Roland Schimmelpfennig - dtver.de Bestimmungen £¼ber das Auff£¼hrungsrecht des St£¼ckes Wintersonnenwende

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Text of Roland Schimmelpfennig - dtver.de Bestimmungen £¼ber das Auff£¼hrungsrecht...

  • Roland Schimmelpfennig

    Wintersonnenwende

    F 1566

  • Bestimmungen ber das Auffhrungsrecht des Stckes

    Wintersonnenwende (F 1566)

    Dieses Bhnenwerk ist als Manuskript gedruckt und nur fr den Vertrieb anNichtberufsbhnen fr deren Auffhrungszwecke bestimmt. Nichtberufsbhnenerwerben das Auffhrungsrecht aufgrund eines schriftlichen Auffhrungsvertrages mitdem Deutschen Theaterverlag, Grabengasse 5, 69469 Weinheim, und durch den Kaufder vom Verlag vorgeschriebenen Rollenbcher sowie die Zahlung einer Gebhr bzw.einer Tantieme.Diese Bestimmungen gelten auch fr Wohlttigkeitsveranstaltungen und Auffhrungenin geschlossenen Kreisen ohne Einnahmen.Unerlaubtes Auffhren, Abschreiben, Vervielfltigen, Fotokopieren oder Verleihen derRollen ist verboten. Eine Verletzung dieser Bestimmungen verstt gegen dasUrheberrecht und zieht zivil- und strafrechtliche Folgen nach sich.ber die Auffhrungsrechte fr Berufsbhnen sowie ber alle sonstigen Urheberrechteverfgt der S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt/Main

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    WINTERSONNENWENDE

    von

    Roland Schimmelpfennig

    2013 / 2014

    Berlin / La Habana / Santa Marta

    29.1.2014

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    Personen:

    ALBERT

    BETTINA

    CORINNA

    RUDOLPH

    KONRAD

    Marie und Naomi, beide nicht sichtbar.

    Die Texte neben den Dialogen werden gesprochen

    soweit mglich.

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    1.1.

    ALBERT und BETTINA, beide mehr als gereizt.

    ALBERT

    Warum kannst du deine Mutter nicht begren?

    Warum begrt du nicht einfach deine Mutter?

    BETTINA

    Ich habe doch

    ALBERT

    Warum mu ich das machen, jedes Mal, wenn sie zu

    Besuch kommt -

    BETTINA

    Ich mute weil ich dringend mit dem -

    ALBERT

    Jedes Mal, wenn sie zur Tr reinkommt, rennst du

    irgendwo hin, oder du hrst nicht auf zu

    telephonieren -

    BETTINA

    Ich konnte nicht ich hatte den Produz

    ALBERT

    Und dann stehe ich da mit ihr

    BETTINA

    Wenn ich mit dem Produz

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    ALBERT

    Dann stehe ich da mit ihr, ich stehe da, und ich

    mache Kon-ver-sa-tion und ich hasse Konversation!

    1.2.

    Klaviermusik. Chopin. Nocturne Nr. 2.

    Winter.

    Es ist Abend.

    Warmes Licht.

    Drauen ist es Nacht:

    Es ist eine sehr kalte Nacht des Nordens,

    und es schneit

    hinter den groen Fenstern.

    Titel.

    1.3.

    ALBERT

    Warum begrt du sie nicht einfach?

    BETTINA

    Begren - ich konnte nicht -

    ALBERT

    Du begrt sie nicht, und du lt mich mit ihr

    stehen -

    BETTINA

    Der Produzent war wichtiger, du wrdest auch nicht

    deine Lekto -

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

    7

    1.4.

    Produzent.

    Er hat das Wort. Und er wei, da sie nicht mit

    dem Produzenten gesprochen hat, sondern mit

    irgendjemand anders.

    Sein wtendes Gesicht.

    Ihr wtendes Gesicht.

    Drauen fllt Schnee durch den Lichtkreis der

    Laternen der Grostadt.

    Sie streiten sich, aber sie streiten sich

    mit unterdrckten Stimmen, damit die Mutter sie

    nicht hrt

    und nicht das Kind.

    1.5.

    BETTINA

    Der Produzent war wichtiger, du wrdest auch nicht

    deine Lektorin -

    ALBERT

    Was heit wichtiger, das machst du immer, glaubst

    du, das merkt die nicht, glaubst du, das merke ich

    nicht, glaubst du, das merkt Marie nicht?

    BETTINA

    Ach komm wenn du -

    ALBERT

    Und das ist jedes Mal so, jedes Mal -

    BETTINA

    Was geht dich das an

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    ALBERT

    Ich mache da nicht mehr mit,

    nein, Ende, ich mache da nicht mehr mit dieses

    Mal ist Schlu -

    BETTINA

    Weit du was?

    ALBERT

    Was?

    BETTINA

    Leck mich am Arsch.

    1.6

    Ein grobrgerliches Wohnzimmer unserer Zeit.

    Altbau. Europa.

    Die Leute, die hier wohnen, haben Geschmack, sie

    verbinden gekonnt Modernes mit Altem, sie haben

    genug Geld, aber es mu auch nicht alles perfekt

    sein.

    Ikea trifft Biedermeier und Charles Eames und

    Flohmarkt.

    Sie lesen Bcher, sie haben studiert.

    1.7.

    BETTINA

    Leck mich am Arsch. Halt dich einfach raus

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    ALBERT

    Raushalten wie soll ich mich raushalten ich

    stehe ja im Flur mit ihr, ich, nicht du, du

    telephonierst ja, es ist doch ein Gebot der

    Hflichkeit, es ist doch ein Gebot des Respekts

    1.8.

    Hohe Rume, Flgeltren.

    Sehr viel Platz.

    Sehr viele Bcher.

    Ein altes Klavier.

    Die Leute, die hier wohnen, haben in ihrem Leben

    niemals eine konservative Partei gewhlt. Sie sind

    nicht lter als Mitte Vierzig, knnen aber jnger

    sein. Vielleicht sind sie erst Ende Dreiig.

    Sie sind dort angekommen, wo sie hinwollten.

    An einer Wand ein sehr groes lbild, das Werk

    eines Freundes.

    Eine groe, expressive Arbeit. Es ist schwer zu

    erkennen, was das Bild darstellt. Vielleicht

    mehrere menschliche Krper.

    Schmerz.

    Lust.

    Abhngigkeiten.

    Verletzungen.

    1.9.

    ALBERT

    Es ist doch ein Gebot der Hflichkeit, es ist doch

    ein Gebot des Respekts

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    1.10.

    Hflichkeit und Respekt:

    Bettinas Augen werden bei diesen Begriffen schmal

    vor Wut.

    Seit acht Jahren haben Bettina und Albert ein Kind,

    ein Mdchen, Marie.

    1.11.

    BETTINA

    Meine Mutter und ich haben lngst jedwede

    Hflichkeit und jedwede Form des Respekts hinter

    uns gelassen - mach dir keine Sorgen.

    1.12.

    Jedwede. Sie sagt jedwede.

    Er, Albert, ist Verleger, Soziologe, Historiker und

    angesehener Essayist. Manchmal schreibt er auch

    Prosa, Erzhlungen.

    Er ist ein Intellektueller wie er im Buche steht:

    lssig bis nachlssig bis verkrampft und

    unkrperlich mit Brille, scheinbar uneitel und

    eitel zugleich.

    Bettina, schlank, gutaussehend, kreativ,

    hochintelligent, eine elegante Frau, auch wenn sie

    an diesem Abend nur ein paar Jeans und ein weies

    T-Shirt trgt - Bettina hat viele Talente,

    vielleicht zu viele: sie hat als Autorin

    gearbeitet, als Tnzerin, als Bhnenbildnerin, als

    Illustratorin, aber jetzt macht sie schon seit

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    einigen Jahren das, was sie eigentlich immer machen

    wollte:

    Sie dreht ihre eigenen Filme. Es sind kluge,

    manchmal sperrige, ungewhnliche, und deshalb

    schwer verkufliche Filme, keine Massenware.

    1.13.

    BETTINA

    Aber was geht dich das berhaupt an? Was geht dich

    das an?

    ALBERT

    Was mich das angeht, wenn du dich verkriechst -

    1.14.

    Das ie - in verkriechst klingt so, als ob ihm die

    Stimme wegrutschen wrde.

    1.15.

    BETTINA

    Verkriechen? Das war ein wichtiges Gesprch -, die

    wollen das Script ndern, die sagen, es sei zu -

    1.16.

    Immer jemand, der das Script ndern will, ein

    Produzent, ein Redakteur.

    Es fehlt die Aggression, hatte der Produzent

    gesagt.

    Mehr Weltuntergang, hatte der Produzent gesagt.

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    1.18.

    BETTINA

    Die wollen das Script ndern, die sagen, es sei zu

    -

    ALBERT

    Was mich das angeht, wenn du mich mit ihr alleine

    lsst -

    BETTINA

    Und wenn ich nicht bis - ich

    ALBERT

    Ja, aber nicht bis heute

    BETTINA

    Bis heute ich stehe mit dem Rcken an der -

    1.18.

    Ich, ich, ich, sie sagt immer ich, denkt Albert.

    1.19.

    ALBERT

    Oder soll ich ihr einfach nicht die Tr aufmachen?

    Oder soll ich die Tr aufmachen, was du ja nicht

    tust, wenn sie klingelt, und sie dann allein

    drauen im Treppenhaus stehen lassen, was fr eine

    Demtigung -

  • WINTERSONNENWENDE von Roland Schimmelpfennig Fassung vom 29.1.2014 S. Fischer Verlag

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    1.20.

    Zur selben Zeit im Badezimmer.

    Das Gesicht einer Frau um die Mitte Sechzig oder

    auch lter im Spiegel. Bettinas Mutter, Corinna.

    Eine eindrucksvolle Erscheinung, eine starke Frau,

    der nordische Typ.

    Sie schminkt sich die Lippen.

    1.21.

    Gleichzeitig im Wohnzimmer.

    ALBERT

    Was fr eine Demtigung

    1.22.

    Corinna kommt zwei- oder dreimal im Jahr zu Besuch.

    Sie kommt aus einer anderen Stadt mit der Bahn.

    In der Regel ist whrend dieser Besuche die

    Stimmung zwischen Mutter und Tochter anfangs sehr

    angespannt, dann mit Hilfe von gutem und teurem

    Wein ausgelassen und spter, sptestens am dr