aussage uber ei-ne Aussage, die sich selbst zum Objekt macht. Das Subjekt der

2Siehe auch Anthony Wilden, System and Structure, S. 123 f.3Jason W. Brown: The Self-Embodying Mind, 2002, S. 62

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Aussage wird in den Status der Selbstaussage versetzt und machtsich zugleich zum Objekt der Aussage. Ich gleich Nicht-Ich. Die-ser formale Widerspruch ist bereits die ”Luge“ als existentielleGrundlage. Setzt man Identitat als selbstbezugliche Relation an,so ist das Objekt-Werden des Subjekts nichts anderes als die Be-wegung, die der Identitat zugrunde liegt. Darin liegt ein wahnhaf-tes Moment, das historisch offenbar zunehmend Wirkung zeitigteund Kant zu seiner Vernunftkritik veranlasst hat.

Ein Ruckzug aus der Objektorientierung kann die Balance vonSelbst, Objekt und dem vermittelnden Bewusstsein storen. DasSystem wird ”propriozeptiv“ und besetzt Leerstellen der Selbst-bezuglichkeit mit Material, das im Falle einer Objektorientierungunwirksam gemacht worden ware. ”’Pure’ disorders of the self, asin psychotic cases, are not confined to changes in the self conceptbut spill into perceptual functions. In schizophrenia, there is de-realization or loss of the reality of objects. There are illusory andhallucinatory phenomena. The dissolution of the self is insepara-ble from these perceptual symptoms. Regression in schizophreniais not a return to a primitive state but an accentuation of an earlystate in the microstructure of cognition. Behavior becomes domi-nated by this early stage, that of the self and neighboring dream orlimbic cognition. Initially, the withdrawal from objects may be ex-pressed in an introspective tendency. The fixation on bodily spaceand hypochondriasis are the other side of the withdrawal.“4

Angesichts der Bedeutung der Beziehung, die in jeder Wahr-nehmung – innerer wie außerer Objekte – stattfindet, befindet sichdie Mathematik in einer besonderen Lage. Im einfachen Gegen-satz von Begriff und Objekt findet sie kaum Platz. ”Die philoso-phischen Probleme der Anwendung der Mathematik wurzeln inder strikten Trennung von apriorischen Vernunftwahrheiten und

4Brown, Mind, S. 69

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aposteriorischen Tatsachenwahrheiten. Die in den letzteren ver-wendeten Begriffe und Verknupfungen haben nie die Scharfe undPrazision, die in den idealisierten Termen der Mathematik herge-stellt ist.“5 Mathematische Satze sind fur Kant zwar apriorischeErkenntnis, doch vollzieht sich die mathematische Vorstellungs-weise als Konstruktion der Begriffe in der reinen Anschauung,und mathematische Satze sind somit synthetisch. ”Denn sie ver-danken sich nicht logischen Ableitungen, sondern der apriorischen’Anwendung’ der Begriffe auf das reine Mannigfaltige in Raumund Zeit.“6 Damit ist die kantische ”Bodenhaftung“ gesichert, wo-bei seine apriorischen Konstruktionen die euklidische Geometrie,klassische Arithmetik und newtonsche Physik zur Grundlage ha-ben, Konstruktionen, die zu unserer bewussten Objektwahrneh-mung in einem ”einfachen“ Ubersetzungsverhaltnis stehen. Die-ses Verhaltnis andert sich in der folgenden Geschichte von Wis-senschaft und Kunst grundlegend, und es werden Strukturen sicht-bar, die in den Ursprungen der Individuation liegen mogen, d.h.somit grundlegend ”objektiv“, weil hier nur ansatzweise von Er-fahrungen die Rede sein kann, die auf einem rezeptiv komplexorganisierten Ich beruhen mussen, um strukturbildende Wirkungzu haben. Diese grundlegende ”Objektivitat“ kann dem Bewusst-sein zunachst nicht zuganglich sein, weil der Zugriff auf ontoge-netisch fruhe Phasen versperrt ist. Folgt man Jason W. BrownsTheorie der Mikrogenese, dann durchlauft die Wahrnehmung Pha-sen der Objektbildung, von denen nur die letzte bewusst wird. DieEntwicklungsphasen des Organismus, der Aufbau eines Systemsder Wahrnehmung von Außen- und Innenreizen, bleibt als Diffe-renzierungsprozess erhalten. Jede Phase baut auf den Leistungender vorangehenden auf. In diesem genetischen Modell verlauft die

5Lothar Schafer: Zahl; in: Handbuch philosophischer Grundbegriffe 6, S. 17856Schafer, S. 1786

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Differenzierung ”historisch“, abgebildet in millisekundenschnel-len Aufbauphasen. Der pauschal-schematische Beginn dieser Pha-sen bildet das in hohem Grade Gemeinsame aller Individuations-prozesse, und da er wie alle Phasen – auf ihren Kern reduziert –unbewusst erhalten bleibt, bietet dieser Beginn Material kollekti-ver Schemata.

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5 Kollektivschema

So steht das Individuum in Spannung zu kollektiven Setzungen,eine Spannung, die besonders dann auffallig wird, wenn kollekti-ve Strukturen Anregungen zur Neubildung erfahren, die von krea-tiven Individuen ausgehen und nicht ignoriert werden konnen.Das Neue stort die strukturelle Balance des Systems interagie-render Glieder. Dieser Umstand scheint so weit zu gehen, dassin mythisch organisierten Gesellschaften mit Pubertatsriten aufeine bedeutsame genetische Zasur reagiert wird. Die Mannbar-keit wird zu einem das Kollektiv betreffenden Faktor, dem mitMaßnahmen wie Heiratsregeln z.B. begegnet werden muss, umdie ausbalancierte Ordnung nicht zu storen. Das Fest als tem-porares Außerkraftsetzen der Ordnung dokumentiert die Tragwei-te des Storfaktors, der mit dem Eintreten der Pubertat und des neu-en Trieblebens auftritt, denn es revoziert den Ursprung der Ord-nung, die im Fest neu beglaubigt werden soll. So nimmt die ganzeGesellschaft Teil an der Neuausrichtung des Einzelnen. Die ju-gendlichen Opfer der Vegetations- und Fruchtbarkeitsriten schei-nen hingegen auf die Reaktion des Kollektivs hinzudeuten, dasdie Storung seiner Ordnung als Verletzung des ganzen Systemsempfindet und mit dem Tod ahndet. Der mit seiner Schopfung engverbundene Gott, stirbt mit jeder Neuschopfung – im Sohn, eineParadoxie, denn der Sohn verkorpert das Neue. Die reprodukti-ve Ebene, in die das Individuum eingebunden ist, findet ihre kul-turelle Entsprechung, und Veranderungen der Grundstruktur sindausgeschlossen.

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Die Dynamik, die in Kollektiven dennoch enthalten sein kann,beruht auf einem Effekt von Storungen, die außerhalb der Reich-weite des Systems liegen und von ihm mit internen Mitteln nichtbewaltigt werden konnen. Aus dem Godel-Theorem geht her-vor, dass ein System nicht aus sich selbst heraus komplexerwerden kann, um Problemlosungen gegen solche Storungen zuentwickeln. Die Bildung von Kollektiven gehort bereits zu denMoglichkeiten der Losung von Problemen kleinerer gesellschaft-licher Einheiten (Kollektive) oder Individuen, die ihr Bewusstseinteilweise an umfangreichere Komplexe wie Netze delegieren, diezu einer kooperativen Selbstverbesserung in der Lage sind. DieBeschrankungen der Perspektive, der ein Einzelner unterworfenist, wird aufgehoben durch eine Vielzahl weiterer Perspektiven an-derer, die die Subjekt-Objekt-Perspektive uberschreiten und miterheblich großeren Komplexen umgehen konnen.

Die euklidische Geometrie setzt die Einzelperspektive vorausund organisiert die Totale von diesem Punkt aus in der Annah-me, dass alle anderen Perspektiven realisiert werden konnen, wennman die Gesetze anwendet. Doch scheint erst die ”imaginare Geo-metrie“ diese Absicht voll zu erfullen. Diese Geometrie bedeu-tet gegenuber Euklid einen kreativen Sprung auf eine logischhohere Ebene, indem sie uber Euklid hinausfuhrt, ihn aber den-noch enthalt. So weitet sich der perspektivische Raum, mit dem dieRenaissance das Individuum in seinem speziellen Raum situierte,schließlich in die Dimensionen eines Raumes, der die Anschauungdes Individuums so ubersteigen muss, als sei dieses Ubersteigenein Phanomen des Kollektivs und seiner netzwerkartigen Koope-ration. Betrachtet man eine geschlossene Gruppe oder ein Indivi-duum als System, so ware die Kommunikation zwischen vielensolcher Gruppen auf der Basis einer großen Anzahl unterschiedli-cher Individuen die Ausgangslage fur einen vertikalen Sprung.

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Eshel Ben-Jacob zieht eine Parallele zwischen wissenschaftli-chen Revolutionen, wie sie Thomas S. Kuhn beschrieben hat, undAnderungen des genetischen Materials. ”Wissenschaftliche Revo-lutionen entstehen, wenn Wissenschaftler auf Paradoxien treffen,also auf Probleme, die nicht in den begrifflichen Grenzen des herr-schenden Paradigmas gelost werden konnen. Um ein Paradox auf-zulosen, muß ein neues Paradigma mit einem erweiterten Begriffs-raum und neuen ’Regeln’ geschaffen werden... In Analogie zu wis-senschaftlichen Revolutionen gehe ich davon aus, daß ein ’vertika-ler genomischer Sprung’ eine Losung fur ein Paradox und nicht furein Problem darstellt. Ein Paradox ware hier eine Schwierigkeit,fur die das Genom mit seinen zur Verfugung stehenden Mittelnkeine Losung finden kann, da die Losung ein neues Genom ist,das im Vergleich mit dem alten einen Fortschritt darstellt.“1

Stress ubt einen Veranderungsdruck aus, der die Kooperati-on innerhalb einer Population befordert, die das aktuelle Systemim Sinne einer strukturellen Neuschopfung transzendiert. GodelsTheorem zufolge kann ein Genom horizontale Veranderungen ge-stalten und ausfuhren, jedoch keine vertikalen Sprunge, die Pa-radoxien auflosen. ”Zunachst mag es so scheinen, als wurde dieAnnahme, daß das Genom eine adaptive kybernetische Einheitmit Selbstwahrnehmung ist, ausreichen, um die Evolution zu er-klaren... Aber so ist es nicht. Ein aus Godels Theorem abgeleitetesLemma setzt der Selbstverbesserung Schranken. Es besagt, ein-fach ausgedruckt, daß ein System nicht ein anderes System bildenkann, das komplexer als es selbst ist.“ Wenn man ein kooperati-ves Verhalten zugrundelegt, ist das Dilemma zu losen. Nach derBildung eines genomischen Netzwerkes ist das Paradox insofern

1Eshel Ben-Jacob: Die Klugheit der Bakterien, Godels Theorem und kreativegenomische Netze. Ein neues Bild der Evolution. Telepolis, Heise-Verlag, 1.Juli 1998 (Bacterial wisdom, Godel’s theorem and creative genomic webs.Physica A 248, 1998, S. 57 bis 76)

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auflosbar, als sich das Netzwerk dem einzelnen Genom als eineArt ”Metageist“ verhalt. Ben-Jacob nennt dies kooperative Selbst-verbesserung. Als Beispiel fuhrt Ben-Jacob die Sporenbildung vonBakterien an. ”Die kollektiv getroffene ’Entscheidung’, Sporen zubilden, basiert auf der Voraussage, daß die Umweltbedingungentodlich werden. Die Notwendigkeit, aus todlichen Umweltbedin-gungen zu lernen, konnte das Paradox gewesen sein, das die Bak-terien dazu gebracht hat, aus Grunden des Uberlebens einen ver-tikalen Sprung auszufuhren.“2 Fur Ben-Jacob ist Paradoxie, d.h.sich widersprechende Umweltbedingungen die Basis fur einenkreativen Sprung. ”Fortschritt geschieht dann, wenn ein Organis-mus paradoxalen Umweltbedingungen, einander widersprechen-den außeren Bedingungen ausgesetzt ist, die ihn dazu zwingen, aufsich widersprechende Weise zu reagieren. Selbstverstandlich kanndies ein Organismus nicht innerhalb seines bestehenden Rahmensleisten.“ Kreativitat ist ein Phanomen der Emergenz, die koope-rative komplexe Systeme auf ein existierendes Paradox anwendenkonnen, um es zu losen. 3

2Ben-Jacob: Die Klugheit der Bakterien3Jedes Bakterium muss eine Entscheidung zwischen zwei Moglichkeiten des

Uberlebens treffen. Ein Teil der Bakterien verkapselt seine DNA in Spo-ren. Das sichert das Uberleben der Kolonie. Ein anderer Teil beschließt, ineinen ”Kompetenz“-Status uberzugehen. Der Vorteil des Kompetenz-Statusliegt darin, dass die Kolonie schnell wieder zum Normalstatus zuruckkehrenkann. Die Wahl ist jedoch nicht ohne Risiko, denn die Zelle stirbt, wenn dieUmweltbedingungen sich verschlechtern. Die Entscheidung beruht auf che-mischen Botschaften, die die Bakterien durch Kommunikation mit der Ko-lonie erwerben und einen komplexen Entscheidungsprozess in Gang setzen,der ein spezialisisertes Netzwerk aus Informationsmolekulen nutzt. Nur 10Prozent der Bakterien wahlen den Kompetenz-Status.

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6 Symbiose

Vor der Situation sich widersprechender Umweltbedingungensteht das Kind in der von Melanie Klein beschriebenen paranoid-schizophrenen Phase.1 Aus der Situation kann sich das Kind alleinnicht befreien, sondern bedarf der kybernetischen Disposition derDyade. Der Prozess, Widerspruche auflosen zu konnen, greift aufTechniken zuruck, die einmal kreativ waren und nun kulturell ver-ankert sind. Eines der Mittel durfte das Spiel sein, das in der Lageist, Paradoxa in komplexe Beziehungen zu verwandeln und uberdas System, in dem das Paradox entsteht, hinauszugehen. ”Es gibteindeutige experimentelle und theoretische Hinweise, dass die-ser emotionale Austausch auch die Entwicklung des kindlichenBewusstseins beeinflusst. Tronick und Weinberg (1997) beschrie-ben, wie die sozio-emotionale Kommunikationsverarbeitung mi-

1Die paranoid-schizoide Position ist ”ein von M. Klein eingefuhrter Begrifffur eine Modalitat des Erlebens von Objektbeziehungen (Objektbeziehungs-theorie), die nicht auf die ersten Lebensmonate eines Kindes beschranktist, sondern immer wieder, auch beim Erwachsenen, auftreten kann undin einer dialektischen Beziehung zur depressiven Position steht. Zu denAngsten und Abwehrformen der paranoid-schizoiden Position fruhgestorterPatienten zahlen die Angst vor Zerstuckelung, Vergiftung, Aufgefressen-werden. Aus psychoanalytischer Sicht gehen diese Angste auf eigene Trieb-regungen zuruck, die mutterliche Brust, die durch Frustrationserlebnisse alsenttauschend und abweisend erlebt wird, aufzusaugen oder zu verschlin-gen. Die ubiquitare Existenz frustrierender Eltern-Kind-Interaktionen fuhrtbeim Kind zusammen mit den noch wenig ausgebildeten Ich-Funktionenfast zwangslaufig zum Erleben von Uberwaltigtwerden durch heftige ag-gressive Affekte.“ Mertens, W. (1998) Psychoanalytische Grundbegriffe (2.Aufl.): Paranoid-schizoide Position

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kroregulatorisch intersubjektive Bewusstseinszustande in der Dya-de von Mutter und Kind erzeugt. Dadurch ’kartographieren sichgegenseitig diese (einige) Elemente des Bewusstseinszustandesder Beteiligten in das jeweilig andere Gehirn’ (ebd. S. 75). Tronikund sein Team (1998) stellten fest, dass das selbstorganisierendeSystem des Sauglings, wenn es an das der Mutter angekoppelt ist,eine Gehirnorganisation erlaubt, die in koharentere und komple-xere Bewusstseinszustande erweitert werden kann.“2 Es handeltsich zudem um einen symbiotischen Zustand, der dadurch gekenn-zeichnet ist, dass im Verbund zweier Organismen eine ”reziprokeErweiterung der Fahigkeit zum Uberleben“3 entsteht.

Die kategoriale Verschrankung von Anschauen und Ernahrensteht im Zeichen der Fur- oder Vorsorge, von den Stoikern pro-noia genannt. Diese Art der nahrenden Aufmerksamkeit, die manals Opfer bezeichnen kann, vereint Nahrung und reine Form –Nahrung ist Form und Form Nahrung, wobei die Moglichkeitder Formung gemeint ist, die der Nahrung bedarf. Dies scheintmit der Identifizierung von Nahrung und Form gemeint zu sein,die Agamben bei Mauss gefunden hat, der uber die prosodischeStruktur der Veden schreibt, Hymnen und die durch Zahlen ausge-druckten Dinge und rhythmische Gebarden bedeuteten Nahrung.4

Die Zahl steht im Formbildungsprozess fur die Folge von Posi-tionen und Ereignissen, aus denen eine gegliederte Form hervor-geht. Die Ruckbezuglichkeit ist dabei von entscheidender Bedeu-tung. Die Zwei entsteht aus der Relation der eins zu sich. DieDrei bildet eine Relation zur Zwei, in der die Relation der einszu sich enthalten ist. Mit Fortschreiten der Reihe werden die Rela-

2Allan Schore: Affektregulation und die Reorganisation des Selbst, 2009, S.67

3D.H. Lee et al.: Emergence of symbiosis in peptide self-replication througha hypercyclic network, Nature, 390, S. 591

4Giorgio Agamben: Herrschaft und Herrlichkeit, 2010, S. 281

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tionen zunehmend komplexer und machtiger, damit aber wachsenauch die Notwendigkeiten der Auswahl von Relationen, wenn ei-ne Form gebildet werden soll. Ein Beispiel ist die musikalischeSkala, die das Prinzip der Generierung veranschaulicht. Dem An-wachsen der Machtigkeit steht eine Differenzierung durch Aus-wahl gegenuber, die man Individuation nennen kann. Das Indivi-duierte realisiert wenige von unubersehbar vielen Moglichkeiten.Nach diesem Prinzip verlauft die mikrogenetische Objektbildung,deren Anfang so ”einfach“ ist, dass er auf jedes Individuum imFruhstadium der Ontogenese zutrifft und die Matrix fur Kollektiv-schemata bildet. Der Zugriff auf diese Matrix scheint notwendigzu sein, um mit einem Kollektivschema zu kommunizieren.

Besteht zwischen dem Kollektiv und der von Ben-Esher be-schriebenen Kolonie von Bakterien eine Analogie, dann ware uberden Zugriff auf fruhe ontogenetische Stadien ein rekursiver Pro-zess zwischen Individuum und Kollektiv denkbar. Aktiviert wurdeeine kybernetische Einheit, deren Funktion durch variable Para-meter des Kollektivs (Holoparameter) gesteuert wird. Im Falle derBakterien handelt es sich um Wachstumskinetik, zellulare Dich-te, Große des Hungers, Dichte der metabolischen Nebenprodukteusw. ”Entscheidend ist, daß ein Kybernator, weil seine Aktivitatvon Holoparametern gesteuert wird, Veranderungen in der Akti-vitat und und der Struktur des Genoms bewirken kann, die die ein-zelnen Zellen so beeinflußt, daß es der ganzen Kolonie nutzt. Folg-lich verfugen die Bakterien uber eine kybernetische Moglichkeit,drei Ebenen der Interaktion zu steuern: die Ebene des Kyberna-tors, der Zelle und der Kolonie. Das ’Interesse’ des Kybernatorsuntersteht dem ’Zweck’ der Kolonie, indem es das Genom der ein-zelnen Zelle neu ausrichtet. Der Kybernator stellt einen einzigenRuckkopplungsmechanismus zur Verfugung, wahrend die Koloniediesen benutzt, um Veranderungen in der einzelnen Zelle zu bewir-

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ken, was daher zu einer konsistenten adaptiven Selbstorganisationder Kolonie fuhrt.“5

Stellt man sich eine Analogie von Kolonie und Dyade vor, wareauch fur sie ein Drittes anzunehmen, das die Funktion eines Ky-bernators zum Nutzen der Symbiose ubernimmt. Die ”kooperati-ve Selbstverbesserung“ von Bakterien setzt voraus, dass die ein-zelnen Glieder angesichts der Umweltbedingungen ”ihr Bewußt-sein als Individuen weitgehend aufgeben“.6 Fur das Individuumeines kulturellen Kollektivs bedeutet es, dass der erreichte Statusseiner Ichbildung von alteren Stufen uberlagert wird – entwederdurch rituelle Maßnahmen, intuitiv kreative oder psychisch ab-norme Zustande. Zu bedenken ist, dass ein geschlossenes System– Kolonie oder Dyade – zwar seine Homoostase aufrecht erhal-ten, aber nicht komplexer werden kann. Um eine hohere Stufe derKomplexion zu erreichen, also einen kreativen Schritt zu vollzie-hen, muss das System uberschritten werden. Im Fall der Bakteri-en ist eine ”genetische Kommunikation zwischen vielen Kolonienderselben Bakterien oder einer Anzahl unterschiedlicher Bakterienfur die Bildung eines vertikalen Sprungs auf der Ebene der Kolo-nie erforderlich“.7 Je großer das Problem, so Ben-Jacob, desto lei-stungsstarker werde das genomische Netz gebildet. Man kann da-von ausgehen, dass der Druck, der von Umweltbedingungen aus-geht, Kreativitat motiviert, die im Zusammenwirken von Kollek-tiven und Individuum entsteht, Kollektive als logische Einheiten,die uberwiegend symbolisch interagieren, und Individuen als sub-stantielle Entitaten, die handeln und Umwelten verandern konnen.

Paradoxe ”Umweltbedingungen“ sind lebensbedrohlich, weilsie die Bewegungen, die zwischen System und Umwelt fur eine

5Ben-Jacob, Kap. Drei Ebenen der Informationsubertragung6Ben-Jacob, Klugheit der Bakterien, Bacterial Wisdom, S.717Ben-Jacob, Wisdom, S. 71

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Homoostase sorgen, zum Stillstand bringen. Die Auflosung einerParadoxie stellt die Aktionsfahigkeit des Selbstes in wechseln-den Umgebungsbedingungen wieder her. Ein Individuum, das denAustausch mit der Umwelt, der das Selbst in Bewegung und amLeben erhalt, verweigert, ist Paradoxien unterworfen. Die Selbst-bezuglichkeit wird auf das Selbst eingeschrankt, die Relation uberdas Nicht-Selbst kassiert und damit eine Paradoxie errichtet, inder das Selbst zugleich seine eigene Negation ist. Kurt Godels Ver-giftungsangste definieren Umweltbedingungen als todliche Bedro-hung, und Nahrung bedeutet gleichzeitig ihr Gegenteil, Gift. Para-doxie ist die Schleife, aus der ein Individuum nicht herausfindenkann, weil ihm die hinreichende Interaktion mit der ”anderen Sei-te“ weitgehend versperrt ist.

Fruh setzt in der Entwicklungsphase der dyadische Prozess ein,um die Stufen fortschreitender Komplexion uber eine differenzier-te Selbstbezuglichkeit zu erreichen, die mit Lernvorgangen ver-bunden ist, weshalb man sie auch als kybernetische Einheit be-zeichnen konnte. Die Dyade setzt den Prozess auf einer hoherenEbene fort, der mit dem Teilen und Spezialisieren von Zellen ur-sprunglich begann, um ihre abstrakte Identitat uber ”Generatio-nen“ hinweg zu sichern. ”Aber da Zellen wuchsen, sich fortpflanz-ten und ihresgleichen hervorbrachten, kam die Chemie des Le-bens nie mehr zum Stillstand, nachdem das Leben sich einmal ent-wickelt hatte. Steht dem Kreislauf des Lebens ein stetiger Stromvon Energie und Nahrstoffen zur Verfugung, stellen Zellen im-mer wieder Exemplare von sich selbst her. Chemischen Systemenfehlt das Selbst: Sie konnen nicht mehr von sich selbst erzeugen.Das Leben dagegen – Zellen und Organismen – besitzt immerein Selbst. Diese Gebilde mussen standig Energie aufwenden, umweiter zu existieren, aber das tun sie in untrennbarer Verbindungzu fruherem Leben. Das Leben war seit seinem Beginn und oh-

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ne jede Unterbrechung immer chemisch mit seiner Vergangenheitverbunden.“8

Der Begriff des Selbst ist in verschiedenen Zusammenhangenanwendbar, zunachst ist er funktional und bezeichnet eineruckbezugliche Beziehung, die im Raum oder in der Zeit stattfin-det, und damit einer Wiederholung ”desselben“ gleicht. Logischhandelt es sich um Identitat reinen Seins, das sich auf Nichts be-zieht. Lynn Margulis verwendet den Begriff des Selbst fur das derBeziehung zwischen Kopie und Original Zugrundeliegende, dasIdentische – fur die Beziehung, in der beide Substanzen gleichsind, auch wenn sie sich unterscheiden. ”Das Genom ist eine dy-namische Entitat und seine Struktur paßt sich den ausgefuhrtenBerechnungen an, was voraussetzt, daß das Genom uber Selbst-bezuglichkeit, Information uber sich selbst und, ganz entschei-dend, Selbstwahrnehmung verfugt.“ 9 Die ontogenetische Bildungeines Selbstbewusstseins wird die Funktion der Selbstwahrneh-mung als Prinzip ubernehmen und in die je hohere Entwicklungs-stufe integrieren. Die Ruckbezuglichkeit setzt eine Einheit vor-aus, die Unterschiede bindet. ”The unity of the self, therefore, isnot accomplished secondarily through an interaction or integrationacross the modalities, but is a unity that underlies the modalitiesand distributes itself into them.“10 Sich dieses Selbst bewusst zusein, ist mehr als Selbstbezuglichkeit, also ein Phanomen, das die-se Selbstbezuglichkeit auf die Einheit, das Selbst, ausdehnt, dasaber nicht leer ist, sondern objektbezogen. Selbstbewusstsein ”is aretreat from external objects to preparatory (internal) phases in theobject formation.“11

8Lynn Margulis: Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich ver-lief, 1998, Kap. ”Aus Schaum geboren”

9Ben-Jacob, Klugheit der Bakterien10Jason W. Brown: The Life of the Mind, 1988, S. 27311Brown, S. 62

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Man kann davon ausgehen, dass die Stadien der Objektbildungauf kreativen Schuben der Evolution beruhen, die als Vorbild vonKreativitat gelten kann, bei der sich die Ebenen durch wachsendeKomplexitat und effizientere Problemlosungen auszeichnen. DieSelbstbezuglichkeit der Zelle halt sie ”am Leben“, die Informationwird kopiert, die Einheit (Zelle) geteilt. Das heißt, dieses Selbst,das sich im Kopiervorgang erhalt, ist nicht leer, sondern geht ei-ne Beziehung ein, die spater in der Innen-Außen- oder Subjekt-Objektbeziehung als erweiterte Selbstbezuglichkeit mit Verlage-rung von Anteilen nach außen weiterwirkt. Die Allgemeinheitdes Selbst im mikrogenetischen Prozess ware auf die Allgemein-heit des Kopierprinzips zuruckzufuhren, die Reichhaltigkeit derKategorien auf die ursprungliche Symbiontik von unterschiedli-chen Zelltypen. Vorausgesetzt wird eine Analogie zwischen denFunktionen auf genetischer Zellebene und psychomentalen Pro-zessen. Entscheidend ist, dass Informationen nicht nur in Abbil-dern kopiert, sondern auch gelesen werden konnen, wenn sie furAnpassungsvorgange als ”Erinnerungen“ benotigt werden. DieseFunktion auf der Stufe genetischer Muster zeugt sich bis zur psy-chomentalen Funktion des Selbst und seinem ablaufenden Ent-schlusselungsprozess fort – phylo- wie ontogenetisch, kollektivwie individuell. Ein programmatisch arbeitendes Selbstbewusst-sein wurde einen historischen Prozess initiieren, der zu Basisinfor-mationen und -strukturen fuhrt, um sie auf seiner aktuellen Ebenefur kreative Zwecke zu nutzen.

Zwischen dem Leben von Zellen und dem Prozess, der zurWahrnehmung fuhrt, sieht Jason W. Brown einen Zusammenhang.

”Brain and skin are derived from primitive ectoderm. The neo-cortex is laminted like the skin, and in mental process, as in epi-dermis, there is a continual replacement of objects that are born,grow and die. The epidermis consists of layers. The deepest layer,the stratum basale, contains cells that undergoe mitosis, migra-

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te to the surface and are shed. There is continual replacement ofcells on the external surface of the skin by those generated outof deeper layers. The migration of skin cells to the surface wherethey die and are replaced is analogous to the generation of objectsover phases. Like skin cells, final objects externalize and perishas they are being replaced.“12 Wenn der mikrogenetische Prozessrein formal ablauft, kann man von einer Spiegelung von unten undoben ausgehen, von materiellen Prozessen, die in psychomentalenPhanomenen eine Art Echo haben. So spiegelt sich das kooperati-ve Verhalten von Bakterien in Zustanden der Gefahr fur die Kolo-nie ”oben“ im entsprechenden Sozialverhalten, die Attraktion vonZellen, die verschmelzen, um komplexere Formen zu bilden, spie-geln sich in Sehnsucht und Begierde nach Partnern. Die Symbioseals Voraussetzung fur neue und komplexere, d.h leistungsfahigereindividuelle Lebensformen beruht auf einer Form der Kooperati-on von Zelltypen, die Losungen einer bedrohten Bakterienkolo-nie hingegen beruhen auf einer Leistung des hoherstufig komplexorganigisierten Kollektivs. Der kreative Schub ist ohne Kollektiv,das auf ihn vorbereitet sein muss, nicht moglich. Wie ist es im kon-kreten Fall an einer Losung beteiligt? Bei Anpassungsprozessenhandelt es sich immer ums Uberleben. Kreativitat ist eine Tugendaus Notwendigkeit und system-umwelt-immanent.

12Jason W. Brown: Microgenetic Theory and Process Thought, 2015, S. 7

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7 Godels Selbstnegation

Godel spurt, dass er sich allein aus seiner paranoischen Situationnicht befreien kann, indem er den Beweis dafur findet, dass Selbst-verbesserung innerhalb ein und desselben Systems, also innerhalbdes Individuums nicht moglich ist. So verweist der Beweis aufdie Notwendigkeit hin, das individuelle Selbst zu verlassen, um eszu erhalten. Man kann dies eine paradoxe Situation nennen, sichaufzugeben, um sich zu erhalten. Die Stabilitat des Selbstbewusst-seins wird abgelost von der Stabilitat, die ontogenetisch fruhenZustanden ebenfalls eigen ist. Dies zeigt sich in der Beharrlichkeitreligioser Bindungen, Wahnvorstellungen oder kreativer Phasen,die das Individuum binden. Das in der Psychoanalyse Regressiongenannte Phanomen interpretiert Silvano Arieti als Versuch einermentalen Reorganisation. ”When the highest centers cannot func-tion, either because of organic or psychogenic conditions, a rein-tegration occurs of the whole nervous system, so that some lowercenters take over some of the functions of the higher centers.“1 Ei-ne solche Reorganisation wird man auch bei kreativen Prozessenannehmen konnen, die die bestehenden Strukturen so umbilden,dass neuartige Leistungen hinzukommen. Sichtbar werden sie aufder individuellen Ebene, die jedoch uber die Matrix der Dyadeunbewusst ans Kollektiv und dessen struktureller Machtigkeit an-geschlossen ist.

Die Selbstbezuglichkeit des Individuums verlauft uber eine Re-lation zweier mikrogenetischer Stadien – dem Objekt und demfruh dem Prozess unterlegten Selbst, das keine isolierte Einheit

1Silvano Arieti: Loss of Reality, Psychoanalysis 48:3, 1961, S. 16

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sein kann, sondern uber ein Nicht-Selbst vermittelt ist. ”The self isan image that is remembered, an image of a memory, not a thingor item that is retrieved but the unrecollected background that em-braces everything that is recalled, the context within which a spe-cific memory appears.“2 Das Selbst ist eine Art Hintergrundfigur,die Inhalte jeder Art umfasst, d.h. in Relation zu Inhalten steht.

”The process that generates the self-concept, along with other re-presentational content, traverses and revives formative levels in thepersonality that are not part of the surface content of seperate mo-dalities. That is, the self-concept is laid down in early, formativestages in perceptual microgenesis as a unitary preobject.“3 Brownvergleicht das Selbst mit einem Baum, dessen aufwartsstrebendesWachstum eine Struktur mit zunehmend feineren Verzweigungenausbildet. ”The fact that the modalities show surface differentia-tion but are unitary at their base accounts for the unity of self-representation in which all the modalities have a share.“4 Zwi-schen dem Selbst und den jeweiligen Zustanden des Prozessesherrscht eine Ganzes-Teil-Relation, der Teil (das Individuum) istuber das Ganze vermittelt, sodass der Teil wenn er als Teil aus-gebildet ist, d.h. individuiert, auch mit anderen Teilen in Relationsteht, andernfalls ist es kein Teil. Das Selbst ware eine alternativeBezeichnung fur die formale Relation aller Teile.

Da das Objekt Ergebnis von Hemmungs- und Reduktionspro-zessen ist, ware das Selbst als machtigere, d.h. uberindividuelleForm anzusehen, die sich im ontogenetischen Prozess von derDyade zum Kollektiv entfaltet, das uber eine Vielheit von Anderen(Gotthard Gunthers ”Du“) verfugt. Darin wird ein Paradox sicht-bar, indem die Einfachheit scheinbar ist, weil sie die Vielfalt von

2Brown, The Self-Embodying Mind, S. 633Brown, The Life of the Mind, S. 1034Brown, Life, S. 273

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Moglichkeiten umfasst, die zu einem Einfachen anderer Art, demObjekt, reduziert werden. Die Objektbildung verlauft zur Ontoge-nese der Netzwerkbildung des Gehirns insofern formal analog, alsdie Netzwerke sich unter dem Einfluss der Umwelt spezialisieren,die konnektiven Moglichkeiten auf die Zwange der Umgebung ab-gestimmt und laufend aktualisiert werden. Die individuell subjek-tive Ebene wird nun uberlagert von der des Kollektivs interagie-render Subjekte. Da das Subjekt sich uber das Selbst organisiert,das seine formale Einfachheit des Rahmens der Differenzierungennicht aufgibt, schließt es an die formale Einfachheit an, die ausden Relationen des Kollektivs als dessen Rahmen hervorgeht. DieSelbst-Form ware individuell und kollektiv dieselbe.

In Analogie zur Ontogenese befindet sich das Selbst in derfruhen Phase der mikrogenetischen Objektbildung in passivemZustand. Dem Traum vergleichbar, der ebenfalls mit dieser Pha-se verbunden ist, sieht sich der Beobachter als Objekt seiner ei-genen mental produzierten Bilder gegenuber, die er quasi erlei-det. ”The fact that objects are attenuated and the prominence inthe object of limbic cognition revive feelings of vulnerability toimages as in dream. The helplessness we feel toward our own hal-lucinatory objects invades the waking object experience. This isthe passivity of the subject at this phase in the object formation.As in dream, the perceiver feels he is an object for his own men-tal images. The passive quality of the self, the loss of the world,and with it the active nature of the self invite the delusion thatthe self of the schizophrenic is an object for his own images topersecute.“ 5 Das Selbst als Objekt seiner eigenen Bilder, die esverfolgen, ist in vielen Metaphern einer Gott- oder Geist-Mensch-Beziehung ausgestaltet worden. Die mildere Form der Verfolgungist die Drohung oder nur spurbare Prasenz. Aus der Gottesmeta-

5Brown, Mind, S. 69 f.

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phorik sind die komplexen und widerspruchlichen Aspekte zu ent-nehmen, die dieser passiven Form des Selbst entspringen, nebenoffen paranoischen Formen sind es Gefuhle schopferischer Be-drangnis, in der schwachen Form intuitive Aufmerksamkeit oderAnrufung von Gottern, Musen, Geistern, wie es aus der Antikebekannt ist. Mit der Verstarkung fruher mikrogenetischer Stadi-en, die auch durch spezifische Techniken oder Einrichtung vonbesonderen Umstanden hervorgeufen werden konnen, scheint dasSelbst empfanglich fur Endgestalten zu sein, die zu den bis da-to prozessierten alternativ sind, ihre Gultigkeit sich jedoch er-weisen muss. Das Individuum, im Kollektiv wirksam, fungiertals Agent des Nachweises. Die Nachbarschaft von bewahrt Al-tem und uberraschend Neuem ist eine notwendige Bindung, diesichtbare Alternative der Prozesse, die die Uberlegenheit des Neu-en, die Neuheit des Neuen erst deutlich macht. Der Abstand zwi-schen Altem und Neuem ist essentiell. Er kennzeichnet eine ”Fort-schreibung in die Zukunft“, d.h ein grundlegendes Ungleichge-wicht der Homoostase, die den Ausgleich lebender Systeme mitder Umgebung regelt. Diese Fortschreibung ist mit einem grund-legenden Gefuhl des Wohlbefindens verbunden; es ware moglich,dass in kreativen Situationen, in denen das Gefalle gravierend ist,Glucksgefuhle beteiligt sind.6

Godels Interesse an Husserl grundet sich auf die Bedeutung je-ner intuitiven Aufmerksamkeit. Die passive Form des Selbst hin-dert das Bewusstsein nicht daran, in einem zweiten Schritt die

”Bilder“ zu verarbeiten, wie es von kreativen Akten bekannt ist.6John Today ”sieht in der Homoostase eine Triebkraft der Evolution, einen

Weg zur Schaffung eines geschutzen Raumes in den Zellen, in dem kata-lytische Kreislaufe ihre Aufgaben erfullen und ganz buchstablich zum Le-ben erwachen konnen.“ Antonio Damasio: Im Anfang war das Gefuhl: Derbiologische Anfang menschlicher Kultur, 2017, (Kindle) 3 Varianten derHomoostase, Homoostase heute, Abs. 2

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Godel beschrieb die Phanomenologie als Methode, durch die man

”die betreffenden Begriffe scharfer ins Auge fasst, indem mandie Aufmerksamkeit in einer bestimmten Weise dirigiert, namlichauf unsere eigenen Akte bei der Verwendung dieser Begriffe...“Wenn man dabei erfolgreich ist, erreiche man einen neuen Be-wusstseinszustand, ”indem wir die von uns verwendeten Grundbe-griffe unseres Denkens detaillieren oder bisher unbekannte Grund-begriffe erfassen...“7 Die Phanomenologie sei fur Godel ein Ver-such gewesen, so Yourgrau, unsere ursprungliche Verwendungder Grundideen zu rekonstruieren, ”nicht um sich auf die Metho-den zu konzentrieren, mit denen Begriffe angewandt oder kom-biniert werden..., sondern vielmehr, um das wiederzufinden, waswir mit unseren fundamentalsten Denkakten zunachst einmal ge-meint haben. Dies ist ein schwieriger und unangenehmer Prozess,bei dem wir unser Denken auf eine Selbstreflexion hin ausrich-ten.“8 Damit kennzeichnet Godel seine eigene Leistung, die Be-deutung der Unvollstandigkeitssatze. Sie sind ein schopferischerAkt, der ein geltendes mathematisches System so transferiert, dasses einen Begriff von sich selbst bekommt, der die Bedeutung desSystems verandert, indem es uber eine Rekombination moglicherGlieder hinausgeht. Im Unterschied zwischen der alten und derneuen Bedeutung liegt der schopferische Akt. Godel vollzieht die-sen schopferischen Akt, der gleichzeitig seine eigene Beschrei-bung, sein Begriff ist. Die Unvollstandigkeitssatze sichern syste-mische Offenheit mit der Moglichkeit von Neuschopfungen, dieBen-Jacob ”vertikale Sprunge“ nennt.

Der Godel unterstellte Platonismus ist von anderer Art als er inder Regel verstanden wird. In Platons Kosmos dringt nichts Neuesein, denn er ist vollkommen und somit in sich geschlossen. Seine

7Yourgrau, S. 1998Yougrau, S. 200

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Philosophie selbst ist ein schopferischer Akt, in dem das Denkensich selbst zu Objekt macht, um es zu analysieren und Schlussedaraus zu ziehen. Das ist neu im Gegensatz zum Mythos, der nuraus Aussagen besteht. So beginnt eine Geschichte des Geistes, diefur Hegel als Reflexionsprozess beschrieben werden kann, in demNeues hervorgebracht wird. Die Reflexion mit der Relation vonSein, Nichts und deren Vermittlung, womit die Logik Hegels be-ginnt, ist asymmetrisch, damit aber bekommt die Relation einenRichtungssinn. Gotthard Gunther ubersetzt dies in eine Kontextu-ralitatstheorie. ”Systeme mit graduell wachsender Anzahl von Ele-mentarkontexturen formen einen eigenartigen Aufbau, auf den derHegelsche Terminus ’Stufengang’ vorzuglich paßt. Es ist eben-falls demonstrierbar, daß in transkontexturellen Zusammenhangenhoherer Ordnung – infolge der großeren Komplexitat des Gesamt-systems – logische Eigenschaften auftreten, die in den isoliertenElementarkontexturen schlechterdings nicht aufweisbar sind. In-sofern existieren in den stufenartig sich erweiternden transkontex-turellen Synthesen die ontologischen Bedingungen fur das Auftre-ten von Neuem.”9 Reflexion bedarf indessen einer reflektierendenEinheit, eines Ich, das zugunsten eines strengen Objektivismus derWissenschaft unterdruckt worden ist. Zu stark scheint die subjek-tive Neigung zu Phantasmagorien gewesen zu sein, wie an KantsSchrift uber Geisterseher erkennen ist.

Die Aktivierung eines fruhen Stadiums der Subjektbildung,die das Bewusstsein affiziert, verandert die Ichstruktur manchmalzerstorerisch. In Psychosen zerfallt die Einheit des Ich in Teilkom-ponenten, die von einem einzigen Selbst nicht mehr zusammenge-halten werden. Die Unterbewertung des Subjekts in den Wissen-schaften scheint mit der Aktivierung fruher Stadien der Subjekti-

9Gotthard Gunther: Die historische Kategorie des Neuen; in: Beitrage zurGrundlegung einer operationsfahigen Dialektik III, 1980, S. 195

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vitat zusammenzuhangen, die subjektferne Strukturen zuganglichmacht, weil das Ich mit seinen bewussten Steuerungsleistungennoch nicht ausgebildet ist. Das fruhe Ich arbeitet auf einer Stu-fe, auf der nur wenige individuelle Erfahrungen gesammelt wer-den konnten, die in eine personliche Geschichte haben einfließenkonnen. So konnen Strukturen zuganglich werden, die von allge-meiner, d.h. gesetzmaßiger Art sind.

In einer Konstellation, in der das Ich durch die Aktivierung ei-nes fruhen Stadiums, das einmal zur Bildung eines Kollektivsche-mas gefuhrt hat, bedroht ist, durfte es zu psychotischen Zugenkommen. Das Kollektivschema, im erwachsenen Subjekt-Objekt-Status mit dem Ich vermittelt, wurde vom Ich in einem solchenFall als zerstorerische Kraft wahrgenommen. Die griechische Kul-tur hat die Bedrohungslage ausgiebig dokumentiert. Das Desa-ster ist immer nahe. ”Das erlebende Ich sah sich einem Seinvon so uberwaltigender objektiver Macht und so unbeirrbarer ge-genstandlicher Konsequenz gegenuber, daß es der isolierten Psy-che praktisch unmoglich war, sich dagegen zu behaupten. Der Re-flexion blieb da nur die Flucht ins Kollektivbewußtsein. Diese Si-tuation ist fast ohne Restbestand in die Kernformeln der klassi-schen Metaphysik eingegangen... Das kollektivistische Motiv aberkehrt wieder in dem Postulat der metaphysischen Einheit von Den-ken und Sein, eine Verschmelzung, die ja nur zustande kommenkann, falls die einzelnen Seelen ihre individuelle Ichheit bedin-gungslos aufgeben.“10

Vor dem Hintergrund einer psychogenetisch alten und unbe-wussten Analogie von Ursache und Schuld schreibt Anton Eh-renzweig dem Wissenschaftler eine Verlagerung inneren Schuld-gefuhls nach außen zu, wo Schuld in Ursache verwandelt ist, diezu erkennen und aufzulosen er sich bemuht. Mag die psychoana-

10G. Gunther, Schopfung, Reflexion und Geschichte, Beitrage III, S. 16

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lytische Sexualsymbolik selbst epochenmythologisch zu wertensein, so ist der Zusammenhang von Schuldgefuhl und Erkennt-nis uberdeutlich. Die Verlagerung von Schuldgefuhlen nach au-ßen folgt einer Entlastungsstrategie des Selbst, die in gravierendenFallen Paranoia erzeugen kann. Schuld wird in antiken Dramen oftals Ursache fur das Desaster angesehen, das der Schuld aquivalentist. Wissenschaftliche Neugierde als Forschung nach Ursachen desDesasters scheint ihren ursprunglichen Grund in der Schuld zu ha-ben. ”The primitive is only interested in disasters and explainsthem as retribution for guilt. The rise of European science waspreceded by a wave of intense guilt and anxiety feelings which ex-pressed themselves in the prosecution of heretics and witches.“11

Das Schuldgefuhl entsteht in einem fruhen Entwicklungsstadiumzu Beginn der Ichbildung, lasst sich also einer uberindividuellenStruktur zurechnen. 12

11Anton Ehrenzweig: The Origin of the Scientific and Heroic Urge (The Guiltof Prometheus); in: The Intern. Journal of Psycho-Analysis, Vol. XXX,1949, S. 108

12Melanie Klein ”schildert den Zustand und die Arbeitsweise des fragilenfruhen Ichs, seine auf unbewussten Phantasien basierenden Objektbezie-hungen, seine archaischen Angste und primitiven Abwehrmechanismen,insbes. der Spaltung und der projektiven Identifizierung. Es wird angenom-men, dass der Saugling von Geburt an eine hochst intensive und ambiva-lente, liebende wie hassende Beziehung zu seinen ersten Objekten, z. B. zudem Partialobjekt der Brust. Die noch mangelhafte Integration seines Ichsund die wechselhaften Erlebnisse von Versagung und Befriedigung fuhrenzu einem gespaltenen Erleben einer ’guten’ und einer ’bosen Brust’. DieseAufspaltung vertieft sich zwangslaufig, die destruktiv-sadistischen Fantasi-en des Kleinkinds werden in die bose, seine Liebesstrebungen in die gu-te, die idealisierte Brust projiziert. Auf diese Weise, durch das Zus.-spielvon Projektion und Introjektion, Reprojektion und Reintrojektion, entstehtnach und nach eine dichotomisierte innere Welt von guten idealisierten Ob-jekten, die ein Omnipotenzgefuhl des Ichs fordern, und bosen Objekten,die zu inneren Verfolgern werden und massive Verfolgungsangste erzeugen.

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Vergleicht man die paranoid-schizoide Position Melanie Kleinsmit den Zustanden der Unsicherheit und Angst, die Ehrenzweig

”primitiven Kulturen“ zuschreibt, dann bietet sich die Moglichkeiteines kollektiven Zugriffs auf diese ontogenetische Phase an,wobei die Individuen als Mitglieder des Kollektivs als Agen-ten wirken, uber die die Position vermittelt und allgemein kul-turell wirksam wird. Mit dem betonten Interesse an primordia-len Phanomenen geht unbewusst die Suche nach der Schuld ein-her – Schopfungsmythen sind Verschuldungen. Schuld und Ur-sprung gehoren ein und derselben Kategorie an. Die von Mela-nie Klein angefuhrten Sebstzerstorungsfantasien gehen von oralenFrustrationen der versagten Brust aus. Die Umkehrung der Ag-gression in Selbstaggression bildet die Grundlage fur eine Instanz,die die Aggression in Schuldgefuhle ubersetzt. Man wird somitdie Mundhohle, d.h. den Raum als Ort der Entstehung von Ur-sachen annehmen konnen und seine Teilungen als symbolischeZerstuckelungen interpretieren. Primordiale Geschichten begin-nen oft mit solchen raumlichen Teilungen. Die Subjekt-Objekt-Teilung liegt auf dem Wege des Prozesses der Ichbildung. Sie istindessen asymmetrisch, das Subjekt von ambivalenter Bedeutungund lost sich in der Wissenschaft, der Lehre von ursachlichen Zu-sammenhangen ohne Rest auf. Die Teilung wird als Subjektbil-dung mythologisch im Akteur gefeiert, der das Ungeheuer totet.

Wahrend die Introjektion guter hilfreicher Objekte die Entwicklung ersterIntegrationsleistungen des Ichs fordert, erhoht eine ubermaßig starke, ab-wehrbedingte Projektionstatigkeit die Fragmentierungsgefahr fur das sichentwickelnde Ich. Wenn die libidinosen Strebungen (Libido) die destrukti-ven uberwiegen, kann die Entwicklung des Ichs voranschreiten und in diedepressive Position fuhren, in der sich das Grundanliegen des Kindes vomUberleben des Selbst hin zur Besorgnis ums Objekt verlagert.“ (Bayer, S.(2014). Paranoid-schizoide Position. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Le-xikon der Psychologie (18. Aufl., S. 1237). Bern: Verlag Hogrefe Verlag.)

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So ist der Akteur mit der auf das Objekt gerichteten Aktion ver-bunden und bezieht von daher seine metaphysische Bedeutung,das Bose zu besiegen und am Anfang der Kultur zu stehen, diezerstorerische Krafte der Ichbildung in den Aufbau eines morali-schen und schopferischen Selbst verwandelt. Die Setzungen derKultur stehen in enger Verbindung mit den Bedrohungen des nochfragilen Ich wahrend der paranoid-schizoiden Phase.

Zieht man eine Parallele zwischen den Bakterienkolonien undhumanen Kollektiven, die auf unterschiedlichen Entwicklungsstu-fen jedoch zu vergleichbaren Losungen kommen, um uber dieKommunikation zwischen Einzelglied und Kollektiv den Gesamt-bestand zu sichern, so bietet die Kultur auf der kollektiven EbeneLosungen fur die Paradoxien ihrer Mitglieder und den eigenen Be-stand des Kollektivs an. Da das Kollektiv nur uber das IndividuumZugriff auf fruhe ontogenetische Phasen haben kann, ist es auf dasIndividuum angewiesen, den Entwicklungssprung des Kollektivsuber einzelne Einheiten zu vollziehen. Kritisch ist die fruhe Phaseeiner Unscharfe zwischen Ich und Nicht-Ich, in der das Ich sichbedroht fuhlt. ”The avenging Erynies of Greek mythology perso-nify not only the tormenting guilt feelings but also the underlyingwish for self-destruction, hunting the guilty man down and drivinghim to madness (i.e. madness caused by the mental anguish of guiltfeelings).“13 Die Ahnlichkeit zwischen Kunstformen des 20. Jahr-hunderts und psychotischen Formbildungsprozessen ist ein Zeug-nis der kritischen Phase der Ichbildung.

Gerhard Kubik hat in afrikanischen Trommelmustern ein Kol-lektivschema entdeckt, das sich aus den individuell ausgefuhrtenPulsen der Spieler organisiert. Diese in der Wahrnehmung entste-henden Muster generieren interagierende Subjekte. In der afrika-

13Anton Ehrenzweig: The Origin of the Scientific and Heroic Urge, in: TheInternational Journal of Psychananlysis, Vol. XXX, 1949, S. 111

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nischen Musik ist Uberlagerung von Pulsen so organisiert, dass diesubjektiv stimulierten Pulslinien in der Rezeption aufeinander be-zogen ein Muster ergeben, das auf einer anderen Bedeutungsebe-ne liegt als die einzeln ausgefuhrten und doch aufeinander bezo-genen Pulse der Spieler. Die Kommunikation der Spieler verlauftuber eine Metaebene, deren Elemente die Einzelpulse sind. Die-ses auditive Phanomen erkennt Kubik in geometrischen Musternwieder, in denen der Stamm der Tusona ihre kollektiven Erfah-rungen einschreiben. Die Grundfiguren bestehen aus Punkten, dievon Linien umrandet mit Bedeutungen versehen sind. Die Punk-te werden durch Abdrucke der Fingerspitzen im Sand erzeugt, dieLinien gezogen. Der Punkt ist die abstrakte Form der Beruhrung,eine phanomenale Erfahrung und kein Objekt. Punkte zu Zahlfi-guren zu formen, reduziert das ideographische Moment und fuhrtdie Punktkonstellation auf den einfachen Ursprung der Beruhrungzuruck, die ein Fuhlen auslost, das Internes und Externes unter-scheidet.

Die spater auch ”imaginar“ genannte Geometrie verlasst deneuklidischen Anschauungsraum, der in einer umfassenderen Geo-metrie aufgehoben wird, als sei die euklidische eine Ausdifferen-zierung der absoluten Geometrie, etwa das Ergebnis einer Hem-mung von anderen Funktionen, die der Handlungsfahigkeit desIchs wegen an der Bildung des normalen Wahrnehmungsraumsnicht beteiligt sein durfen. Dass in der Ontogenese die euklidi-sche Geometrie nicht an erster Stelle steht, sondern das Kind denRaum zunachst topografisch erobert, die Topologie also zwar spateFrucht der Mathematik, jedoch fruh am Aufbau eines nichteukli-dischen, umfassenderen Raumes beteiligt ist, bezeugt die struk-turelle Komplexitat dieser fruhen Stufen, die erst spat freigelegtwerden. So scheint dieser Prozess als intellektuelles und wis-senschaftshistorisches Phanomen dem Wahrnehmungsaufbau desIch und seiner dem realitatsgerechten Handeln entsprechend ziel-

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richteten Reduktion entgegengesetzt zu verlaufen. Die euklidi-sche Geometrie erweist sich als Reduktion eines komplexer zu be-schreibenden Raumes. Dass es sich bei der Haut um eine spezielleGrenzregion handelt, scheint fur die Geometrie bedeutsam zu sein,weil dies auf eine selbstbezugliche Funktion hinweist, die die er-sten Kontakte mit der Umwelt organisiert. ”We interpret the ’epi-dermic therminal libidinal cathexis’ as a diffuse ’preference forthe periphery’..., from which the hand and the mouth and the fur-ther stages of pregenital libidinal development subsequently derivetheir individually different quantities.“14 Peripherien sind nach in-nen wie nach außen gleichermaßen, also paradox orientiert.

14Robert Bak: Temperatur-Orientierung und Uberfließen der Ich-Grenzen inder Schizophrenie; in: Archives Suisses 46 (1941), S. 70

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8 Wiener Formalismus

Die mentale Situation in Wien zu Godels Zeiten ist von tiefer Un-sicherheit gepragt; der Epochenumbruch uberdeutlich. ”Aus derReduktion aller Dinge auf die Syntax und der Konzentration aufdie Form allein ergab sich die Freiheit zur schopferischen Phanta-sie. Außerdem fand man darin Sicherheit. Da die Regeln des for-malen Systems unsere eigenen Schopfungen waren, konnten wirsie auch uberwachen, sie als reine Begriffszeichen behandeln unduberprufen, um festzustellen, ob sie nicht zu Unschlussigkeitenund Widerspruchen fuhrten. Widerspruchsfreiheit, nicht Wahrheit,wurde in zunehmendem Maße zum Ziel formaler Wissenschaf-ten... Da die Mathematik die Sprache formaler Beziehungen ist,wurde zunehmend deutlich, dass der zentrale Formalismus der derMathematik selbst war und dass, wenn dieser nicht vor Wider-spruchen gefeit war, dies auch fur alles andere gelten wurde.“1 Sowar die Suche nach Widerspruchsfreiheit ein wichtiges Ziel vonMathematikern wie David Hilbert. Den Symbolbereich der Ma-thematik widerspruchsfrei zu halten, hatte keine Aussicht auf Er-folg, weil er vom Denken nicht abgetrennt gedacht werden kannund Denken in Reflexionsprozesse verwickelt ist, in denen Wider-spruche auftreten wie die Russelsche Antinomie. Wenn Denkennach Freud ein Probehandeln ist, bietet sich das Paradox als logi-sches Abbild von Handlungen an, die sich gegenseitig ausschlie-ßen und die Realitat als Aktionsraum verdunkeln, weil sie nur inBezug zur Handlung besteht.

1Yourgrau, Godel, S. 69

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Godel selbst lebte unter dem Widerspruch, den Tod vermeidenzu wollen, indem man sich ihm ausliefert; die Nahrung aus Angstvor Vergiftung zu verweigern; den Tod zu vermeiden, indem mandas Leben flieht. Da man davon ausgehen kann, dass die Bedro-hung im Inneren entsteht und nach außen projiziert wird, bedeutetder Kampf gegen die Außenwelt zugleich ein Kampf gegen dasSelbst. Die Nahrungsverweigerung ist als Aggression gegen sichselbst zu verstehen, die Angst vor Vergiftung beruht auf der Verla-gerung der Selbstaggression nach außen. Godel mag seine Fieber-krankheit unbewusst als Strafe fur eine Schuld gewertet und einenZusammenhang konstruiert haben, in dem die Schuld nach außenverlagert wird, vom Selbst abgetrennt und objektiviert, um sie zukontrollieren. Die Externalisierung von Schuldgefuhlen ist ein be-kannter psychologischer Prozess. ”The guilt feelings attaching tothe herditary sin of self-destruction may be interpreted as a directsatisfaction of the wish for oral self-destruction. Melanie Kleinhas pointed out that language speaks of ’gnawing’ remorse (Ge-wissensbisse; the word ’remorse’ also means ’bite’). She thinksthat early aggressive wishes connected with sucking and devou-ring are turned inwards by the super-ego which so carries its oralaggression of gnawing remorse against the ego.“2 Eigentlich ist dieExternalisierung psychomentaler Prozesse nicht außergewohnlich,denn die Objektwahrnehmung ist Resultat eines inneren mit Sin-nesdaten abgeglichenen Prozesses, also eine Projektion des Pro-zessergebnisses. Dennoch konnen Stadien auf die Endgestalt ein-wirken, wenn aufgrund eines traumatischen Erlebnisses eine par-tielle Entwicklungshemmung vorliegt und Angst z.B. Bestandteilder Objektwahrnehmung wird. So paradox es klingt, gehort dieSelbstbeschuldigung zum Versuch, die Homoostase von Ich undUmwelt uber das Gewissen (Uber-Ich-Funktion) aufrecht zu er-

2Ehrenzweig, Heroic Urge, S. 110 f.

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halten. Schuldgefuhle neutralisieren physische Selbstaggression,indem sie diese auf eine mentale Stufe heben. ”Instead of suf-fering the severing of a physical part of the body, the ego itselfsplits and equips the split-off part (as the future super-ego) withthe oral aggression of gnawing remorse for which longs.“3 Wenndie hohere Funktion eines Schuldgefuhls gestort ist, das Gewis-sen seiner Ausgleichsfunktion fur Agressionen, die die Objektweltdurchsetzen, nicht nachkommt, konnen Erfahrungen als Anker furschizoid-paranoide Symptome dienen. Gift wurde Symptom fureine orale Erfahrung und die Ambivalenz von Nahrung sein, alsSymptom ware seine Ursache verdeckt, denn die ursachliche Ver-letzung darf der Psychoanalyse zufolge nicht bewusst werden,macht sich jedoch im Symptom symbolisch bemerkbar.

”The schizophrenic (relation) can no longer be described as theproduct of ’disease’ or ’illness’ or ’instinctual conflict’ or ’intrapersonal conflict’; it can only be described as a product and a formof PATHOLOGICAL COMMUNICATION.“4 Gregory BatesonsDoppelbindungstheorie, die das Entstehen von Schizophrenie be-schreibt, geht von einer paradoxen Situation aus, die in einer Fami-liensituation entsteht, wo das Kind mit widersprechenden Signa-len konfrontiert wird. ”Der Patient befindet sich demnach standigin einer Situation, in der es fur ihn subjektiv lebenswichtig ist, dieBotschaften seiner Angehorigen zu entschlusseln. Da ihm jedochauf unterschiedlichen logischen Ebenen zwei sich gegenseitig aus-schließende Mitteilungen gegeben werden, kann er nicht feststel-len, welchen Sinn diese Botschaften haben. Da er sich aber verhal-ten muß, ist er fortwahrend paradoxen Handlungsaufforderungenausgesetzt. Er befolgt sie immer dann, wenn er sie nicht befolgt,und er befolgt sie immer dann nicht, wenn er sie befolgt. Da er

3Ehrenzweig, Heroic Urge, S. 1114Anthony Wilden: System and Structure, 1972/2007, S. 110

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weder das Feld raumen kann, noch uber familiare Kommunika-tion metakommuniziert werden darf, ist er in einer logisch aus-weglosen Situation gefangen... Die verschiedenen Formen schizo-phrener Symptomatik konnen nach Ansicht der Bateson-Gruppeals ein Versuch gewertet werden, dieses fortwahrende Dilemma zubewaltigen, indem gleichzeitig reagiert und nicht-reagiert wird.“5

Fur Bateson ist weniger das Trauma Ursache der Schizophrenie,sondern eine formale Kommunikationsstruktur, in der die Diskon-tinuitat zwischen einer Klasse und seinen Gliedern aufgehoben ist.Russels ”Theorie der logischen Typen besagt, dass ”zwischen ei-ner Klasse und ihren Gliedern eine Diskontinuitat besteht. Wederkann die Klasse ein Glied ihrer selbst sein, noch kann eines ihrerGlieder die Klasse sein, da der fur die Klasse gebrauchte Begriffeinem anderen Abstraktionsniveau entstammt – ein anderer logi-scher Typus ist – als Begriffe, die man fur die Glieder braucht.“6

In der formalen Logik wird versucht, diese Diskontinuitat auf-rechtzuerhalten, wahrend sie in der Psychologie realer Kommu-nikation standig aufgehoben wird. Man musse mit einer krankhaf-ten Veranderung des Organismus rechnen, wenn bestimmte for-male Strukturen dieser Aufhebung in der Kommunikation zwi-schen Mutter und Kind auftraten. Bedeutsam ist hierbei die Hem-mung, die durch die von Bateson ”double-bind“ genannte Lageentsteht. Ein objektbezogenes Handeln und eine nach außen ziel-gerichtete Aufmerksamkeit sind so nicht moglich, der mikrogene-tische Prozess bleibt partiell unvollendet, d.h. unbewusst. Die ge-gensatzlichen Signale hemmen den mikrogenetischen Prozess undversetzen das Selbst in eine passive Lage. Dem Traum vergleich-

5Fritz B. Simon: Paradoxien in der Psychologie; in: Das Paradox: eine Her-ausforderung des abendlandischen Denkens, 2002, S. 71 f.

6S.a. Gregory Bateson: Auf dem Wege zu einer Schizophrenie Theorie; To-ward a theory of schizophrenia; in: Systems Research and BehavioralScience, 1956, S. 251–264

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bar, bei dem die Motorik als handlungsbereites System gehemmtist, spielen sich vor dem Selbst Szenen ab, die paranoischen Cha-rakter haben. Anders als in der technologischen Logik des Kip-pens einer Lage in die gegensatzliche ist der Gegensatz in ein unddemselben Signal fur das Selbst nicht uber die Zeit auflosbar. Inder Hemmung ist die ”schizophren-paranoide Position“ der fruhenOntogenese aktualisiert.

”The conditions under which one member of the family may att-empt to transcend the pathological communication of his milieu byattempting to cease communicating — i.e. by going ’mad’ — aredescribed as follows in the original publication. (Note that, in kee-ping with the well-known fact that ’going mad’ is the beginning ofthe cure, it is also the only level at which the victim who is subjec-ted to the conditions which follow can at first transcend the doublebind.)“7 Die doppeldeutigen Signale konnten uber eine Metaebe-ne aufgelost werden, die jedoch von denjenigen nicht in Anspruchgenommen wird, die an der Auflosung nicht interessiert sind, weilihre Position dann in Gefahr ware. Die Familie ist nach MurrayBowen ein Emotionssystem, eine reproduktive Einheit, in der dasVerhalten des Einzelnen Teil eines umfassenderen Prozesses ist.Innerhalb dieses Prozesses, den Bowen ”Differentiation of Self“(DoS) nennt, gelingt es dem einzelnen Mitglied der Gruppe mehroder weniger sich intellektuell und emotional von ihr zu distanzie-ren. ”The survival and the reproductive success of any individualare subjugated to that individuals’s larger emotional system to so-me degree. But a trend is measurable: the lower the DoS level, thegreater the subjugation of the individual to the family unit, and themore the individual will tend to participate in automatic proces-ses that lead to his own and/or others’ exploitation of the group.The exploitation of some by the emotional system increases the

7Anthony Wilden. System and Structure, S. 119

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likelihood that the system as a whole will survive and reproduce,though certain member may not. A mother who incessantly tends amentally impaired or precociously talented child limits the repro-ductive future of the affected youngster but increases the freedomof his or her siblings to reproduce. Bowen described the processesthat lead to the impairment of some members as reciprocal; that is,the impaired individual also participates, unaware, in the processthat leads to his own impairment.“8 Individuen mit niedriger Diffe-renzierung des Selbst sind auffallig sensitiv, oft hypersensitiv demVerhalten der Mitglieder und ihrem Emotionssystem gegenuber.

Godel war in seiner Kindheit mit Belastungen konfrontiert, diesich auf die ”Differenzierung des Selbst“, wie Murray Bowen denProzess nennt, der innerhalb der Familie stattfindet, hemmend hatauswirken mussen. Die berichtete psychosomatische Konstitutionbestatigt diese Interpretation. Godel litt seit der Kindheit unter ei-ner zunachst korperlichen, dann massiv psychisch labilen Konsti-tution. Im Alter von funf Jahren litt er an einer leichten Angstneue-rose, mit vier oder funf fing er haltlos an zu weinen, wenn die Mut-ter das Haus verließ.9 Mit acht Jahren bekam er rheumatisches Fie-ber, sein Gesundheitszustand zwang ihn zu einer langeren Unter-brechung des Schulbesuchs. Seine kindliche Neigung, unentwegtFragen zu stellen, auf die es keine Antworten gab, wie die nach derlangen Nase einer Besucherin, legt nach Dawson eine Verhaltens-auffalligkeit nahe, die auf die Umgebung befremdlich wirken mus-ste. Sein Bruder berichtet, dass Kurt, der sich seit den Mittelschul-jahren nicht so anhanglich an die Familie gezeigt habe, wie er, undoft lieber mit einem Buch zu Hause blieb, in den spateren JahrenSorgenkind der Mutter wurde, weil ”er etwas kranklich war“.

8Lauri Lassiter: Others, in: Chimeras and Consciousness. Evolution of theSensory Self. Edited by Lynn Margulis, Celeste A. Asikainen, and Wolf-gang E. Krumbein, 2011, S. 76

9John W. jr. Dawson, Kurt Godel, Leben und Werk, 1999, S. 4, 6

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Der dem Kind zugelegte Spitzname ”Herr Warum“ offenbart ei-ne starke Neigung zu Begrundungen einer Relitat, fur die es Ur-sachen geben musste – oder fur die etwas oder jemand schuld ist.Die Herkunftsfrage zielt auf vermehrten Kontrollwunsch uber dieRealitat. Ursachenforschung hangt psychologisch eng mit der Su-che nach Schuldigen zusammen, wie es aus den Hexenverfolgun-gen bekannt ist, die in die Zeit des Nominalismus fallen, der miteiner Entleerung der Begriffe von ihrer metaphysischen Aufladungoder Bindung ans Unbewusste zusammenhangt. Der Fall ist ver-gleichbar mit einer Phase des kindlichen Umgangs mit Namen, diedazu dienen, von den Dingen Besitz zu ergreifen, ”and transfers toit loves and hates formed in his relationship with other objects.While the unconscious dedifferenciation of phantasy moves awayfrom concrete reality and favours narcissistic withdrawal, abstractname-giving, paradoxically, serves the control of concrete reali-ty; yet it rests on unconscious dedifferentiaton.“10 Unterschiedezwischen den Objekten werden zugunsten der Bindung unterein-ander vernachlassigt. Abstraktion bedeutet den Transfer von Ob-jektbeziehungen in der Art, wie Ubergangsobjekte (Winnicott) ge-formt werden, auf die auch Liebe und Hass ubertragen werdenkann. Diese beiden Pole der Emotionalitat liegen nach MelanieKlein eng beieinander, wahrend einer Phase, in der Sadismus undSelbstzerstorung die Phantasie besonders beherrschen. Die Ent-differenzierung, die mit einem selbstdestruktiven Effekt und einervorubergehenden Auflosung des Ich einhergeht, bekommt nachEhrenzweig Hilfe im abstrakten Denken, das Objektbeziehungenherstellt und Realitatskontrolle unterstutzt. ”The fragile link orshortcircuit which transforms unconscious undifferentiation intoconscious abstraction holds together widely divergent poles of

10Ehrenzweig, Order, S. 283

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mental life“.11 Aus der von Melanie Klein beschriebenen schizoid-paranoiden Phase gehen auch die Gefuhle fur Schuld bzw. Ursa-che hervor, die fur den Wissenserwerb und die Fahigkeit zur Ab-straktion so wesentlich werden wird. Im psychoanalytischen Be-griffsrahmen zieht Ehrenzweig zudem den Todestrieb als Motorfur die selbstdestruktiven Effekte der Entdifferenzierung und Ich-zerfall in betracht. In der Abstraktion jeder Art von Kunst werdentief sitzende Angste sichtbar, und die spate Bedeutung der Ab-straktion in der modernen Kunst fallt mit einer wachsenden Be-setzung von Themen wie Verderben, Lebensangst und Tod zusam-men, die ebenso Prozesse des Ichzerfalls spiegeln. Sie affizierennach Ehrenzweig unsere bewusste Sensibilitat und favorisieren ex-treme Entdifferenzierung in unbewusster Erzeugung von Bildernund beeinflussen die Wahrnehmung (”top and bottom levels of per-ception“). Die abstrakte Kunst ist auf diesen Kontakt mit den Ent-differenzierungprozessen des Unbewussten angewiesen, um nichtoberflachlich ornamental zu erscheinen.

Es liegt nahe, solche Thesen auf andere kulturelle Bereiche,die Wissenschaften eingeschlossen, anzuwenden. Das abstrakteDenken, das als Gegentendenz zur Entdifferenzierung die Rea-litatskontrolle unterstutzt, erfullt den Tatbestand der Sicherung desUberlebens ohne Unterschied zwischen Individuum und Gruppe,ist an individuellen Leistungen jedoch leichter zu beobachten. Diegeschlossenen logischen Systeme, die zu Godels Wiener Zeitenkursierten, bewegten sich auf der Seite des Thanatos, oder wieYourgrau den Unterschied zum Eros formulierte: auf der Seite derSyntax als Gegensatz zur Semantik, dem Reich der Bedeutungenund intendierten Ziele. Das geschlossene System setzt volle Bere-chenbarkeit und Symmetrie voraus, die ohne Gefalle ist und demZustand der totalen Information, dem entropischen Endzustand

11ebenda

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gleich. Godel erweist sich als Agent eines Ausgleichs der kol-lektiven Thanatos-Tendenz, indem er eine neue Stufe der Mathe-matik erzeugt. Sein personliches psychologisches Schicksal, dieAngst vor Zerstorung, unterscheidet sich nicht von der unbewus-sten Angst des Kollektivs.

Man konnte annehmen, dass Kurt Godel es schwer hatte, imemotional system der Familie wegen der gesundheitlichen Insta-bilitat und der verstarkten mutterlichen Sorge eine Selbstdifferen-zierung zu erreichen. Die Distanz zur Familie kann einerseits imZwang zur Hinwendung nach innen und andererseits im Versuchbegrundet sein, sich dem Einfluss des ”emotional system“ zu ent-ziehen. Distanz mildert den emotionalen Druck, den Kommunika-tion auf ein schwach selbstdifferenziertes Ich ausubt. Andererseitsdeuten Verlustangste in Bezug auf die Mutter auf eine kritischeDeutung der Situation, d.h. der Ursache des Weggehens hin. Istals Ursache eine Schuld anzunehmen? Im Unbewussten gehorenUrsache und Schuld derselben Kategorie an, doch bleibt jede Fra-ge unbeantwortet, wenn die rational zu klarende Ursache von derSchuldfrage uberlagert wird, die in die Untiefen des eigenen See-lenlebens fuhrt. Betrachtet man diese Verlustangst als Kommuni-kationsproblem, dann scheint das Kind die Situation nicht so klardeuten zu konnen, dass Sicherheit daraus erwachst, sondern tapptin die unendliche Deutungsfalle.

Bowen bemerkte, dass der Effekt einer Handlung das Gegenteilvon dessen Intention sein kann; ”a declaration of an intention tohelp a member of a person’s family was followed by behaviourthat led to impairment of the family member’s functioning. Forexample, a mother who insisted that her adult son should live hisown life acted in ways that impeded, even precluded, his indepen-dence. These actions were seen as evidence of a systematic processthat led to impairment of the function of some members of a fami-

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ly while enhancing the function of others.“12 Die kleinste Einheitder naturlichen Selektion in der Evolution ist bereits nach Darwinnicht das Individuum, sondern die Familie als emotional system.Hier wird ein Selektionsdruck auf die Mitglieder zum Wohle desKollektivs ausgeubt, wobei ungleiches Wohlergehen des Einzel-nen nicht nur in Kauf genommen, sondern unter dessen unbewus-ster, aktiver Beteiligung auch systematisch verstarkt werden kann.Das System, das das Uberleben der Gruppe sichern soll, ist wohlentstanden, um die Kontrolle uber das Individuum und seine Ab-sicht der Selbststeuerung zu behalten.13

Es ist davon auszugehen, dass andere soziale Einheiten als diefamiliaren, einem ahnlichen emotionalen Selektionsdruck unter-liegen und das Individuum in Gruppen auf ahnliche Weise einSelbst finden muss und dazu die Pragungen aus der Familie eineGrundlage bilden. So werden Schwachen der Selbst-”Organisati-on“ auch in anderen sozialen Kollektiven virulent; ”the DoS is themajor indicator of an individual’s physico-mental health, and thatit pertains not only to family relationships but also to social rela-tionship in work life and in other areas.“14 Einige mit geringemDoS-Level sind intellektuell aktiv, meist unter hoher emotiona-ler Beteiligung, um die Schwierigkeiten ihrer sozialen Beziehun-gen zu bewaltigen. Einige fliehen vor dem emotionalen Druck derFamilie, und wenn sie ohne den Druck nicht funktionieren, ver-suchen sie ihn in neuen Umgebungen zu finden. Bowen erganztdiese Beobachtungen durch seine Triangel-Hypothese (Two-ore-more-against-one-behaviour), derzufolge Mitglieder einer sozia-len Spezies andere Mitglieder dazu bringen, zum Uberleben undzur Reproduktion der Gruppe beizutragen auch dann, wenn sie da-

12Lassiter, Chimeras, S. 7413Lassiter, S. 8414Lassiter, S. 81

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bei gefahrdet sind. Je geringer der DoS-Level, desto großer ist dieAbhangigkeit vom Triangel. ”The greater one member’s need tobe in an ’inside’ position, accompanied by reactivity to expulsionfrom such a position, the greater is that member’s chronic anxietyand stress reactivity.“15

Sollte Godel gehofft haben, in der Gruppe bedeutender Mathe-matiker seiner Zeit einen Platz zu bekommen, so durften die erstenReaktionen auf die Dissertation die Rechnung durchkreuzt haben,einen Ausgleich fur psychische Instabilitat zu finden. Er war al-lein. ”Having failed to develop guidance system within themsel-ves, owing largely to factors within the emotional system in whichtheir development has occurred, many of the lowest-DoS peopleare so reactive and so unable to cope responsibility that they mustbe institutionalized in a prison or a psychiatric hospital.“16

Es fallt auf, dass die ersten depressiven Schube und erste Kenn-zeichen einer Essstorung, die Godel das Leben kosten sollte, indie Zeit fallen, als er wegen seines 1931 veroffentlichten Theo-rems angefeindet wurde. 1932 lieh er sich Emil Kreplins Ab-handlung uber Geisteskrankheiten aus, schien also mit gravieren-deren Storungen konfrontiert gewesen zu sein. 1934 starb uner-wartet Hans Hahn, Godels Lehrer und Doktorvater, dessen Todihn schwer getroffen haben muss. Die verstorende Distanziert-heit Godels, von der berichtet wird, ist eher ein Hinweis auf denSchock, den Hahns Tod bei ihm ausgelost haben muss. Bekanntsind drei Sanatoriumsaufenthalte, 1934 nach einem Nervenzusam-menbruch in Princeton im Sanatorium Purkersdorf bei Wien, 1935in Breitenstein und 1936 im Sanatorium Rehawinkel bei Wien.

”Mangels Zugang zu seiner vertraulichen Patientenakte bleibt dieDiagnose reine Spekulation. Anscheinend begannen seine Proble-

15Lassiter, S. 84 f.16Lassiter, Others, S. 81

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me mit Hypochondrie: Zwanghaft beschaftigte er sich mit seinerErnahrung und Verdauung; mehr als zwanzig Jahre lang fuhrte ertaglich Buch uber seine Korpertemperatur und die Einnahme ei-nes Mittels gegen Ubersauerung des Magens. Er furchtete, zufalligoder – in spateren Jahren – absichtlich vergiftet zu werden. Auf-grund dieser Phobie aß er moglichst wenig und war chronischunterernahrt. Gleichzeitig nahm er unterschiedliche Pillen gegeneingebildete Herzschwache ein.“17 Godel entzieht sich mit demAufenthalt in der Klinik vollstandig jeglicher Kommunikation, umdem emotionalen Druck zu entgehen. ”’Going mad’ is the begin-ning of the cure, it is also the only level at which the victim whois subjected to the conditions which follow can at first transcendthe double bind.“18 Die Situation jener Jahre muss eine psycholo-gisch vergleichbare aus der Kindheit haben, in der Anerkennungund Ablehnung gleichermaßen belasten. Wie ist es einem schwa-chen Selbst moglich, eine epochal bedeutsame Theorie gegen Wi-derstande aufrechtzuerhalten? Das Selbst ist diese Theorie, oderdiese Theorie ist das zweite Selbst, dem sich das erste opfert.

Godel geriet mit seiner Entdeckung in eine widerspruchlicheLage, denn er sah sich nicht allein einer ablehnenden Front ge-genuber, wahrend er sich zugleich auf Zustimmung wichtiger Ma-thematiker stutzen konnte, sondern diese Gegensatze traten ebensoin seinem Inneren in Erscheinung. Die von Bowen angenomme-ne Differenzierungsschwache des Selbst innerhalb des familiarenSystems bereitet den Boden fur das Austragen der Widersprucheder Gruppe im Inneren eines der Mitglieder. Die Differenzierungdes Selbst vom Gruppen-”Selbst“ ist in einem solchen Fall nichtausreichend. Die Selbstandigkeit des Individuums wachst mit der

17John W. Dawson: Kurt Godel und die Grenzen der Logik, Spektrum Wissen-schaft, 1999

18Anthony Wilden, S. 119

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Befreiung von automatischer Reaktion auf Signale des ”emotionalsystem“. ”Especially during periods of perceived threat, coordina-ted behavior may contradict direct perception of reality as indivi-duals attend to emotional signals from others in the group morethan to facts in the social and the wider environment.“19

Man wird angesichts des zeitlichen Zusammenhangs vonveroffentlichtem Theorem und Krankheit das komplexe Verhaltnisbeachten mussen, das zwischen dem wissenschaftlichen Establis-hment und individueller Erkenntnis besteht. Ist ein Kollektiv demDruck innerer Widerspruche ausgesetzt, sind Losungen nur uberdie Beteiligung von Akteuren zu erreichen, wie mehr oder we-niger selbstandig sie auch handeln. Inkonsistenzen im Weltbildschwachen die Uberlebenschancen des Kollektivs, denn sie deu-ten auf Anpassungsungenauigkeiten hin, die schwerwiegende Fol-gen haben konnen. Die Bedeutung des Weltbildes ist infiltriertvon der Bedeutung, die Fehleinschatzungen der Umwelt fur dasIndividuum einmal hatten. Die Religionen reflektieren diese Be-deutung mit großer Macht und zeugen von dem, was fur Kollek-tiv und Individuum auf dem Spiel steht. Doch ohne Glaube kei-ne Religion, das Individum und seine Anbetung ist unverzichtbar.Die Verbreitung einer Religion ist ein kreativer Prozess, der das

”mentale Genom“ des betroffenen Kollektivs verandert, zu erken-nen an der psychologischen Tiefenwirkung, die mit den Religi-onsgrundungen verbunden ist. Zentral ist der Begriff des Selbst,der die Individuation von ihrer allgemeinsten (Ich bin, der ich bin)bis zur singularen Form des gereiften Ich begleitet, d.h. auch bei-den Formen, die allgemeine und die besondere in einer rekursi-ven Figur zusammenfasst. Der Begriff des ”emotional system“ istauch auf die Kirche anwendbar, deren Sprache deutlich auf diesoziobiologische Form der Familie anspielt. Die Umstellung des

19Lassiter, S. 75

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Weltbildes vom Mythos auf Wissenschaft erlaubt dem Individu-um neue Freiheitsgrade. Doch ist das neue System nicht sehr vielweniger ”emotional“ als das religiose und kennt fur das Indivi-duum ebenfalls systemische Einschrankungen, also Operations-spielraume innerhalb der Grenzen, die die Wissenschaftsgemein-schaft setzt. Kritisch ist das Moment der Realitatsprufung, derenRahmenbedingungen Kant ermitteln wollte. Wissenschaft bildetDenkkollektive, in denen ahnliche Krafte wirken wie in anderenKollektiven. Wissenschaftler durchlaufen eine Initiation in akade-mische Felder. ”Science is an intensely social human activity.“20

In Wien hat Godel solche Strukturen mit ihren unterschiedli-chen, sich wechselseitig auch ausschließenden Fixierungen ken-nen gelernt. Gotthard Gunther verwendet den Begriff ”transkon-textuell“ fur die hohere Leistungsfahigkeit von aufeinander bezo-genen und interagierenden Einheiten. Hier konnen logische Ein-heiten auftreten, die in Elementarkontexturen nicht nachweisbarsind. Man wird das Verhaltnis von Individuum und Gruppe, demDenken eines Einzelnen und dem Diskurs der Gruppe als wech-selseitige Erweiterung von Leistungen sehen konnen, wenngleichnicht jeder Einzelne profitiert. Zirkel oder Kreis, die Abgren-zung bedeutete in Wien eine intellektuelle Gruppenorientierung,die man als ”emotional system“ bezeichnen konnte, das auch aufden ”Wiener Kreis“ zutrifft, dem Godel angehorte, wenngleich erder philosophischen Richtung, die Ludwig Wittgenstein dominier-te, distanziert gegenuber stand. Die Formalisierung von Sprache,die der logische Positivismus verfolgte, ließ sich am Ende mathe-matisieren und von allem reinigen, was Kommunikation außeror-dentlich komplex macht – all jene unbewusst oder halbbewusstmitlaufenden Informationen und Anweisungen, die der Sprecherals mit Erfahrungen und Erinnerungen angereichertes Individuum

20James MacAlister: Nested Communities, Chimeras, S. 90

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mitliefert. Godel außerte Mentor Karl Menger gegenuber, nach-dem in einer Sitzung des Schlick-Zirkels uber Sprache diskutiertworden war: ”Je mehr ich uber die Sprache nachdenke, umso mehrwundert es mich, daß die Menschen einander uberhaupt je verste-hen.“21 Die Ansicht zeigt Godels reduktionistische Sicht auf Spra-che, wobei diejenigen Bedeutungsebenen verdrangt werden, diein der Syntax allein keinen Platz finden. Syntax ohne lebenswelt-lichen Kontext, ohne den Sprechenden ist ein Abbild mit spezi-fischem Informationsgehalt fur Objekte. Die Reduktion erinnertan den Schizophrenen, der sich aus Sicherheitsgrunden an die un-terste Ebene sprachlicher Kommunikation halt, die wortliche undkontextfreie.22

Adeles Freundin Lilli sagte: ”Jeder, der ihm zu nahe kam, wareine Belastung.“Werner DePauli-Schimanovich: Kurt Godel unddie mathematische Logik, Europolis 5, S. 83 Godel wich der direk-ten Kommunikation aus, indem er das Telefon bevorzugte, wo im-mer es moglich war, ”oft stundenlang uber den ganzen Kontinenthinweg“. Llli Kahler: ”Wenn ich mit Godel direkt sprach, pflegteer zu sagen ’Oh, erzahlen sie es mir am Telefon. Wir verstehen unsso oft am Telefon.’ Er scheint sich am Telefon sicherer gefuhlt zuhaben.“ Die telefonische Kommunikation, man konnte auch sagenTele-Kommunikation, reduziert sie auf sprachliche Syntax, aufdie ”Digitalisierung“, die Unterbrechungen des analogen Sprach-flusses. Das ist umso seltsamer, als kommuniktive Zusatzinfor-mationen durch Stimmfarbe, Mimik und Korperhaltung entfallen,Signale, die das Gemeinte anreichern, nicht ubermittelt werdenkonnen. Doch ist die syntaktische Rede von geringerer Komple-xitat bis zur Formelhaftigkeit und ubt deshalb keinen Deutungs-

21Kurt Godel, Wahrheit, S. 6922Der Arzt fragte den Patienten, ob er Stimmen hore, worauf der Patient mit Ja

antwortet, weil der Arzt zu ihm spricht.

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druck aus. Zudem setzt der Deutungsdruck verstarkt eine theoryof mind in Gang, in die beide Seiten eingebunden sind. HasslerWhitney, Institutskollege in Princeton: ”Es war wahrend der letz-ten Periode, als auch seine Frau ziemlich heiser und nicht bei be-ster Gesundheit war, und auch nicht in bester geistiger Verfassung.Sie sagte z.B.: ’Ich traf niemals jemanden aus dem Institut. Undniemand rief mich jemnals an.’ Godel antwortete: ’Erinnere dichzum Beispiel an diese Person, mit der du dich unterhalten hast, anjenes Institutsmitglied!’ Und sie sagte: ’Oh nein, ich habe niemalsjemanden getroffen!’ Und er horte ihr zu und fand, dass ihre Worteungenau waren. Und er versuchte ihr zu erklaren, dass sie unge-nau seien. Doch sie wollte eine Empfindung daruber ausdrucken,wahrend er ihren Gefuhlen nicht zuhoren konnte. Und keiner vonbeiden verstand, woran das Problem lag.“DePauli-Schimanovich,S. 102

Eine Studie uber theory of mind zitiert einen Psychosepatien-ten, der uber die Komplexitat der Interaktion beklagt: ”Ich denke,meine sozialen Angste sind die Folge eines Zuviel an Eindruckenund Sinnesreizen. Ich nehme in der Interaktion mit Menschen je-de auch noch so kleine mimische Veranderung wahr. Ich werdezum Sklaven jeder Veranderung des Tonfalls. Zunachst ist dasnichts Negatives, im Gegenteil. Das Problem ist, dass mir Techni-ken fehlen, angemessen darauf zu reagieren. Ich glaube, die Men-schen spuren diese Veranderungen an sich selbst nicht. Wenn mansie darauf anspricht, reagieren sie unsicher und verwirrt. Ich ha-be das inzwischen aufgegeben. Aber wie soll ich damit umge-hen? Der Weg, den ich eingeschlagen habe, ist alles uber den Ver-stand zu regeln, ware ich spontan, wurde ich den Menschen vorden Kopf stoßen. Aber wie soll man sich in einem Gesprach si-cher und gelassen fuhlen, wenn jegliche Spontanitat fehlt?“Theoryof Mind bei Patienten mit paranoider Schizophrenie und Patien-ten mit Asperger-Syndrom. Diss. 2007, S. 46 Jede ”noch so klei-

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ne mimische Veranderung“ an anderen wahrzunehmen bedeutet,dass solche Erscheinungen starker als gewohnlich unter bewus-ster Beobachtung stattfinden, um den Zustand des anderen ermit-teln zu konnen. Over-mentalizing ist oft mit Verfolgungswahn kor-reliert, Schwierigkeiten der Emotionserkennung bei anderen einSymptom paranoider Schizophrenie.

Angst scheint ein Motiv fur den Konkretismus zu sein, weilein in der Kommunikation mitlaufender Kontext gefahrlich wer-den und eine Assoziationskette in Gang setzen konnte, die dasIch bedroht. Ebenso ist Angst beim somatischen KonkretismusUrsache der Reduktion, weil die Fixierung auf eine Krankheitdie diffuse Angst objektiviert. Geht man davon aus, dass es sichhier um Schutzmechanismen handelt, ist eine Reduktion auf ein-fache Stadien der Verarbeitung von inneren und außeren Rei-zen anzunehmen. Man wird bei den Versuchen der Schließungvon Systemen annehmen konnen, dass ein existentielles Sicher-heitsbedurfnis zugrunde liegt und Widerspruche auf Beschrei-bungslucken zuruckgefuhrt werden. Aufgrund seiner somatischenwie psychischen Instabilitat ist anzunehmen, dass Godels unbe-wusste Intention darin bestand, ein System zu finden, das ihm Si-cherheit verlieh, auf dem Weg jedoch so etwas wie das Gegenteilherausfand und den Beweis dafur lieferte, dessen Anerkennungseitens der Wissenschaftsgemeinde umso dringlicher war. Die Un-terscheidung von Wahrheit und Beweisbarkeit ist die philosophi-sche Summe, die aus Godels Erkenntnis zu ziehen ist. Wahrheitbegegnet uns nicht als geschlossenes System, denn ”das inhaltli-che Schließen kann immer neue Formen entwickeln, uber derenZulassigkeit ’die Wissenschaftsgesellschaft ubereinkommt. dieserGedanke artikuliert die Essenz des Godel’schen Satzes.“ DePauli-Schimanovich, S. 63 f.

Die philosophische Problematisierung von Sprache verdichtetsich in Godels Wiener Jahren, und der logische Positivismus zieht

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aus der Unscharfe sprachlicher Kommunikation die Konsequenzder Reduktion auf bewusste, eindeutige Zeichensysteme, eine un-zweideutige ”Sprache des Denkens“. ”Mathematik ist, wie Fre-ges einstiger Schuler Carnap es formulierte, keine Sprache, mitder sich Gedanken ausdrucken lassen, sondern gibt nur die ’logi-sche Syntax’ von Sprache wieder. Das war ein Dogma, das Godel,der treue Erbe Freges, Zeit seines Lebens zu widerlegen trachte-te“ (Yourgrau, S. 40). Fur Frege war Mathematik reines Rechnen,fur Wittgenstein war sie keine Wissenschaft, weil SinneserfahrungPrufstein fur Wahrheit sei. Dennoch ist auch Sinneserfahrung einPhanomen, das am Ende eines phylo- wie ontogenetisch gleicher-maßen ablaufenden Prozesses steht und somit von Kommunikati-on nicht unabhangig ist. Die ursprungliche Funktion von Spracheist nicht die Beschreibung eines fallenden Apfels, auch wenn dasWissen uber den Vorgang kommunizierbar sein soll, anders machtWissen keinen Sinn. Sprache soll in eindeutigen Zeichensystemeninsofern eine eingeschrankte Rolle spielen, als der lebensweltlicheKontext ausgeschlossen wird – der Umwelt und der Erfahrung, derkomplexen Wahrnehmung des Außen und Inneren. Bei der Spra-che ist jedoch von der kontextuellen Relation eines Subjektes zueinem anderen Subjekt auszugehen. Mathematik ware das Idealeiner Kontextlosigkeit, weil sich die Mathematik als rechnendesSubjekt nur auf sich selbst bezieht, also sprachlos ist.

Der unendliche Regress steht im Mittelpunkt des Skeptizismus,der von der Unmoglichkeit der Ermittlung der Wahrheit ausgeht.

”Man kann die Bedeutung eines Ausdrucks entweder durch De-finition mittels anderer Ausdrucke festzulegen versuchen – dasfuhrt zum unendlichen Regreß – oder durch Definition mittels’vollig bekannter Ausdrucke’. Doch sind die Bestandteile des Aus-drucks ’vollig bekannter Ausdruck’ eigentlich vollig bekannte

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Ausdrucke? Man erkennt, daß sich der Abgrund des unendlichenRegresses doch wieder auftut.“ 23

Im Zuge der Sakularisierung geht der außerweltliche Bezug,uber den das System uber eine zweite logische Ebene einen Be-zug zu sich herstellen konnte, verloren, und verscharfte die Selbst-bezuglichkeit der Welt zur Paradoxie ihrer Erfahrung und Erkennt-nis. ”The ideological and epistemological construct of medievaland early renaissance society called ’god’ performed an essenti-al and recognized socioeconomic function for survival of the sy-stem.“24 Doch gibt es keinen Ort fur ihn. Der zentrale Ort vonZwang und Kontrolle liegt in den strukturellen Relationen des Sy-stems selbst. Wie der Gott Nikolaus von Cues’ sind die Relationenuberall und nirgends. Zwang und Kontrolle liegen im hierarchi-schen und hetearchischen Netzwerk des Systems selbst, both ofthe level of the individual subsystem and the level of the whole.25

”Sowohl die evolutionare Erkenntnistheorie ... wie auch die ent-wicklungspsychologische Beschreibung der Ontogenese der Infor-mationsverarbeitung stimmen mit der gehirnphysiologischen Er-kenntnis uberein, daß der Grad der Unabhangigkeit des neuro-nalen Erregungsmusters vom Umweltreiz mit dem Differenzie-rungsgrad, d.h. mit der Anzahl der Stationen, welche die Signaleaus den Sinnesorganen im Rahmen des neuronalen Abbildungs-prozesses durchlaufen, zunimmt. Die Entwicklung der Informati-onsverarbeitung geht von der unmittelbaren Reizgebundenheit ausund entfernt sich mit zunehmender Differenzierung, welche eine’Ubertragung’ der Information auf ein hoheres Abstraktionsniveau

23Imre Lakatos: Mathematik, empirische Wissenschaft und Erkenntnistheorie,1982, S. 3

24Anthony Wilden: Changing Frames of Order: Cybernetics and Machina Mun-di. In: Klaus Krippendorf (Hsg.): Communication and Control in Society;N.Y. 1979, S. 15

25Wilden, S. 18

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ermoglicht, sukzessiv vom Bedeutungstrager... Entwicklungspsy-chologisch gesehen ist der ganzheitliche Erkenntnisprozeß derje-nige, der zuerst stattfindet. Erst danach folgt die Analyse der cha-rakterisierenden Merkmale des Objektes. Die Entdifferenzierungvon entferntem, ubertragenen auf das aktional-konkrete Erlebnis,die Gleichsetzung von Hintergrund und Vordergrund, fuhren zugesamtheitlichem Erleben. Der daraus resultierende schizophreneKonkretismus entspricht dabei der Russell’schen Theorie, die be-sagt, daß zwischen einer Klasse und ihren Elementen eine Diskon-tinuitat bestehen muß... Im gesamtheitlichen Erleben entfallt die-se Differenzierung. Die Aufhebung dieser Diskontinuitat fuhrt zurGleichsetzung von Gesamtheit und Detail bzw. zur Angleichungdes Ubertragenen an den ursprunglichen Kern. So mundet die Mit-einbeziehung von ahnlichen Nebenbedeutungen in die Hauptbe-deutung eines Begriffes zur ’Overinclusion’.“26 Die Aufhebungder Diskontinuitat fuhrt zur Uberlagerung des global allgemeinenund individuell strukturiertem Selbst, letzteres ist eine Endgestaltdes mikrogenetischen Prozesses. Die Uberlagerung kann in Oszil-lation ubergehen, die Paradoxie ist dann uber die Zeit auflosbar,was im mikrogenetischen Prozess geschieht.

Die Individuation ist ein Prozess der Grenzbildung, die zweiEbenen aufweist, die des Einzelnen und die der Dyade, uber dieeine zunehmende Differenzierung stattfindet, die in der Gruppeweiter entwickelt werden kann. ”The only points I wish to makehere are (1) that the transcendence of any paradox or double bind,in logic or life, involves some form of metacommunication, and(2) that the transcendence itself engenders paradox at the commu-nicative level – or at the level of the next higher logical type.“27

26R. Strobl: Das schizophrene Weltbild – psychopathologische Aspekte der on-togenetischen Regression, 1990, S. 2 f.

27Wilden, S. 122

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Godels Beweis sei die einzige Theorie mit einem ausreichend ho-hen logischen Typus, um zu zeigen, dass es unmoglich ist, die Pa-radoxie menschlicher Kommunikation zu transzendieren.

Die Akzentuierung fruher Prozessstadien – Strobls ontologischeRegression – ermoglicht den Umgang mit Zeichensystemen, de-ren Machtigkeit in ”unendlichen“ Differenzierungsmoglichkeitenbesteht. Der Preis dafur ist die Uberlagerung zweier logischerEbenen unterschiedlicher Komplexitat. Das Zeichen wird Sym-ptom und steht fur eine Bruchstelle im mikrogenetischen Pro-zess, eine Grenze, die das Kontinuum unterbricht und Analogesvom Digitalen unterscheidet. Indem die Unterbrechung mit einerBedeutung belastet wird, ist sie als Symptom bewusstseins- undkommunikationsfahig. Anthony Wilden sieht gerade in der Unter-brechung die Moglichkeit kommunikativer Strukturen und erin-nert an das, was das sumbolon einmal bezeichnete – zwei zusam-mengehorige Bruchstucke einer Scherbe mit identischer Bruch-kante. ”The concept of the ’symbol’ as a communication andof the symbolic as a system of communication finds its supportin anthropology and in the history of religion. Besides its le-gal sense of ’pact’ oder ’contract’, the word sumbolon is pro-bably equivalent to the Latin tessera – the two halves of a bro-ken potsherd whose fitting together served as a token of recogni-tion or password in the early mystery religions.“28 Ein Symbolsei nicht nur durch seine Differenzierung von anderen Symbo-len unterschieden, noch konne es durch andere Symbole ersetzt,von ihnen negiert oder bestimmt werden. ”Symbolism in this se-nese is an analog-iconic communication system.“29 So kommuni-ziert das Unbewusste uber das Symbol (Symptom) mit dem Be-wusstsein, jedoch sichert die analoge Form die Komplexitat der

28Wilden, System and Structure, S. 3129Wilden, System, S. 34

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Ubermittlung durch ”Uberdetermination“ (Sigmund Freud, UberAphasie, 1891).

Das Auftreten von Zeichen in der Menschheitsgeschichte deu-tet auf eine Bruchstelle des mikrogenetischen Prozesses hin, diedem Bewusstsein den symbolischen Bereich erschließt. Der Kon-kretismus schizoider Disposition konnte darauf hinweisen, dassuber das ”emotional system“ kommunikative Signale eine neueBedeutung bekommen, weil sie anders umgebungsgebunden sind.Koordiniertes Handeln schwacht die Wahrnehmung der Wirklich-keit, weil Individuen sich auf emotionale Signale von anderen inder Gruppe mehr stutzen als auf Fakten der sozialen und weite-ren Umgebung.30 Die Bedeutung der Signale innerhalb der Grup-pe entscheidet erheblich uber das Wohlergehen des Individuums.Lassiter setzt fur die schizoide Disposition eine schwache Selbst-differenzierung voraus, was auf einen ontogenetisch fruhen Zeit-punkt hinweist. Es ist ein Punkt anzunehmen, von dem aus die Di-stanzierung begonnen hat, um ein Selbst zu differenzieren. Gleich-zeitig ist eine gegenlaufige Bewegung anzunehmen, die die Kon-trolle uber diesen Vorgang behalt und eine Gruppenbildung miteiner hoheren logischen Struktur erlaubt, uber die das individuelleVerhalten eine zusatzliche Orientierung bekommt. Es entsteht einSymbolbereich, der bewusst nicht zuganglich ist und der Kommu-nikation dient, um kollektive Anspruche durchzusetzen. Der Sym-bolbereich ist somit fundamental fur die Gruppe und erschließtsich partiell dem Individuum wahrend der Differenzierung, zumBeispiel im Ubergang von Pubertatsriten. Die Reinheit logischerSymbole stammt aus der technischen Notwendigkeit der Informa-tionsubertragung, die das analoge Feld der Gruppe digitalisiert, ihrKontinuum mit Grenzen versieht, uber die Individuen kommuni-zieren.30Lassiter S. 75

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Der Aufbau des Symbolbereichs sichert dem Kollektiv Dau-erhaftigkeit und bessere Uberlebenschancen, weil Aufbewah-rung und Verarbeitung von Informationen kollektiv effizienterzur organisieren sind. Der kollektive Symbolbereich ist mit denMoglichkeiten einer Zelle und ihres Genoms vergleichbar, Infor-mationen zu bewahren, zu erhalten und zu verarbeiten. Der Zu-sammenhalt setzt wie bei ihr einen gewissen Grad an Schließungder Gruppe, d.h. Stabilitat der Familienstruktur voraus. Wie weitkann der Altruismus eines Individuums in einer Gruppe gehen,um ihr Wohl zu maximieren? Oder wie weit die Gruppe, dies aufKosten des Individuums zu tun? Man kann annehmen, dass Kreati-vitat Opferbereitschaft voraussetzt, die sich in gravierenden Fallenals psychotisch erweisen. Zehn Prozent der Bakterien entschei-den sich im Test Ben-Jacobs fur das Risiko, eventuell nicht zuuberleben, wenn damit die Uberlebensressourcen des Kollektivserhoht werden konnen. Ontogenetisch ist die Dyade fur den Pro-zess einer symbolischen Kommunikation zustandig, in dem dankder Neotenie phylogenetische Muster von kulturell fixierten, kol-lektiv tradierten uberlagert werden, sodass die individuellen Ebe-nen in einer hoheren Ebene aufgehen, die Grundlage fur eine wei-tere in Rahmen der familiaren Umgebung wird – ein reproduktivesOkosystem. Eine entwicklungspsychologische Krise ist MelanieKleins paranoid-schizoide Phase, die im Begriffsrahmen der Psy-choanalyse als Projektion aufgefasst wird, eine entlastende Verla-gerung von Gefuhlen, die das Selbst zu fragmentieren drohen. DieFragmentierung ware ein Ruckfall in eine Phase, in der das Selbstnoch nicht gegen ein anderes geschlossen ist. Das Verhaltnis zweigegen einen anderen (Triangel-Hypothese) basiert auf der Dyadeals Sicherung der Reproduktion, die sich auf uberindividuelle Re-geln stutzen kann. Die Regeln sind kulturell im Opfer sichtbar,konkretistische Aufhebung des individuellen Status in strukturel-le Relationen eines kollektiven Okosystems. Die damit verbunde-

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ne Uberlagerung von Individuum und Kollektiv ist psychotischeGrundlage fur den ”Sinn“ des Opfers.

Heino Gehrts hat im Brudermarchen ein Opfermotiv gefunden,das familiar begrundet ist, allerdings im Rahmen eines kosmolo-gischen Mythos interpretiert wird, demzufolge es einen Gewinn-und Verlustausgleich gibt, in dessen Symmetrie man nur durch einOpfer eingreifen kann, um sie zu brechen. ”Nahe lag der Gedan-ke, Gewinn und Gegenschlag von vornherein auf zwei verwand-te Trager zu verteilen. Verwandt, bruderlich, Zwillinge deshalb,weil Gewinn und Gegenschlag in einer Tat entspringen. Im Han-deln eins, scheidet das Bruderpaar sich erst in seinen Folgen: dereine tragt fur beide den Gewinn davon – oder fur Sippe, Stammund Volk – der andere nimmt fur beide den Ungewinn auf sich –oder fur welche Art Gemeinde immer – und nimmt ihn hinweg:in sein Geschick, in eine fur ihn fortan feste kultische Rolle, insAusland, in den Tod, – der Ursprung aller Doppelamter, vielerDoppelgottheiten, des rituellen Bruderkampfes, des weitverbrei-teten ’Sundenbocks’, des griechischen Pharmakos...“31 In jedemFall besteht zwischen dem Lebenden und dem Getoteten ein ritu-elles Band, in dem die Dynamik des Wachstums verborgen liegt.Die Hypostase des Geopferten versetzt das Untere zuoberst, Zei-chen dafur, dass nach diesem Durchgang das Wiedergekehrte ei-nem großeren logischen Umfang angehort, der Gottern zu eigenist.

Nach Strobl beruht der schizophrene Konkretismus auf ei-ner ontologischen Regression. Die erste Stufe entspricht der vonder Informationsverarbeitung gestutzten Aktion, gefolgt von einerbildhaften und schließlich abstrakt-symbolischen Reprasentation.Diese Darstellung folgt dem beobachtbaren Entwicklungsprozessvom Reiz-Reaktionsschema uber Hemmungsmechanismen bis zu

31Heino Gehrts: Das Marchen und das Opfer, 1967, S. 34

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hoheren kognitiven Leistungen wie Abstrahieren. Die Regressi-on bedeutet eine Uberlagerung von Ebenen, die symbolische gehtmit der aktionalen Ebene parallel, ”hintergrundig Entferntes wirdvordergrundig erlebt“.32 Dass die Zunahme an Komplexion aufder Einfachheit von Symbolrelationen beruht, die deshalb am En-de der Entwicklung stehen, ist bedenkenswert, wenn nicht para-dox. Der ikonische Reiz ist bereits eine allgemeine Form der Er-kenntnis, auf deren Signalhaftikeit ”einfach“ reagiert wird. Ausder Umwelt wird ein Signal isoliert und beantwortet. Man kanndies ebenso eine symbolische Relation nennen, auf die spater wie-der zuruckgegriffen werden kann, wenn die Umgebungen und Si-tuationen kognitiv rekonstruiert und Relationen durchgespielt wer-den. Erst dann, auf dieser entwickelten Stufe, sind Parallelprozessemoglich.

Im mikrogenetischen Prozess ist das Allgemeine der Hinter-grund als Fernes, Zuruckliegendes, das das Nahe tragt, das Symboloder der Begriff, die Idee, die das Objekt tragt. Platons Reich derIdeen ist ein konkretistischer Zug nicht abzusprechen, und es isteben dieser Zug, der Godel an der Realitat dieses Reiches fest-halten lasst. Die als Moderne bezeichnete Epoche tragt schizoid-paranoische Zuge mit einer Fixierung auf Zeichenstrukturen undSymbole, die ohne Emotionen zu funktionieren scheinen, welcheeinheitsbildend wirken. Wie Warme durchziehen sie die disjec-ted membra des Selbst, fur das ohne sie eine neue Form der Ein-heitsbildung gefunden werden muss. Fur Warme kann auch Be-deutung stehen, die einer erlebten Umgebung, einer Situation odereinem gesprochenen Satz Einheit verleihen, so wie das Ziel eineHandlung und ihre Schritte bindet. Palle Yourgrau bemerkt, derGeist des 20. Jahrhunderts habe in der Herrschaft der Form uberden Inhalt bestanden, ”der Syntax uber die Semantik, des Bewei-

32Strobl, S. 2

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ses uber die Wahrheit.“33 Auch in Kunst und Wissenschaft sei derFormalismus zum alles beherrschenden Thema geworden. ArnoldSchonbergs Musik sei das ”unverhohlen mathematischste Unter-fangen, das in der Musik je unternommen worden war“34, dennder zentrale Formalismus ist der der Mathematik. Die sich darausergebenden Kommunikationsprobleme liegen auf der Hand, wennauf formale Systeme rekurriert wird, die sich im Ubergang vonbiologisch-signalhafter Kommunikation zu emotional gruppenori-entierter befinden. Eine rein formale Aussage ohne Subjekt hatkeine Bedeutung, die Bedeutung liegt nicht allein in den Relatio-nen des formalen Systems – ”Syntax kann Semantik nicht erset-zen.“35 Doch wie kam Godel dazu, den Blick von außen auf dasSystem zu werfen, dem er angehorte? Der schizophren-paranoideKommunikationsbruch erlaubt ein ”gottgleich“ grenzenloses Erle-ben, das den Seelen in Platons Phaidros begegnet, die beim Errei-chen der Himmelswolbung sich nach außen wenden und auf demRucken des Himmels stehend vom Umschwung fortgerissen wer-den und ”schauen, was außerhalb des Himmels ist“ (247 b). Hierist Wahrheit das Unverborgene, aletheia.

33Yourgrau, Godel, S. 67 f.34Yourgrau, Godel, S. 6835Yourgrau, Godel, S. 71. ”Meaning“ verweist eher als ”Bedeutung“ auf das

Vermitteln. Kluge zieht ”Tausch, Wechsel“

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9 Noch einmal Sokrates

Die zweite Rede des Sokrates ist dem Wahn gewidmet, μανία, dernicht nur die Liebe beflugelt, sondern eine Beziehung zu Gotternund Musen herstellt, die den Manischen uberfallt. Die Begegnungmit Gottern ist interpretierbar als Uberlagerung ontogenetischerEbenen in der Verknupfung von Anfang und Ende eines mikro-genetischen Prozesses . Symbolisches Denken findet nicht alleinauf kognitiv hoch entwickelten Ebenen statt, sondern ist bezeich-nend fur divinatorische Prozesse, in denen Phanomene der Wahr-nehmung zu Symbolen werden, die der Einordnung bedurfen, in-dem Beziehungen hergestellt werden. Der Paranoiker bedient sichdabei ahnlicher Methoden wie der Wahrsager, der von sichtbarenauf unsichtbare, weil angeblich verdeckte, Erscheinungen schließt.Der Wahn der Liebenden dient Sokrates als Zeugnis des Glucks,

”den Vernunftlern unglaublich, den Weisen aber glaubhaft“ (245b). Um dies zu verstehen, behandelt Sokrates nun die Natur dergottlichen wie menschlichen unsterblichen Seele – unsterblich,weil sie sich selbst bewegt. Beim Anblick irdischer Schonheiterinnere sich die Seele der Schau, die ihr auf dem Rucken desHimmels zuteil wurde. Die Form des Liebeswahns, die im Zen-trum des Phaidros steht, ist eine Spezialisierung des Wahns, derauch fur die noetische Schau und Erinnerung gilt – an eine farb-lose, stofflose und gestaltlose Wesenheit, das nur der nous alsFuhrer der Seele schauen kann. Wenngleich Sokrates von einertemporaren Grenzuberschreitung spricht, ist dennoch eine Paral-lelitat der Erfahrung von Nahe und Ferne im Stroblschen Sinneschizoider Disposition anzunehmen. Der Blick von außen setzt die

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Spaltung des Beobachters voraus, die schließlich nur noch als Er-innerung kenntlich ist. Es ist vermutet worden, dass der ”seligeChor“ (249 b) bei seiner Schau der Ideen auch als Einweihung ineinen Mysterienkult zu interpretieren ist. Doch dieser Kult wareals Konfiguration einer kollektiven Erfahrung nur die Verdingli-chung der Uberlagerung ontogenetischer Stadien. Die Begegnungdes aktuellen Ich mit einer fruhen, eher der kollektiven Allge-meinheit entsprechenden Form – dem Chor – ist vermutlich nurmoglich, wenn beide Gegensatze formal vermittelt sind, wie es imRitus geschieht.

Die rotierende Kosmosgrenze (periphora) trennt das Innere ei-nes Systems von einem fernen Außen. Es ist anzunehmen, dassdamit ein ontogenetisch fruhes Stadium akzentuiert ist und zuraktuellen Wahrnehmung parallel erfahren wird. Sowohl die Fahrtder Gotter und Seelen uber die Kosmosgrenze hinaus als auchdie Beschreibung des rein selbstbezuglichen Weltkorpers im Ti-maios, der ebenfalls von oben beobachtet werden kann, fuhrenAußenpositionen ein, die ontologisch zum Innen in einer Bezie-hung stehen, die sich einer Beschreibung entzieht, weshalb im-mer nur uber Offenbarungen davon die Rede ist. Im Mythos ge-lingt es, in metaphorischer Rede ein Bild zu zeichnen, ein Mo-dell, das mit dem Abgebildeten nicht verwechselt werden darf.

”Den uberhimmlischen Ort aber hat noch nie einer von den Dich-tern hier besungen, noch wird ihn je einer nach Wurden besin-gen.“ (Paidros 247 c) Die dann doch folgende Beschreibung isteine Negation dreier sensorischer Kategorien – farblos, gestaltlos,unberuhrbar, denn die οὐσία ὄντως οῦσα, die wirklich seiende We-senheit, ist nur der Vernunft als Fuhrer der Seele zuganglich. Es isteine Umschreibung der Funktion von Kontrolle und Begrenzungoder Zwang, die als jenseitig empfunden wird, weil sie sich dersensorischen Wahrnehmung entzieht. Die Grenze zwischen denBereichen ist die Metapher fur die Distanz zwischen ontologi-

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schen Ebenen des perspektivischen Erlebens und dem Ruckgriffauf einen regulatorischen Prozess, der die Moglichkeiten der Ob-jektbildung begrenzt und nach mathematischen Regeln organi-siert, sofern Mathematik die Erkenntnis von Relationssystemenist. Die Grenzuberschreitung, die Platon andeutet, betrifft das demDenken zugangliche System, das die andere Seite nicht beschrei-ben kann, weil es seinen eigenen Ursprung beschreiben musste.Dieser muss sich deshalb von selbst offenbaren, wozu verschie-dene Techniken gefunden wurden, um einen solchen Prozess inGang zu setzen. Das dem Denken zugangliche System ist sekundarund somit naturgemaß unvollstandig. Doch um dies zu wissenoder zu behaupten, bedarf es einer Wahrnehmung der Begrenzt-heit dieses Systems, die jedoch eine Formulierung finden muss,die kollektiv akzeptiert wird. Zu den Techniken, ”Offenbarungen“zu provozieren, gehort auch die Wissenschaft, weil sie von krea-tiven Prozessen abhangig ist. Die in vieler Hinsicht als histori-sches Schwellenphanomen geltenden Griechen zeigen sowohl diemystisch-magische Seite als auch die rational realitatsbezogeneForm des Wissens, wofur der pythagoreische Geheimbund ein ty-pisches Beispiel ist. Jedoch ist Platons Annahme der ”Transzen-denz und Unweltlichkeit des Erkennbaren sowie der Versuch zurAbleitung unserer Welt aus dem Tranzendenten“ dem alten Py-thagoreismus fremd.1 Da die Zahl auch das Wesen der Seele ist,weil die harmonischen Proportionen in Zahlen ausgedruckt wer-den, bekommt die Begrenzung und die Uberschreitung der Grenzeeine ursprungliche Bedeutung.

Wenn die Seele bei Platon die Grenze von innen nach außenuberquert, bezeugt sie ihren Doppelcharakter, sowohl dem Be-grenzten als dem Unbegrenzten anzugehoren, eine Dyade, die mit

1Die Vorsokratiker I, Auswahl der Fragmente, Ubersetzung und Erlauterungenvon Jaap Mansfeld, 1983, S. 99

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der Eins entsteht, denn ”angeblich hat die Eins das Vermogen, sichdurch Spaltung zu reproduzieren, indem sie etwas vom Apeironheranzieht und diesem ihre eigene wiederholte Begrenzung aufer-legt“.2 Der Vorgang kommt im Bild des Einatmens des Apeironzum Ausdruck. Begrenztes-Begrenzendes und Unbegrenztes bil-den die pythagoreische Ursprungsdyade. Setzt man das Apeironals Begriff fur das Unbegrenzte, so gilt: ”Boundaries are the condi-tion of distinguishing the ’elements’ of a continuum from the con-tinuum itself.“3 Fur das Verhaltnis von Kontinuum und Diskretemfinden die Pythagoreer den Anthropomorphismus des Einatmens,der rhythmischen Internalisierung fließender Prozesse. Man wirdals signifikantes Beispiel fur das Verhaltnis von Kontinuum undinneren Grenzen die Musik nehmen konnen, weil jedes Intervallund jeder Ton nur als Grenze des Kontinuums verstanden werdenkann. Es ist bezeichnend, dass Platon die musikalische Strukturund die Seele als verwandt gedacht hat.

Die das Innen und das Außen bereisende Seele unterhalt einenparadoxen Status der Begegnung zwei unterschiedlicher ontologi-scher Ebenen, dem Selbigen und dem Anderen, das als Bereichder Gotter die Berechenbarkeit des inneren Kosmos uberschreitetund die Einheit der Gegensatze vorausnimmt, die der Kusaner furseinen Gott in Anspruch nimmt. Die Paradoxie besteht denn auchsowohl aus einem Gegensatz als aus Identitat. Beides fuhrt zurBewegung, einer Einheit von Kontinuum und Diskretheit, die sichjedoch im Bewusstsein ausschließen mussen. Der Wahn, den dieReise der Seele mit sich bringt, ist dieser paradoxe Zustand, derdem Weltursprung anhaftet, welcher wiederum den Ursprung desIch beschreibt, das sich und seine Entstehung im Wahn selbst ent-deckt und spaltet. Die Zahl ist das erste Element des Ursprungs

2Vorsokratiker, S. 1033Wilden, S. 122

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in der Spaltung, die keine einfache ist und sich der Beschreibungentzieht. Der Zustand der platonischen Seele vor dem Ausflug istsekundar und unvollstandig, weil die Quelle seines Wissens au-ßerhalb liegt. Der Wahn nimmt mit wachsender Schließung be-wusster Rationalitat an Dysfunktionalitat zu. Die moderne Ratio-nalitat der Wiener Philosophen und Mathematiker besetzt einender Gegensatze, an dessen anderem Ende die Psychose haust, dieebenso wenig kommunikativ ist wie die zeitgenossische Kulturund Wissenschaft, allen voran die Mathematik, mit der Kurt Godelselbst Zunftgenossen uberfordert hat. Die Physik basiert auf ei-nem Weltmodell, das mit dem menschlichen Erfahrungsraum ge-brochen hat. So kritisierte Whitehead in ”Space, Time and Relati-vity“ Einsteins Theorie: ”Unsere Aufgabe besteht tatsachlich dar-in, die Welt auf unsere Wahrnehmungen abzustimmen und nichtumgekehrt.“ Denn die Wahrnehmungen bilden eine anthropologi-sche Konstante, die nur in beschranktem Umfang veranderlich ist,sodass zwischen ihr und den Modellen, die die Welt beschreiben,historisch ein Bruch entstanden ist, der immer großer wird und mitEinstein eine qualitativ neue Stufe erreicht hat.

Die Realitat zerfallt in Teilaspekte, die abhangig von der Artder Beschreibung sind, wofur die Quantenexperimente ein Bei-spiel sind. Die Einheit des Ich ist die des bewusst Handelnden,Wahrnehmenden und Denkenden. Eine Desintegration der Objek-tivitat belebt fruhe Stadien des desintegrierten Subjekts, das voneinem Selbst begrenzt wird, das Teile der Dyade umfasst. Angsteauf dieser Stufe sind eher kollektiv als individuell, wenn denn dieDyade Basis kollektiven Denkens und Fuhlens ist. Im Wahn tretenProzesse dieser Stufe unverhullt in Erscheinung, deshalb tragen sieBedeutungen und sind nicht mit einer organisatorischen Dysfunk-tion zu vergleichen. So ist die individuelle Angst als tief liegen-de kollektive Angst interpretierbar, die im Wahn jedoch nur indi-viduell konkreten Ausdruck findet. So findet die Kommunikation

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des Wahns auf kollektiver Ebene statt. Im Bruch mit der aktuellenUbereinstimmung von subjektiver Beschreibung und Sachverhaltwird die Beschreibung auf eine andere, vergangene Ebene verla-gert, die jedoch immer noch Wirkung zeigt. Wahrheit ist die Be-schreibung, die auf einen Sachverhalt zutrifft. Die Beschreibungim Wahn bezieht sich auf einen vergangenen Sachverhalt, der miteinem aktuellen untrennbar zusammenhangt, wenngleich der aktu-elle zur Metapher eines fruheren Zustandes wird, sodass die ”irre“Beschreibung eine metaphorische ist.

”Godel fuhlte sich dann immer am sichersten, wenn er einProblem in Symbole und mathematische Formeln gefasst hat-te. ’Wenn man ein bestimmtes Problem im Sinn hatte’, schreibtTaussky-Todd, ’begann er damit, es formal aufzuschreiben’. Dochauch Godel glaubte, dass es selbst in der Mathematik auf Intuiti-on ankam (Ein Standpunkt, den ihm die Logiker bis heute nichtverziehen haben).“4 Intuition bedeutet, die Aufmerksamkeit aufetwas zu richten, um es zu erhalten – tueor ”anschauen, beob-achten, beschutzen, unterhalten, ernahren“. Die innere Anschau-ung kann als Sphare des Umsorgens gedacht werden, bei dem ei-ne sakrale Bedeutung in der achtsamen Versorgung eines Gottesmitschwingt, auch wenn es sich nicht um eine dezidiert religioseIntention handelt. Es ist von einer aktiven inneren Symptomatikauszugehen, die die Wendung der Aufmerksamkeit erzwingt. DieRelation zur Quelle der Intuition kann als Fuhlen bezeichnet wer-den, dem aufgrund der Bewusstseinsferne zum Symptomursprungkein erfassbares ”Objekt“ zukommt. Die aufgeladene Leere beruhtauf der kategorialen Fulle fruher Entwicklungsstadien, die zu ”kul-tivieren“ Aufgabe der Intuition ware. Die wachsende Komplexionvon Denkprozessen und -inhalten beruht auf der Moglichkeit, sichZugange zur kategorialen Fulle zu verschaffen und symbolische

4Yourgrau, Godel, S, 25

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Formen zu finden. Doch solche Formbildungsprozesse gleichenUrsprungen, sind fruh.

”Neben seiner Angst vor Gasen entwickelte er ein zunehmen-de Aversion gegen Kalte. Sogar mitten im Sommer sah man sei-ne verharmte Gestalt in einen Wintermantel gehullt, mit Hut undHandschuhen... Hinzu kam Godels zunehmendes Einsiedlertum.Er setzte alles daran, jeglichen ’unnotigen’ sozialen und intellek-tuellen Austausch zu umgehen und um jeden Preis den physischenKontakt mit anderen Menschen zu vermeiden. Das Telefon wur-de zu seiner Hauptkommunikationsader.“5 Die subjektiv verzerrteTemperaturwahrnehmung findet ihr Gegenstuck in kommunikati-ver Isolation, der Ruckzug der Besetzung der Außenwelt machtsich auch in einer nachlassenden Besetzung der Epidermis be-merkbar, die Kaltegefuhle hervorruft. Der franzosische ForscherJean-Joseph Fourier hatte sich beim Agyptenfeldzug, auf dem erNapoleon in einer Gruppe von Wissenschaftlern begleitet hatte,eine Krankheit zugezogen, die ihm in der Kalte des franzosischenOrtes Isere schwer zu schaffen machte. 1802 setzte er sich an dieUntersuchung der Ausbreitung von Warme in Festkorpern und1822 wurde seine beruhmte Arbeit uber die Analytische Theo-rie der Warme veroffentlicht. ”Die Warme durchdringt – wie dieSchwerkraft – alle Substanzen des Universums, ihre Strahlen er-reichen alle Teile des Raumes. Das Ziel unserer Arbeit ist, die ma-thematischen Gesetze aufzuzeigen, denen dieses Element folgt.“Warme ubernimmt – wie einst der Ather – die Funktion der Ein-heit, indem sie alles durchdringt. Der Ather als Feinstoffliches be-setzte nicht nur jeden inneren Ort des Kosmos, sondern in der Ein-heitsbildung umschloss er ihn auch. Die atomistische Idee ist indiesem Sinne rekursiv, weil das Enthaltende das Enthaltene ist,das Kleinste das Großte, das Klein-Große.

5Palle Yourgrau: Godel, Einstein und die Folgen, 2005, S. 110

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Das der Wahrnehmung nicht erfahrbare Gift als Klein-Großes,die toxische Kontamination wird zur existentiellen Bedrohung.Der magische Aspekt liegt in der Unmoglichkeit der Wahr-nehmung, man konnte genauer sagen: der bewussten Wahrneh-mung, denn das Ausschalten des Bewusstseins ermoglicht dieUbertragung auf unsichtbaren Wegen, ein magischer Vorgang,den James Frazer ”Ubertragungsmagie“ nennt. Es ”wandern Ge-genstande, Kleidungsstucke, Haare oder Blut. Die magische Pro-zedur ist ein Infizieren.6 Einen Unterschied zwischen substantiel-ler und geistiger Wirkung gibt es nicht, weil die Substanz unun-terscheidbar beides ist. Ihre Zirkulation verdankt sie einem grund-legenden Phanomen fruhkindlicher Erfahrung des ”Uberfließens“von Warme. Da es sich um einen Zustand innerhalb der Dyadehandelt, besteht noch keine ausgepragte Ich-Differenzierung, wes-halb Imre Hermann von einem Kollektivschema spricht, in demmagisch-mystisches Ineinanderfließen und entsprechende Wech-selbeziehungen wirksam sind. ”Das gedankliche Korrelat der Tem-peraturorientierung ist das uberfließende Denken, das durch dieUnbegrenztheit, die Grenzuberschreitung, die freie Kommunika-tion charakterisiert wird.“7 Robert Bak zahlt noch das Olfaktori-sche hinzu. Die Maßnahmen gegen das Uberfließen bilden Iso-lation und Begrenzung, gegen das Aufgehen im KollektivschemaAbspaltung von Ichanteilen. Das Organ der Temperaturorientie-rung ist die Haut, die den Korper begrenzt und und im Uberfließenentgrenzt zugleich. Bak nimmt an, dass in der intrauterinen Pha-se die inneren Organe libidinos besetzt sind und erst nach derGeburt die Peripherie, d.h. die Haut besetzt wird. ”Thus its im-portance increases, because our skin in the region of the head –in the epidermic projection of our internal organs – represents

6Jan Kott: Gott essen, 1991, S. 1127Bak: Temperatur-Orientierung, S. 160

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our whole self.“8 Das Kollektivschema erlaubt die Deutung desKollektivs als Korper, der, einmal nach außen projiziert, als Mo-dell des geregelten Kosmos dienen kann. In diesem proportionalgeordneten Modell werden bereits mathematische Konfiguratio-nen sichtbar, die – von der Anthropomorphose gereinigt – einlogisch-mathematisches Kosmosmodell ergeben. Der mathemati-sierte Kosmos stellt sich als Begrenzungssystem dar, das gegendie Bedrohung des Uberfließens, der Flut, eingesetzt werden kann.Die Grundlage der Begrenzung kann man in diesem Uberfließenerkennen, die fundamentale Grenze ist die Zahl als Element derBerechnung des Nichtberechenbaren, Kontinuierlichen, dem dieGeometrie naher zu sein scheint, sodass beide Systeme, das geo-metrische und das arithmetische sich erganzen und das KontinuumHintergrund der Zahl und die Zahl Hintergrund der Linie bildet,anschaulich in den Zahlfiguren, wo die horoi das Kontinuum be-grenzen.

Bak zitiert einen Katatoniker, die Diagonale sei die Richtung,von der die Warme zur Kalte fließe, weshalb er schrag im Bettliege, damit die innerliche Hitze abfließen konne. Hier handelt essich um eine Temperaturorientierung, die den Austausch nutzenwill, um die Trennung von der Außenwelt aufzuheben, mit ihr eineEinheit zu bilden, indem Warme abfließt, wahrend das Kaltegefuhlmit Isolation verbunden ist. Die Warme gehort wie das Licht zurKategorie der Strahlung, eine geometrische Grundform. Der psy-chopathologische Ruckgriff auf diese Thermotaxis9 stellt sich im-mer wieder in Annahmen von Fernwirkungen dar, die auch Scha-den anrichten konnen. Arithmetik und Geometrie entwickeln sichseit der Antike zunehmend zu Disziplinen von Fernwirkungen, al-

8Robert Bak: Regression of Ego-Orientation and Libido in Schizophrenia; in:Int. Journal of Psychanalysis, Vol. XX, 1939, S. 70

9Bak, Temperatur-Orientierung, S. 169

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so Erfahrungen, die die Sinneswahrnehmungen weit uberschreitenwie das Parallelenaxiom. ”Der Schnitt schwach konvergierenderGeraden liegt außerhalb des Gebietes der Konstruktion und Beob-achtung. Es ist daher begreiflich, daß die durch Euklid an Strengegewohnten Nachfolger desselben, bei der wichtigen Aussage derfunften Forderung, schon in der antiken Zeit bemuht waren, die-se Aussage zu beweisen...“10 1820 taucht, so Hermann, die Ideebei Bolyai auf, ”eine Linie schnelle von der anderen ab“. Hier er-scheint die Parallele als Erzeugungsphanomen, und die grafischeLinie ist nur eine Anspielung, ”ein Zeichen der wirklichen Liniein ihrer Mannigfaltigkeit“11. Anders als die statisch fokussierbareStrecke ist die Linie nur gedanklich unendlich fortsetzbar, entferntsich von der Objekthaftigkeit anderer Formen und nahert sich derHandlung.

Paul Schilder beschreibt Patienten, die sich von geometrischenQualitaten der Welt bedroht fuhlen und mit Abwehrmaßnahmenreagieren, welche wiederum zu neuen geometrischen Gliederun-gen fuhren. ”Die Zahl, die Arithmetik, hat die gleiche Bedeutung.Der Zwang fuhrt zu einer Stufe der Wahrnehmung (Ich-Struktur)zuruck, in der die Bedrohung eine viel allgemeinere ist.“ DerZahlzwang diene wohl in tiefster Schicht dazu, Todeswunsche ab-zuwehren, ”da das Feststellen der Zahl von Gegenstanden darubervergewissert, daß keiner fehlt. Allerdings dringt das Abgewehrtein die Abwehr ein, und das Zahlen erhalt dann selbst die unbe-wußte Bedeutung von Toten und muß seinerseits abgewehrt wer-den.“12 Die Nachbarschaft von Zahlbarkeit und Aggression wirdin Zerstuckelungsphantasien sichtbar, Teilen ist zugleich Zerrei-ßen und Zerstoren, Zahlbarkeit und Teilbarkeit sind eines Sin-10Ernst Mach, zitiert bei Imre Hermann, Bolyai, S. 70611Hermann, Bolyai, S. 71412Paul Schilder: Zur Psychoanalyse der Geometrie, Arithmetik und Physik; in:

Imago 22, 1936, S. 390

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nes. So scheint die Teilbarkeit, die in geometrischen Phanomenensichtbar wird, die Zahlbarkeit in sich zu tragen. Schilder berich-tet, wie Symmetrie, Asymmetrie, einseitige Belastung, die Mit-te, die Fuge, das Eckige zum Ausdruck von Bedrohungen werdenkann, ”gegen die symbolische motorische Gegenmaßnahmen er-folgen“ – also Zahlen, das in enger Beziehung zum Handeln steht.Die Zahl sei, so Henri Bergson, auf dem Wege zur Handlung.Gefuhle der Bedrohung durch Asymmetrien fuhrten bei Patientenzu Handlungs- und Beruhrungszwangen. Der geometrische Raumist Handlungsraum, doch ”jede Asymmetrie fordert zur Handlungauf und entfesselt eine Haltung, die schließlich gefahrlich werdenkonnte. Diese Handlungen sind tief im Organischen verankert. InFallen mit gesteigerten Stellreflexen... sieht man, daß Tonusstei-gerungen und Wendungen einsetzen, wenn die Situation asymme-trisch wird. Das Individuum strebt nach einer symmetrischen Welt,in der auf keiner ’Seite’ der Situation Spannung ausgelost wird.“13

Imre Hermann weist darauf hin, dass die Entfernung von deraußeren Anschauung, die die Fixierung auf die innere Anschau-ung der Logik mit sich bringt, die Gefahr einer innigen Beruhrungmit dem anschauungsblinden Unbewussten bedeutet. Das reineDenken konnte aber auch nichts anderes sein, ”als das den Wahr-nehmungen nicht ausgesetzte tiefst Unbewußte“.14 Damit warees ontogenetisch sehr alt, und mathematische ”Entdeckungen“konnten auf Beruhrungen mit unbewussten Inhalten und Prozessenzuruckzufuhren sein. Als Beispiel gilt Cantor, der mit der Mengen-lehre eine Mathematik aufstellen wollte, die unabhangig von jederAnschauung und jeder anschaulichen Erfahrung sei. Der Teil seiunter dieser Voraussetzung dem Ganzen gleichwertig und der Satz

13Schilder, Geometrie, S. 39014Imre Hermann: Das Ich und das Denken, Imago 1929, S 103

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vom ausgeschlossenen Dritten ohne Bestand.15 Gegen die Wie-derkehr des Verdrangten, so Hermann, sei ein starrer Formalismusein Abwehrversuch. Seltsamerweise bedient sich dieser Versuchder formalistischen Mittel des Unbewussten, das anders als formalnicht wirken kann. Die vom unbewussten Uber-Ich ausgehendenformbildenden Krafte entstammen zum Teil dem ebenfalls unbe-wussten Es, konnen infolgedessen so stark werden, dass sie das Ichschwachen und ihm gegenuber bedrohlich werden. So ist zu ver-muten, dass das formale System der Mathematik fur Godel dafurtauglich war, psychische Konflikte symbolisch zu losen. Wahr-heit als Ubereinstimmung einer Beschreibung mit der Wirklichkeitnimmt fur Godel die Form eines Problems an. Seine Lebenswirk-lichkeit fußt auf einer fur ihn unumstoßlichen und deshalb bedroh-lichen Wahrheit der Vergiftung. Da er sein Leben fur diese ”Wahr-heit“ aufs Spiel setzt, muss er von ihr uberzeugt sein; ein Beweishatte allerdings den unmittelbaren Tod bedeutet. Denn seine Be-schreibung der Wirklichkeit, trafe sie zu, kame einer Ausloschunggleich, die aus der Beschreibung des Beobachters heraus total istwie ein Weltuntergang.

Nicht von ungefahr sind Gottesvorstellungen, die mit striktenRegeln oder Gesetzen von Natur und Gesellschaft verbunden sind,ursprungliche Funktionen des Uber-Ich. ”Was die Biologie unddie Schicksale des Menschen im Es geschaffen und hinterlassenhaben, das wird durch die Idealbildung vom Ich ubernommenund an ihm individuell wiederbelebt. Das Ichideal hat infolge sei-ner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknupfung mit demphylogenetischen Erwerb, der archaischen Erbschaft, des einzel-nen.“16 Die durch Regeln entstehende Ordnung ist ”okonomisch“

15Adolf Fraenkel: Zehn Vorlesungen uber die Grundlegung der Mengenlehre,1927

16Sigmund Freud: Psychologie des Unbewußten. Das Ich und das Uber-Ich(Ichideal). Studienausgabe III, 1982, S. 305

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im Sinne einer ubergeordneten (einst gottlichen) zielgerichtetenPraxis zum Wohle und der Versorgung des Ganzen, psychoanaly-tisch ubernimmt das Uber-Ich diese Funktion geordneter Selbst-steuerung als Vertreter der kollektiven Ordnung. Diese kollekti-ve Ordnung entspringt der Dyade, Basis fur ein Kollektivsche-ma, auf das als zweite Stufe die Familie und dann die Grup-pe folgt. Da man bei der Dyade davon ausgehen muss, dass dieEinheit uber das Stromen von Vitalfunktionen wie der Warmez.B. gebildet wird, ist das Schema dynamisch. 17 Das Verhaltnisvon Ganzem und Teil dieser organischen Einheit ist raumlichund zeitlich in ausdifferenzierten Aspekten bewusst erfahrbar.Ein primitiver Strom des Uberfließens, eine Vitalfunktion, dieHermann auf Warmeorientierung zuruckfuhrt, leistet den Zusam-menhalt. Begriffliches Denken setzt diesem magischen Durch-fließen der Teile Grenzen und bildet einen Widerpart gegen dieAuflosungstendenzen, die im Fließen wirksam werden. Insbeson-dere ubt die Zahl die Begrenzungsfunktion aus.

17Die Fixierung an die Fruhzeit, an Ursprunge und Schwellenphanomene treibtPlaton im Timaios immer wieder zu neuen Anfangen. Im Bild der Ammedes Werdens ist der ontogenetische Aspekt der Bildungsgesetze des Den-kens mehr als nur metaphorisch. Platons geneseos titene bezeichnet eineBindungsfigur; themis ”Recht, Gesetz, Sitte“ ”stimmt bis auf den Ablautaw. da-mi- f. ’Schopfung, Schopfer’, da-ti- ’das Setzen’, da-ta- ’Satzung’.Mitra bedeutet im Altpersischen ’Vertrag’, sodass sich zusammen mit ”da“als Gabe (skr. dadati ”er gibt“) eine Situation ergibt, in der Gabe, Setzenoder Gesetz zwei Seiten desselben Phanomens ausdrucken. ”Die romischefamilia umfaßt sowohl die res wie die personae. Sie wird in den Digestendefiniert, und je weiter wir in das Altertum zuruckgehen, desto mehr be-zeichnet das Wort familia die res, aus denen sie besteht, sogar bis zu Nah-rung und Lebensunterhalt der Familie. Die beste Etymologie des Wortesfamilia ist wahrscheinlich jene, die es mit Sanskrit dhaman,Wohnstatte, inZusammenhang bringt.“ Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie 2(Gabentausch), 1975, S. 98. Die res ist nicht bloße Sache, sondern muss

”vor allem das gewesen sein, was einem anderen Freude bereitet.“ (S.99)

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10 Rekursion

In der Embryologie Caspar Friedrich Wolffs (Dissertation 1759)spielen geometrische Formen eine zentrale Rolle; das Werden auseinem Ursprung als einfacher Anfang einer Entwicklung erscheintals Pseudos, weil es im Gegenteil einen Moglichkeitsraum be-wohnt, dessen Konkretion in der Reduktion komplexer Beziehun-gen besteht. Die Morphogenese des Gehirns geht einen ahnlichenWeg. Dabei scheint die Konkretion der Anschauung – z.B. ei-ne Linie – die Auswahl aus einer unuberschaubaren Zahl vonMoglichkeiten zu sein, die nach bestimmten Regeln reduziert wer-den. In der Objektwahrnehmung bilden die Sinnesdaten das Kor-rektiv eines Formungsprozesses, der vom Allgemeinen, Katego-rialen, zur Endgestalt fuhrt, deren innerer Entstehungsort nach au-ßen verlegt wird. Auf ahnliche Weise verlauft die geometrischeKonstruktion, die nicht das Phanomen Linie schafft, sondern dieLinie ist eine der moglichen Endgestalten des Konstruktionspro-zesses, euklidische Geometrie nach Bolyai ein spezieller, auf dieobjektive Anschauung bezogener Fall einer allgemeineren Geo-metrie, der absolut oder imaginar genannten. Diese Geometrie be-zieht sich nicht auf die anschaulichen Endgestalten, sondern ihresymbolisch gemeinten Formen ubersteigen die bewusste Vorstel-lung.1

1Marcel Duchamp betrachtete die Welt als Projektionsproblem. Duchamp bil-dete ”Analogieschlusse vom zwei- und dreidimensionalen auf das vierdi-mensionale Kontinuum..., wonach dreidimensionale Dinge lediglich Pro-jektionen aus einem vierdimensionalen Kontinuum seien – ganz im Sinnedes von Duchamp nachweislich rezipierten Esprit Pascal Jouffret, der 1903

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Die imaginare (Bolyai: absolute) Geometrie gleicht dem neuro-nalen Prozess der Spezialiserung wahrend der Anpassungsphasedes Organismus’ an die Umwelt. Der Weg der Spezialisierung undReduktion, der zur Endgestalt von Objekten fuhrt, ist auf der Ebe-ne der Zellstrukturen vorgebildet. Der Verlust an Neuronenverbin-dungen ist in den ersten Jahren enorm. ”Ebbeson has written that’most, if not all, systems go through phases of diffuse projectionsthat later become more restricted, presumably by the degenerati-on of selected axonal branches or the loss of selected neurons.“2

Die Geometrie ist vermutlich Resultat eines Lesevorgangs, indemdas Gehirn das Prinzip seiner Genese als kybernetisches Organ zubezeichnen versteht. ”Brain and skin are derived from primitiveectoderm. The neocortex is laminated like the skin, and in men-tal process, as in epidermis, there is a continual replacement ofobjects that are born, grow and die... Basic patterns in evolutionand morphogenesis, in cell division, replication and growth, corre-spond with patterns in the momentary realization of the mind/brainstate. The implication is that the foundational laws or principlesthat govern the growth and reproduction or organisms also governthe process of thought, action and language. This is clearly a topicof further study.“3

Die Objektwahrnehmung kennt an sich keine Korper, sondernsie erschließt Korper wie Polyeder und Polygone, die innerer An-

im Traite elementaire de geometrie a quarte dimensions et intruduction ala geometrie a n dimensions geschrieben hatte: ’La premiere et que notreespace n’est une tranche elementaire de cette etendue qui l’entoure de tou-te parts. Dans le sens de la quatrieme dimension, il est infiniment mince etabsolument plat, et il en est de meme de tous les etre qu’il contient’.“ LarsBlunck: Duchamps Prazisionsoptik, 2008, S. 129

2Jason W. Brown: Time, Will, and Mental Process, 1996, S. 196. Anm.: S.Ebbeson: Evolution and Ontogeny of Neural Circuits; in: Behavioral andBrain Sciences 7 (1984), 321-366.

3Jason W. Brown: Microgenetic Theory and Process Thought, 2015, S. 7

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schauung bedurfen, welche mit den drei Dimensionen perspek-tivischer Formen umzugehen gelernt hat. Die Lateralitat des ei-genen Korpers ist in der Projektion Wahrnehmungsobjekte ent-halten und das Wort Seite auch ein Orientierungsbegriff, zumalder Korperbegriff doppeldeutig ist. Platons Konstruktion der Drei-ecke, die auf innerer Anschauung beruhen, trifft bei der Analyseauf Seite und Winkel, pleura und gonia. Pleura bezeichnet dieKorperseite, ist also ein Orientierungsbegriff, der auf die zweidi-mensionale Gestalt ubertragen wird. Diese Seite ist dann eigent-lich eine Kante, die auf der geometrischen Flache die orientie-rende Beziehung zum Raum verlieren muss. Die Linearitat derSeite ist eine mentale Konstruktion. Da die Objektbildung zwei-dimensional beginnt, weil sie von den retinalen Impulsen ausgeht,ist die Linie die erste mentale Konstruktion der Kante, subjekti-ve Verarbeitung der Daten, ”controlled hallucination. Hallucina-tion imposes quality, meaning and value... ’Control’ starts withdreamlike states confronting structure encountered high up in thefront-end, gradually moving to more articulate structure in theearly front-end...“4

”A perception begins in the upper brainstemwith a two-dimensional construct..“5 Fur Brown ist Ausdehnungkein Zeichen des externen Raumes, sondern charakterisiert meh-rere Raume. ”Extension is a characteristic of visual-object and tac-tile perception, that is, of the space built up through these percep-tions.“6

Heinz von Foerster fuhrt fur die Objektbildung ein zweites Sub-jekt ein, denn es sind zunachst ”’Objekte’ in die Erfahrung der

4Jan Koenderink, Andrea van Doorn u. Baingio Pinna: Psychogenesis of Ge-stalt; in: Gestalt Theory 2015, Vol. 35, Heft 3, S. 297

5Jason W. Brown: Neuropsychological Foundations of Conscious Experience,2010, S. 35

6Jason W. Brown: Mind, Brain, and Consciousness. The Neuropsychology ofCognition, 1977, S. 80

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eigenen sensomotorischen Koordinationen eines Subjektes einge-schlossen, d.h. ’Objekte’ sind durchweg subjektiv! Unter welchenBedingungen erlangen Objekte dann ’Objektivitat’? Offensicht-lich geschieht dies dann, wenn ein Subjekt S1 die Existenz ei-nes weiteren Subjekts S2 feststellt, das ihm selbst nicht unahnlichist, welches seinerseits die Existenz eines weiteren Subjekts, dasihm nicht unahnlich ist, behauptet, das mit S1 identisch sein kann.In diesem atomaren sozialen Kontext kann nunmehr die Erfah-rung der eigenen sensomotorischen Koordination jedes Subjektes(Beobachters) durch ein Zeichen, d.h. ein ’Objekt’, reprasentiertwerden, das gleichzeitig als Zeichen dafur dient, daß der gemein-same Raum eine Außenwelt bildet.“7 Das wurde bedeuten, dassdie Dyade als Grundlage der Bildung von Objektwahrnehmungendient und die Objektivitat des Kollektivs auf dieser topologischenGeschlossenheit beruht. In der Dyade bildet die Hautsensationzunachst den topologischen Raum, aus dem heraus ein gemein-samer Anschauungsraum entsteht, in dem das Subjekt die Außen-welt erfahrt, in der es selbst enthalten ist.

Von Foerster bezieht sich auf Piagets Theorem vom kogniti-ven Gleichgewicht, das das Subjekt durch Assimilation und Ad-aption selbst konstruiert, was aber auch bedeutet, dass es gestortsein kann, wenn der Aquilibrationsprozess nicht gelingt, der dieAdaption – d.h die Anpassung der kognitiven Strukturen an dieWahrnehmung – antreibt. Das Gleichgewicht beruht auf einemstandigen Prozess selbstregulativer Ausgleichsbewegung, die aufEigenwerte zulaufen. ”Eigenwerte sind ontologisch diskret, stabil,voneinander trennbar und miteinander verknupfbar, wahrend sieontogenetisch als Gleichgewichtszustande entstehen, die sich inzirkularen Prozessen selbst bestimmen. Ontologisch konnen ’Ei-

7Heinz von Foerster: Gegenstande. Greifbare Symbole fur (Eigen-)Verhalten;in Wissen und Gewissen, 1996, S. 110

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genwerte’ und ’Objekte’ nicht unterschieden werden; und so istes auch unmoglich, vom ontogenetischen Standpunkt zwischenstabilem Verhalten eines Subjekts und der Manifestation des ’Be-greifens’ eines Objekts durch dieses Subjekt zu unterscheiden.“8

Dies deckt sich mit dem Begriff des Selbst als Bestandteil der Ob-jektwahrnehmung in der Mikrogenese Browns. Das Selbst ist je-ner topologische ”Ort“ der Verschlingung von Subjekt und Objekt,wobei die Hautempfindung eine besondere Art der Grenze beiderschafft, indem sie diesen ”Ort“ vertritt. Die Aktivierung der fruhenWarmeorientierung stellt im Uberfließen – dem Gefalleausgleich– eine Storung dieser grundlegenden Organisationsform und dieBedrohung eines Selbst dar, das mit dem Objekt seinerseits verlo-ren zu gehen droht.

Abwehrmaßnahmen gegen die Warmeorientierung deuten aufeine bedrohliche Wiederkehr dieser fruhen Relation hin, in dieverschiedene Grade des Fuhlens eingebunden sind – Fuhlen inder doppelten Orientierung psychisch mentaler und somatischerWahrnehmung. So wird man ”Kalte“ in einer doppelten Bedeu-tung sehen mussen, wobei formale Systeme oder Strukturen eherzu den ”kalten“ Phanomenen objektiver Geltung gehoren, die auf-grund ihrer Reduktion aquf Formales den Raum nicht ausfullen,in dem das Selbst angesiedelt ist. Deshalb fand Godel heraus, dasssolche Systeme nur einen Teil desjenigen Denkens bilden, des-sen Wahrheiten uber solch ”kalte“ Systeme hinausgehen. DerenBerechenbarkeit beruht auf einem Vermogen, sie ubersteigen zukonnen, weil sie nur einen Teil der kompletten Rekursion darstel-len, die in Heinz von Foersters Modell ein zweites Subjekt erfor-dern, das ins Fuhlen ebenso eingebunden ist wie das erste Sub-jekt. In der Einbeziehung des zweiten Subjektes ist das erste inder Lage, ein System zu bilden, das das rein formale, rein subjek-

8Von Foerster, S. 109 f.

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tive System, ubersteigt, sich sozusagen von außen beobachtet. ”Indie Erfahrung der eigenen sensomotorischen Koordinationen ei-nes Subjektes eingeschlossen,... sind ’Objekte’ durchweg subjek-tiv.“ Die Individuation birgt die Moglichkeit, aus dem ”Kollektiv-schema formaler Systeme“ hinauszutreten und uber sie zu urteilenoder sie zu verandern. Kollektive verandern sich uber Individuenals Agenten des komplexen Prozesses, Gattungen evolutionar uberAbweichungen der Exemplare.

Wie weit bietet die rekursive Relation zwischen kommunizie-renden Subjekten die Moglichkeit der logischen Strukturbildungnicht nur sozialer Systeme, sondern individueller Denkvorgange,also ”Reflexion“? Subjektivitat ist ”ein Zustand, in dem das Seinsich zu sich selbst verhalt“. Um sich zu sich selbst zu verhalten,bedarf es eines Bildes, des Leibes zum Beispiel, ”Reflexionsme-dium unseres Selbstverhaltens“. Diese erste Reflexion ist begrenztund ”etabliert vollkommene Identitat. In der zweiten Selbstreflexi-on durch das Medium der historischen Institutionalitat aber bildetsich die Subjektivitat nicht mehr als privates Ich sondern als Dis-tribution uber Ich und Du ab“.9 Mit den Worten von Foersters:

”Hier wird Gleichgewicht dann erricht, wenn das Eigenverhalteneines Beteiligten (rekursiv) das Eigenverhalten eines anderen ge-neriert... wenn Kognition ihre eigene Kognition durch die Kogni-tionen eines anderen errechnet.“10 An dieser Stelle, einer Diffe-renz zwischen Kognitionen der Subjekte, liegt die Moglichkeit vonVeranderungen mentaler Strukturen auch rein formallogischer Sy-steme. Die jeweils neueste Mathematik ist Ergebnis dieses Prozes-ses des Ausgleichs von Unterschieden zwischen subjektiven Ko-gnitionen – ein evolutionarer Prozess, der auf den immer wiederneu abzugleichenden Unterschieden, auf mentaler Interaktion be-

9Gotthard Gunther: Beitrage III, S. 5410H. v. Foerster, Gewissen S. 110

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ruht. Jeder Prozesszyklus erzeugt einen neuen Zyklus, jedes En-de einen neuen Anfang, Ubergange, die eigene Bilder erzeugen,deren Dauer wahrnehmungsfahig ist. Platons Dialoge bilden dieObjektivitat dieser Interaktion in den Ideen ab, die in keinem ein-zelnen Denken, sondern in allen als Einheit wirken, an der das ein-zelne Denken Anteil hat. Diese Art von Objektivitat tritt zudem insozialen Strukturen, Institutionen und der Technik, die das logi-sche Handeln mechanisch abbildet, zutage. Die Turing-Maschineist mit Hegels Wort objektiv gewordener Geist.

Der Kosmos ist das totale ”Objekt“, das zwischen Subjekten

”errechnet“ wird. Die Objektwahrnehmung bildet einen Teilas-pekt, weil sie auf Sinnesorgane und ihre subjektiven Begren-zungen und Reichweiten angewiesen ist. Das Kollektivschemaubersteigt diese Begrenzungen und vermittelt entsprechend uberGeometrie und Arithmetik Denkbilder. Der griechische Kosmosist das geometrisch-arithmetische Konstrukt, das aus einem kol-lektiv empfundenen und errechneten Korper hervorgeht, der my-thische Urmensch, der im Timaios (33 c) noch als soma bezeich-net wird, ein rekursiv funktionierendes Wesen, das sich von sichselbst nahrt, sodass der Kosmos autonom wie ein Uroboros lebt.Die geometrische Version tritt im Timaios mit der Konstruktionder regelmaßigen Korper aus Dreiecken auf, wobei die funfte Fi-gur am Ende Anschluss an den Kosmos als zoon findet, eine Ma-lerei, ein Bild, eine Vorstellung, die ontologisch den anderen Fi-guren gleich ist. Die geometrische Atomistik erlaubt ein Inein-anderubergehen der Figuren, zentrale Absicht der Geometrie, dasWerden beschreibbar zu machen, bei dem eine Figur aus einer an-deren heraus gebildet werden kann. Sie ist das Modell einer Ein-heit, deren minimal differierende Momente auch uber Kontinuanoch den Aufbau eines geschlossenen Systems erlauben.

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11 Neuschopfung

Wahnsysteme haben die Funktion eines Heilungsversuches. Sil-vano Arieti interpretiert den Wahn analog zu organischen Krank-heiten als Ruckstufung von Aufbauprozessen, die erneuert alsHeilung verstanden werden konnen. Der Wahn operiert mit demWiederbeleben uberwundener Entwicklungsstufen, die jedoch ih-re Funktion noch erfullen, weshalb an sie wieder angeknupft wer-den kann. Das Wahnsystem besteht aus der alternativen Konstruk-tion einer Welt nach Maßgabe der Zwange, in der sich das Selbstbefindet. Der Wahn scheint zweierlei Funktion zu erfullen; einmalerhebt er den Anspruch der Abweichung vom Kollektiv gepaartmit einer extremen Individualisierung und Isolierung, womit demUberfließen und der Ausloschung des Selbst oder Ich widerstan-den werden soll, andererseits findet sich der Wahnhafte auf einerfruhen Stufe der Ichbildung wieder, auf der Individuation kaumausgebildet ist. Diese Paradoxie kann im Wahn zur Identifikationmit Gott fuhren, dessen Einzigartigkeit mit einer Alleinheit zu-sammenfallt. Das totale Subjekt ist das totale Objekt, beide unun-terscheidbar.

Schopfungsgeschichten funktionieren nach den Zwangen derSystembildung aus der Bedeutungslosigkeit des Nichts heraus,das in die Unermesslichkeit der Bedeutung des Seins umschlagt.Die innere Bedrohung des Ich wird als von außen kommendmarkiert und schafft Weltuntergangsphantasien als Vorboten ei-ner Neuschopfung. ”Das Resultat der Abwehrmaßnahmen, die dasIch in Gang setzt, um sich vor internalisierten bosen Objektenzu schutzen, besteht darin, daß ein Teil der Innenwelt als innere

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Veraußerung, als eine Art ’inneres Ausland’ erlebt wird.“1 Dochwird nicht nur bei der Abwehr, sondern ebenso im Normalfall beider Objektbildung, die im Inneren unter Beteiligung der Signa-le der Sinnesorgane stattfindet, Inneres nach außen verlagert. DieUberlagerung der Objekte durch das Innere des Denkens ist ei-ne Fugung, die auf ihren Wahrheitsgehalt gepruft werden muss;veritas est adaequatio rei et intellectus. Die schopferische Lei-stung besteht in der Neubildung dieser Uberlagerung von einerfruhen Stufe des Objektbildungsprozesses an, wobei es sich vor-wiegend um die Uberlagerung der evolutionar fixierten Sinnes-wahrnehmung gegenuber jungeren Regeln mentaler Vorstellunghandeln muss. Die Abwehr in Gestalt der Veraußerung eines Inne-ren hat eine Loslosungsfunktion, das Denkens lost sich von Trieb-abkommlingen und wird objektiv. ”Im Grunde ist vielleicht jedeAufgabenlosung Abtrennung eines Sinnbezuges von einem ver-borgenen Trieb...“2 Die Losung kann insofern auch metaphorischals Loslosung, d.h. Befreiung von einer zwanghaften Bindung imRahmen der psychoanalytischen Triebtheorie verstanden werden.

Die selbst erzeugte innere Anschauung, die die außere erfolg-reich uberlagert, indem sie der Anschauung Wissen hinzufugt,muss sich der kollektiven Zustimmung unterziehen, um Bestand-teil eines Weltmodells zu werden, das zwischen den Subjekten re-kursiv erzeugt ist. Damit wird die innere Anschauung objektiv unddas Denken des Ich in die soziale Struktur kognitiver Prozesse in-tegriert. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Godels mathe-matischem Fund und dieser Abstimmung, die man als neue Bin-dungsform bezeichnen kann, in der die Denkmodelle der Grup-penmitglieder und die Einigung auf eine gemeinsame Objektivitatenthalten ist. ”Ist... die Autonomie der Ich-Subjektivitat gegenuber

1Franco Fornari: Psychoanalyse des ersten Lebensjahres1970, S. 912Imre Hermann: Studien zur Denkpsychologie, S. 92

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der Du-Subjektivitat nicht in einem absoluten Subjekt aufhebbar...,dann wird der Gegensatz von Ich und Du fur die formale Logik re-levant. Der logische Formalismus hat nicht einfach zwischen Sub-jekt und Objekt zu unterscheiden, er muß vielmehr die Distributi-on der Subjektivitat in eine Vielzahl von Ichzentren in Betrachtziehen. Das aber bedeutet, daß das zweiwertige Verhaltnis vonSubjekt und Objekt sich in einer Vielzahl von ontologischen Stel-len abspielt, die nicht miteinander zur Deckung gebracht werdenkonnen.“ 3 Foerster beschreibt, wie die unterschiedlichen Perspek-tiven der Subjekte in einem rekursiven Prozess zu einem gemein-samen Weltmodell fuhren. Im Mittelalter hieß der universale See-lenhintergrund, in den alle individuellen Subjekte eingebettet sind,Gott, eine imaginare Große als kollektiver Konvergenzpunkt.

Die Leistung Godels hat zwei Seiten, die ihn selbst und das Wis-senschaftskollektiv als engeren Kreis eines Kollektivs betreffen:Seine Erkenntnis lasst sich einerseits als Metapher eines Heilungs-versuches lesen, andererseits als Integration dieser ”Metapher“ inskollektive Denken, sodass die Isolation, die ihn endgultig in dieParanoia fuhren wurde, in einem Akt der Balance scheinbar abge-wehrt ist. Dieser Sachverhalt trifft auf viele Neuerungen in Kunstund Wissenschaft zu, weil die Integration subjektiver Erfahrun-gen in die Objektivitat die rekursiv erzeugte kollektive Konstruk-tion dieser Objektivitat beruhrt. Korrekturen dieser Art sozial eta-blierter Objektivitat erzeugen ”Bewegungen“ auf beiden Seiten,

”Schuld“ auf der Seite des Verursachers, weil Schuld unbewusstder archaische Ursprung der Ursache ist, und Erschutterung derFundamente eines objektiven Weltbildes auf der anderen. Godelist diese Integration zwar gelungen, doch die Anlage von un-

3Gotthard Gunther: Das Problem der transklassischen Logik; in: Beitrage zueiner operationsfahigen Dialektik, Band III, 1980, S. 87. S. auch: Heinzv. Foerster: Form: Perception, Representation and Symbolization, AllertonConferences 1962, in: Form and Meanig, S. 21-54.

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bewussten starken Schuldgefuhlen durfte die Angst vor Vergif-tung (Infektion) befordert haben, weil Schuld Strafe provoziert,um das seelische Gleichgewicht wieder herzustellen. Der Zeit-punkt der ersten Sanatoriumsaufenthalte fallt nicht zufallig mit derVeroffentlichung des Unvollstandigkeitssatzes 1932 zusammen.

Godel schafft es, sich der Ambivalenz seiner Erkenntnisse zuentledigen, indem er fur die Epimenides-Paradoxie eine Losunganbietet, und den Selbstwiderspruch eines Systems aus diesemhinausbefordert, indem er eine superiore Position einnimmt, dieeinmal Gott vorbehalten war. Der paradoxale Gegensatz lost sich,wie bei Nikolaus von Kues im Absoluten auf. Ein System, dasvollkommen vom Zufall beherrscht ist, kennt keine Unterschei-dung und befindet sich im vollkommenen Gleichgewicht, das ei-nem vollstandig deterministischen System insofern entspricht, alsauch hier Zustandveranderungen ausgeschlossen sind. ”A systemof completely random diversity cannot be distinguished from acompletely determined single state system (unity).“4 So schlagtsich Godel auf die Seite der Gegner des Zufalls, weil der die Ord-nung bedroht, die sich jedoch in ihrer Rigiditat selber bedroht, weildie totalen Setzungen der Ordnung denen des Zufalls gleichen.Die Offenheit, die Godel befordert, bedroht umgekehrt die Wir-kung einer geschlossenen Ordnung, die er als innere Stabilisationbenotigt. Sichtbar wird ein Konflikt zwischen der Rationalitat desBewusstseins und der andersartigen Struktur des Unbewussten,die Formbildungen ermoglicht, welche dem Bewusstseinsprozessnicht zuganglich sind. So sind Traumerzahlungen erst im Wachzu-stand zeitlich geordnete Trauminhalte. Freuds System Ubw kenntkeine Raum-Zeit-Struktur. Konstruiert man eine Position, die das

4Anthony Wilden: Changing frames of order: cybernetics and machina mundi.In: Klaus Krippendorf (Hsg.): Communication and control in society; N.Y.1979, S. 13, S.13 f.

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Unbewusste gegenuber dem Bewusstsein einnimmt, dann hat esgottgleichen Charakter, steht außerhalb der raum-zeitlichen Ord-nung. Diese Position, die mit einer Art verdeckter Beobachtungbewusster Prozesse einhergeht, ermoglicht offenbar kreative Ein-flusse auf das Bewusstsein. Der neuartigen Sicht auf Objekte, dieKunstler formulieren, entsprechen Veranderungen in der Beschrei-bung von subjektiven und objektiven Objekten. Unbewusste Pro-zesse verandern den historischen Gang des Bewusstseins und sei-ner Weltmodelle vermutlich immer dann, wenn in seine Struk-tur durch bewusste Gestaltung subjektiver Umwelten eingegrif-fen wird. Damit liefe ein kreiskausaler Prozess ab, in dem dasBewusstsein ”aktiv“ eine passive Rolle einnehmen muss, um denProzess akut werden zu lassen.5

Anton Ehrenzweig fuhrt die Fugen-Kompositionen Johann Se-bastian Bachs an, um auf den vom Bewusstsein abweichendenUmgang mit Ordnungsstrukturen zu verweisen. ”We cannot ima-gine how Bach could have written his first melody while payingattention to its effect in the ’crab’ or ’mirror’ time order. Washe not forced to turn the melodic sequence around each time hetried to add another tone? This cannot possibly be the method inwhich an inspired composer have worked... In order to compo-se a music which is equally expressive whether heard in the nor-mal or in the rerversed order of time, it is necessary to compre-hend both time orders in a single undifferentiated act of percep-tion.6 Die Uberlagerungen von Spiegelungen und Krebsgangenin der thematisch polyphonen Verarbeitung sind von dem raum-zeitabhangigen Bewusstsein nicht zu bewaltigen. Jean Piagets Un-

5Die Beobachtung des Systems Bewusstsein durch das Unbewusste gleichtjenem Auszug der Gotterschar in Platons Staat, die an den Grenzen desKosmos sich von der Innenseite nach außen kehren und die Welt von derAußenseite bewundern.

6Ehrenzweig, Artistic Vision and Hearing, S. 109

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tersuchungen der Entwicklung von Raumvorstellungen beim Kindhaben ergeben, dass vor der euklidischen Raumvorstellung einePhase der Aneignung liegt, die topologisch arbeitet, sodass esdem Kind moglich ist, Dinge unabhangig von einer euklidischenRaumorientierung zu zeichnen, die der Objektwahrnehmung ent-spricht. Das topologische Erfassen von Objekten erlaubt im An-schluss eine Darstellung, die kein oben und kein unten kennt. DerZugang zu solchen Strukturen als Voraussetzung kunstlerischerProzesse erfordert eine Belebung ontogenetisch fruher Phasen, dienach Brown in den Endgestalten, d.h. im Bewusstsein verdeckt,also unbewusst enthalten sind.

Die Paradoxie wird zu einem Modellfall subjektiven Selbstbe-zuges. Ich und Nicht-Ich als Gegensatz, mit dem die Identitat desIch (oder Selbst) beglaubigt werden soll, bedeutet mehr als ei-ne logische Figur. Bewusstsein ist mit der Gegenwartigkeit, demJetzt verbunden, das ebenso fokussiert ist wie das identisch er-scheinende Objekt. Damit bekommt die Objektbildung einen Zeit-faktor, das Jetzt, das mikrogenetisch sequentiell erneuert wird,birgt in sich verdeckt die Tiefen der Vergangenheit. ”The Nowunfolds over the residue of the past, a past which is active andalive in the substructure of the Now... Attention is the behavi-oral manifestation of a perception. Focal attention is perception atthe surface, a perception individuated about features in an object-centered space. Diffuse attention is an attenuated perception orga-nized about subsurface components.“7 Die Endgestalt der Objekt-bildung umfasst Fokussierung der Wahrnehmung, Gegenwartsbe-wusstsein und Subjektidentitat im Selbst. Bewusstes und Unbe-wusstes verhalten sich wie Identitat und Nichtidentitat, Selbst undNichtselbst. Wenn Wahrnehmung vom Status der Aufmerksam-keit nicht getrennt werden kann, verandert die Aufmerksamkeit

7Jason W. Brown: The Life of the Mind, 1988, S. 364

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auch die Wahrnehmung, wobei mit Wahrnehmung die Konzentra-tion auf ein Objektmoment gemeint ist. Bei diffuser Aufmerksam-keit koinzidiert das Jetzt mit einem noch nicht vollendeten Wahr-nehmungsprozess, d.h. mit Phasen des Unbewussten, die Neuver-knupfungen von mental etablierten Relationen erlauben und krea-tive Prozesse anregen konnen.

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12 Gift des Unbewussten

Fur Hermanns Formulierung, es liege eine Gefahr in derBeruhrung des Bewusstseins mit dem anschauungsblinden Um-bewussten, ist ein Mythos der Vergiftung beispielhaft. DasGift in Sophokles’ Trachinierinnen entstammt der Hydra, einvielkopfiges Ungeheuer, dessen Totung man dem Drachenkampfgleichstellen kann. Psychologisch interpretiert, stirbt Herakles ander Entfesselung des Unbewussten, der Hydra, in deren giftigesBlut er seine Pfeile taucht, ein Gift, das sich gegen Boses wie Gu-tes gleichermaßen richtete. Das Gift steht fur die gegensatzlicheWirkung zu heilen und zu toten, die Krankheit wie das Bosezu vertreiben. Auch Herakles tragt den Gegensatz in sich, erbekampft das Bose mit dem Bosen, ist selbst bose und gut zu-gleich, beherrscht von der Orientierungsstruktur des Unbewusstenmit doppeltem Vorzeichen, das Herakles als Mittler tragt. ”DerMittler ist ein Seuchenverbreiter und wird selbst von der Seucheinfiziert, mit dem Saft der Hydra verschmolzen.“1

Schuld wird vom Desaster begleitet, das der Wiederherstellungder Ordnung dient, indem es mit dem Untergang als Folge einerins Ungleichgewicht geratenen Ordnung droht. Schuld wird in an-tiken Dramen oft als Ursache fur das Desaster angesehen, das mitder Schuld in einem Aquivalenzverhaltnis steht. Wissenschaftli-che Neugierde als Forschung nach Ursachen des Desasters scheintihren ursprunglichen Grund in der Schuld zu haben. ”The primiti-ve is only interested in disasters and explains them as retributionfor guilt. The rise of European science was preceded by a wave of

1Jan Kott: Gott essen, 1992, S. 112

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intense guilt and anxiety feelings which expressed themselves inthe prosecution of heretics and witches.“2 Vor dem Hintergrund ei-ner psychogenetisch alten und unbewussten Analogie von Ursacheund Schuld schreibt Ehrenzweig dem Wissenschaftler eine Verla-gerung inneren Schuldgefuhls nach außen zu, wo Schuld in Ursa-che verwandelt ist, die zu erkennen und aufzulosen er sich bemuht.Mag die psychoanalytische Sexualsymbolik selbst epochenmytho-logisch zu werten sein, so treten Schuldgefuhl und Erkenntnis gerngemeinsam auf. Die Verlagerung von Schuldgefuhlen nach au-ßen folgt einer Entlastungsstrategie des Selbst, die in gravierendenFallen Paranoia erzeugen kann.

Oft sind Halluzinationen mit Schuldgefuhlen verbunden, denn

”es scheint, daß das Gewissen zur treibenden Kraft der Halluzina-tionen zumindest einen wichtigen Beitrag liefert.“3 Starcke siehtin der ontogenetischen wie phylogenetischen Entwicklung des Ge-wissens ein Gesetz wirken, das er Retrogenese nennt: Aus einemzeitweiligen Chaos werde die Erneuerung geboren. Das Gewissenwerde in jeder sozialen Organisation in Bezug auf das Gute undBose neu orientiert.4 So gerate ein Individuum jedesmal, wennes in seiner Ontogenese eine gesellschaftliche Entwicklung wie-derhole, in Gewissenskonflikt. Deshalb wurde jeder Schritt in dersozialen Ontogenese durch ein Fest gefeiert, wie man es von denPubertatsriten kennt, Phasen aufgehobener Ordnung. ”Feste sindwie kurzdauernde Psychosen und einige wirkliche Psychosefallekonnen als pathologische Ubertreibungen dieser Pubertatsriten,als mißlungene ’Feste’ betrachtet werden.“5 Das Individuum er-

2Anton Ehrenzweig: The Origin of the Scientific and Heroic Urge (The Guiltof Prometheus); in: The Intern. Journal of Psycho-Analysis, Vol. XXX,1949, S. 108

3August Starcke, Int. Zs. f. Psychoanalyse, 1929, 15, S. 2224Starcke, S. 2265Starcke, S. 226

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lebt in dieser Retrogenese eine partielle Auflosung der psychi-schen Organisation, um seine Integration ins Kollektivschema zuermoglichen, das wiederum von den Vorstellungen des Individu-ums affiziert wird. Die Integration verandert in gewisser Hinsichtdas Gesamtsystem in unterschiedlichem Maß, wie an Ereignissenzu erkennen ist, die wissenschaftliche, kulturelle oder politischeSysteme pragen.

Der schopferische Prozess stutzt sich auf eine Desintegrationdes Selbst. Der flexible Umgang mit Symbolen beruht auf unsererFahigkeit, unbewusst das originale Objekt aufzugeben oder seinWahrnehmungsprozess zu unterbrechen. Diese Abkehr beruht –in psychoanalytischer Terminologie – auf dem Einfluss des ”To-destriebes“. Der Schizophrene behandelt das Symbol wie das Ob-jekt, das es symbolisiert, d.h. das Symbol wird verdinglicht. ”Nowby our renouncing the object, the symbol becomes flexible and rea-dy to be creatively combined with other symbols into the artist’s,scientist’s, religious mystic’s, etc. internal world of phantasy, thusallowing form differentiation of higher order.“6 Diese selbstag-gressive Haltung hat Melanie Klein als ”paranoid-schizoide Positi-on“ bezeichnet. Die Selbstdestruktion erlaubt dem Schopferischensich und das Objekt zu erneuern, die grundlegenden Prinzipiender Natur, Entropie und Differenzierung, wiederholen sich nachEhrenzweig in jedem kreativen Akt. ”An interaction of betweenself-destructive Thanatos and reintegrating Eros urges lies at thebasis of any cultural activities of man.“7 Unter Selbstdestruktionist eine Aktivierung fruher Identitatsbildungsphasen zu verstehen,weniger eine unspezifische Begegnung mit dem Chaos, das erst inder Interaktion des Ich mit der Realitat als ein solches erscheint.Eine paranoische Disposition knupft an jenes Stadium an, wo die

6Ehrenzweig, S. 1147Ehrenzweig, Vision and Hearing, S. 69, Anm 1

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Dyade gepragt ist von Unbestimmtheiten zwischen Ich und Nicht-Ich, formal: Selbst und Nicht-Selbst oder die Beziehung des Selbstzu sich. In der projizierten Wut handelt es sich beispielsweise umeinen emotional geladenen Teil des Ich, der im fruhen Stadiumder Dyade doppelt zugeordnet werden kann oder in der Schwe-be bleibt und die Seiten wechselt, wenn eine Entlastung fur diedem Selbst zugeschriebenen Anteile notig ist. ”Das Resultat derAbwehrmaßnahmen, die das Ich in Gang setzt, um sich vor deninternalisierten bosen Objekten zu schutzen, besteht darin, daß einTeil der Innenwelt als innere Veraußerung, als eine Art ’inneresAusland’ erlebt wird, in das Phantasievorstellungen verbannt wer-den, die das Ich als gefahrlich empfindet.“8

August Starcke sieht, wie bereits angedeutet, eine Spannungzwischen Individuum und Gesellschaft, die sich in individuellenGewissenskonflikten und Ubergangsproblemen ausdruckt. Feste,die einmal Pubertatsriten begleiteten, dienten auch der Erneue-rung moralisch-sozialer Strukturen. Involviert war die ganze Welt-ordnung, die mittels Fest wieder neu gegrundet wurde. Die Ge-sellschaft, so Starcke, wahle jedesmal aus den verfugbaren “Es“-Faktoren die brauchbarsten zur Konstruktion der neuen Schichtdes Gewissens. Die Grundlage des Gewissens bilden Schuld-gefuhle, die in der paranoid-schizophrenen oder depressiven Po-sition entstehen. Die Dynamik in der Ablosung von Anschauun-gen im Wechsel der Generationen ist auf wissenschaftliche undkunstlerische Prozesse ubertragbar. Der Wert, der heute neuen Er-kenntnissen und neuer Kunst beigemessen wird, beruht auf einerpositiven Einschatzung der Storung etablierter Ordnungen, aus derNeuerungen hervorgehen. Doch erfahrt das Individuum den Um-wertungsprozess fur sich selbst oft eher muhsam. Zwar verblasstim Wissenschaftsbetrieb das furs Soziale geltende Gewissen, das

8Franco Fornari: Psychoanalyse des ersten Lebensjahres, 1970, S. 91

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das Individuum im Anschluss an die Normen des Kollektivs neuausrichten muss, doch zeigen die Biografien von Kunstlern undWissenschaftlern, dass auch hier Werturteile die Neuschopfungenbegleiten.

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13 Syntax als Symptom

Die Konfrontation der Wissenschafts- oder Kunstgemeinschaftmit Neuerungen ist nicht ohne Risiko fur den Akteur. Es ist eher si-gnifikant als zufallig, dass Godel nach der Veroffentlichung seinerErkenntnis, mathematische Wahrheit lasse sich nicht auf (formaleoder mathematische) Beweise reduzieren, von Depressionen ge-plagt wurde. ”Syntax kann Semantik nicht ersetzen. Das Leitmotivdes 20. Jahrhunderts, so hat sich gezeigt hat keinen Bestand. Me-chanische Regeln konnen die Notwendigkeit fur den Zugang zuSinn und Bedeutung nicht ersetzen, und ohne das, was uns Bedeu-tung erschließt, namlich unsere Intuition, kommt selbst die Mathe-matik – ja, nicht einmal die Arithmetik aus.“1 Die zweite Halftedes Unvollstandigkeitssatzes zeigte, dass ein formales System sei-ne Widerspruchsfreiheit selbst nicht beweisen kann. Oder andersund seltsam: ”Nur ein in sich widerspruchliches formales Systemvermag seine eigene Widerspruchslosigkeit zu beweisen... DerUnvollstandigkeitssatz sandte Schockwellen durch die Welt derMathematik. Hermann Weyl, eines der ersten standigen Mitglie-der der mathematischen Fakultat am Institute for Advanced Stu-dies sprach vom ’Godel-Debakel’, von der ’Godel-Katastrophe’...Nicht nur die Ergebnisse, auch die Methodik des Godelschen Vor-gehens war so unerwartet, dass es dauerte Jahre, bis Mathemati-ker und Logiker deren volle Tragweite erkannten. Godel hatte dieIdee, ein formales System der Mathematik seinerseits als eigenesmathematisches Objekt zu behandeln, sogar noch weiter getrie-

1Palle Yourgrau: Godel, Einstein und die Folgen, 2005, S. 71

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ben als Hilbert und war damit zu genau den entgegengesetztenSchlussfolgerungen gekommen.“2

In der Geschichte der Logikwissenschaft, so vermutet Imre Her-mann, ist ein Prinzip erkennbar, demzufolge ”alles Sinnliche vomGegenstand der Logik abgestreift“ werden musste.3 Alles Psychi-sche wurde eliminiert, Sprache von Wahrnehmungsresten befreit.Doch gibt es eine Gegenbewegung des Unbewussten, die die Psy-choanalyse als Wiederkehr des Verdrangten begriff. Hegels Lo-gik nennt Hermann ”romantisch“, weil sie dieser Abstraktion ei-ne andere Form entgegensetzte. Starckes oben genannter Begriffder ”Retrogenese“ und Jason W. Browns Neotenie meinen Ver-gleichbares – ein Durchbruch unbewusster Momente im Fokusder Wahrnehmung, die mit ihnen angereichert wird und das Bildder Realitat beeinflusst. Der bei Godel beobachtete Platonismus istals Verdinglichung der Logik zu interpretieren, als ein Anknupfenan fruhe, noch nicht ganzlich von allem Psychischen ”gereinig-te“ Phasen der Logik. ”Sogar das verponte Sinnliche erscheintauf hoherer Stufe in der intellektuellen Schau, im Intuitionismuswieder.“4 Der Vorgang entspricht Ehrenzweigs ”reification“, ei-ner Tendenz, mentale Inhalte wie z.B. symbolische Formen alsextern zu setzen und damit das von seiner Dingkonstanz befreiteObjekt zu restituieren. Das fur den kunstlerischen Prozess Ange-nommene, die Auflosung der in der bewussten Wahrnehmung fo-kussierten Dingkonstanz und die Restitution, die eine neue ”Wahr-heit“ uber das Ding offenbart, gilt nicht minder fur die Wissen-schaft. Die die Objektwahrnehmung schwachende Introspektionliefert dafur das Material aus der inneren Anschauung, die derAuflosung der Objektgestalt beispringt. Muster und geometrische

2Yourgrau S. 71, 72.3Imre Hermann: Das Ich und das Denken, Imago 1929, S. 1024Hermann, S. 102

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Formen uberlagern die Objekte, als trate an ihnen eine neue Wahr-heit hervor. Die Konstanz, eigentlich eine Illusion, ubernimmt vonnun an der Begriff, die Idee, der Logos, das Gesetz – vom Werdenund Vergehen in Raum und Zeit unangetastet.

Kreativitat fuhrt Jason W. Brown auf eine Reorganisation desgesamten Netzwerks semantischer Relationen zuruck, vergleich-bar evolutionarer Auswahl. ”Here also, the sudden expression of achanged element is generally incompatible with survival. Rather,the new element (a ’thought’ or genetic mutation) survives onlythrough a slow readaptation or reorganization of the total structureof the organism. Moreover, just as it evolutionary branching oc-curs at a preliminary (embryonic) stage in the life history of theorganism, creativity also reflects a kind of semantic branching atan early stage in cognition. In both cases, the result is a deviationfrom an otherwise well-travelled path towards representation.“5

Fur Brown sind unbewusste und vorbewusste Zustande nur Be-griffe fur Prozessphasen in der Gedankenentwicklung als Vorstu-fen von Bewusstseinsinhalten. Auch Traume oder traumahnlichePhanomene ”refer to preliminary cognition“.

Der vehemente Rationalisierungsprozess der Wissenschaftenuberlagert eine unbewusste Dynamik, er ist Symptom. So ließesich erklaren, wie die Progression der Rationalitat der Wissen-schaften historisch eine Gegenbewegung im Unbewussten erken-nen lasst, die Ahnlichkeiten zwischen Kunsten und ontogenetischfruhen Formbildungsprozessen hervorbringt. Das Archaische wirdzum Symptom der Neotonie, dem sich das Bewusstsein wie einerStorung seiner Rationalitat stellen muss. Was Ehrenzweig fur dieKunste formuliert, lasst sich auf die Wissenschaften ubertragen:

”Since the late Middle ages the Western artist has steadily retrea-ted from external reality and disintegrated in his vision one thing

5J. W. Brown: Mind, Brain and Consciousness, S. 162

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constancy after another until, as thoug through a sudden catastro-phe, ’modern’ art brought the progessive thing distortion and de-struction into the open.“6 Mit der Ersetzung der euklidischen Geo-metrie durch andere, der Vorstellung nicht zugangliche Geometri-en, mit Einsteins Raum-Zeit usw. hat die bewusste Objektwahr-nehmung als fundamentale Ausstattung des Realitatsbezuges einenur noch partielle Bedeutung. Ohne die Lockerung der Geltung ei-ner objektiven Anschauung im Erleben konnte die Akzeptanz mo-derner Wissenschaften kaum gelingen. Mit der Verschiebung derDingkonstanz auf unveranderliche Formen, auf reine Identitaten,erscheinen diese als reine Dinge, sozusagen ”an sich“. Die ”reifi-cation“ ist eine Wiedergutmachung, die auf den aggressiv schuld-beladenen Akt der Zerstorung folgt und neue Strukturen bildet.Nur das Neue rechtfertigt, nur ihm gelingt wirklich die Zerstorungdes Alten, und die Folge von Schuld und Wiedergutmachung, Ur-sache und Wirkung verlauft retrograd, die erzielte Wirkung desNeuen verandert die Grundlagen. Der Grund des Neuen liegt imDunkeln, das etablierte System befindet sich im immer Status desWartens auf Erneuerung.

Mit Godels Platonismus ist eine eigenstandige Welt der Mathe-matik gemeint, die unabhangig von Objekten der Sinneswahrneh-mung existiert. Sie existieren unabhangig von Erfahrung. Im Ti-maios wird Schicht fur Schicht objektiver Erfahrung abgetragen,bis die reine atomistische Dreiecksform hervortritt. Nicht als Ab-straktion, sondern als das allem Zugrundeliegende und eigentlichKonkrete, Dauerhafte. Dieser Weg wurde symptomatisch auch furden kreativen Prozess, wenngleich die Kunst den Part der schein-haften Wirklichkeit spielen musste, weil sie dem Traum nahersteht, der sich nur ans Sein klammert (Tim. 51 c). Schon und gutsind Formen und Zahlen, die ”der Gott aus nicht so Beschaffe-

6Vision and Hearing S. 152

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nen machte“ (53 b). Der Bezug zu sinnlich Wahrgenommenem istdurch diesen Reinigungsprozess garantiert. Doch der umgekehrteWeg scheint nicht gangbar, die reine Idee steht am Ende des Pro-zesses, nicht am Anfang, auch wenn sie nicht nur eine Abstrak-tion ist. Ein formales System ist bei Platon kein Ausgangspunkt,weil er prozesshaft vorgeht und damit den Anschluss an die Erfah-rung nicht verliert.7 Damit ist auch der Prozess der reification, derzwei gegensatzliche Richtungen kennt, Abbau und Aufbau, gesi-chert. Die Beziehungslosigkeit eines formalen Systems wird nochubertroffen durch die Anwendung von Mathematik auf Mathema-tik. Es scheint sich selbst zu genugen wie der platonische Kosmos,der sich selbst zur Nahrung dient. Godels ”reification“ bezieht sichauf ein historisches Stadium der Mathematik – Mathematik alsObjekt des Bewusstseins, Reflexion der Mathematik auf Mathe-matik als Metamathematik, die Mathematik vergegenstandlicht.Dies entspricht einer Reflexion auf die zweite Natur als Produktder Reflexion auf die erste, die uber die zweite manipulierbar ge-worden ist.

Uberlagert die euklidische Mathematik den Objektbereich, kon-kurrieren zwei Formen der Anschauung um einen Wahrheitswert,der auf Dauer und Stabilitat von Objektbeziehungen beruht. Geo-metrie scheint die Position der Konstanz einzunehmen, die denDingen anhaftete. Die Dissoziation der Konstanz in innere undaußere ”Anschauung“ verscharft sich zu einer Konkurrenz, die zuLasten der Realitatsanpassung fuhren kann. Das Objekt, dem dievolle Aufmerksamkeit zuteil wurde, weil auf es fokussiert wurde,

7”In der klassischen Philosophie der Mathematik war es immer ein Bestre-ben, die empirische Anwendbarkeit auf die Idealitat der mathematischenEntitaten oder Vorstellungsweisen zuruckzufuhren. Das ist im Platonismusdurch Teilhabe- oder Ahnlichkeitsbeziehungen angestrebt worden, im Kon-struktivismus durch Rekurs auf das menschliche Erkenntnisvermogen.“ Lo-ther Schafer: Zahl. Handbuch philosophischer Grundbegriffe, 1974, S. 1786

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verliert an Bedeutung, ist aber immer noch notwendig, weil dieReinheit der inneren Anschauung und ihrer formallogischen Sy-steme ohne Bezug auf Objekte in ihrer Selbstbezuglichkeit zu kei-ner Relation imstande waren. Das Objekt ist die Basis der gelun-genen Selbstbezuglichkeit. Als gefahrlich markiert, entsteht rei-ne Selbstbezuglichkeit, deren Reinheit die Spaltung des Innerenerzeugt, das nun die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt imAlleingang ubernehmen muss, das Innere in ein Innen und ein Au-ßen geteilt wird, wie es in der schizophren-paranoiden PositionMelanie Kleins der Fall ist. ”Das Resulat der Abwehrmaßnahmen,die das Ich in Gang setzt, um sich von dem internalisierten bosenObjekt zu schutzen, besteht darin, daß ein Teil der Innenwelt alsinnere Veraußerung, als eine Art ’inneres Ausland’ erlebt wird, indas die Phantasievorstellungen verbannt werden, die das Ich alsgefahrlich empfindet: eine Situation, die sich haargenau in der De-finition spiegelt, welche Freud vom Unbewußten gegeben hat.“8

Godel widerlegt die Moglichkeit eines Systems, uber sich selbstgultige Aussagen machen zu konnen, indem er einen forma-len Weg fand, ein zweites System zu etablieren (Godelisierung),in welchem das erste uber sich Aussagen machen kann, die indiesem selbst allein nicht moglich sind. ”Godels erstes Unvoll-standikeitstheorem von 1931 besagt, daß jedes formalisierte wi-derspruchsfreie System, das hinreichend stark ist die elementareZahlentheorie zu umfassen, unvollstandig ist in dem Sinn, daßman immer einen Satz konstruieren kann, der im System selbstnicht entscheidbar ist. D.h. daß kein derartiges System vollstandigformalisierbar ist.“9 Die inneren Widerspruche in der Selbst-bezuglichkeit, wurden dadurch gelost, dass sie nun auf zwei un-terschiedliche Formen verteilt sind. In einer Ehrung der New York

8Fornari, Psychoanalyse, S. 919Schafer, Zahl, S. 1784

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Times fur Godel, schrieb John von Neumann 1951, die Frage, obdie Mathematik frei von inneren Widerspruchen sei, habe Godeldurch seine ”quasi-paradoxale Selbstverneinung“ beantwortet.10

Das System, mit dem der Mensch Mathematik betreibt, kann sichnicht vollstandig selbst beschreiben, denn es handelt sich beimrechnenden Gehirn um ein formallogisches, symbolisches System,das vom Bewusstsein beobachtet und kontrolliert wird. Es han-delt sich hierbei um Moglichkeiten und Grenzen von Operationenmit Begriffen und Symbolen, denn das System beruht auf Verfah-rensregeln und ist ein Abkommling von Handlungsmustern. DieHandlung bedarf keines Wahrheitsbeweises, die beglaubigt eherdas Wort in der Einheit von Wort und Tat. Die Ordnung einerHandlung ist in Begriffen wie logos oder rechnen aufgehoben, die-se wiederum stehen in engem Zusammenhang mit dem Tat-Wort.Das rechnende System behalt als Abkommling der irreflektivenEindimensionalitat der Tat seine Geschlossenheit.

Dieses Bewusstsein als Einheit von Wort und Tat ist Selbstbe-wusstsein, aber nicht leer. ”When one is conscious of being con-scious, the object of consciousness is not the self but an idea ordescription of the self in a state of consciousness.“11 Bewusstseinist abhangig von der Wahrnehmung von Objekten als moglicheHandlungsziele. Introspektion ist nicht Gewahrwerden des Selbst,

”but the self aware of objects“. Selbstbewusstsein ist fur Brownein Ereignis des Inneren, das auf dem Wege zu exteriorisiertenObjekten liegt, die erst in der Schlussphase bewusst wahrgenom-men werden konnen. So gehort das Bewusstsein eines Selbst, dieRuckbeziehung des Bewusstseins zu sich zu den Vorbereitungs-phasen der Objektbildung, ist also keine hohere Phase menschli-

10Kurt Godel. Wahrheit und Beweisbarkeit, S. 2711Jason W. Brown: The Self-Embodying Mind, 2002, S. 62

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cher Mentalisierung, auch wenn es eines voll entfalteten mentalenStatus’ bedarf.

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14 Dyade und Paradoxie

In der anfanglichen Unbestimmtheit des frukindlichen Selbst, alsovor dem Abspaltungsprozess von der als objektiv erscheinendenSeite, ist die Subjekt-Objekt-Relation soweit kreiskausal organi-siert, dass die Nahrungsaufnahme unter Umstanden als urobori-scher Verzehr des Sichselbstverschlingens wahrgenommen wer-den kann. Der Schrecken liegt dann weniger darin, im anderenaufzugehen und sich zu verlieren, als in der zirkularen Unendlich-keit unterzugehen. Hier eine symbolische Losung der desastrosenParadoxie zu finden, konnte Godels unbewusstes Anliegen gewe-sen sein. Denn die Autoaggression fallt auf einen fruhen Statusder Ichbildung zuruck, auf dem das Selbst im rekursiven Wirbelunterzugehen droht und dies als lebensbedrohlichen Angriff emp-findet. Godel erfahrt das ungeloste Paradoxon als metaphorischesSymptom seiner Psychose, das er als formales Ratsel liest und zulosen gedenkt.

Das Selbst als identischer Kern wird von einer Strukturuberlagert, die die Relationen darstellt, die das Selbst zu sichund dem anderen – vom Selbst ausgeschlossenen – unterhalt. DieStruktur der Dyade enthalt somit drei Einheiten, weil zum Ichund Nicht-Ich eine beide vermittelnde Einheit hinzukommt, dieden Gegensatz paradox in sich vereint und die Dyade entlastet.Die Triade folgt aus einem psychologischen Differenzierungspro-zess, der auf einer biologischen Grundlage aufbaut, die ebenfallseinem Differenzierungsprozess gehorcht. Fehlt die unbewusst ver-mittelnde Einheit, ist das System selbst mit einer reinen Selbst-bezuglichkeit belastet, in der eine Seite die andere immer aus-

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schließen muss. Das Selbst bezieht sich durch Negation auf sich.Dieser Widerspruch ist nur uber die dritte Position auflosbar, dieGotthard Gunther im Reflektierenden erkennt, in dem die Relationsich in der Zeit entfaltet.

In der Dyade liegt die Entfaltung des Zahlschrittes als symboli-sche Form, mit der das Selbst seine Relationen imaginieren kann.Insofern sind Zwei und Drei erste Objekte. Die Relationen ver-halten sich jedoch dynamisch, wie es Platon in der Metapher derAmme des Werdens beschreibt, der genetischen Bildung von Ord-nung. Die Amme symbolisiert den Prozess, der an dieser Timaios-Stelle den Nous und die Genese (Aufzucht) in ein und derselbenMetapher vereint. Schon die Agypter schrieben der Bewegung desDenkens ein Zittern zu, eine Erschutterung des Gehirns, ein Bild,aus dem der Begriff der Reflexion destilliert werden konnte. DerReflexion liegt indessen die Relation zugrunde. Dem Bewusstseinsind nur bestimmte Relationen zuganglich, die in der Logik ver-handelt werden. Dinge gehen Relationen ein, wenn sie gemein-same Merkmale haben, und dann sind sie abzahlbar. Die Zahlist von identischen Merkmalen abhangig. Wenn die Amme desWerdens im Timaios hin und her schwankt und sich dann Glei-ches zu Gleichem fugt, beruhrt Platon den gleichen Sachverhalt.Die Selbstbezuglichkeit der Amme ist somit deutlich vermerkt,sie verkorpert eine Dyade im Zustand der Bewegung, weil derZustand einer Seite in sich bereits den der anderen Seite enthalt,sich selbst gleich und ungleich zugleich ist, im Schwanken derWiderspruch jedoch uber den Zeitfaktor, eben das Werden, dasZeit bedeutet, aufgelost ist. Es entstehen Gegensatze des Glei-chen und Ungleichen, Identischen und Nichtidentischen, aus de-nen wiederum Formen und Zahlen hervorgehen (Tim. 53 b), diegleiche Merkmale unter Ausschluss des Nichtidentischen zusam-menfassen. Die Dreiheit von ὄν τε καί χώραν καί γένεσιν (52d) bedeutet, dass nicht nichts ist, und die Zeit etwas hervortreten

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lasst, das eine Umgebung hat. Fur Zeit und Raum gilt zunachstnur das Maß des Mehr oder Weniger, ehe die Moglichkeit weitererTeilungen mit proportionalen Maßen besteht.

Hans Georg Gadamer zufolge liegt Platons fragmentarischuberliefertem Denken (Simplicius) uber das Eine und das Vieleeine Doktrin der ”unbestimmten Zweiheit“ zugrunde, die auf dieUnmoglichkeit eines fest umrissenen Systems, auf dessen Offen-heit hinauslauft. ”Plato’s doctrine of ideas turns about to be a ge-neral theory of relationship from which it can be convincingly de-duced that dialectic is unending and infinite.“1 Die Selbstreflexiondes Systems auf sich, Dialektik genannt, ist rekursiv. ”The doc-trine reduces the previous duality of unity and multiplicity to theunderlying, preconditional principle of relationality that, parado-xically, enables any single thing to be itself. The indeterminate twoencapsulates the mystery that identity of any kind (name, object,idea, property) is intrinsically and essentially constituted by rela-tionality.“2 Im zweiten Buch seiner Logik erklart Hegel, dass esein Drittes gebe, das ”gleichgultig gegen den Gegensatz“ von +Aund -A ist. Dieses Dritte als Etwas ist ”die Einheit der Reflexion, inwelche als in den Grund die Entgegensetzung zuruckgeht“.3 Demmathematischen Intuitionismus ist es zu verdanken, dass ”an derDefinition der Zahl der reflektierende Zahlprozeß selber beteiligtwerden muss...“4

Der Bezug zu einer Realitat jenseits der Sinneswahrnehmung istfur Godel unverzichtbar. Er betont in einem Brief vom 30.6.1954an Gotthard Gunther sein Festhalten an der ”objektiven Bedeutung

1zit. in: Jessica Frazier: Reality, Religion and Passion: Indian and WesternApproaches in Hans-Georg Gadamer and Rupa Gosvami, 2009, S. 63

2Jessica Frazier: Reality, S. 633Gotthard Gunther: Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik,

1991, S. 1284Gunther, S. 128

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des Denkens“: ”Die in der idealist. Phil. behandelte Reflexion aufdas Subjekt (d.h. Ihr II Thema d. Denkens), die Unterscheidungvon Reflexionsstufen etc. scheint mir sehr interessant u. wichtig.Ich halte es sogar fur durchaus moglich, dass dies ’der’ Weg zurrichtigen Metaphysik ist. Die damit verbundene (in Wahrheit aberdavon ganz unabhangige) Ablehnung der objektiven Bedeutungdes Denkens kann ich aber nicht mitmachen. Ich glaube nicht, dassirgend ein Kantsches oder positivistisches Argument oder die An-tinomien d. Mengenl., oder die Quantenmechanik bewiesen hat,dass der Begriff des objektiven Seins (gleichgultig ob fur Din-ge oder abstrakte Wesenheiten) sinnlos oder widerspruchsvoll ist.Wenn ich sage, dass man eine Theorie der Klassen als objektiv exi-stierender Gegenstande entwickeln kann (oder soll), so meine ichdamit durchaus Existenz im Sinne der ontol. Metaphysik, womitich aber nicht sagen will, daß die abstrakten Wesenheiten in derNatur vorhanden sind. Sie scheinen vielmehr eine zweite Ebeneder Realitat zu bilden, die uns aber ebenso objektiv u. von unse-rem Denken unabhangig gegenubersteht wie die Natur.“5 Diesezweite Ebene wird von Zeichen reprasentiert, mit denen zweier-lei erreicht wird: ”Es ist etwas anschaulich gegeben, ohne auf einindividuelles Objekt bezogen zu werden... Die Welt der Zeichengrenzt an die schizophrene Welt der Magie.“6

Die Konkretion der Welt der Zeichen hat somit fur Godel dra-matische Konsequenzen. Die Angst vor Vergiftung ist eine seman-tische Zuschreibung, die einen unbewussten Inhalt in eine bewus-ste Metapher, das Gift, verwandelt, das im Mythos – als Codierungpsychischer Symptome – fur eine Zirkulation der Vernichtung derin sie involvierten Personen steht. Jan Kott deutet in seiner Ab-

5Briefwechsel Gotthard Gunther Kurt Godel. (Jan. 2004http//www.vordenker.de)

6Imre Hermann: Das Schopferische und das schizoid-fehlerfreie Denken; in:Psyche 12, 1958-1959, S. 714

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handlung uber Sophokles’ Trachinierinnen das Hydragift als Mit-tel einer Ubertragungsmagie. ”In der mythischen Fabel der Tra-chinierinnen werden alle Prozeduren dieser Ubertragungsmagiedargestellt. Das Kentaurenblut wird von Deianeira der infiziertenStelle entnommen, das fur Herakles bestimmte Hemd wird damitgetrankt, der Herold befordert es, Herakles wird es auf die nackteHaut ziehen. In jeder dieser Prozeduren bleibt die grundlegendeStruktur der Infektion erhalten: der Infizierte ist der Infizierende.Der Kreis ist geschlossen, und alle Seuchentrager werden reihumvon der Seuche zerstort: der Kentaur Nessos, Deianeira, der He-rold Lichas und schließlich Herakles selbst.“7 Herakles ist einezwiespaltige Figur, ist ”gleichzeitig ein Halbgott und ein Phantomder Holle“.8 Die Ansteckung setzt die Zirkulation in Gang, psy-chologisch ausgedruckt: die Beruhrung mit dem Unbewussten dieSymbolkette. ”Die Ansteckung ist eine transitive Relation, in derder Infizierte zugleich der Infizierende ist. In den Trachinierinnenist die Ansteckung die Struktur der Tragodie und ihre Theologie.“9

Herakles ist Opfer der Zirkulation, die er in Gang setzt. Er ist dasGift, das ihn am Ende selbst totet. Der rekursiv konstruierte My-thos scheint eine paranoische Situation in eine Phantasmagorie zukleiden, in der Herakles das Selbst ist, dessen Destruktion uberden Umweg der Außenwelt zu sich selbst fuhrt. Herakles richtetdie unbewussten Krafte gegen die unbewussten Krafte, als ware imDrama der Kampf zwischen Uber-Ich und Unbewussten, aus demes entstammt, konstruiert. ”Herakles, Uberwinder der primitivenUnholde und Schadlinge, steht mit ihnen auf gleicher Stufe.“ 10

Der Tater vergiftet durch seine Taten sich selbst. Der Tod bedeutet

7Jan Kott: Gott essen, 1992, S. 112 f.8Kott, S. 849Kott, S. 111

10Walter Sokel, in: Herakles. Vollstandige Dramentexte. Herausgegeben vonJochaim Schondorff. Mit einem Vorwort von Walter Sokel, 1964, S. 15

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die Reinigung des vergifteten Lebens, das auf dem Scheiterhaufenzu verbrennen Herakles seinem Sohn befiehlt.

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15 Schicksale des Selbst

Bei reduzierter Sinneswahrnehmung infolge Introspektion ent-wickelt sich die Wahrnehmung entlang eines Kontinuums ”fromsemantic distortion of dream or psychic hallucination, throughintermediate hypnagogic forms where ’associative’ links or sim-ple fusions are evident, to memory image that is ’true experi-ence’“.1 Das Erinnerungsbild unterscheidet sich von der Hallu-zination dadurch, dass es im Prozess der Wahrnehmungsbildungweiter vorangekommen ist, sodass die Halluzination einen Punktmarkiert, an dem das Stadium der Objektbildung fixiert bleibt. Soist auch die Affektbegleitung der Objektbildung nach Brown un-terschiedlich auf unterschiedlichen Stufen. Die Wahrnehmung ta-chistoskopischer Figuren zeigt, dass vorlaufige Phasen oder Vor-gestalten von Angst begleitet sein konnen. Damit tritt die Figurdes Selbst in Kraft, das sich in seinen Metaphern des Unbewus-sten selbst begegnet und zerstoren kann. Die mikrogenetische Ob-jektbildung enthalt so das Gift der fruhen Tage, die der Außenweltals Symptom und Bedrohung ubergeben wird. Das Gift tragt dieUnbestimmtheit des negationslosen Unbewussten und kennt keine

”Moral“, kein gut und bose. Das dem unbewussten entsprunge-ne Symptom kann deshalb die Ubertragungskanale des auf Un-terscheidungen ausgerichteten Kollektivs vergiften. Die Bindungdes Uber-Ich an Anteile des Es bietet Gelegenheit, dem Uber-Ich (oder Ich-Ideal) und seinen unbewusst bleibenden UrsprungenStrafen und Verfolgungsangste zu implementieren. Rigide Ord-nungsvorstellung und Schuld sind eng miteinander verschlungen,

1Jason W. Brown: Mind, Brain and Consciousness1977, S. 95

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der strafenden Ordnungsinstanz bleibt das Desaster als letztes Mit-tel der Uberzeugung. Die Ordnungsinstanz droht mit dem Chaosund kann es variantenreich der Imagination vorspielen.

Schuld (αἰτία, αἰτέω ”fordern, begehren“) ist ein Begriff, derden Verursacher oder die Ursache als belastet bezeichnet insofern,als sich daraus Forderungen an den Verursacher ergeben, etwaswieder ins Gleichgewicht zu bringen, etwas auszugleichen, eineverletzte Ordnung wieder herzustellen. Die Bindung des Kausa-litatsprinzips an innere und nach außen projizierte Schuldgefuhle,d.h. die Konstruktion eines ”Schuldigen“ in der gereinigten, ab-strakten Form der Ursache, fuhrte in dem Augenblick in eine Kri-se der Wissenschaften, als das Kausalitatsprinzip von eben die-sen Wissenschaften erschuttert wurde. In der Physik war es dieQuantentheorie, in der Mathematik die Grundlagenkrise. ”By de-stroying the myth of causality we fall a victim to an archaic guiltfeeling from which we had tried to escape into the belief in ex-ternal compulsion and which began to oppress us again with in-articulate feelings of insecurity and forebodings of desaster.“2

Dies ist ein Beispiel fur die Funktion des Wissens als Teil derStabilitat des Bewusstseins, das sich der Dynamik von psychi-schen Primarprozessen erwehrt und sie unterdruckt, wie Ehren-zweig in fruheren Beitragen andeutet, und griechische Geometriewie Asthetik auf eine Abwehr unbewusster Prozesse zuruckfuhrt.3

2Ehrenzweig, Hearing, S. 2513”The subtle sense for proportion and measured harmony which gave us the

Greek temple style is a truely aesthetic achievement which is so incredib-ly refined because it is a reaction against the previous reckless pan-genitalbreak-through. This breakthrough had to be overcome by the Apolloniangraces of beauty and harmony. The intense preoccupation with abstract formled to another reaction. The Greeks felt that their aesthetic play with ab-stract form must also possess a rational science in which they excelled. Thisdiscovery, more than their art, gave the Greeks their supreme confidencein the power of the spirit. Ever since, we not only appreciate geometrical

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Archaisch ist das Bild der Verfolgung, der Bedrohung durch dasChaos, vertreten im Drachen. Verschlungen zu werden ist das Bild,das sich das Ich von der Bedrohung macht, wobei der Drache ei-ne Metapher fur dieses Gefuhl ist. Die innere Anschauung nimmteinen Zustand wahr, indem das Ich in den ”Raum“ zuruckkehrt,aus dem es gekommen ist. Das Verschlingen ist ein Fressen, undein Ich, dem das Verschlingen droht, ist dabei, sich selbst zu ver-schlingen. Die Projektion des Chaosdrachens lasst sich als ein sol-ches Sichselbstverschlingen interpretieren. Die Relation des Selbstzu sich, die Basis des Bewusstseins bildet, wird eingezogen, dieTeilung aufgehoben. Es ist die Teilung, mit der Schopfungsmythenbeginnen, indem ein Kampf mit dem Chaosdrachen die Teilungherbeifuhrt. Herakles’ Drachen ist die Hydra, die Wasserschlange,die in der Gegnerschaft ihre wesentliche Kraft offenbart, weil derGegner des Kampfes der Kampfer selbst ist. Fuhrt man die Meta-phern auf die psychologische Genese der Ichbildung zuruck, bildetdie Dyade eine Form reziproker Kommunikation. ”The incipientmind of the infant incorporates the immediate outer field, e.g. thebreast. Gradually the breast (mother) separates and the outer fielddevelops in opposition to the inner one. However, the outer field –the proximate world of the infant – is the externalized portion ofthe infant’s mind. That is, a segment of the infant’s subjective fieldobjectifies as the outer rim of its mind. The infant is in relation to– and cognition goes in a direction to – the externalized portion ofits own subjective field. The intrapersonal segment develops lar-gely along intrinsic lines; the extra-personal segment is honed bysensation to model the material world. Mind grows by recurrenceas process develops from inner to outer. There is incessant repla-

form for its simply beauty, but are possessed by the illusion that this be-auty must rest in external laws of nature.“ Anton Ehrenzweig: UnconciousForm-Creation in Art, in: The British Journal of Medical Psychology, Vol.21 (1947 – 1948), part III, S. 92

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cement of the mind/brain state with the outer field realized fromthe inner one, each iteration serving to consolidate the binary or-ganization.“4 Dieser formal beschriebene Verlauf besteht in jedemeinzelnen Fall aus emotional aufgeladenen Stationen und Zasureneines ontgenetischen Prozesses, der im Mythos in einem Aspektals Kampf gegen den Drachen erscheint, bei dem Aggression mo-bilisiert wird, um die Teilung und die Schaffung einer Distanz –Objektivitat – zu besiegeln. Die Aggression, die sich distanzierendnach außen richtet, kehrt in der selbstbezuglichen Form die Rich-tung um und wendet sich gegen das Ich, wird zum aktiven Bild ei-nes passiven Selbst, wie es Brown fur das Traumstadium annimmt,dem der Anschluss an die sinnliche Wirklichkeit versperrt ist.

”The active self in wakefulness retreats in dream to passivity.The intra-psychic endpoint of dream accompanies a self that isswept along by, and passive to, the image content.“5 Dieser Inhaltist affektiv gefarbt, aus dem analogen Verhaltnis von aktiver Sub-jektivitat und passiver Objektivitat im Wachzustand der Paranoiafolgt: Godel fuhlt sich bedroht. Doch ist die Richtung der Aktionuneindeutig, denn Godel bedroht sich uber das bedrohliche Bildselber. Der Raum, in dem sich das Verhaltnis von Urheber undBild abspielt, ist ein anderer als der, in dem Objekt und Raum alsreale Einheit erscheinen, das Objekt nicht nur ein Bild ist, sonderndas Bild aufgrund der Verarbeitung von Sinnesdaten den Anspruchauf objektive Wahrheit erheben kann und im Raum Gestalt ange-nommen hat. Dieser Raum kann nicht leer gedacht werden, weiler nur in Korrelation zu Objekten entsteht. Im limbischen Stadiumder Objektbildung, in dem das operative Selbst das Traum-Selbst

4Brown, Process-Thought, S. 65Brown, Process-Thought, S. 59

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ist, ist das Objekt noch nicht exteriorisiert und nicht in der Weltpositioniert.6

Im Traum begegnet das Selbst sich selbst in metaphorischenBildern. ”As in dream, the perceiver feels he is an object for hisown mental images. The passive quality of the self, the loss of theworld, and with it the active nature of the self invite the delusionthat the self of the schizophrenic is an object for his own imagesto persecute.“ 7 Godels Hypochondrie resultiert aus somatischerSelbstwahrnehmung, die auf dem Verblassen der Objektbesetzunginfolge der Attraktion des Inneren beruht, weil sich widerspre-chende Intentionen harmonisiert, also gelost werden mussen. DieAngst vor Vergiftung ist ein Symptom, das mit der Nahrungsauf-nahme zusammenhangt, oder allgemeiner dem Input der Außen-welt. Die ursprungliche Hypochondrie scheint sich zur Paranoiaverlagert zu haben, zwischen beiden, also zwischen Herz und Gift,scheint eine innere Beziehung zu bestehen.

Schilder sieht in der Hypochondrie eine Vorstufe zur exzessivenSelbstbeobachtung in der Schizophrenie. ”Ein Organ hypochon-drisch beachten, heißt also, es teilweise zur Außenwelt zu ma-chen. Der Besitzstand zwischen Subjekt und Objekt ist also bei

6”At the limbic level, the operative self is the dream self, the essentially andnaturally hedonistic ego, the center of feeling... The subjective, feeling self,which scarcely exist at an earlier stage, becomes all-in-all at the limbic sta-ge, which is, as Jason W. Brown has argued (1996, 2000, 2005) more inwardthan either the stage which precedes it (the brainstem) or that which followsit (the neocortex). It does not come into being ex nihilo, however, but ratheremerges with the quantum leap that occurs between brainstem (core) selfand limbic self. As in quantum mechanics, then, there is both continuityand discontinuity, the tension or paradox between them being the essenceof the entire system.“ Bruce Duncan MacQueen: Identity, autobiography,and the microgenesis of the self; in: Neuropsychology and Philosophy ofMind in Process: Essays in Honor of Jason W. Brown, 2008, S. 215

7Brown, Mind, S. 69 f.

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hypochondrischer Selbstbeobachtung zwar nicht verandert, aberTeile des Subjekts sind zur Ausstoßung ins Objekt vorbereitet.Die Selbstbeobachtung geht hier offenbar vom Ideal-Ich aus, undzwar von einem Ideal-Ich einer hohen Entwicklungsstufe, wel-ches derartig narzißtisches Gehaben einzelner Organe nicht dul-den will. Die Selbstbeobachtung des eigenen Denkens objekti-viert dieses gleichfalls.“8 Eine Reihe von verdrangenden Instanzentieferer Stufen haben offenbar ihre Verdrangungen aufgegeben,wahrend hohere Stufen des Ideal-Ichs erhalten geblieben sind. So

”wird primitives Material frei, dessen sich das erhaltene Ich zumTeil mittels Selbstbeobachtung erwehrt.“9 Selbstbeobachtung desKorpers entsteht, wenn am Korper eine Storung aufgetreten ist.Verdrangungstendenzen versuchen das hypochondrisch beobach-tete, unbequeme Organ aus dem Korper hinauszudrangen.

Man hat es im Traum mit einer Form zu tun, die ohne den Inputvon Sinnesdaten auskommen muss. Die Selbstbezuglichkeit desWahrnehmungssystems, das in der normalen Objektbildung durcheinen solchen Input vorangetrieben wird, bis die Objektvorstellungerreicht ist, scheint mit dem Material aus der Erinnerung an einerStelle zu treten, dieses Material jedenfalls auf seltsame Weise zustrukturieren. Traumendes Selbst und ”Bild“ sind verbunden wieein Mobiusband, dessen Flachen im Raum lokal betrachtet zweiRander und zwei gegenuberliegende Seiten hat, total aber wie eineeinzige Flache mit einem einzigen Rand durchlaufen werden kann.Sie ist als ganze betrachtet nicht orientierbar, zwischen unten undoben oder zwischen innen und außen sind keine Unterscheidun-gen moglich. Die fokussierte, lokale Beobachtung dieser Flacheverhalt sich wie eine normale mit zwei Seiten und zwei Randern,

8Paul Schilder: Entwurf zu einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundla-ge, 1973, S. 27

9Schilder, S. 28

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die jedoch zu einem Ganzen gehoren, in dessen Kontinuum dieseUnterscheidungen verloren gehen, wenn man es durchlauft. M.C.Eschers Grafiken gelingt es, diesen Unterschied zwischen Ganz-heit und Teilaspekt zu zeigen. Das heißt, dass das Ganze und dasDetail sich einander ausschließen, die Wahrnehmung von EschersBildern sich entscheiden muss, ob sie das Detail oder das Gan-ze in den Blick nehmen will. Beim Beobachtungspunkt handelt essich um eine Reduktion der lokalen Moglichkeiten in der Bildungvon Objekten, die einen Raum einnehmen und sich in einem sieumgebenden Raum mit anderen Objekten befinden.

Im Wachzustand wird die nichtorientierbare Schleife desTraums zu einer Erzahlung geformt, die in Zeit und Raum statt-findet. Das wirkliche Erlebnis, d.h. die Struktur des Traums istnicht bewusstseinsfahig, denn unser Raum ist euklidisch”. Doch

”Traum“ ist ein Begriff der Umgangssprache fur eine Erinnerungim Wachzustand an ein Erlebnis, das wir dem Schlaf zu schreiben.Er ist der Ausdruck einer unbewussten Prozessstufe auf dem Wegezur bewussten Objektwahrnehmung, zu der es nicht kommt, weilder Input der Sinnesdaten und die Motorik gehemmt sind, sodassman von einem selbstbezuglichen System sprechen kann. Das demTraum zugrundeliegende Selbst tritt nicht als Beobachter auf – sostellt es sich nur im Wachzustand dar –, sondern als einigendes,nicht orientierbares, topologisch beschreibbares Band. Zieht dasSymptom die Aufmerksamkeit nach innen, wo die Ursache fur dieFehlanpassung vermutet wird, so wird die Außenwahrnehmunggeschwacht und das System bezieht sich starker auf sich selbst,Traum und Tagtraum ahneln sich, die verblasste Objektwahrneh-mung wird vom Tagtraum verschluckt.

”There is a transition from an archaic two-dimensional map ofsomatic space elaborating dreamless sleep and spatial underpin-nigs of the object, to the egocentric or volumetric space of dreamand hallucination. The object is selected through fields of mea-

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ning relations to a three-dimensional Euclidean space. The pre-object, or image, has a holistic or relational quality in the inter-active space of limb exploration. From this stage the perceptionis transformed to an articulated object in a fully independent andextrapersonal ’physical’ space. At the same time the self ’deta-ches’ from the forming object so that self and object, which areboth laid down by the same process, become distinct and separa-te representations.“10 Was ist mit einer ”archaic two-dimensionalmap of somatic space“ gemeint, Nichtorientierbarkeit der Flacheeines Mobiusbandes? Jean Piaget hat herausgefunden, dass derRaum sensomotorisch gebildet wird, was nach den Regeln der pri-mitiven Geometrie der Topologie ablauft. ”Wenn man die Hypo-these akzeptiert, nach der die Konstanz der Form und der Großenicht schon bei der ursprunglichen Wahrnehmung vorhanden ist,dann fuhrt man den primitiven wahrgenommenen Raum ipso fac-to auf das zuruck, was die Topologie eben als die ersten Tatsachender geometrischen Konstruktion betrachtet.“11 Elementare wahr-genommene Relationen entsprechen elementaren raumlichen Re-lationen, also Nahe oder Benachbartsein, Trennung, Aufeinander-folge, Umgebenensein und Kontinuitat. Damit ist nichts uber dengesamten Anschauungsraum der in Relation befindlichen Objekteausgesagt, der sich spater als euklidischer Raum aus jenen Ele-mentarformen heraus bildet.

10Jason W. Brown: The Life of the Mind, 1988, S. 265. Siehe auch ”Mind,Brain and Consciousness“ S. 81

11Jean Piaget, Barbel Inhelder: Die Entwicklung des raumlichen Denkens beimKinde, Ges. Werke 6, 1975, S. 28

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16 Selbstverzehr

Beispiele fur protoraumliches Erleben finden in phantasmagori-schen Schopfungen und Mythen Eingang, in denen Formen alsMetaphern gelesen und interpretiert werden konnen. James Joyceformt ”Finnegans Wake“ als Schleife – der erste Satz beginnt mit

”riverrun“ mitten im Satzfluss, in den der letzte Satz wieder ein-tritt. ”Wake“ ist eine Form von Wachheit ohne Helle, ohne Klarheitund Deutlichkeit, den ein fließender Ubergang nicht bietet, wie im

”riverrun“ angedeutet. Da sich mit dem Ende zugleich der Anfangnahert, in den das Ende ubergeht, verlauft der Text in zwei entge-gengesetzten Richtungen. Joyce ”wanted to write this book aboutthe night...“ und außerte sich: ”I reconstruct the nocturnal life.“1

Richard Ellman berichtet: ”As Joyce informed a friend later, heconceived of his book as the dream of old Finn, lying in death be-side the river Liffey and watching the history of Ireland and theworld – past and future – flow through his mindlike flotsam on theriver of life.“2

Wenn im Timaios vom Kosmos die Rede ist, der sich selbst zurNahrung wird, so kehrt Joyce die Richtung des Metabolismus um.Bei Joyce kippt das Bild der Nahrung, der Milch ins Negative, sieist bitter,3 und sie nimmt die Gestalt eines Exkrementes an. DerKosmos, der sich selbst zur Nahrung wird, ernahrt sich dem Dop-

1John Bishop: Joyce’s book of the dark, 1986, S. 42Richard Ellman: James Joyce, 1959, S. 557; zit in: Barbara DiBernard: Al-

chemy and Finnegans Wake, 1980, S. 233U 14.377. Brivic: Bitter Milk: Joyce’s Shem Nursed Hysterically. James Joy-

ce Quarterly, 48(3), 457–76

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pelsinn entsprechend, von den Ausscheidungen, und die Milch derplatonischen Amme scheint plotzlich ambivalent. Der Kreislaufdes Werdens kennt an einer Stelle das Tote, aus dem Leben ent-steht, das Dunkle, das ins Licht tritt. ”But thou hast suckled mewith a bitter milk: my moon and my sun thou hast quenched forever. And thou hast left me alone for ever in the dark ways of mybitterness. And with a kiss of ashes hast thou kissed my mouth.This tenebrosity of the interior, he proceeded to say, hath not beenilluminated by the wit of the septuagint nor so much as mentio-ned for the Orient from on high which brake hell’s gates visited adarkness that was foreaneous.“4 Bittere Milch, die Dunkelheit desInneren – der Verlust des Objektes gleicht die Wendung nach innennicht aus. ”It is a huge network of more or less successful attempsto protect mankind against the danger of object-loss, the colossalefforts made by a baby who is afraid of being left alone in thedark.“5 Die Schwachung der Objektbeziehung durch eine ontoge-netische Hemmung und den Verweisungscharakter des Symptomsbedroht das Gefuhl der Sicherheit, die mit der Objektbeziehung alsFortsetzung der Dyade einhergeht. Die Dunkelheit des Inneren, woSymbole errichtet werden, die den Verlust des Objektes ausglei-chen sollen, besteht aus einem selbstbezuglichen Raum, den Joy-ce im ”Wake“ konstruiert. Die alchemistischen Anspielungen de-notieren Exkremente als materia prima, die aufbauende Nahrungwird von ihrer Kehrseite aus gelesen, Uroboros beißt sich nichtnur in den Schwanz, er regeneriert sich von seinen eigenen Aus-scheidungen. Die Introspektion ist ein existentiell negatives Urteiluber die Außenwelt, weil diese verworfen wird und sich in Giftverwandelt.

4Ulysses, 1960 (Penguin 2000), S. 5145Geza Roheim: The Origin and Function of Culture. Nervous and Mental Di-

sease Monograph No. 69, 1943. Zit. Mark Shechner: Joyce in Nighttown: APsychoanalytic Inquiry Into Ulysses, 1974, S. 227

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Wenn Platon im Timaios vom choros als ”dritter Art“ ne-ben Vernunft und wahrer Meinung spricht, fuhrt er den Traum(ὀνείρωξις ”Trugbild, Halluzination“) als zwielichtige Realitat ein.Der ”Raum“ als Ort der Erscheinungen sei auch ohne Hilfe derSinneswahrnehmung durch ein ”unechtes Denken“ erfassbar. Magdas Bild (Abbild) noch so wirklich erscheinen, es ist nicht die Ver-dopplung des Realen, auch ”wenn es sich ans Sein klammert“. DieNatur des wahren Denkens von den mentalen Trugbildern zu un-terscheiden, ist Platon an dieser Stelle wichtig, zumal die Wahr-nehmung nicht die ganze Wahrheit ist, weil die Wahrnehmungfluchtig ist, das Objekt identisch und nichtidentisch zugleich. Wieder Traum Abbilder von etwas liefert, so bietet die Wahrnehmungebenfalls Abbilder, und ”wir sind aufgrund dieses Traumens nichtimstande, wenn wir aufgewacht sind, das Wahre zu sagen...“ Esgilt aber, solange ein Ding eins ist und ein anderes davon unter-schieden, keines von beiden je im anderen sein kann, und das-selbe Ding nicht zugleich ein und dasselbe und zwei sein kann.Vom eidos ist die Rede und von dem ihm gleichnamig Ahnlichen,

”durch Meinung und mit sinnlicher Wahrnehmung erfassbar“; da-zwischen der choros, als dritte Art neben Sein und Werden, derenUnruhe sich mit der Beschreibung (52a) ankundigt, sie sei stetshin- und hergerissen, an einer bestimmten Stelle entstehend undwieder verschwindend. Drei auf dreifache Weise, τρία τριχῆ – dieDrei verweist auf das Abzahlbare und setzt Identitat voraus, dieDreifachheit Unterschiede im Einen. Auf diese Dreiheit folgt un-mittelbar die Amme des Werdens mit ihrer Selbstbezuglichkeit,die Identitat und Nichtidentitat vereint. Dass dasselbe Ding nichtzugleich eins und zwei sein kann, steht in Zusammenhang mit cho-ros, als nehme das Objekt einen Platz im leeren Raum ein, derihm die Identitat sichert. Die Identitat eines Objektes scheint ander Leere zu hangen, die in der Selbstbezuglichkeit der Identitat

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entsteht, denn diese Selbstbezuglichkeit bringt das Objekt nichtzweimal hervor, sondern ist uber einen ”Rand“ vermittelt.

Der Traumhintergrund scheint zwar gefuhlsbetont, doch leer zusein, und die Bilder gelten dem erleidenden Selbst.6 Der Traum-hintergrund dient als Bildflache, die auf die Brust zuruckgeht.7 InFinnegans Wake ist von ”nursing mirror“ die Rede. ”For our he-ro’s ’fall’ asleep has ’retaled’ him ’early in bed’ (3.15-17), andas a conseuqence, ’humptihillhead of humself prumptly sends anunquiring one well to the west in quest of tumptytumtoes’ (3.20-21)... The evocations of infancy heard in these terms, however,now turn out to be crucial because ’Humpty Dumpty’ is ’A Pret-ty Brock Story for Childsize Heroes’ (106.14), and so ist Finne-gans Wake, which we must now construe, since ’we are in rearing’(21.1), as ’the Nursing Mirror’ (46.25).“8

Platon verhandelt Wahres und Traum, um anschließend die Wir-kung der Amme des Werdens zu beschreiben. Das Wahre ist mitsich selbst identisch, das Abbild eine Erscheinungsform irgend-eines anderen in Bewegung. Es klammert sich ans Sein, das ihmselbst nicht zukommt, oder es ist nicht. Der Identitatssatz, dass

”keines von beiden je in dem anderen entsteht und so zugleich einund dasselbe und zwei wird“ befestigt den Zusammenhang vonWahrem und Sichselbstgleichem, das die Stabilitat der Wirklich-keit (Natur), die Dingkonstanz sichert. Ohne das Objekt als ”ande-re Seite“ kann alles Traum sein, der ”Raum“ zwischen Ich undNicht-Ich sichert das Wahre, ἀλήθες. Er ist real in der Objekt-wahrnehmung und ideal als Distanz des Subjektes zu all seinenaußeren und inneren Anschauungen. Der etymologische Doppel-

6Der Hintergrund des visuellen Feldes ist nach Helmholtz (Treatise on Phy-siological Optics, 1962, p.2) nicht leer, sondern fluktuiert zwischen hell unddunkel. Bishop, S. 434

7Rene Spitz: Ja und Nein, 1992, S. 688Bishop, S. 318

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sinn von χώρα liegt in seiner geometrischen und arithmetischenUberlagerung als Punktschema auf einer Flache, also als Zahl-figur, denn ”so heißen die ’Felder’, die von den ’Grenzsteinen’,ὅροι, jenen Punkten der Zahlfiguren begrenzt werden.“ χωρίς ”ge-trennt, verwaist“ enthalt eine emotionale Farbung. Bedeutungenvon χωρέω sind: ”Raum geben, weichen; von der Stelle gehen,sich fortbewegen; vonstatten gehen; einen Raum, eine Stelle ein-nehmen; in sich fassen, enthalten“ (Pape). Chora scheint demnachdas, was begrenzt ist, sie ist negativ bestimmt durch die Begren-zung. So kann auch uber sie nichts ausgesagt werden, ”if the χώραhas no determinations whatsoever, then how can anything be saidof it, since presumably to say something of it would be to ascri-be a determination of it? Here, then, there can be only a bastarddiscourse, one whose legitimacy cannot be established.“9 Der Ge-gensatz zur chora wird im romischen ”concedo nulli“ ausgedruckt,das dem Grenzgott Terminus zugeschrieben wird. Mit der Unter-scheidung zwischen Wachen und Traumen definiert Platon eineGrenze gegenseitigen Ausschlusses von Urbild und Abbild. Para-dox liegt das Abbild im Dunkel des Schlafes und der Absenz derWahrnehmung der Wirklichkeit, also dort, wo das Denken statt-findet, das vom Wahn abzugrenzen ist, wahrend die Wahrheit alsWirklichkeit in der Helle des sinnlichen Erfassens stattfindet. Sobesetzt der Traum einen Ort, der der verborgenen Wahrheit unddas Wachen einen Ort, der dem offenbaren Schein zukommt. Erstdas sinnliche Erfassen realisiert in den Konstanzen der Erschei-nungen den nous. Die Reduktion des sinnlichen Erfassens und ei-ne außergewohnliche Wendung nach innen verschiebt die Balan-ce, und mit der Wirklichkeit verblasst die Wahrheit zugunsten derPhantasmagorie.

9Sallis, S. 120

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Im Kosmos findet Platon jenen Ubergang von der Unordnung(ἀταξις) zur Ordnung, indem der Kosmos, sich selbst genugend,auch zur Nahrung dient, eine Kreisform bildend, bei der jede Stel-le sowohl einen Anfang wie ein Ende markiert. Der ”sichtbareund tastbare“ Korper wird durch eine Verbindung der Elementegeschaffen, durch ein desmon, eine Proportion mit zwei Mittel-gliedern. Der somit sich auf sich beziehende und selbstgenugsameKorper, der ”alles in sich und durch sich erleidet“, wird der Zah-lenfolge gemaß proportional geteilt. Diese Teilung erscheint in an-derem Licht, wenn man sich an die Monstrositat der ersten ku-gelformigen Menschen erinnert, die geteilt werden mussen, umeine menschliche Zweiheit entstehen zu lassen. Mit der Schaffungder Weltseele und ihren Teilungen ist ein psychogenetisches Sta-dium erreicht, an dem die beginnende Individuation sichtbar wird,und die anfanglich scheinbare Selbstbezuglichkeit in der Dyadesich offnet und Objektrelationen in Erscheinung treten. Erst dieBildung von Objektrelationen ermoglicht Projektionen, die demIch feindlich gegenuberstehen und in Form von Angst auftreten, andie sich Halluzinationen heften konnen, um die Dinglichkeit derRealitat zu simulieren, wie es im Traum geschieht – ein Ruckgriffauf Stadien der Selbstbezuglichkeit. Die Dyade wird durch die Be-wegung um zwei Zentren beschrieben, die unterschiedliche Ar-ten von Bewegung hervorrufen, weil das Selbst eine dauerhafte,das ”Andere“ eine wechselhafte Erfahrung liefert. Die Projektiondieser doppelten Bewegung konnte Platon zur Beschreibung derWeltseele gefuhrt und dazu die Ekliptik beutzt haben. Der Begriffder Unordnung – statt Chaos – ist eine Negation, weil das, was derWahrnehmung nicht zuganglich ist und eigentlich nicht existiert,nicht positiv benannt werden kann, so Sallis uber die Negativitatder chora.

Von bildhaft mythischen Ursprungen gereinigt, wird das Wortχάος (Hesiod, Theogonie 16), das etymologisch nach Frisk schwer

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einzuordnen ist, fur den leeren Raum gebraucht. Das Wort wurde

”schon langst... mit χάσκω, χάσμα, χάνειν, χέμη usw. verbun-den. Es kann sich aber dabei nur um eine entfernte Verwandt-schaft handeln.“10 In dieser Wortgruppe uberwiegt die Schlund-Bedeutung und das vor Schlafrigkeit begleitende Gahnen. Die Be-deutung des leeren Raumes scheint hierbei zu sehr an den Schlundund das Innere des Korpers gebunden zu sein, sodass χώρα vonder Etymologie nicht hinzugezogen wird. Eine der Bedeutungender Wortgruppe, χωρίς ”(ab-)gesondert, getrennt, fern von, außer“fuhrt auf eine andere Spur, zumal die Begrenzung auf die Leerezu eng ist, weil χώρα auch fur den Ort, die Gegend oder das Landallgemein gebraucht wird. Die Gemeinsamkeiten mit dem althe-braischen ”wust und leer“, womit die ”Erde“ vor der Schopfunggewesen sein soll, sind auffallig. Leere und Unordnung oder Cha-os sind zwei Worte fur denselben Zustand, die deshalb auch nur inVerbindung vorkommen; tohu umfasst Wustheit, Ode; Leere, Eit-les, Nichts und tehom ist der Abgrund und Schlund; die ErregungWassertiefe. In reflexiv gebrauchten Wortern wie ”selbst, sich“usw. liegen ahnliche Bedeutungen vor. ”Der Stamm *s(e)we warim Indogermanischen allgemeines Reflexiv (altindisch svayam

”selbst“, sva- ”suus“). Reste dieser Gebrauchsweise zeigt noch dasgriechische Possessiv ὅς.“11 Ursprunglich demonstrativ gebraucht(Frisk), wird es ebenso als Relativ- wie Possessivpronomen ver-wendet. Die Identitat mit altindisch yas, ya, yad, awestisch ya, yo,indogerm. *ios, ia, iod fuhrt einem Anlaut im hellen Vokalbereichwie in ἴδιος ”eigen“. Das Reflexiv αύτός druckt die Selbigkeit auswie ”selbst“ und ”derselbe“, klassisch ὁ ἁυ; αύτός ”allein, nur“gleicht dem altislandischen Wort fur ”ode“ authr, also ”verlassen“,

10H.Frisk: Griechisches etymologisches Worterbuch, Bd. 2, S. 107311Eduard Schwyzer: Griechische Grammatik; Hb d. Alterumswiss. 2,1 (1950),

S. 606

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dazu die indoeuropaische Wurzel *au ”fern von“. Die außerste Re-duktion der Bedeutungen des Reflexivs ist die Negation.

Objektivitat beginnt mit der Unterscheidung von außen und in-nen im Prozess der Einverleibung von Nahrung. Formal betrach-tet, beginnt die Ernahrung mit der Aufnahme von Ausscheidun-gen des versorgenden Korpers, der Milch. Die auffallige Formu-lierung im Timaios, der Kosmos, ein zoon, werde sich selbst zurNahrung, beruht auf dem Sprießen und Sprossen, dem Ausstoßender Brut und der formal ahnlichen Versorgung. In Timaios 33 dheißt es, dass der Kosmos (ein vollkommenes Lebewesen, 32 d)sich selbst zur Nahrung werde. Von sieben Bewegungen – sechsgelten den Richtungen oben, unten, hinten, vorn, rechts, links –ist eine dem nous und der phronesis angemessen, die zirkulare,in der alle Richtungen aufgehoben – oder enthalten – sind, somitauf einer hoheren ontologischen Ebene. Diese in 34 b wiederholteKugelform – ein begeisterter Gott – ist der Ausgangspunkt fur diemathematischen Teilungen, mit der die Weltseele geschaffen wird.Da die Proportionen der Teilung eine musikalische Skala ergeben,ist davon auszugehen, dass die zirkulare Bewegung der ”Wieder-holung“ des Grundtons entspricht, der zu den sieben hinzugezahltwerden muss, doch da er als gleich gesetzt ist, scheint der Ach-te gleich dem Ersten zu sein. Ohne diese angenommene Identitatware das Besondere des Kreisens nicht gewahrleistet. Die Pro-portionen sind ”fruher“ da, sie gliedern den ”vollkommenen, ausvollkommenen Korpern bestehenden Korper“ (34 b). Nahrung undVerzehr unterliegen geregelten Teilungsprozessen, d.h. der Mathe-matik, wahrend die rituelle Teilung des Opfers nicht fern zu seinscheint. Die Teilung scheint fur Platon so bedeutsam, so jenseitsder sinnlichen Wahrnehmung zu sein, dass er sie an dieser Stellenicht mit der Musik in Verbindung bringt, obgleich ihre im Klangenthaltenen Proportionen zutage liegen. Die Musik macht Mathe-

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matik sinnlich wahrnehmbar, mehr nicht. Und in der Mathematikwaltet der Geist der vernunftigen Teilung (Ordnung).

Einen engen Zusammenhang von Nahrung und Geist kennt derindische Nahrungskult, ”der den Charakter einer Staatsreligionannimmt und in dessen Verlauf die Nahrung ’zum Gegenstandeiner Art Wahrsagung’ wird“, zitiert Agamben aus dem Nach-lass von Marcel Mauss.12 Nahrung, anna , ist in den Brahma-nas, seiner stofflichen Eigenschaften entkleidet und wird Leben-sprinzip, der Odem, der Geist des Lebens ist. ”Als Lebensprin-zip, als aktive und spirituelle Essenz ist die Nahrung Menschenund Gottern gemein.13 Die Brahmanas kennen die Nahrung zu-dem in einer erweiterten Form der ”Anna-Viraj“. Die viraj ist einvedisches Metrum aus drei zehnsilbigen Versfußen, dem die Brah-manas nahrende Wirkung zuschreiben. Die viraj ist eine Hymne,die zugleich Nahrung ist, sie nicht nur hervorbringt. Mauss ver-mutete, dass die prosodische Struktur der Veda auf ihren Nah-rungscharakter hinweist: ”Diese Hymnen, Lieder, Versmaße, diesedurch Zahlen ausgedruckten Dinge, diese Zahlen, diese rhythmi-schen Gebarden, Euphemismen, Rufe, die Nahrung bedeuten undin ihrem Verhaltnis zu anderen so verteilt sind, wie die Nahrungim oder beim Korper verteilt ist, all dies ist Bestandteil eines Sy-stems, daß sich uns erst erschließen wird, wenn wir eine Ideen-und Symbolgeschichte der Nahrung erarbeitet haben.“14

Der sich selbst verzehrende platonische Kosmos, ein Gott,ernahrt sich von den Elementen Feuer, Wasser, Erde, Luft, wiedie zwei indischen Gotter Agni und Indra, deren HauptmerkmalNahrungsaufnahme ist – Agni ernahrt sich vom Feuer und Indravom Soma, dem Ambrosia gleich. Die Zirkulation der Elemente,

12Giorgio Agamben: Herrschaft und Herrlichkeit, 2010, S. 27913Agamben, S. 27914Giorgio Agamben: Herrschaft und Herrlichkeit, 2010, S. 281

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von der im Timaios die Rede ist, gleicht einer geregelten Formdes Stoffwechsels, einer ”logischen“ Form, die untrennbar mit derSubstanz verbunden ist. Denn das Wesen der Nahrung liegt imProzess des Werdens und Vergehens, der logischen Okonomie derVer-Teilung. Gottes Vorsorge, pronoia, schuf die Welt ”als ein inWahrheit (ἔννουν) beseeltes und mit Vernunft begabtes Lebewe-sen“ (30 b). Man kann den Opferaltar als magisch symbolischenOrt der Transformation erkennen, die dasselbe wie der Gott be-deutet, dem geopfert wird. In Indien war ”the altar the place of sa-crifice and also a god himself: thus Agni is a Vedic god, but he isalso the alter.“15 Die Konstruktion der verschiedenen Formen desAltars stutzt sich auf Geometrie, die Teil der magischen Transfor-mation wird. Um eine Plage zu bekampfen, musste die Große desAltars verdoppelt werden, ein Vorgang, der aus Griechenland vomDelischen Probelm, der Verdopplung eines Kubus bekannt ist.

Zwischen einer Altarform und einem Gott besteht ein Um-tauschverhaltnis, ”the altar was the place of sacrifice and also agod himself: thus Agni is a Vedic god, but also the altar.“ DieAnalogie zwischen Auge und Sonne bedarf ”the interposition of athird something with which they could severally be identified. Themethod was that of equations with which we are now familiar: eye= X, sun = X, eye = sun. The unknown quantity X was the sacrificeand the various parts of it, in particular the altar. The altar was soconstructed that every part could be identified with some part ofthe universe, or rather the deity connected with that part; on theother hand, it also could be identified with some part of a man.“16

Die Mathematik der Altarkonstruktion ist eng mit dem Opfer ver-bunden, das in der Zirkulation aufgeht. Das Umtauschverhaltnis

15A. Seidenberg: The Ritual Origin of Geometry; in: Archive for History ofExact Sciences 2 (1962), S. 511

16A. M. Hocart, Kingship, 1969 (1927) S. 199

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oder die magische Transformation besteht in der kunstvollen Kon-struktion als imitative Relation. Auf der Sprachebene sind Me-tapher und Metonymie nach Roman Jakobson Begriffe, die sol-che Relationen beinhalten. Die Metapher ersetzt ein Phanomen,das der gleichen Kategorie angehort, jedoch nicht erscheinen soll,auch wenn dadurch das Ziel der Bezeichnung knapp verfehlt wird.Darauf grundet sich das Wortspiel, das auf eine Relation verweist,deren Bedeutung entschlusselt werden muss. Das nicht in Erschei-nung tretende Wort ist – psychologisch ausgedruckt – als nicht be-wusstseinsfahig markiert und kann nur als Symptom oder ”Meta-pher“ in Erscheinung treten. Die Metapher ware ein anderes Wortfur den kategorialen ”Container“.

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17 Im Symbolreich gefangen

Beim Aufsuchen solcher Symptome sind Beruhrungen mit demUnbewussten zwangslaufig, zumal die Symptome wie Erreger wir-ken, die Anpassungsvorgange an die Außenwelt storen. SolcheStorungen sind standige Aufforderungen, den Grund aufzusuchen.Hier kommt die Bedeutung der Relation von bewusst wahrnehm-barem Symptom, das stort, und einem Ereignis, das dem Sym-ptom zugrunde liegt, ins Spiel. Das Ereignis liegt in der Ontoge-nese und hemmt partiell den Anpassungsprozess; das Selbst istwie eine Figur der Odyssee an einem Ort gefesselt und bedrohtden voruberziehenden Helden, das Ich der Geschichte. Eine Dys-funktion, die die Interaktion mit der Umwelt stort, schafft ersatz-weise symbolische Akte, die die Storung als Symptom markieren.Godel hat sich dem hochsymbolischen Reich der Mathematik ver-schrieben, die die Außenwelt ersetzen sollte. Dawson kommt an-hand von Urteilen der Umgebung Godels zu dem Schluss: ”GodelsBerufswahl, sein Platonismus, seine psychischen Probleme undvieles andere an ihm konnen also einer gewissermaßen gehemm-ten Entwicklung zugeschrieben werden. Er war ein Genie, aber erwar in vieler Hinsicht auch ein Kind geblieben. Otto Neugebau-er,... dessen Verbindung zu Godel fast funfzig Jahre andauerte, be-schrieb ihn als altklugen Knaben, der vorzeitig alt wurde; und De-an Montgomery, ein anderer Kollege Godels, bemerkte, daß dieser– wie ein Kind – standig Fursorge bedurfte. Sein Geschmack bliebunausgebildet, und sein Wohlbefinden hing vom Bemuhen dererab, die es auf sich nahmen, ihn von der Welt abzuschirmen, seinmanchmal bizarres Benehmen zu ertragen und dafur zu sorgen,

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daß seine psychischen oder physischen Gebrechen behandelt wur-de.“1

Godels Mathematik dient als Symbolbereich, mit dem die ver-minderte Anpassungsleistung, die sich aus einer unbewusstendouble-bind-Lage ergibt, uberwunden werden soll. Gregory Ba-tesons Anwendung des Russel-Paradoxons auf die Schizophreniekonnte als Beschreibung der Lage dienen, in der sich Godel befin-det, und aus der er sich auf symbolischem Wege zu befreien ver-sucht. Das Verharren im Prozessstadium paranoid-schizophrenerPosition wird nach einem bestimmten Ausloser virulent, der bio-grafisch relevant und symptomatisch, doch im Fall Godels nichtnachweisbar ist. Die Symptome Hypochondrie und Angst vor Ver-giftung sind relativ unspezifisch, die Vergiftung gibt allenfallseinen Hinweis auf Nahrungsaufnahme oder -verweigerung, diemit dem fruhen Stadium der paranoid-schizophrenen Position zu-sammenhangt. Das bose Objekt darf nicht internalisiert werden.

Godel steht unter dem Zwang, dort Ordnung zu sehen, womoglicherweise keine ist, wenn er das zufallige Ereignis auf man-gelhafte Kenntnis der Ordnung zuruckfuhrt, die zu beheben Auf-gabe der Wissenschaft sei. Die Ordnung ist nicht ganz offenbar,doch mit dieser Einstellung, die rational mit der Zeit, d.h. der Ent-wicklung der Wissenschaft argumentieren kann, ist der Spalt zuunerwarteten Ereignissen geoffnet, die von dieser Ordnung nochausgehen konnten. Nicht zufallig nahm Godel deshalb auch dieExistenz von parapsychologischen Phanomenen an. Godel ent-deckte die Offenheit eines Systems, das dank dieser Offenheit demVorurteil der perfekten Ordnung, also eigentlich der Geschlossen-heit des Systems, seltsamerweise Vorschub leistete. Nur diese Of-fenheit gab Godel die Sicherheit einer durchgehenden Ordnung inder Welt, die sich jedoch (noch) nicht zeigt. Denn wo etwas als

1Dawson, S. 2

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Teil oder Unvollkommenes erkannt wird, muss es ein Ganzes oderVollkommenes geben.

Ein Beispiel fur Relationen, die Metaphern untereinander einge-hen konnen wie Begriffe innerhalb einer Kategorie, bilden Funk-tionen indischer Opferaltare, die uber Altar und Opfervorgang dieBeziehung einer Figur zu einer anderen Figur herstellen. Der in-dische Altar (das Opfer) vertrat die die Mitte, um eine Relationzwischen zwei Objekten herzustellen, denn der Ritus lasst sichals Transformationsakt verstehen, dessen strenge Form ebenso inder Geometrie des Altars steckt. ”Das Opfer ist nichts anderes alsdie Nahrung der Gotter.“2 Die magische Prozedur vollzieht sich

”uber ein symbolisches Zeichen der Ahnlichkeit oder Beruhrungnach dem Grundsatz der Identifizierung der zeitlichen bzw. derraumlichen Kontiguitat“.3 Zeitliche oder raumliche Kontiguitatist ein Ordnungsfaktor im fruhen Stadium der Wahrnehmungsbil-dung.

Die Aphasieforschung hat gezeigt, dass ein Wort ein anderesvertreten kann, wenn dieses z.B. aus traumatischen Grunden unter-druckt werden muss und nicht verfugbar ist. Der negative Aspektder Kontiguitat liegt in der toxischen Wirkung, die ein durch einErlebnis belastetes Wort einer Kategorie auf ein anderes der glei-chen Kategorie ausuben und so in Mitleidenschaft ziehen kann.Nach Roman Jakobson entspricht dies der Metapher oder Met-onymie. Die Ubertragung der Eigenschaften einer Gottheit aufeine andere Gottheit oder andere Person findet ebenso in derUbertragung von Stoffen wie der Saugung statt. Die Milch stehtfur etwas anderes, zum Beispiel fur eine gottliche Eigenschaft wieWissen oder fur außermenschliche Krafte. Agyptische Darstellun-gen bilden den Konig am Busen eine Gottin saugend ab, ebenso

2Mauss, zit. Agamben, S. 1793Jan Kott: Gott essen, 1991, S. 112

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erwahnen altsumerische Texte die Saugung des Konigs durch eineGottin. Auch Herakles wird unter die olympischen Gotter aufge-nommen, indem die Gottin Hera den bartigen Helden an die Brustlegt.4

Platon macht die Relation im Timaios fur die Moglichkeit ver-antwortlich, dass sich ”Zwei“ nur durch Einfugen eines Drit-ten ”zusammenstellen“ (σύστασθαι) lassen. Dieses Dritte, dasschonste aller Bander (desmos), ist die analogia. Fur Korpermussen zwei Mittlere angenommen werden, sodass der Kosmosaus Feuer und Erde besteht, in der Mitte Wasser und Luft – wieFeuer zu Luft so Luft zu Wasser und wie Luft zu Wasser so Was-ser zu Erde. Sie sind in der Zirkulation des Kosmos ”ganz ver-braucht“, er ”gewahrte sich sein eigenes Schwinden selbst als Nah-rung“ (33c), der Kosmos opfert sich darin unentwegt selber, oderim Bilde der Herakleischen Infektion ist er Infizierender und Infi-zierter zugleich. Die Proportion (Analogie), die bei der Konstruk-tion des indischen Altars auf den menschlichen Korper bezogensind, strukturiert auch den platonischen Kosmos, der ein zoon ist.Die Bewegung der Elemente, die Zirkulation wird als ”dritte Art“,als chora und Amme des Werdens noch einmal aufgerufen. DieAmme erscheint als Ubergang der Elemente, sie ”nahrt“ die Zir-kulation.

”We can not understand the structure of Timaeus’ speech aslong as we do not understand the structure of the world as ananimal.5 Kugelformig und ohne ein Außen, ”nirgendwo fand einZugang oder Ausgang statt, war doch nichts vorhanden.“ Die Vor-stellung der Welt als ein riesiges Tier ist archaisch, erklart aberauch die Metapher des adoptiven Saugens. Doch wird das ku-gelformige Wesen in einem zeitlich paradoxen Verlauf, seiner

4Eisler, Mysteriengedanken, S. 361 f.5Remi Brague: The Body of the Speech, S. 56

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Gliedmaßen in einer Art Abstraktion hin zum Wesentlichen be-raubt, sodass der Kopf ubrig bleibt. Die Bewegungen der Ammedes Werdens, das Hin und Her, sind unter anderem die des den-kenden Kopfes, und so bringt er die Teile nach ihrer Verwandt-schaft (κατά συγγενείας) in eine Ordnung zueinander (88e). DieSelbstbewegung oder das Zirkulieren ist bei Platon am nachstenmit der des Denkens und des Alls verwandt. Mit der chora er-zeugt der Dialog, so Sallis, seine eigenen Voraussetzungen, er er-zeugt das Denken in mathematisch-geometrischen Kategorien, diedie Amme des Werdens schließlich hervorbringt (53e). Ihre Bewe-gung ist propriozeptiv, ein sich selbst affizierendes System, einemsich zwischen rechts und links schwankend vorwarts bewegendenKorper vergleichbar, dessen Gleichgewicht rhythmisch ausbalan-ciert wird (ταλαντουμένεν, passiv). Das digestive wie das mental-konstruktive Moment vertritt die Amme kategorial als Einheit gei-stiger und korperlicher Prozesse.

Nicht nur bei Platon beruht Denken auf Verkettungen von Mo-menten mit einem Anfang, der sich vom Ende auf eine Weise un-terscheidet, die Aufbau- und Wiederholungsprozessen der Naturvergleichbar sind. Dass ein Ende in einen neuen Anfang ubergeht,gehort zu archaischen Denkfiguren. So endet der ”Staat“ mit ei-nem ”Theater“ der Wiedergeburt, und der Kosmos ist ein doppeltorientiertes Bild der Wahrnehmung einer Ordnung, die nicht nursinnlich erscheint, sondern auch gedacht wird. Der Kosmos liefertuns mit seinen gesetzmaßigen Bewegungen, die sich vom Schwan-ken unterscheiden, Bilder dieses Denkens. Von hier aus ist es nurein kleiner Schritt zu der Erkenntnis Remi Bragues, Timaios’ Re-de imitiere aufgrund seiner Struktur die Struktur des menschli-chen Korpers mit dem Kopf, der als Bild des Logos uber den Restdes Korpers herrscht. So gleicht der Kopf der Form des Kosmos,der sich in der dem nous vorbehaltenen Art kreisformig bewegt.

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Der Selbstverzehr des Kosmos spiegelt sich im Selbstverzehr des

”Kopfes“ im Prozess des Denkens, also auch des Rechnens.

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18 Gesetz und Nahrung

Zieht man den emphatischen Begriff der Begeisterung als Urgrunddes Philosophierens in Betracht, dann mussen auch Nahrungsym-bole wie Milch oder Honig mit bedacht werden, vielleicht auchWein, der wegen seiner berauschenden Wirkung kurzschlussig alsAusloser der Begeisterung bezeichnet wurde. Essen und Trinkenhaben einen mystisch verstandenen Hintergrund, so als lose dieNahrungsaufnahme unter rituellen Rahmenbedingungen die Fes-seln des irdisch engen Verstandes, um andersartige mentale Er-fahrungen zu machen. In Texten des Clemens Alexandrius wirdder Logos mit der Milch gleichgesetzt. Im Poimandres heißt es,dass der Nous den Logos ”weide“, wobei λογός ”nach einem... se-mitischen Wortspiel als das ’Lamm’ Gottes gedacht ist.1 RobertEisler verweist auf die hebraische Doppelbedeutung von Wort undTrift, Weide aufgrund des gemeinsamen Stammes fur reden, ru-fen, treiben, lenken; persisch ”Worte treiben“ heißt ”reden“.2 BeiHomer heißt es haufig ”θυμὸς ἄνωγέ με“. Das Wort ἄνωγα enthaltdas Perfekt von ἄγω, das in ἀγρος enthalten ist, womit zunachstentfernte Orte und offene Gegenden gemeint waren, die im Ge-gensatz zu Ansiedlungen stehen; spater war es ein Ausdruck derHirtenkultur.3

Mit der Amme des Werdens fuhrt Timaios eine Metapherdes Mysterienkultes ein. Die Adoption durch Saugung bedeutet,dass die Milch eine Verwandtschaft herstellt, die in der Regel

1Robert Eisler, Mysteriengedanken, S. 3832Eisler, S. 383, Anm. 23Antilla, S. 121, 133

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gottlich ist. Die Annahme an Kindesstatt erfolgt bei verschiede-nen Volkern entweder durch symbolische Darstellung einer Ge-burt oder durch Saugung.4 Der geistige Akt, der mit der Milchnah-rung einhergeht, zahlt als symbolische Wiedergeburt. Das in dieMilch gefallene Bockchen der orphisch-pythagoreischen Jenseits-lehre symbolisiert seinen Fall durch die Milchstraße, Aufenthalts-ort der Seele vor ihrer ersten Einkorperung. Die Pythagoreer leh-ren, dass die Neugeborenen deshalb mit Milchnahrung aufgezogenwerden mussen, weil die Seelen bei ihrem Sturz aus der himmli-schen Heimat hinunter in die irdischen Leiber zuerst in die Milch-straße fallen.5 So steht im Hintergrund der Ammen-Metapher diekosmologische Kreisform der Wiedergeburt, als sei der Kosmosein Seelen nahrendes Gefaß und der Anteil an dieser Nahrung be-geisternd, wie Platon es im Timaios verspricht, wenn man unterdem Eindruck des Regelmaßes in der kreisenden Bewegung undder Geometrie des Kosmos in Analogie seine Seele bildet und sievon Abweichungen dieses Regelmaßes heilt.6

Mit dem Begriff der Okonomie wird der Versorgungsaspektder gottlichen Instanz deutlich, die nach Timaios das Entstehenund das Weltall schuf, weil sie gut ist, ἀγαθος durch Gottes Vor-sorge (pronoia). Das Uber-Ich tragt indessen bei Freud vor al-lem stark restriktive Zuge, Hemmung und Strafe scheinen primareFunktionen zu sein, ausgeblendet sind die Strukturierungsleistun-gen, die mit Gottesvorstellungen fruher Hochkulturen und dergriechischen Antike verbunden sind und spater in der christli-chen Kultur eine starkere Rolle spielen, so wie es Agamben be-schreibt. Die vielen Hinweise auf konstruktive Momente in denSchopfungsmythen bestatigen den Doppelcharakter des Gesetzes

4Eisler, S. 3635Eisler, S. 3586Tim. 47a

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in der Zusammenfuhrung von Willkur (Zufall) und Notwendigkeit(Nomoi 889c), denn die Bedrohung, die von der strafenden Instanzausgeht, ist unberechenbar wie das Desaster als Zeichen der Be-strafung. Theben leidet unter einem solchen Desaster, das Odipus,der sich Kind des Zufalls nennt, durch eben solchen Zufall verur-sacht hat. Dem Desaster nicht entrinnen zu konnen, sondern unterstandiger diffuser Bedrohung des Zufalls zu leben, macht es zumwirksamen Instrument der standigen Aufmerksamkeit und Sorgeals Vorlaufer der Vorsorge. Die strafende Instanz ist die andereSeite der vorsorgenden Instanz, die Okonomie als Heilsplan kenntdas Desaster als Ende des Prozesses. ”Wenn wir im Unterschiedzur Geschichtsschreibung des klassischen Altertums unterstellen,dass die Geschichte einen Sinn und eine Richtung hat..., dann vorallem deshalb, weil sich unsere Geschichtsauffassung einem theo-logischen Paradigma verdankt, in dessen Zentrum die Offenba-rung eines ’Geheimnisses’ steht, das zugleich ’Okonomie’, Orga-nisation und ’Dispensation’ des gottlichen menschlichen Lebensist.“7

Der Freiheitsgrad des Gesetzes manifestiert sich in derSchopfung aus dem Nichts (oder einem unbestimmten Vorher),was nur heißen kann, dass uber das Vorstellbare hinaus nichtsvorgestellt werden kann, oder er manifestiert sich aus der un-ergrundlichen Tat eines supponiert unergrundlichen Gottes, des-sen Unergrundlichkeit sich der Einrichtung der Welt immerhinauch als Zufall mitteilen kann. Das Gesetz ist insofern ”offen“ ge-genuber seiner eigenen Grundlegung, weil es sich nicht selbst be-grunden kann. Der Begriff des Systems, das im Vergleich zur Ord-nung oder dem Gesetz dynamisch funktioniert, enthalt die glei-che Offenheit der Selbstbegrundung, die darin besteht, dass es aussich heraustreten musste, um eine Begrundung zu erreichen. Die

7Agamben, S. 63

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Gottesvorstellung ersetzt diese Selbstbegrundung, weil der Grunddes Systems innerhalb und außerhalb des Systems zugleich liegenmuss. So tritt das Denken mit einer Instanz Gott uber sich hinaus,um Aussagen uber sich selbst zu machen. Diese Tatsache scheintGodel veranlasst zu haben, einen Gottesbeweis zu formulieren,denn die Selbstbezuglichkeit eines Systems gelingt nicht im Sy-stem selber. ”Godels Glaube an die Macht der Introspektion wur-de jedoch durch seine Erkenntnis ausgeglichen, daß es notwendigist, ein System zu verlassen, um es ganz zu verstehen. Wie ich...betont habe, ist der Unterschied zwischen internem und externemStandpunkt sowohl fur die Unvollstandigkeitssatze wesentlich – indenen die Wahrheit des unentscheidbaren Satzes nur metamathe-matisch gesehen werden kann – als auch fur Godels Konsistenzbe-weise in der Mengentheorie, die auf Invarianz bestimmter Begriffeunter interner Relativierung beruhen.“8

Fur Nikolaus von Kues befindet sich Gott uberall und nirgends,denn er ist Umfang und Mitte zugleich, d.h. außen und innen zu-gleich. In der ”docta ignorantia“ heißt es: ”Unde erit machina mun-di quasi habens undique centrum et nullibi circumferentiam, quo-niam eius circumferentia et centrum est deus, qui est undique etnullibi.”9 Es handelt sich bei der Lokalisierung Gottes wenigerum ein Urteil uber Gott, sondern uber die beherrschende Struk-tur mittelalterlicher soziookonomischer Organisation.10

”Like hisforebearers and contemporaries, Nicholas of Cusa understood hissociety as an ordered subsystem operating within an organicallyorganized whole governed by a hierarchy of constraints. The ulti-mate constraint on all communication in the system (production,

8Dawson, Leben und Werk, S. 2289Buch 2, Kapitel 12, Zeile 162

10Anthony Wilden: Changing frames of order: cybernetics and machina mundi.In: Klaus Krippendorf (Hsg.): Communication and control in society; N.Y.1979, S. 13

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reproduction, exchange, maintenance, interaction) is embodied ina mysterious principle called God... ”God“ simply symbolizes theultimate constraint an all past, present, and future behaviour onthis planet, the constraint we now call the principle of entropy.“11

Solange Zeichen nicht klar von der sinnlichen Anschauung un-terschieden sind und selbst den ontologischen Status einer solchenAnschauung bekommen, treten Innen- und Außenwahrnehmungin Konflikt. Die sinnliche Anschauung verarmt, die innere An-schauung nimmt Objektcharakter an. Bereits bei Pythagoras zeigtsich eine Verdinglichung von Zeichen, wenn die Dinge, Objekteder Anschauung, mit Zahlen gleichgesetzt werden. Einerseits be-deutet diese Bewertung der Zahlen eine Relativierung der Objekt-wahrnehmung, andererseits besteht die Tendenz zu ubersteigerterKonkretion der Zeichen, die von der Magie her bekannt ist undauf eine fruhe Entwicklungsstufe verweist, weil nur hier, in derscheinbaren Einheit von Kind und Fursorger, die Relationen vonHandlung und Folgen nicht auf Erfahrung eines Ich beruhen, daszunachst nur in seinen engen Grenzen auf die Umgebung einzu-wirken imstande ist. Die konkretistische Handhabung der Zeichenist es denn auch, das den spateren mathematischen PlatonismusGodels ausgemacht haben soll.12 Mit dem Code ist das Systemin der Lage, ”Aussagen“ uber sich selbst machen zu konnen, oh-ne in Widerspruch zu geraten, etwas, das selbstbezugliche Satzedes bewussten Denkens in Paradoxien treiben kann. Die Anteiledes Es am Uber-Ich lassen es zu, dass es dem Uber-Ich gelingt,auf die Einschrankungen des Bewusstseins hinsichtlich der Wi-derspruchsfreiheit nicht Rucksicht nehmen zu mussen. Da Gottdie hochste Instanz ist, in der Antithesen koinzidieren (coinciden-11Wilden, S. 1312

”What is Cantor’s Continuum Problem?“ In: Benacerraf, Paul, und Putnam,Hilary (Hrsg.) Philosophy of Mathematics, 1964, S. 258-273. Und: Collec-tes Works Bd. II, S. 254-270

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tia contrariorum, oppositorum) und Konkordanzen differieren (Deconcordantia catholica, 1433), ist der Raum fur Widerspruche imgottesanalogen Uber-Ich aufgehoben.13

Godel: ”The similarity between mathematical intuition and aphysical sense is very striking.“14 Und: ”Ich sehe keinen Grund,warum wir weniger Vertrauen in diese Art der Wahrnehmung – dasheißt in die mathematische Anschauung – haben sollten als in dieSinneserfahrung, die uns dazu veranlasst, physikalische Theorienzu formulieren.’”15 Solange die Zeichen nicht klar von der sinnli-chen Anschauung unterschieden sind und selbst den ontologischenStatus einer solchen Anschauung bekommen, treten Innen- undAußenwahrnehmung in Konflikt. Die sinnliche Anschauung ver-armt, die innere Anschauung nimmt Objektcharakter an. Bereitsbei Pythagoras zeigt sich eine Verdinglichung von Zeichen, wenndie Dinge, Objekte der Anschauung, mit Zahlen gleichgesetzt wer-den. Einerseits bedeutet diese Bewertung der Zahlen eine Rela-tivierung der Objektwahrnehmung, andererseits besteht die Ten-denz zu ubersteigerter Konkretion der Zeichen, die von der Ma-gie her bekannt ist und auf eine fruhe Entwicklungsstufe verweist,weil nur hier, in der scheinbaren Einheit von Kind und Fursorger,die Relationen von Handlung und Folgen nicht auf Erfahrung ei-nes Ich beruhen, das nur in seinen engen Grenzen auf die Umge-bung einzuwirken imstande ist. Die konkretistische Handhabung

13Das Unbewusste ist bei Freud widerspruchsfrei, ”kennt keine Negation, kei-nen Zweifel und keine Grade von Sicherheit.“ (Freud: Das Unbewußte, GWBd. X, S. 285)

14Godel, Collected Works, 1995, S. 35915Godel 1990, S. 268, zitiert und ubersetzt bei Palle Yourgrau, S. 121

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der Zeichen ist es denn auch, das den spateren mathematischenPlatonismus Godels ausgemacht haben soll.16

Godels Nahe zum Platonismus liegt in der ”Konkretion des Ab-strakten“, die Aristoteles im Begriff entscharft. Die Anschaulich-keit wird vom Objekt momentaner Wahrnehmung abgezogen unddem Bereich der Zeichen zugeschlagen, womit offensichtlich ei-ne Rekonstruktionsleistung einhergeht, in der Zeit und Raum derAnschauung aufgehoben und die neuen ”Objekte“ operationali-sierbar sind. In der Verdinglichung der Zeichen ist ein Vorgangschopferischer Produktion als Korrektiv der ursprunglichen An-schauung (Objektwahrnehmung), deren Geltung aufgrund einesVernehmens des Inneren zunachst somatischer Vorgange, die inEmotionen bewusst werden konnen, eingeschrankt ist. Auf der un-tersten Stufe der Wahrnehmung befinden sich somatische Reizeals Signale der Steuerung des Korpers. Es ist diese Unmittelbar-keit, die noch Descartes in seinem Zweifel beflugelt. Der Statusdes inneren Erlebens ist der Grund fur Storungen der Balance inder hoheren Wahrnehmung innerer wie außerer Phanomene. Sol-che Storungen oder Irritationen zwingen zu großerer Aufmerk-samkeit, eine Funktion, fur die das Bewusstsein zustandig ist,das deswegen genotigt ist, Irritationen der Anschauung in einemgemeinsamen System zu harmonisieren. Die Dingkonstanz wirdzum Vorbild der symbolischen Rekonstruktion der Objekte, mitder das Ziel einer Dingkonstanz, die Raum- und Zeitenthobenheit,erst erfullt wird. Sie bekommt einen anderen Sinn, denn ihre ur-sprungliche Funktion ist die Sicherung der Identitat der Objekteim Wechsel ihrer Erscheinungen in Raum und Zeit. Bei der Re-konstruktion handelt es sich aber um Objekte, die nicht erschei-

16”What is Cantor’s Continuum Problem?“ In: Benacerraf, Paul, und Putnam,Hilary (Hrsg.) Philosophy of Mathematics, 1964, S. 258-273. Und: Collec-tes Works Bd. II, S. 254-270

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nen, weil die Bedingungen der Erscheinung – Raum und Zeit –entfallen. Solche ”Objekte“ konnen Zahlen sein, die Objekte zu-sammenfassen, wenn an ihnen Momente der Ununterschiedenheit(gleiche Farbe, Form etc.) sichtbar werden. An der Zahl tritt dieKontiguitat klar in Erscheinung, weil nur das unter eine Zahl sub-sumiert werden kann, was gleich oder zumindest vergleichbar istund als ”benachbart“ im Sinne einer kategorialen Zusammenfas-sung bezeichnet werden kann.

Die Verschiebung des Konstanzprinzips von Objekten auf Ob-jektkategorien konnte auf eine schizoide Denkart (Hermann)zuruckgehen. Die Dissoziation außerer und innerer Wahrnehmunggeht zu Lasten der Objektivitat. Geht man davon aus, dass es sichum eine Schutz- oder Abwehrmaßnahme handelt, dann kann derRuckzug von außen und die Zuwendung nach innen mit einer be-drohlich wirkenden Außenwelt begrundet werden. Die Dingkon-stanz lebt in der inneren Anschauung weiter. Es kommt zu keinerObjektbildung, der Wahrnehmungsprozess verbleibt im Inneren.Bekannt ist dies von kognitiven Prozessen, in denen es zu schnel-len Entscheidungen kommen muss, die Aktionen ohne detaillierteRealitatsprufung erfordern, weil diese in Situationen der Gefahr zuviel Zeit kosten wurde. Der Ruckgriff auf basale kognitive Stufengehorcht einer Not, die keinen Aufschub duldet, oder der Angst,in der Zeit und Raum sich bedrohlich zur existentiellen Enge ver-dichten, in der Handlungsspielraume gegen Null laufen. Trauma-tische Erfahrungen waren mit dem Konstanzprinzip des Begriffskorreliert.

Die Ichbildung verlauft als alternative Konstruktion zurverzogerten biologischen Reifung. In der System-Umwelt-Relation wirkt die Umwelt stark an der Systembildung mit. DieObjektwahrnehmung enthalt die Geschichte der Ich-Bildung, indie Formen eingehen, die sich im Interaktionsprozess herausbil-den. Jean Piaget hat in seinen Untersuchungen uber ”die Entwick-

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lung des raumlichen Denkens beim Kinde“17 solche Formen – z.B.topologische – entdeckt. Die nichteuklidische Mathematik ist einentwicklungspsychologisches Produkt insofern, als ihre Gesetzehelfen, stabile Strukturen zu bilden, zu denen das Denken in ei-nem zweiten, historischen Schritt Zugang bekommt. ”Die Wahr-nehmung des Raumes enthalt eine fortschreitende Konstruktionund ist nicht gleich zu Anfang der geistigen Entwicklung fer-tig vorhanden... Die erste Periode umfaßt zwei Stadien: das derreinen Reflexe und das, in dem die ersten Gewohnheiten erwor-ben werden... Die elementarste raumliche Relation, die die Wahr-nehmung erfassen kann, ist anscheinend das Benachbartsein, dasselbst der einfachsten Bedingung jeglicher Wahrnehmungsstruktu-rierung entspricht, namlich der ’Nahe’ der in einem Feld wahrge-nommenen Elemente.“18 Die anderen elementaren Relationen sindTrennung, Reihenfolge, Umgebensein und Kontinuitat. Die Wahr-nehmungskonstanz muss sich erst entwickeln, eine Konstanz vonForm und Große ist bei der ursprunglichen Wahrnehmung nochnicht vorhanden, wenn die genannten topologischen Relationengelten und als die ”ersten Tatsachen der geometrischen Konstruk-tion“ (S. 28) bezeichnet werden konnen. So zahlt die Topologie zuden archischen Strukturen, auf die das Denken Zugriff bekam.

17Stuttgart 197518Jean Piaget/Barbel Inhelder: Die Entwicklung des raumlichen Denkens beim

Kinde, Stuttgart 1975, S. 25

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19 Archaik des Neuen

Die spatere Ruckgriffsmoglichkeit auf dieses Stadium archaischerStrukturen beruht auf Fixierungungen, die als Symptome auftre-ten, die weitere Entwicklung begleiten und Aufmerksamkeit for-dern. Aufmerksamkeit ist Zeichen fur notwendige Steuerungen,die immer dann notwendig werden, wenn die Realitatsanpassungzu scheitern droht, oder das Verhalten sich als schadlich erweist.Daraus folgt, dass Aufmerksamkeit als Status des Bewusstseinses standig mit einer Fehlanpassung des Subjektes an die Objekti-vitat zu tun hat und sich davon nahrt, so, wie der Schmerz standigauf die Wunde verweist, die Idiosynkrasie auf das traumatischeErleben. Die Neotenie geht mit einer langfristigen Abhangigkeitund den damit verbundenen Gefahrdungen einher. Der Aufbau ei-ner symbolischen Welt beruht sozusagen auf einem nachtraglichenLesen des ontogenetischen Prozesses, ein selbstbezuglicher Vor-gang in Analogie der Funktionen des biologischen Reifungspro-zesses.

”Wenn das Universum der ersten Lebensmonate wirklich... einUniversum ohne permanente Gegenstande ist, so erscheinen undverschwinden die wahrgenommenen Figuren wie bewegliche Bil-der und bieten untereinander eine Folge von Formveranderungen,bei denen keine Unterscheidung zwischen Zustandswechsel undLagewechsel moglich ist.“1 Dem Aufbau und der Weiterentwick-lung der symbolischen Welt (zweite Natur) steht eine Bewe-gung gegenuber, die in die entgegengesetzte Richtung fuhrt. Inder Kunst wird die Dingwelt auf Konfigurationen ihrer Momen-

1Piaget, Entwicklung des raumlichen Denkens, S. 28

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te reduziert, und in der Musik bedroht der Sound schließlichdie skalenbasierten Strukturen. Psychologisch interpretiert, ist derSound dem fließenden Primarprozess zuzuordnen, der strukturiertund als formale Gestaltung wahrgenommen wird. Der unbewus-ste Primarprozess tendiert dazu, Formen aufzulosen, wird von derKunst indessen fur neue Formbildungen genutzt. Nach Ehren-zweig macht sich die Entdifferenzierung in Zonen formaler Un-bestimmtheit und im Eindringen des Zufalls bemerkbar.

”Under the influence of the gestalt school, psychology has be-en dominated by the idea that objects are apprehended as wholes.This point of view is now gradually recognized as incorrect. It wasthe result of the fact that perception was studied as it occurs in thesecondary process and in a state of full consciousness. The studyof early ontogeny and microgeny reveals that objects are first per-ceived as parts and that only subsequently are they perceived aswholes or gestalts. However, in microgeny partperception is veryrapid and remains unconscious, so that we are aware only of wholeperception, or of the gestalt, which becomes the dominant one inthe early stages of the secondary process.“2.

Die Metaphysik strebt, z.B. bei Platon, mit der Idee als Ziel desDenkens die Auflosung der Objektkonstanz an, denn als Ursprungkann gar kein konstantes Objekt angenommen werden, denn die-ses liegt erst am Ende jedes Wahrnehmungsprozesses. Das Eidosware eine Art von Prognose uber das Gestalthafte von Objekten,das nicht in den Objekten selber liegen kann, sondern prozessiertwird. Wenn Godel von ”Anschauung“ spricht, um die Art und Wei-

2Silvano Arieti: American Handbook of Psychiatry: Schizophrenia. Psycho-dynamic Mechanisms and Psychostructural Forms, 1974, ebook 2016,Arieti, Interpretation of Schizophrenia, S. 515. Uber Browns Ansicht desVerhaltnisses von Teilen zum Ganzen siehe ”Time, Will and Mental Pro-cess“, 1994, S. 214 f. Deer Teil ist Teil im Verhaltnis zum Ganzen, als Teiljedoch selber ein Ganzes. ”An isolated part is itself a field“

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se neuer mathematischer Einsichten zu beschreiben, dann ist esphanomenologisch gemeint, und die Phanomene unterliegen ma-thematischen Bildungsgesetzen, die eine ahnliche Prozesshaftig-keit aufweisen mussen wie die Objektwahrnehmung. Selbst wennDenkvorgange Vorstadien einer Objektbildung sind, unterliegt derGedanke ebenso wie das Objekt einem Bildungsprozess. Der ma-thematische Form- oder Systembildungsprozess kann nicht andersals schrittweise wie die mikrogenetische Objektbildung verlau-fen. Die geometrische Form ist Ergebnis einer Verdinglichung,ein neues ”Objekt“ mitsamt Erzeugungsregel. Der Grund fur denzur normalen Objektwahrnehmung alternativen Bildungsprozess,der Neues hervorbringt, liegt in einer Reintegration von Momen-ten der Objektbildung. ”When the highest centers cannot functi-on, either because of organic or psychogenic conditions, a reinte-gration occurs of the whole nervous system, so that some lowercenters take over some of the functions of the higher centers.“3

Die tiefer, d.h. unbewussten gelegenen Stadien konnen die Dys-funktionen nur ausgleichen, wenn sie in der Reintegration einekonstruktive Rolle ubernehmen, die Arieti als Heilung bezeichnet.Die Verdinglichung einer mathematischen Idee ist die Folge derBeruhrung eines Prozess-Stadiums beim Aufbau einer neuartigenFunktion, ausgelost durch die Aufmerksamkeit, die Dysfunktio-nen hervorrufen.

Der Aufbau einer Gedankenwelt ist der Objektbildung ver-gleichbar, weshalb Jason W. Brown das mikrogenetische Modellauch fur die Kreativitat in Anspruch nimmt. Die standige Erneue-rung scheinbar statischer Phanomene erlaubt den Sprung von derErneuerung – in der Regel minimal und kaum wahrnehmbar, weilsie zum Fluss der Erscheinungen gehort – in eine Neuschopfung,in einen kreativen Vorgang. Die Evolution ist ein Beispiel fur Na-

3Silvano Arieti: Loss of Reality, Psychoanalysis 48:3, 1961, S. 16

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turprozesse, in denen die Reproduktion von Formen immer wie-der unterbrochen wird von Neuschopfungen, die aus den vorgan-gegangenen Formen nicht kausal abgeleitet werden konnen. DerAusloser liegt in einer wie auch immer auftretenden Unangemes-senheit von Funktionen der in einer Umgebung handelnden Akteu-re, die sich sowohl an sie anpassen mussen als auch Einfluss aufdie Umgebung durch ihr Verhalten nehmen. Dieses Muster trifftauch auf die zweite Natur, die bereits Ergebnis solcher Anpas-sungsprozesse ist. Die Annahme, dass es sich beim Denken umunvollendete Objektbildung handelt, erlaubt von einer Plastizitatvorlaufiger Stadien der Objektbildung auszugehen, denn erst dasvon Sinnesdaten modulierte und am Ende festgelegte Phanomenist unveranderlich, vergeht aber, um von einem neuen Akt abgelostzu werden. Wird die Aufmerksamkeit von der Außenwelt abgezo-gen, erscheinen die Dinge als erinnerte Bilder, die nicht die Bild-qualitat des Endstadiums der Anschauung haben, sondern tretenals etwas auf, das den Weg zum Objekt verloren hat. Als Bild einesObjektes der Vergangenheit beeinflusst es infolge unvollstandigerWiederkunft die Quellen von Gedachtnis, Traum und kreativemDenken. ”The tree in reflection or remembrance does not have thepictorial quality of its former endpoint, but recaptures the potentiallost in the passage to an object. In this way, as an image of a pastobject, tree and pond, though not in immediate perception, con-tinue by incomplete revival to influence the sources of memory,reverie and creative thought.“4

Die System-Umwelt-Beziehung evolutionarer Anpassungspro-zesse kann analog auf Subjekte und ihre Beziehung zu einer Ob-jektivitat von Technik, Gesellschaft und Institutionen ubertragenwerden. Die Veranderung im Objektbereich ist subjektiv vermit-

4Jason W. Brown: Metapsychology of the Creative Process, 5. Microgenesisand Process Philosophy; ebook

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telt, denn das Individuum ist Agent nicht nur der biologischen In-novation, sondern der kulturellen im doppelten Sinne: Das Indivi-duum vollzieht einerseits Anpassungen, wirkt indessen gleichzei-tig auf Objekte der Anpassung ein.

Kreativitat lasst sich auch auf formallogische Systeme anwen-den, die historisch eine Veranderung oder Entwicklung durchge-macht haben wie die Mathematik. Die Anwendung mathemati-schen Denkens auf das jeweils erreichte Stadium der Mathematikist Grund fur den historischen Prozess der Mathematik im Sin-ne eines Reflexionsprozesses. Die Endgestalt einer Objektwahr-nehmung ist analog der Endgestalt eines Denkvorganges, wenn-gleich der Denkprozess dadurch gekennzeichnet ist, dass die End-gestalt nicht projiziert wird wie ein Wahrnehmungsobjekt, son-dern als Vorstellung objektiviert, die auf Vorstellungen anderer,bereits kollektiv fur wahr gehaltener Denkprozesse, treffen wird.Das heißt aber, dass zwischen dem Denken und dem kollektiv be-reits Gedachten ein Hiatus besteht, das Denken eines Mathema-tikers mit dem Gedachten – der Mathematik – nicht deckungs-gleich sein muss und dieser Zustand zu uberwunden ware. Bedin-gung dafur ware ein offenes System, offen gegenuber Storungenvon innen wie von außen. Das Gedachte ist wie ein Endstadiumder Objektbildung, die sich zwar fast identisch wiederholen kannund Stabilitat suggeriert, doch instabiler erscheint, je weiter in derProzessbildung zuruckgegangen wird. Dieser Ruckgriff geht aufdas Risiko des Individuums, das mit Variablen konfrontiert wird,deren Zahl retrograd wachst. Die Komplexitat der Auswahlkri-terien aus den verfugbaren Moglichkeiten nimmt zu, damit aberauch die Komplexitat beschreibender Systeme wie der Mathema-tik oder Physik. Anhand der wachsenden Komplexitat ist anzu-nehmen, dass der adaptive Prozess zwischen Individuum und Kol-lektiv historisch-zeitlich paradox in einer Schleife von Regressionund Progression verlauft.

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Dass die Mathematik der Topologie von Kindern unbewusst an-gewandt wird, in der Geschichte aber er spat auftaucht, ist dafurein Beispiel. So scheint auch Godels Denken sich auf archaischeStrukturen zu richten, die neu formuliert und die aktuelle Realitatder Mathematik ubersteigen mussen. Schließlich sind die Analogi-en zu selbstbezuglichen Figuren antiken Denkens und seiner Me-taphorik in Hymnen (Hermes) und Bildwerken im Zusammenhangmit Godels Theoremen von nicht geringer Bedeutung. Das In-teresse an archaischen Metaphern, Mustern und Figuren verweistauf das Bedurfnis, die finale Objektivitat der Neuzeit zu loschen,um den Moglichkeitsraum von Denken und Handeln zu erweitern.Systembildungen in Kunst und Wissenschaft werden nach Versu-chen, sie zu einer geschlossenen Ordnung so zu Ende zu fuhren,als handele es sich um das Endstadium einer Objektbildung, auf-gelost und in die Unberechenbarkeit des nur Wahrscheinlichenentlassen, und beziehen aus Zufallsrelationen attraktive und nutz-bringende Muster.

Die moderne Wissenschaft und Kunst greift weit zuruck, umneu zu beginnen. Archaische Themen und Formbildungen drin-gen aus dem Unbewussten in die Gestaltungsprozesse des moder-nen Bewusstseins ein. Die Arbeit des Gehirns ist abhangig vonder Umgebung, in die es hineinwachst, die es aber, erwachsen,wiederum gestaltet. Diese Offenheit ist nach Brown die Folgeder jungsten Ebene evolutionarer Schichtung, auf der Ideen undWeltbilder veralten, weil der Gehirn/Geist-Komplex auf sich lang-sam verandernden Umwelten reagiert und dem Bewusstsein Mo-tive aus dem Unbewussten zuspielt, die Anpassungsintentionentriggern. Der Ruckgriff der Moderne auf Archaisches belebt ”al-te“ Stadien und setzt sie an die Spitze des Prozesses. Fur GeorgCantors Theorie einer Elementarfunktion des Zahlens, die Stuck-fur-Stuck-Korrespondenz, hat Jean Piaget ein analoges Vermogenals Vorstadium bei Kindern herausgefunden. Auch fur die Topo-

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logie gilt, dass moderne Mathematik etwas bewusst zu beschrei-ben vermag, das zur Genese des Denkens gehort, doch verdecktblieb. Die schopferische Leistung bestand darin, die Verdeckungaufzuheben, indem das Bewusstsein uber Moglichkeiten verfugt,eine Form fur das ”fruhe“ Vermogen zu finden, eine neue Formvon Mathematik, die unter Beteiligung des Bewusstseins gefun-den wird, das die neue Mathematik konstruiert.

Piagets Erkenntnisse uber die Entwicklung des Zahlbegriffesbeim Kinde sind inzwischen weiter entwickelt, einige Annah-men korrigiert worden. So scheint jeglichem Zahlenverstandniseine Einschatzung von Mengen vorherzugehen gemaß der Un-terscheidung Gleich, Mehr oder Weniger. Dieses Mehr oder We-niger entspricht Platons Groß-Kleinem (Phaidon 102), das mitder Unbestimmten Zweiheit seiner ungeschriebenen Lehre gleich-gesetzt wurde. Groß-Klein, Mehr-Weniger, Viel-Wenig sind Re-lationen der Machtigkeit. Eine Vorstufe der Stuck-fur-Stuck-Korrespondenz, die Piaget beschreibt, kommt der Anschauungdieser Machtigkeit naher. Legt man Marken in eine Reihe und for-dert das Kind auf, aus einem andersfarbigen Haufen genau so vieleMarken daneben zu legen, achtet es nicht auf die Zahl der Marken,sondern nur darauf, ob die von ihm angelegte Zeile genau so langist wie das Vorbild, d.h. die Machtigkeit wird aus der Lange, dersichtbaren Große erschlossen, nicht aus den Teilen oder Elemen-ten.5 Das Mehr oder Weniger ist ein Großer oder Kleiner und imGegensatz zur Zahleinheit unbestimmt. Die Unterscheidung ba-siert auf der Wahrnehmung der Relation, nicht der Identifikation.

Die Relation liegt ebenfalls dem Beispiel Platons zugrunde, deran der unterschiedlichen Lange dreier Finger den mittleren alsunbestimmt bezeichnet, weil er im Verhaltnis zu den benachbar-ten Fingern klein und groß zugleich ist. Auf die Zahlenreihe an-

5Jean Piaget: Einfuhrung in die genetische Erkenntnistheorie, 1973, S. 43

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gewandt, reprasentiert jede Zahl in seiner Umgebung das Großeund Kleine zugleich, als markiere sie den Schnitt im Kontinuum.Als eine auf das Mehr oder Weniger folgende Stufe ist die Zahldem Sekundarprozess zuzuordnen, einer Restitution des zerstortenDings, die Ehrenzweig ”reification“ nannte. Die Zerstorung be-steht in der Entkleidung des Objektes von der strukturierten Viel-falt seiner Momente infolge Regression dorthin, wo der Ursprungzu vermuten ist, aus dessen unendlicher Fulle heraus das Ob-jekt gebildet wurde. Die Stuck-fur-Stuck-Korrespondenz setzt ei-ne Entkleidung der Eigenschaften der Objekte voraus, ”jedes Ele-ment zahlt als eins, seine besonderen Eigenschaften bleiben oh-ne Bedeutung. Jedes Element wird bloß als Einheit aufgefaßt undwird zu einer arithmetischen Einheit.“6 Um sie dann aber noch un-terscheiden zu konnen, bedarf es einer Ordnung, die das kindlicheDenken erst erschließen muss. Die Elemente konnen im Raum an-geordnet werden oder eines nach dem anderen gezahlt, beides be-ruht auf mental gesteuerten Aktionen des Subjektes. ”Die geneti-sche Erkenntnistheorie geht also von der Hypothese aus, daß zwi-schen dem Fortschritt in der logischen und rationalen Organisationder Erkenntnis und den entsprechenden psychologischen Formati-onsprozessen ein Parallelismus besteht.“7 Zahlen lassen sich nichtauf logische Operationen allein zuruckfuhren. Es sei notig, so Pia-get, ebenso wie die axiomatisierten logischen Systeme auch dasDenken zu untersuchen, aus dem sich die logischen Systeme ent-wickeln und einen intuitiven Charakter haben.

Mit der Axiomatik wird das Problem der Begrundung des for-malen Systems umgangen, das auf sie aufbaut. Der Versuch, einGesetz aus sich selbst heraus begrunden zu mussen, zu beschrei-ben, wie es zum Gesetz gekommen ist, folgt aus der Negation der

6Piaget S. 467Piaget, S. 21

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Bewegung der Setzung, die verborgen bleibt. Sie ist im Gesetzaufgehoben. Wenn es sich bei den Zahlen um Objekte handelt, dievon allen Eigenschaften befreit sind, bleibt noch die Einheit desObjekthaften, der Begriff der Konstanz des Objektes, der in derZahl einzig ubrigbleibt. Die Konstanz ist die Basis eines forma-len Systems und seiner Einheiten. Sie ist das alles durchziehendeBand. Damit sind innere Widerspruche ausgeschlossen, eine For-derung, die Logik und Mathematik umsetzen. Die Formalisierungund Systembildung sind jedoch Symptome, die auf eine schwin-dende Objektkonstanz verweisen, weil das System eine neue Formvon Konstanz hervorbringt, die den Objekten zugeschrieben wer-den kann. Piaget hat herausgefunden, dass die Objektkonstanzgegen Ende des ersten Lebensjahres in Erscheinung tritt, sie sei

”das senso-motorische Aquivalent der Erhaltungsbegriffe, die sichspater auf der operationellen Stufe entwickeln.“8 Tritt diese fruhePhase in einem spaten, reifen genetischen Zustand auf, bußt dasWahrnehmungsobjekt weitgehend seine Dinghaftigkeit ein, derVerlust weitet sich auf die Realitatswahrnehmung aus, auf die mitformaler Systembildung (Ehrenzweigs reification”) reagiert wird.Sie minimiert die Bedeutung der Wahrnehmung der Realitat undersetzt sie durch eine ”hohere“ Wahrnehmung.

Das Godelsche Theorem musste symptomatisch auf ein ontoge-netisches Stadium hinweisen, wo ein Selbstbild entsteht. Der Be-weis, dass ein System seine Widerspruchsfreiheit nicht beweisenkann, weil seine Selbstbeschreibungsmoglichkeit begrenzt ist, ge-lingt dadurch, dass Godel ein Abbild des Systems konstruiert, andem er den Beweis vollzieht. Er stellt so eine Relation des Systemszu sich selbst her, als handele es sich um eine Selbstbeobachtung

8Piaget, S. 53. Der operative Aspekt des Denkens bezieht sich auf Transfor-mationen von einem Zustand in einen anderen und unterscheidet sich vomfigurativen Aspekt, d.h. internalisierte Wahrnehmung.

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oder vielmehr eine spezifische Selbstaussage uber die eigene Un-vollstandigkeit. Der Konflikt, der im Epimenides-Paradoxon auf-tritt, wird vermieden durch die Unterscheidungsmoglichkeit vonSystem und Theorem oder System und Bild des Systems, das inder Godelisierung entsteht und mit ihr ein Moment subjektiver Re-flexion einschleust. Das formallogische System ist ein gedachtes,dem ein ”subjectum“ zugrunde liegt, ein Selbst, das sich nur zu-sammen mit einem Objekt bildet. ”Self-awareness or introspectionis not awareness of the self but the self aware of objects; the con-dition of being conscious one is perceiving an object. This is nota self one is conscious of but a relation between a self and its ob-jects.“9

Die Objektstabilitat tritt fruhestens um das 1. Lebensjahr auf.

”Die Verlagerungen, selbst die unsichtbaren, werden kunftig alsGesetzen gehorchend aufgefaßt, und die bewegten Gegenstandewerden wirkliche Objekte, die vom Ich unabhangig sind und inihrer substantiellen Identitat verharren.“10 Schließlich kann selbstder eigene Korper als Objekt aufgefasst werden. ”Das Kind kehrtseine anfangliche Welt ganz um, deren bewegte Bilder auf eigene,ihrer selbst unbewußte Aktivitat zentriert waren, und formt sie zueiner festen Welt von koordinierten Objekten um, die den eigenenKorper als Element mit einschließt. Dies ist der Endpunkt des Auf-baus der Objekte auf dem sensomotorischen Gebiet. Die Reflexionund das begriffliche Denken werden diese Elaboration auf neuenEbenen der schopferischen Intelligenz fortsetzen.“11 Die Relati-on von Selbst und Objekt ist vergleichbar mit der Relation zwi-schen den Objekten des Wahrnehmungsfeldes. Diese Relationensind in der Zahl symbolisiert, denn die Wahrnehmung besteht aus

9Jason W. Brown: The Selfembodying Mind, 2002, S. 6210Piaget, Der Aufbau der Wirklichkeit, S. 8911Piaget, Aufbau, S. 89

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einem riesigen Objekt, gebildet aus unterschiedlichen Elementen,

”we can focus on one element or another or on the relation bet-ween elements, but the element is an artifact of the focus, not aconstituent.“12.

Dieses Feld bildet eine Ordnung aus abzahlbaren oder in Relati-on stehenden Elementen, sodass Operationen mit Zahlen abhangigsind von der Fahigkeit zur Objektbildung. Deren Schwachung, einHervortreten eines fruhen Stadiums des mikrogenetischen Prozes-ses, musste fur diese Operationen Folgen haben, eine auch nurvorubergehende Schwachung mit einem neuerlichen Aufbau derRelationen mit einer Endgestalt einhergehen. Diese Dynamik lasstRaum fur neue Wege in der Bewertung arithmetischer Prozesse,deren Kern die Zahl ist. Der unbewusst ablaufende Restitutions-prozess trifft auf das geltende mathematische Denken als Objektformallogischer Anschauung. Es ist eine Begegnung der Diffe-renz, die eine Entscheidung erzwingt und das Subjekt in Konfron-tation zu geltenden ”Normen“ bringt. Die Entscheidung ist not-wendig, weil der Prozess der Neuformulierung dazu dient, denEinfluss des fruhen Stadiums zu uberwinden.

Wegen der Abhangigkeiten zwischen Objekt und Selbst ist dieAuflosung des Selbst untrennbar verbunden mit Wahrnehmungs-symptomen, die aus Tendenzen zur Introspektion, Fixierung aufden Korperraum und Hypochondrie entspringen.13

”The passivequality of the self, the loss of the world, and with it the active na-ture of the self invite the delusion that the self of the schizophrenicis an object for his own images to persecute.“14 Fur Godel gilteine eingebildet konkrete Bedrohung: die Vergiftung, die auf diefruhe und facettenreiche Bedeutung der Nahrung verweist. Nah-

12Brown, Selfbodying Mind, S. 7213Brown, Selfbodying Mind, S. 6914Brown, S. 69 f.

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rung oder Milch sind Metaphern fur magische Substanzen undgeistige Phanomene, Metaphern, die Erinnerungen an fruhe on-togenetische Stadien kennzeichnen. Platons Timaios versucht denUrsprung und das Werden des Kosmos zu denken, weil die Ord-nung nur dem Denken zuganglich sei. So muss das Denken auchursprunglich sein und sich hin zu den Anfangen bewegen. Die Fi-xierung an die Fruhzeit, an Ursprunge und Schwellenphanomene,treibt immer wieder zu neuen Anfangen. Im Bild der Amme desWerdens ist der ontogenetische Aspekt der Bildungsgesetze desDenkens mehr als nur metaphorisch. Platons geneseos titene be-zeichnet eine komplexe Figur mit unterschiedlichen Bedeutungen.

”Seit jeher wird τιθασός mit θεθαι ’saugen’, τίθήνη ’Amme’ usw.verbunden.“15 Zu τίθημι ”setzen, legen, grunden...“ gibt es nachFrisk zahlreiche Ableitungen, darunter auch θεσμός, θέμις, in de-nen die Reduplikation nicht vorkommt. Es ist schwer vorstellbar,dass die Aufzucht durch die Amme im Sinne einer Zahmung oderVeredelung von τίθημι unabhangig gedacht werden kann; θεσμός

”Recht, Gesetz, Sitte“ stimmt fur Frisk bis auf den Ablaut aw.da-mi- f. ”Schopfung, Schopfer“, da-ti- ”das Setzen“, da-ta- ”Sat-zung“. Mitra bedeutet im Altpersischen ”Vertrag“, sodass sich zu-sammen mit ”da“ als Gabe (skr. dadati ”er gibt“) eine Situationergibt, in der Geben, Setzen und Gesetz verschiedene Seiten des-selben Phanomens ausdrucken. Das Werden ist ein Kultivierungs-vorgang in Analogie zur Ordnung, die der Demiurg geschaffen hat.

Der ”bergende Hort allen Werdens“ steht in Beziehung zur Am-me des Werdens als die fur die Aufzucht Zustandige (τροφός sie-he auch 88d), doch fuhrt Sallis wegen einer Stelle in den Ge-setzen (955b) noch einen weiteren Sinn an, der das Aufnehmendynamisch als Zufluchtsort im Verborgenen versteht. ”The per-tinent sense is that of harbouring or sheltering something ali-

15Frisk, S. 897

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en, and of doing so in any way that conceals.“16 Nahrung stehtin einem Erlebnishorizont des Entbergens und der Wiederkehr,die auf die Versorgung ebenso zutrifft wie auf die Reprodukti-on der Natur. Diese Wiederkehr ist Grundlage der Vorstellungeines Gesetzmaßigen, in dem die Substanz (”subjectum“) beidesenthalt: materielle und immaterielle Konstanz. Anacreon setzt des-halb das Gesetzmaßige mit dem Aufbewahren gleich; ”θεσμός= θησαυρός which would provide a storage aspect... The oldestway of storing grain and produce was underground.“17 Die Tiefescheint eine indogermanische Metapher fur Reichtum und Werdenzu sein, wie es sich in den Bergwerks- und Schmiedemythen zeigt.

Bis in die Alchemie hinein ist die Veredelung niederer Stoffeein Geheimnis, indem die Edelmetalle Wachstumsprozessen un-terworfen sind, die man sich wie einen wachsenden Embryo vor-gestellt haben mag. Tauschieren ist eine Veredelung von Metal-len durch Verzierung. Die Entlehnung aus dem Arabischen be-deutet ursprunglich ”Farben“. Man wird Wohl und Reichtum so-mit als einen Prozess ansehen mussen, als ein Werden und Um-wandeln von Substanzen; θεσμός als Gesetz, Grundregel, Ritus,Prinzip18 ist dembach Erzeugungsregel einer Ordnung, die im Ti-maios ”nachgedacht“ wird bis in die mathematisch-geometrischenErorterungen hinein. Die Amme ist somit ein Bild fur die Um-schreibung der ”schwierigen und dunklen Form“ als ”allen Wer-dens bergender Hort“, γενέσεως ὑποδοχὴν. ”The word ὑποδοχήmeans not only receptable but also reception, even a hospitablereception such as was proposed at the beginning of the dialogue,the hospitable reception now being accorded Socrates, the enter-

16Sallis, S. 10017Raimon Anttila: Greek and Indo-European Etymology in Action, 2000, S.

166, 16718Anttila, S. 185

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tainment that Socrates, listening silently, is now receiving from hishosts.“19

Wenn jede Rede dem gleichen soll, wovon die Rede ist, kannuber den Ursprung schwerlich geredet werden. Die chora scheintdeshalb in der Rede nur negativ bestimmt werden zu konnen. DieGeometrie bietet hingegen eine Moglichkeit, im Vollzug der Kon-struktion uber den Anfang etwas auszusagen. Platon bedient sichverschiedentlich des Diagramms, zum Beispiel im Liniengleich-nis, und geht hiermit hinter die Rede zuruck. Zeichnen bedient sicheiner vorsprachlichen Methode der Beschreibung und kehrt damitzum Ursprung aus dem Handeln zuruck. In der Psychoanalyse Me-lanie Kleins bieten die Zeichnungen Ausdrucksmoglichkeiten, dieaus vorsprachlichen Entwicklungsstadien stammen. Zeichnungenliefern nach Piaget aber auch Hinweise auf die Anwendung vonRegeln nichteuklidischer Geometrie, die man als ”pravisuell“ be-zeichnen kann und aus sensomotorischen Prozessen heraus ent-wickelt werden, die in Handlungsumgebungen eingebettet sind.Im ”Menon“ dienen Diagramme dazu, den schon Wissenden anVergessenes zu erinnern, anstatt Informationen zu liefern. ”Sokra-tes stellt nur erkenntnisleitende Fragen, die Erkenntniserweiterungselbst kommt vom Diagramm.“20

”Platon votiert fur die kluge Ver-bindung von maieutischen Fragen und visuellen Erfahrungen amDiagramm.“

Es ist zu bedenken, dass die Nacherzahlungen von Schopfungund Naturentstehung introspektiv sind und das Material den We-

19Sallis, S. 9920Wolfgang Maria Ueding: Die Verhaltnismaßigkeit der Mittel, bzw. Die Mit-

telmaßigkeit der Verhaltnisse. Das Diagramm als Thema und Methode derPhilosophie am Beispiel Platons bzw. einiger Beispiele Platons. Diagram-matik und Philosophie. Akten des 1. Interdisziplinaren Kolloquiums derForschungsgruppe Diagrammatik, 15./16. 12. 1988 an der FernuniversitatHagen, 1992, S. 20 f.

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gen der Psycho- oder Ontogenese entstammt. Ein Ursprung kannnur im ”Nachlesen“ der Anfange des Denkens und Fuhlens auf-gesucht werden. Sowohl das dramaturgisch aufgestellte Denkenals auch die Spuren einer ”korpernahen“ Artikulation deuten aufStrukturen hin, die sich entweder noch im Stadium einer schwa-chen Differenzierung befinden oder sie aufgesucht haben. WennSallis in den Texten Platons keine Zuschreibung an eine einzigeAutoritat erkennen kann, sondern das Zentrum der Reflexion ineinem Dazwischen, dann trifft die ontogenetisch wegen ihrer All-gemeinheit eher physiologische Erfahrung auf den Individuations-unterschied der Dialogpartner, der im Dialog aufgehoben werdenkann.

Die Opferriten haben mit Schopfungsmythen gemeinsam, Ur-sprungserzahlungen zu sein. Teilungen und Schnitte gliedern einungeteiltes Wesen, mit dem ein Weltlauf beginnt, uber den derErzahler zu berichten weiß. Es ist davon auszugehen, dass es sichum eine Form von Individuation und der Bildung eines Selbst han-delt, das sich als Kontinuum und die Teilung als Opfer empfindet,wie umgekehrt eine neuerliche Partizipation am fruhen ungeteil-ten Wesen ein Opfer des spaten Selbst bedeutet, das untergeht. DerOpferritus als spate Erinnerung an den Ursprung vollzieht in dersymbolischen Wiederholung sowohl die Teilung und Zahlung alsdie Einigung im Kontinuum, eine paradoxe Form, die sowohl dieUnterscheidung des Selbst vom Nichtselbst als auch die Ununter-schiedenheit sichert, fur die die Allgemeingultigkeit der symboli-schen Handlung oder der Gesetze steht. Das Opfer ist somit engmit uberindividuellen formalen Strukturen verbunden.

Die platonische Atomistik entspringt dem Ursprungsdenkenund geht noch hinter die mythischen Erzahlungen zuruck, in-dem eine reine Geometrie geschaffen wird, die jeden Rest kol-lektiver oder individueller Erfahrung tilgt. Die Praxis der plato-nischen Dialoge kommt einer Archaologie ontogenetischer Ur-

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sprunge gleich. Die Bestatigungsroutine der Maieutik soll das al-len Gemeinsame hervorbringen. Timaios arbeitet sich mit drei-maligem Anlauf zum Ursprung vor, sodass man von einer ArtRuckweg sprechen kann, denn die Rede soll dem Gegenstand ent-sprechen. (29b) ”Der vierte Punkt hat mit der Ruckspiegelung derUnterscheidung auf den Charakter der Rede zu tun, mit der Wei-se, in der sie den Charakter der Rede beherrscht. Der Angelpunkt,an dem die Rede sich dreht, ist Timaios’ Aussage, daß jede Rededem gleicht, wovon sie handelt, wortlich, daß sie von der selbenArt ist... so daß der Charakter einer Rede, sogar wenn er durch dieRede selbst nicht ersichtlich ist, immer in bezug auf das bestimmtwerden kann, woruber die Rede handelt.“21

Die Amme wird als dritte Form eingefuhrt – nach dem para-deigma des eidos und dem der mimesis. Diese dritte Form nehmedas Werden auf wie eine Amme. Wahrend das Eidos der Vernunftzuganglich und unveranderlich sei, die Mimesis sichtbar und ent-stehend, sicherten diese beiden die Dingkonstanz als festen Bo-den des Denkens und der Anschauung. Die Ubergange zwischenden Dingen, den Elementen selber, enthullen das, was man Sub-stanz nennen kann, wie am Goldbeispiel erlautert wird. Die Natur,physis, nimmt alle Korper (somata) in sich auf, und Korper sindkonstante Formen, deren Konstanz durch zwei Faktoren zustan-de kommt – Identitat und Ahnlichkeit. Der Ort dazwischen ist dieChora, die wie im Traum erfasst wird. Hier wirkt der Satz vomausgeschlossenen Dritten, der vermeidet, dass etwas ”zugleich einund dasselbe und zwei wird“, woraus sich die Notwendigkeit einerBewegung ergibt. Das Abbild ist zwar eine Erscheinungsform ir-gend eines ”anderen“ und standig in Bewegung, muss sich jedochans Sein klammern, um zu sein. Der Hinweis auf eine unreine21John Sallis: Timaios’ Rede uber die Χώρα, Internationales Jahrbuch fur Her-

meneutik, herausgegeben von Gunter Figal, Bd. 1, 2002, S. 69

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Schlussfolgerung (logismo tini notho) und das Traumen (oneiro-poleo), mit dem die Chora erfasst werden kann, kundigt die sichim Ungleichgewicht befindliche Amme des Werdens an. Damit isteine Tiefe erreicht, in der aus Formen und Zahlen, εἴθεσί τε καὶἀριθμοῖς geometrische Elemente hervorgehen.

Der traumerische Blick erfasst offenbar anderes als der wache,fur den der Identitatssatz gilt. Anton Ehrenzweig hat dafur den Be-griff der ”gestalt-free vision“, die es erlaubt, mit Uberlagerungenvon Wahrnehmungen umzugehen, und zitiert Bergson, der zweiunterschiedliche Wahrnehmungen beschreibt. Zunachst solche,die aus der materiellen Welt kommen – ”wie eine auf der Ober-flache festgewordene Kruste“. Sie sind genau bestimmt, neben-einander stehend, und sie suchen sich zu Objekten zu gruppieren.

”Unterhalb jener scharf geschnittenen Kristallformen und jener Er-starrung der Oberflache finde ich eine Kontinuitat des Verfließens,die mit nichts Fließendem, das ich je gesehen habe, zu verglei-chen ist. Es ist eine Folge von Zustanden, deren jeder anzeigt, wasfolgt, und deren jeder enthalt, was ihm vorangeht.“22 Erst der Iden-titatssatz schafft im Timaios die Juxtaposition des Seienden, dassich notwendig an einem Ort befinden und Raum einnehmen muss.Die Uberlagerungen bilden Schwankungen der nicht im Gleichge-wicht und ohne Verhaltnis und Maß befindlichen Teile der Ammedes Werdens, in die Formen und Zahlen Verhaltnis und Maß brin-gen.

Geometrie und Arithmetik bilden ein seltsames Paar. Lini-en, Flachen und Raume bilden Kontinua, die durch Teilungenabzahlbare Einheiten ergeben. Die Spannung zwischen beidenWelten, der Zahl und der Ausdehnung, demonstriert Platon an-hand von Quadrat, Diagonale und Inkommensuralitat. Die Ver-dopplung des Quadrates ist nur auf geometrischem Wege moglich,

22Metaphysik, S. 10

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weil irrationale Zahlen sich zu Platons Zeiten nicht berechnenließen. So betrieben die Griechen die Algebra auf geometri-sche Weise, der Satz des Pythagoras ist ein Beispiel fur dasPrinzip, dass ”Satze, Regeln und Aufgaben der Algebra in geo-metrische Terminologie ubersetzt und durch Verhaltnisse zwi-schen Langen von Strecken und Flachen ebener Figuren ausge-druckt“ wurden.23

”Hier haben wir also, schon bei der Geburtder Diagrammatik aus dem Geist des pythagoreischen Trauer-spiels, das Ubersetzungsproblem. Denn wenn eine Ubersetzungleistet, was das Original nicht leistet, dann kann es doch kei-ne bloße Ubersetzung gewesen sein. Mindestens ist aber eineRuckubersetzung ausgeschlossen.“24 Geometrie ist nicht restlos inArithmetik abbildbar und umgekehrt. ”Wichtig ist, dass die Geo-meter die sogenannte ’hypothetische’ Methode der Problemver-schiebung erfunden haben, daß sie als erste ein unlosbares Pro-blem auf ein losbares reduzierten.“25

Eine psychologische Problemverschiebung liegt vor, wenn au-toaggressive Impulse nach außen verlagert, also projiziert werden,von dort aber das Ich bedrohen konnen. Die Projektion nutzt dieontogenetisch fruhe Leistung der Teilung, um das Selbst bedro-hende Zustande zu verschieben, also ein ”unlosbares Problem aufein losbares zu reduzieren“. Die Teilung setzt aber eine Bezie-hung in Kraft, die die Abstoßung im wortlichen Sinne relativiert,da das Objekt bereits eine Projektion ist. So ware von einer Pro-jektion der Projektion auszugehen, einer Projektion zweiter Ord-nung. Damit ware die Gefahr, dass dem Selbst zerstorerische Im-pulse zugeschrieben werden, durch Verschiebung zwar vermeid-bar, doch entsteht ein neues Problem in der Vergiftung des Ob-

23A. G. Konforowitsch: Guten Tag, Herr Archimedes, 1984, S. 34 f.24Wolfgang Ueding: Die Verhaltnismaßigkeit der Mittel, bzw. Die Mit-

telmaßigkeit der Verhaltnisse, S. 2325Ueding, S. 24

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jektbereiches durch eben diese zweite Projektion, die das Selbstbedroht. Der Objektbereich ist vergiftet und jede Introjektion ruftNahrungsverweigerung hervor. Die Annahme einer zweiten, un-belasteten Art von Realitat ware ein und ”ein unlosbares Problemauf ein losbares reduziert“, weil die sinnliche Wahrnehmung alsrein objektiv, d.h. neutral erlebt, ausscheidet. Sie muss einen neu-en ontologischen Status einnehmen, der die Marginalisierung derdegenerierten Realitat vollziehen kann, um die verloren gegange-ne existentielle Sicherheit wieder herzustellen. Ein altbekannterLosungsversuch ist der ontologische Dualismus, den auch Godelannimmt. In einem Brief an Gotthard Gunther schreibt er: ”Wennich sage, dass man eine Theorie der Klassen als objektiv existie-render Gegenstande entwickeln kann (oder soll), so meine ich da-mit durchaus Existenz im Sinne der ontol. Metaphysik, womit ichaber nicht sagen will, daß die abstrakten Wesenheiten in der Naturvorhanden sind. Sie scheinen vielmehr eine zweite Ebene der Rea-litat zu bilden, die uns aber ebenso objektiv. u. von unserem Den-ken unabhangig gegenubersteht wie die Natur.“26 Mit dem Begriffeiner zweiten Ebene ist eine Schichtung angesprochen, bei der bei-de Ebenen in Relation gesetzt werden, wobei die Geschichte desDenkens zeigt, welche von beiden Ebenen die tragende Funktionhat und an erster Stelle stehen soll. Der Pythagoreismus ist einfruher Losungsversuch, fur die Realitat die Zahl einzusetzen, alsofur das analoge Kontinuum der Realitat das Digitale (die Unterbre-chung) der Zahl. Die Teilung ist Grundungsmythos von Anbeginndes Denkens, welches das heldenhafte Ich in der Teilung des Kon-tinuums spielt und im Drachen das Bose erlegt. Das zerstuckelteKontinuum verhalt sich gegenuber der reinen Zahl und dem reinenKontinuum wie eine Mischung aus beiden, die nie stabil und aus-

26https://www.vordenker.de, Arbeiten aus dem Nachlass N8. Briefwechsel:Gotthard Gunther - Kurt Godel (1954-1960)

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geglichen sein kann, und deshalb mit immer wieder neuen System-bildungen die Balance steuert.

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20 Das Opfer

Godels Theorem scheint eine Stufe der ontogetischen Entwick-lung zu markieren, die mit der Bildung eines Selbstbildes als Er-scheinungsform des Selbstbewusstseins zusammenhangt. Dass einSystem seine Widerspruchsfreiheit nicht beweisen kann, weil sei-ne Selbstbeschreibungsmoglichkeit begrenzt ist, gelingt dadurch,dass Godel ein Abbild des Systems konstruiert, an dem er denBeweis vollzieht. Er stellt so eine Relation des Systems zu sichselbst her, als handele es sich um eine Selbstbeobachtung. DieseSelbstbeobachtung als Selbstbewusstsein ist auf eine Differenzie-rung angewiesen, die ”den anderen“ benotigt. Der Konflikt, derim Epimenides-Paradoxon auftritt, wird vermieden durch die Un-terscheidungsmoglichkeit von System und Theorem oder Systemund Bild des Systems, das in der Godelisierung entsteht und mitihr ein Moment subjektiver Reflexion einschleust. Das formallo-gische System ist ein gedachtes, dem ein ”subjectum“ zugrundeliegt, ein Selbst, das sich nur zusammen mit einem Objekt bildet.

”Self-awareness or introspection is not awareness of the self butthe self aware of objects; the condition of being conscious oneis perceiving an object. This is not a self one is conscious of buta relation between a self and its objects.“1 Bei Godel handelt essich um eine doppelte Projektion. Die Godelisierung ubernimmtden selbstreflexiven Status, in welchem sich das Ich ein Bild vonsich macht, um sich selbst beschreiben zu konnen, oder ein Bildvon der Welt als Beschreibung der Erfahrung. Die Godelisierungnutzt den Charakter des Selbstbewusstseins. Dabei trifft es auf

1Jason W. Brown: The Selfembodying Mind, 2002, S. 62

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auf eine fundamentale Inkongruenz, die der Projektion innewohnt.Kant hat sie anhand der Hande als ”inkongruente Gegenstucke“beschrieben.

Das Spiegelbild erzeugt eine Erfahrung der Inkongruenz, vonder auch das Selbstbewusstsein betroffen ist, weil das Selbst for-mal sich von sich selbst unterscheiden und gleichzeitig nicht unter-scheiden muss. Die Auflosung der Paradoxie gelingt durch Kon-kretion, weil das Selbst an eine Objektvorstellung des Subjektesgebunden ist (Brown). Die Moglichkeit zu einer solchen Vorstel-lung wird in einer fruhen ontogenetischen Phase geschaffen, wo esnoch keine ausgepragte Raumvorstellung gibt, sondern retinale,zweidimensionale Aspekt dominiert ”A perception begins in theupper brainstem with a two-dimensional construct..“2 Hier bestehtdas Selbst aus der Flache, die Ich und Nicht-Ich unterscheidet wiedie Spiegelflache, und die paradoxale Form des Selbstbewusst-seins darstellt. Fur Kant ist die Handigkeit ein Hinweis auf den on-tologischen Unterschied zwischen Anschauung und Begriff, Sinn-lichkeit und Verstand (repraesentatio singularis und repraesenta-tio generalis). Da die Formen der Erkenntnis vermittelnd sind, hatdie Anschauung uberwiegend analogen, kontinuierlichen und derVerstand digitalen, d.h. begrenzenden und gliedernden Charakter.Den Hinweis auf die irreduziblen Quellen und ontologischen Un-terschiede der Erkenntnis entnimmt Kant der Chiralitat, weil derUnterschied zwischen links und rechts nur durch Zeigen erklartwerden kann, nur in Bezug auf sinnlich prasentierte Beispiele undnicht durch Sprache, d.h. durch die syntaktische Kommunikations-struktur. Die sich aus zwei Welten zusammensetzende Erkenntnisfolgt aus Kants Analyse des Wahns und der Notwendigkeit derBegrenzung jeder Seite durch die andere.

2Jason W. Brown: Neuropsychological Foundations of Conscious Experience,2010, S. 35

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Die Unterscheidung von Anschauung und Begriff, repraesenta-tio singularis und repraesentatio generalis, ist transponierbar in dieDiskontinuitat von Gliedern und Klassen, die zwei unterschiedli-chen logischen Typen angehoren. Die Aufhebung der Diskonti-nuitat besteht darin, dass eine Seite die andere uberlagert, ihrenGeltungsbereich verlasst und wahnhaft wird, wie Kant es in denAntinomien beschrieben hat. Anthony Wilden schreibt der Okku-pation eines Ganzen durch einen partiellen Bereich einen ahnli-chen antinomischen Charakter zu, weil der Teil einem anderen lo-gischen Typ angehort als das Ganze, dem er angehort. Das Selbst-bewusstsein lebt in standigem Bemuhen, die Diskontinuitat auf-recht zu erhalten. Die Spiegelmetapher zeigt allerdings, dass dieZone der Uberlagerung oder Unbestimmtheit Bestandteil des Sy-stems ist, dessen ”Schnitte“ unendlich fortgesetzt werden konn-ten, wenn es keine Inhalte aus der Anschauung gabe und dass derSchnitt in seiner Unbestimmtheit und Paradoxie selbst unendlichist. (Lyotard, S. 41)

Das Verhaltnis von Selbst und Bewusstsein ist an Objekte ge-bunden, deren sich das Selbst bewusst ist. ”The self is subject ofthe consciousness and images and objects are what the self is con-scious of.“ (Jason W. Brown: The Self-Embodying Mind, 2002, S.62) Subjekt ist im ursprunglichen Sinn von subjectum als Zugrun-deliegendes zu anzunehmen, und das Selbst ist die Schnittstellevon Objektwahrnehmung und Bewusstsein. So bilden die Schnit-te der Geometrie inkongruenter Gegenstucke Grenzen zwischenBewusstsein und Objekt. Intuitiv befindet sich die Wahrnehmungin einem Spiegelverhaltnis von Subjekt und Objekt. Berucksich-tigt werden muss allerdings, dass das Subjekt in einem Spiegel-verhaltnis mit anderen Subjekten steht, die wie alle Subjekte ineinem Spiegelverhaltnis mit reinen Objekten stehen. Die Inkon-gruenz einfacher Gegensatze wird aufgelost bei einer Spiegelungder Spiegelung usw. Beginnt man mit der Figur, die gespiegelt

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wird, ist die zweite Spiegelung mit der Figur wieder kongruent.Die Griechen haben das Spiel anhand von Zahlfiguren dargestellt,die vom Gnomon umschlossen werden, der bei gleichen Schen-keln eine ungerade Zahl umschließt und bei ungleichen eine ge-rade. Beginnt man mit der Eins, erhalt man gleiche Schenkel, dieungerade Zahlen umschließen. Lasst man die Eins aus und beginntmit zwei Punkten, als geraden Zahlen, sind die Gnomon-Schenkelungleich. Beginnt man mit der Eins und zahlt die ursprunglicheFigur mit, erhalt man einen Winkel mit kongruenten Langen, dieDrei wurde einer Spiegelfolge entsprechen, bei der die ursprung-liche Figur (die Eins) wieder erreicht wird.

Nun ist der Gnomon eine Figur, die von der Stellung des Men-schen als orthogonal existierendem Wesen abgeleitet ist. Das Lottrifft im rechten Winkel auf die Ebene, und gemessen werdenAbweichungen vom Lot und vom Rechten, die vom Sonnenlaufabhangig sind und Schatten erzeugen. Figur und Schatten gehenein Abbildungsverhaltnis ein und sind der Spiegelung analog. ImGnomon ist die intuitive Erfahrung der geometrischen Grundfigurdes rechten Winkels und seiner Abweichungen in der Verbindungvon Lot und Ebene sichtbar. Die orthogonale Position des Men-schen ist der Einstieg in die Geometrie und ihre Orientierungs-funktion. Die Neotenie erzwingt Entwicklungsphasen der Korper-spannung und Motorik, an deren Ende der aufrechte Gang steht.Wie auch immer die phylogenetischen Grunde fur den aufrechtenGang aussehen konnten, ontogenetisch geht die orthogonale Posi-tion ins Selbstbewußtsein ein und wird als ”erhebende“ Leistungerlebt. Der aufrechte Gang ist von der Neotenie nicht zu trennen,weil beide in einem Entwicklungsprozess vereint sind. Es ist anzu-nehmen, daß die orthogonale Position in Verbindung mit dem da-hin fuhrenden Prozess Aufbauhandlungen provoziert. So konnenStelen oder Bauwerke als verdinglichte Projektionen des Korpers

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gedeutet werden. Der Winkel ist auf die Orthonale bezogen, uberdie sich der Prozeß des Errichtens erstreckt.

Die Orthogonale dient als invariable Große der Orientierung inRaum und Zeit – in oben und unten mit der Unterscheidung derSeiten rechts und links, Richtungen, die ein Kreuz bilden, das aufder Ebene weiteren fixen Einteilungen des Raums dient. Die La-ge im Raum wird vom variablen Stand der Sonne bestimmt. DieRichtungen gehen von einem Punkt aus, den man als Selbst kenn-zeichnen kann, der in Korrelation zu den Lagen und Bewegun-gen der Objekte steht, die auf die Felder der Schnittlinien abge-bildet werden, deren Kreuzung er ist. Die Orthogonale bleibt es-sentielle Schnittlinie mit dem Epiphanomen der Horizontale. DerPunkt spiegelt die Beziehungen, die aus der Orthogonale hervor-gehen. Mit der Projektion der Orthogonalen wird die Objektsta-bilitat unterstutzt, was auf eine Lockerung der Objektstabiltat imBildungsprozess der Wahrnehmung hinweist, d.h. die mikrogene-tische Konstruktion bedient sich ”geometrischer“ Unterstutzungund in die Objektbildung geht die Orthogonale einschließlich ih-rer epiphanomenalen Orientierungslinien mit ein. Geometrie uber-lagert Anschauung, allerdings bereits in der mentalen Phase derObjektbildung, sodass auf die ”abstrakten“ geometrischen Prinzi-pien der Verarbetung von Sinnesdaten und und Formbildung fruhzugegriffen wird, um die Dingkonstanz nach Auflosung der Ob-jektidentitat zu gewahrleisten.

Die Orthogonale, die alle Vorstellungen stutzt, folgt Ehren-zweigs reification nach einer Desintegration der bis dahin stabi-len Objektwahrnehmung und Orientierung im Raum. Der Grundfur die Destabilisierung liegt in der Veranderung der Relation desKorpers und seiner Organe zur Schwerkraft und in der freien Sichtauf die Umwelt. Die Beweglichkeit des aufrechten Korpers um-spielt die orthogonale, imaginare Achse, gesteuert vom Gleichge-wichtssinn des Vestibularorgans. Uberlagert wird die Orientierung

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von der Lateralisierung von Sprache und Motorik. Nach Jason W.Brown beruht sie auf einer unvollstandigen Ausbildung der neuro-nalen Kommunikation beider Gehirnhalften, sodass in der Regeldie rechte Hand und die Lage des Sprachzentrums auf der linkenSeite bevorzugt sind. Man konnte Begriffe fur rechts, richtig, rich-ten und aufrecht in einer Kategorie unterbringen, in der die Late-ralisierung und die orthogonale Existenz (noch) nicht differenziertsind. Das Rechte ist qualitativ vom Linken unterschieden, die Lei-stung der rechten Hand mit dem Aufrichten des Korpers und intel-ligenter Handlungen verbunden. Die geometrische Grundfigur desOrthogonalen ist der rechte Winkel, der sich an der Orthogonalespiegelt und inkogruente Gegenstucke erzeugt, die allerdings geo-metrisch gleichwertig sind und keine Seite bevorzugt ist. Nimmtman die Orthogonalitat als Kategorie, lassen sich Geometrie undArchitektur als Ergebnis einer Differenzierung in Form und Auf-bau beschreiben. Die sich daraus ergebende Figur bewegt sich hin-kend.

Das evolutionare Phanomen gleicht den spateren Versuchen,Desintegration von Objekten zum Ausgangspunkt fur neue Auf-bauprozesse, d.h. schopferische Prozesse zu machen. ”An objectthat is incompletely perceived is like an image at the thresholdof perception. There is a constant flow between image and ob-ject and a given perception can settle at any point.“ (Brown, Self-Embodying Mind, S. 21) Der Ruckgriff erlaubt dem MenschenMoglichkeiten, die uber die Wahrnehmung als System der Selbst-erhaltung hinausgehen. Das Bild ist bereits Zeichen eines Wahns,weil es von der Handlung entkoppelt ist. Die Abhangigkeit zwi-schen intellektuellem Zugewinn und Opfer konnte auf einen Zu-sammenhang zwischen der Nahe der Kunste zum Wahn und demneuen Status des rationalen Bewusstseins hinweisen, das zu einerReihe von Erkenntnissen in Naturwissenschaft, Logik und Mathe-matik nach 1900 fuhrte. Der Wahn ware die andere Seite des Zu-

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gewinns an Rationalitat. Dem Selbstbewusstsein wurde ein Pola-ritat innenwohnen, die im Mythos vom Bruderopfer dargestellt ist,das Heino Gehrts beschrieben hat.3 Die Erhohung des einen gehtauf Kosten des anderen. Die Weltuntergangsphantasie bildet dieGrundlage fur eine neue Schopfung. So scheinen die Schopfungs-mythen als Teilung eines Ganzen interpretiert werden zu konnen:Zeugnis eines Bewusstseins das im Selbstbezug sein Gegenteil er-zeugt, den Wahn, der ”den Ungewinn auf sich nimmt“. Im Opferliegt die Absicht der Ritualisierung von Schlag und Gegenschlag,der Aufspaltung in Heil und Unheil mit der Zuweisung der Teile.Gehrts verweist auf Indien, wo die ursprungliche Handlung, dieWeltschopfung ein Opfer ist, ”und dort verstand man umgekehrtauch jedes Opfer als menschliches Handeln, also in seiner Bereit-schaft, sich in Heil und Unheil aufzuspalten“.4

Der Mythos erzahlt von der zerstorerischen Macht, die vonder Speise ausgeht, die dem Opfer entnommen wird, um sie un-ter den Gottern verteilen. Die Gefahr, die vom ersten Anteil desOpfers ausgeht, wird durch Teilung gebrochen. ”In der Behand-lung der Teile wird also aufs sorgsamste Heil und Unheil jenes er-sten Opferschnittes geschieden und dieses... nicht nur unschadlichgemacht, sondern auch noch zur Verjagung der Damonen ver-wandt.“5 Bei der Macht des Erstanteils handelt es sich offen-

3”Nahe lag der Gedanke, Gewinn und Gegenschlag von vornherein auf zwei

verwandte Trager zu verteilen. Verwandt, bruderlich, Zwillinge deshalb,weil Gewinn und Gegenschlag in einer Tat entspringen. Im Handeln eins,scheidet das Bruderpaar sich erst in seinen Folgen: der eine tragt fur beidenden Gewinn davon – oder fur Sippe, Stamm und Volk – der andere nimmtfur beide den Ungewinn auf sich – oder fur welche Gemeinde immer –und nimmt ihn mit hinweg: in sein Geschick, in eine fur ihn feste kultischeRolle, ins Ausland, in den Tod, – der Ursprung aller Doppelamter, vielerDoppelgottheiten...“; Das Marchen und das Opfer, 1967, S. 33

4S. 355S. 36

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sichtlich um den inneren Gegensatz, der mit der Teilung in Heilund Unheil bezeichnet werden kann, doch innere Gegensatz istlebt in der Paradoxie fort und im Wahn, beiden Seiten gehorchenzu mussen, ohne es zu konnen, damit aber aus der Welt des lo-gischen Bewusstseins zu fallen. Am Ausgangspunkt ”steht dasstarke Gefuhl im Opfrer, daß der Stich oder Schuß ins Opfertiernicht Heil allein entbindet, sondern eine unbandige, zerstorerisch-unheilvolle Kraft zugleich mit ihm erweckt. Der Uberzeugung(oder Erfahrung?), daß diese nur in besonderem, in exaltiertem Zu-stand zu bewaltigen sei... entspricht schließlich die Anschauung,daß jene speziellen Krafte, deren sich der Priester dazu bedient,gottliche sind, die der ersten Begegnung mit den Widerkraften ent-sprangen.“6

So steht der Nahrungsgedanke am Beginn der Schopfung, in derder erste Gott Opfer und Nahrung zugleich ist, universelle Speise,von der die ganze Welt lebt. Das Opfer ist Nahrung der Gotter, ander die Menschen teilhaben und aus dem sie Nahrung gewinnen,

”Konsistenz erlangt die Nahrungslehre jedoch erst in den Brahma-nas. Das anna ist nun nicht mehr die Nahrung eines bestimmtenGottes, es ist die Nahrung im allgemeinen, das anna an sich... “7

In dem Doppelbegriff anna-viraj kommt zum Ausdruck, dass derHymnus zugleich Nahrung ist, ”durch Zahlen ausgedruckte Din-ge“, wie Agamben Marcel Mauss zitiert. Viraj ist ein vedischesMetrum, das sich aus drei zehnsilbigen Versfußen zusammensetzt.Dieser metrischen Form schreiben die Brahmanas eine besonderenahrende Wirkung zu. Man kann an der Struktur der Hymne, ihrerMetrik, die Leistung des organisierenden Bewusstseins als heil-samen Teil des Opfers erkennen. Dieses hymnische Bewusstseinist inhaltslos und die Negation der signifikanten Sprache, jedoch

6S. 367Giorgio Agamben: Herrschaft und Herrlichkeit, 2010, S. 279

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ein Vermogen der ordnenden Reihung,8 die jeder bewussten Hand-lungskette zugrunde liegt.

”This sacrifice creates the whole universe, including the fourclasses of ancient Indian society (varnas). The ’sacrifice’ designa-tes both the ritual and the victim killed in the ritual; moreover, thePerson is both the victim that the gods sacrificed and the divinityto whom the sacrifice was dedicates; that is, he is both the sub-ject and the object of the sacrifice; so, too, Purusha creates Viraj,the active female creative principle, and Viraj creates Purusha.“9

Der Opfervorgang folgt der Paradoxie der Einheit der Gegensatze,weil der Gegensatz von Heil und Unheil erst nach der Teilungbesteht. Ebenso liegt in der Form, Subjekt und Objekt des Op-fers zugleich zu sein, die Antinomie der Selbstbezuglichkeit, dieKurt Godel fur seinen Beweis nutzte. Kant hatte seine Vernunftkri-tik geschrieben, um der Frage nach der Einheit des Bewusstseinsnachzugehen, ”ware aber auf die Frage nach der Bewußtseinsi-dentitat nie gekommen, wenn er nicht zuvor mit Swedenborg eingespaltenes Bewußtsein vor sich gehabt hatte!“10 Die Paradoxieist Zeichen eines solchen gespaltenen Bewusstseins, das unter ge-wissen Umstanden mit den Widerspruchen des Mythos lebt undbereit ist, die Logik außer Kraft zu setzen oder auch nur zu erwei-tern. Mythen stehen unter besonderem Schutz vor der Logik desBewusstseins, das sich seine eigenen Regeln und den Widerspruchgeschaffen hat, der die Grenze des Bewusstseins und den Uber-

8In der modernen Psychologie ist die Teilung ebenfalls als Entlastungsmo-ment erkannt worden, in dem das ”Unheil“, das das Ich von innen bedroht,nach außen projiziert wird und den Doppelganger erzeugt, der in der Hal-luzination einen Schein von Objektivitat erzeugt und ansatzweise fassbarwird.

9Wendy Doninger: Textual Sources for the Study of Hinduism, 1988, 2.2.1.1Rigveda)

10Constantin Rauer, S. 72

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gang zum Wahn markiert. Alfred Tarski: ”Das Auftauchen einerAntinomie ist fur mich ein Krankheitssymptom.“11 Man wird denSchopfungsmythos als Spaltung eines Vermogens deuten konnen,aus dem ein handlungsorientiertes, adaptionsfahiges Bewusstseinhervorging, aus dem alles ausgeschieden werden musste, das dieEinheit des Systems gefahrdet. Das heißt aber auch, dass das Be-wusstsein mit dem ”Wahn“ als seine eigene Negation verbundenist und seine Grenze zu ihm flexibel handhaben kann, um seineLeistungen zu erweitern. Die Grenze des gespaltenen ”Bewusst-seins“ wird mit einer Innovation verschoben, die dem System Vor-teile verschafft, ohne die Einheit des unter dem Primat der Logikstehenden Bewusstseins zu gefahrden.

Die Verlangerung der Entwicklung, mit der der Begriff der Neo-tenie gemeint ist, erlaubt unterschiedliche Verlaufe von Indivi-duationsprozessen je nach Umgebung, in der sie stattfinden. Dergenerelle Vorteil: ”Kindlich-jugendliches Exlorations- und Neu-gierverhalten, Verspieltheit und eine hohen Lernbereitschaft set-zen eine hohe Permutationsfahigkeit und Plastizitat der kogniti-ven Strukturen voraus“, doch hat dies einen Preis, den ”die men-tale Offenheit, die unter besonders beschutzten Bedingungen ei-ner verlangerten Kindheit und Jugend das Lernpotential enormausweitet, kann zum Risiko werden...“12 Bei ausgepragt neotonerVeranlagung, besteht die Gefahr, dass es dem Individuum nichtgelingt, stabile innere Strukturen zu entwickeln, sodass es ”sei-ne relative Autonomie, seine Identitat und den Kernbereich seinersinnstiftenden Anschauungen nicht mehr behaupten kann. Offe-ne Informationsaufnahme bedeutet kohahrenzgefahrdende Frem-

11Wahrheit und Beweis; in: Einfuhrung in die mathematische Logik, 1977, S.244

12Gerd Mohlenkamp: Psychose, Evolution und Neotenie. Uber den Nachteileines Vorteils; in: Familiendynamik. Interdisziplinare Zeitschrift fur syste-morientierte Praxis und Forschung, 2001, S. 158

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komplexitat und muss vermieden werden. Die Umwelt bzw. aufder Beziehungsebene der Andere sind nicht mehr zur eigenen Wei-terentwicklung und Stabilisierung verfugbar. Auf der emotionalenEbene kommt es zu Angst; kognitiv treten Dissoziationsphanome-ne auf.“13 Mohlenkamp kommt zu dem Schluss, dass ”Schizophre-nie und weitere psychosenahe Psychopathologie mit Neotenie-Merkmalen bzw. mit Extremvarianten dieses Merkmalkomplexesin Zusammenhang stehen“.14

Godels biographische Daten geben Anlass zur Annahme sol-cher neotoner Extremvarianten, an der somatische wie psychi-sche Umstande gleichermaßen beteiligt sind. Die psychischenAuffalligkeiten lassen nur Spekulationen zu, so die Angst bei derAbsenz der Mutter als schutzend stablisierender Faktor, oder dieBelastungen, die der Umgang mit Menschen fur ihn darstellten.Entscheidend durfte ein Mangel an Geschlossenheit des psychi-schen Systems sein, auf die mit verstarkter Schließung reagiertwerden muss, weil die notigen Verarbeitungsstrukturen fur den In-put nicht gebildet werden konnten. Das psychotische System rea-giert auf die Schwache der Verarbeitung mit reduzierter bis ab-gerochener Kommunikation. ”Going mad“ war die Devise einessolchen Bruchs mit der Außenwelt unter der Pramisse der Para-doxie, sich widersprechenden Aufforderungen nachzukommen, sozu sein und zugleich nicht so zu sein. Das abstrakte Selbstbewusst-sein ist in dieser Paradoxie der Logik gefangen. ”Die wahnhafteWelt ist eine irreale, aber eindeutige Welt, die den Preis gerin-ger Eigenkomplexitat kostet und damit Freiheitsgrade des Indivi-duums und seine kommunikative Anschlussfahigkeit einschrankt.Der Wahn sichert reaktiv einen Rest-Sinn, indem er das Selbstund die Umwelt narrativ in einen von außen, d.h. durch Informa-13ebenda S. 160 f.14ebenda S. 155

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tion nicht mehr korrigierbaren Bedeutungszusammenhang stellt.Das psychische System rettet durch den Wahn seine Geschlossen-heit.“15

In das System der Mathematik fuhrt Godel die Analogie zumSelbstbewusstsein ein, indem er ein Selbstbild des Systems produ-ziert. Die unbewusste Analogiebildung geht mithin von einer sub-jektorientierten Mathematik aus, die im Denken grundet, uber dasnicht vollkommen umfanglich verfugt werden kann, weil es sichals Prozess auf sich bezieht und alles andere aus sich ausschließt.Diese formal selbstreferentielle Schließung leistet indessen demWahn Vorschub, der am anderen Ende der kognitiven Leistungsteht, eine Form des Bewusstseins – Selbstbild zu sein – in dasSystem der Mathematik zu implementieren. Der formale Denk-prozess, der in ihr zum Ausdruck kommt, gewinnt eine subjekti-ve Bewusstseinsleistung hinzu, die damit objektivierbar, d.h. pro-jizierbar geworden ist und damit die Turingmaschine ermoglichthat.

15ebenda S. 161

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