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Sexuelle Orientierung, Suizidalit¨at und psychische · PDF fileSexuelle Orientierung, Suizidalit¨at und psychische Gesundheit Eine ¨osterreichische Erstuntersuchung Dissertation

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  • Sexuelle Orientierung,

    Suizidalitat und psychische Gesundheit

    Eine osterreichische Erstuntersuchung

    Dissertation

    zur Erlangung des Doktorgrades

    des Fachbereichs Psychologie

    der Universitat Salzburg

    vorgelegt von

    Mag. phil. Ing. Martin Ploderl

    Salzburg, 6. April 2004

  • Oft hatte Charlotte sich daruber gewundert, da die Menschen,die besser als Stern, Strauch und Stein zu wissen hatten, welcheZartlichkeiten sie fureinander erfinden durften, so schlecht bera-ten waren. In fruher Zeit muten Schwan und Goldregen noch dieAhnung gehabt haben von dem groeren Spielraum, und ganzvergessen konnte in der Welt nicht sein, da der Spielraum groerwar, da das kleine System von Zartlichkeiten, das man ausgebil-det hatte und uberlieferte, nicht alles war an Moglichkeit (Bach-mann, 1961/2001, S. 128f).

    Zum Zeitpunkt des Beginns der Arbeit an dieser Dissertation war es genau 30 Jahre her, dasspraktizierte Homosexualitat straffrei gestellt wurde (1971). Der Paragraph 209, der fur homo-sexuelle Manner ein hoheres Schutzalter bestimmte (18 Jahre) als fur heterosexuelle Mannerbzw. fur homo- und heterosexuelle Frauen (14 Jahre), wurde im Juni 2002 gestrichen. Es gibtfur homosexuelle Manner und Frauen in Osterreich unter anderem weder die Moglichkeit einergesetzlich eingetragenen Partnerschaft - mit ihren Rechten und Pflichten - noch die der Adop-tion von Kindern. Neben dieser, meines Erachtens institutionellen Form von Diskriminierunghabe ich die Erfahrung gemacht, dass auch heute noch viele Menschen, selbst im professionellenGesundheitsbereich, absurde Meinungen uber Homosexualitat vertreten.

    Die Motivation fur diese Dissertation entstand zum Teil durch meine Beratungstatigkeitfur die Homosexuelleninitiative (HOSI) Salzburg, in der ich immer wieder mit schwulen, lesbi-schen und bisexuellen Mannern und Frauen sprach, die Angst davor hatten, zu ihrer sexuellenOrientierung zu stehen, und die daher zum Teil massiv unter psychischen Druck standen.

    Beim Studium der Literatur wurde mir klar, dass Suizidalitat (Suizidgedanken, Suizidver-suche, Suizide) in der homo- und bisexuellen Population ein Problem darstellt, und mir wurdebewusst, wieviele Personen aus meinem schwul-/lesbischen Bekanntenkreis bereits einen Suizid-versuch gemacht haben, und wieviele sich auch schon das Leben nahmen. Ein(e) TeilnehmerIndieser Studie hatte im Fragebogen angegeben, dass er/sie in nachster Zeit ziemlich sicher wie-der einen Suizidversuch machen werde. Er/sie konnte glucklicherweise ausfindig gemacht undpsychologisch betreut werden.

    Ich mochte diese Arbeit all jenen Menschen widmen, die sich fur die Rechte und das Wohl-befinden von schwulen, lesbischen und bisexuellen Menschen einsetzen. Ich hoffe, sie ist ihnendabei hilfreich.

    Hinweise fur den/die LeserIn: Homosexuelle Frau habe ich synonym mit lesbische Frauverwendet, ebenso homosexueller Mann mit schwuler Mann. Mir ist bewusst, dass dieseGleichsetzung gewisse soziologische Nuancen verschleiern konnte. So wird schwul manchmalauch als Ausdruck einer selbstbewussten Lebensweise verwendet, wahrend homosexuell mei-nes Erachtens noch einen Hauch von Pathologisierung in sich birgt. Im Anhang befindet sich einkurzes Glossar, dass einige Begriffe definieren bzw. erlautern soll, soweit dies fur die Verstand-lichkeit der Arbeit dienlich ist.

    Uber kritische Anregungen freue ich mich: [email protected]

    1Geschrieben mit LATEX, gerechnet mit R (R Development Core Team, 2003) und BUGS (Spiegelhalter, A.

    & Best, 1999), denn die besten Dinge im Leben sind gratis, z.B. auf www.miktex.org, www.r-project.org/,

    www.mrc-bsu.cam.ac.uk/bugs/

    [email protected]/www.mrc-bsu.cam.ac.uk/bugs/

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    Zusammenfassung

    Die Untersuchung vergleicht erstmals im deutschsprachigen Raum ausfuhrlicher schwule, lesbi-sche, bisexuelle (SLB) und heterosexuelle (HeS) erwachsene Personen bezuglich Indikatoren furSuizidalitat (Suizidgedanken und -versuche) und psychische Gesundheit (Depressivitat und an-dere Symptome). Weiters werden verschiedenste SLB-spezifische Risikofaktoren (RF) wie z.B.Diskriminierung, Offenheit und Akzeptanz im sozialen Netz oder internalisierte Homophobieund allgemeine RF wie z.B. Hoffnungslosigkeit, Selbstwert, Substanzmissbrauch, soziale Un-terstutzung und ihr Zusammenhang mit Suizidalitat und psychischer Gesundheit analysiert. EinVergleich von N = 358 SLB ProbandInnen mit einer nach Alter, Geschlecht und Schulbildungparallelisierten HeS Stichprobe ergab eine erhohte Suizidversuchsrate bei SLB Mannern (Odds-Rate [OR] 7.0, 95% Konfidenzintervall [CI] 2.1-23.5) und Frauen (OR = 9.2, CI = 2.1 40.5).Alle anderen Indikatoren fur Suizidalitat und psychische Gesundheit sind bei SLB ProbandInnenebenfalls negativer ausgepragt. Die meisten SLB-spezifischen und unspezifischen RF korrelierensignifikant mit Suizidalitat und psychischer Gesundheit, die Effektstarken SLB-spezifischer RFsind jedoch eher klein. Die Stresshypothese, nach der SLB im Vergleich zu HeS ProbandIn-nen ausgepragtere unspezifische RF hatten, konnte nur bedingt bestatigt werden, denn nur fureinige RF fanden sich statistisch signifikante Unterschiede mit kleinen Effektstarken. Die Vul-nerabilitatshypothese, die hohere Zusammenhange von unspezifischen RF mit Suizidalitat undpsychischer Gesundheit bei SLB im Vergleich zu HeS Personen vermuten lassen wurde, konntefur einige unspezifische RF bestatigt werden. In multivariaten Analysen klart die sexuelle Ori-entierung auch nach Kontrolle fur RF signifikant Varianz in der Suizidalitat und psychischenGesundheit auf.

    Abstract

    This is the first in-depth study conducted in german-speaking countries that compares indi-cators of nonfatal suicidality (suicide ideation and attempts) and psychological health (levelof depression and other symptoms) of gay, lesbian, bisexual (GLB), and heterosexual (HeS)adults. Further, several GLB-specific Risk Factors (RF), e.g. antihomosexual harassment, open-ness and acceptance in the social network, internalized homophobia and general risk factors,e.g. hopelessness, self-esteem, substance abuse, social support and their association with sui-cidality and psychological health are analyzed. Results of N = 358 GLB subjects which arecompared to those of an age-, sex- and education-matched HeS sample reveal a heightend sui-cide attempt rate in GLB men (odds-ratio [OR] 7.0, 95% confidence interval [CI] 2.1-23.5) andwomen (OR = 9.2, CI = 2.1 40.5). All other indicators of suicidality and psychological healthof GLB-subjects are negatively increased. Most of the GLB-specific and general RF correlatesignificantely with suicidality and psychological health, but the effect sizes concerning GLB-specific RF are small. The minority-stress hypothesis, which would predict increased generalRF-values in the GLB group, could just partially be confirmed, because only for some of thegeneral RF statistically significant differences have been found, and those effect sizes were small.According to the vulnerability hypotheses we expected stronger associations of general RF withsuicidality and psychological health within GLB compared to HeS subjects. Such evidence wasonly partially found. In multivariate analysis sexual orientation was still significantely associatedwith suicidality and psychological health after controlling for RF.

    Martin Ploderl Sexuelle Orientierung, Suizidalitat und psychische Gesundheit

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    Danksagung

    Ohne den freundschaftlichen und auch finanziellen Ruckhalt von vielen ware diese Disserta-tion niemals moglich gewesen.

    Danke an die TeilnehmerInnen, die sich die Muhe machten, einen 18-Seiten langen Fragebo-gen auszufullen, und danke an die Homosexuellenorganisationen und deren Mitglieder, v.a. dieHOSI Salzburg (Gregor, Walter, Hansi), HOSI Linz (Gernot), Rosa Lila PantherInnen (Heinz),Queer Klagenfurt, HOSI Linz, Gleiswechsel (Nikolaus), die Stammtische in Vocklabruck (Tho-mas), Krems, Mostviertel, Steyr, Wels, Freistadt, die HUG in Salzburg (Wolfgang), und danke analle meine schwulen oder lesbischen FreundInnen, die fleiig in ihrem Bekanntenkreis Fragebogenverteilt haben.

    Danke an die wackeren Manner der freiwilligen Feuerwehren in Itzling, Gnigl, Elsbethen, undjene der Berufsfeuerwehr der Stadt Salzburg, an meine StudentInnen, die MitarbeiterInnen derNotschlafstelle und der Krisenintervention Salzburg, GendUp (Kirstin) und der OH Salzburg,die die Fragebogen fur die Kontrollstichprobe verteilten und selbst ausfullten.

    Danke - vor allem fur die Offenheit - an die Offiziellen, die diese Arbeit finanziell oder/undinhaltlich unterstutzten, allen voran mein Dissertationsbetreuer Prof. Dr. Joachim Sauer, Prim.Dr. Reinhold Fartacek vom Projekt Suizidpravention Salzburg, Prof. Dr. Georg Dorn (wissen-schaftstheoretisches Kapitel) und Prof. Dr. Herbert Mackinger (Zweitgutachter). Danke an Mag.Paul Arzt (Kinder und Jugendanwaltschaft Salzburg) und die AIDS-Hilfe Salzburg, und an dieStadt Salzburg und das Land Salzburg fur finanzielle Unterstutzung. Danke an die Korrektur-LeserInnen und DiskutantInnen August, Verena (hoffentlich hast Du jetzt keine Tabellenphobie),Sabine, Simon, Angela, Heinz und Niki.

    Besonderen Dank aber an alle die Menschen, die mein Leben lebenswert machen und die ichnicht missen mochte:

    August: Weil du an mich glaubst, mich tragst, und mich bereicherst. Ich hoffe, dass das nochlange so bleibt.Jani: Mein absolut unersetzbarer, treuer und teurer Freund!Gregor: Fur die Erkenntnis, dass man auch spater zweifeln kann, und dass zwei Bier besser sindals eines.Sabine und Verena: Mit euren kritischen Geistern ging es immer ans Eingemachte, oft bei ser-viertem Hausgemachten. Eure Freund- und Gastfreundschaft macht Salzburg ein paar Gradwarmer.Erwin: Danke fur die schone Zeit als Studien- und uberhaupt-Begleiter.Danke Mama und