Ring-chromosom 18

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  • Humangenetik 15, 289--318 (1972) by Springer-Verlag 1972

    ~ b e r s i c h t s a r t i k e l . R e v i e w s R e v u e s g~n~T'a les

    Ring-Chromosom 18 E i n 1 8 p - - / 1 8 q - - - D e l e t i o n s s y n d r o m *

    J . K u d z u , E. Sm~PHA~ und M. TOLKSDOI~F

    Kinderklinik der Christian Albrechts-Universitgt Kie]

    Eingegangen am 30. Mai 1972

    Ring Chromosome 18 18 p--/18q--- Deletion-Syndrome

    Summary. We report a patient with ring chromosome 18, whose clinical symptoms are characterized by dystrophy, short stature, psychomotorical retardation, microcephalus dys- crania, mid-face dysplasia with carpshaped mouth, hypertelorism, epicanthus, dysplasia of the external ears, stenosis of the ear canals, hearing loss, spindle-shaped fingers, hypotonia of the muscles, congenitM heart defect, increased numbers of whorles on the fingertips; there is no IgA-deficiency. The phenotypical symptoms of previously published cases with 18r, 18p-- and 18q-- are summarized and discussed. In our opinion delineation of a separate 18 ring syn- drome is not justified. All the 18r cases described in the literature clinically overlap with the 18p-- and 18q-- patients; we therefore suggest to call it an 18p--/18q-- deletion-syndrome.

    Zusammen/assung. ~Vir berichten fiber einen Patienten mit Ring-Chromosom 18, dessen klinische Symptomatik durch Dystrophic, Minderwuchs, stato-motorische und geistige Retar- dierung, Mikrocephalie, Dyskranie, Mittelgesichtsdysplasie mit ,,carpshaped mouth", Hyper- telorismus, Epikanthus, OhrmuschelanomMien, Ohrkanalstenose, beeintriichtigtes HSren, spindelf6rmige Finger, Muskelhypotonie, kongenitMen Herzfehler, vermehrte Wirbelbildung auf den Fingerbeeren und fehlenden IgA-M~ngel ausgezeichnet ist. Phfinische Merkmale der bisher publizierten F:41le mit 18r, 18p-- und 18q-- werden zusammengestellt und unterein- ander verglichen. Ein klar umrissenes 18 P~ing-Syndrom 15~Bt sich unseres Erachtens nicht abgrenzen. Alle beschriebenen 18r-Fi~lle zeigen klinisch Uberg/~nge zu den Symptomkomplexen yon 18p--- und 18q---Patienten, so dab wir yon einem 18p--/18q---Deletionssyndrom sprechen mSchten.

    Seit der Ers tbesehre ibung eines Ring-Ohromosoms 18 be im Mensehen dureh W a n g et al. (1962) w~arden 37 Feh lb f idungskomplexe im Zusammenhang mi~ einem Ring 18 bekann t .

    W i t beobaehteter~L einen wei teren P a t i e n t e n mi t 18 Ring-Chromosomen, der uns Anlal3 zu einem dif ferent ia ldiagnost isehen Vergleieh der 1 8 p - - - und 18q - - - , ,Syn - d rome" gab.

    Kasuistik

    S. K. , geb. 29 .5 . 1971

    Anamnese. Familienanamnese unauffSJlig. Keine KonsanguinitS~t der Eltern. Ein jetzt 4jiihriges Geschwisterkind ist gesund und psychomotorisch altersentsprechend entwickelt.

    * Die cytogenetisehen Untersuchungen wurden mit Unterstiitzung durch die Deutsche Forsehungsgemeinschaft durchgefiihrt.

    21 ttumangenetik, Bd. 15

  • 290 J. Kunze, E. Stephan und M. Tolksdorf:

    Keine Aborte. Mutter bei der Geburt 253/12 Jahre, Vater 266/12 Jahre alt. Unauff/~llige Schwan- gersehaft, keine g5ntgenbelastung. Mens I Zahnextraktion (Novocain, Gelonida); mens VII RSte]nkontakt. Die Mutter erkrankte nieht. Spontanentbindung aus Sehgdellage. Apgar 10. Geburtsgewicht 3360 g, Lgnge 49 era, Kopfumfang 32 cm, Brustumfang 32,5 cm, Bauch- umfang 28,5 cm. Geschlecht des Kindes: weiblich. Post partum keine Cyanose, keine neuro- logischen Auff/illigkeiten, keine Krgmpfe. Am 3. Lebenstag stationgre Einweisung in unsere K]inik von einem auswiirtigen Kr~nkenhaus wegen Trinkschwgche und Verdacht ~uf Vitium cordis congenitum.

    Abb. 1. S. K., 3 Monate alt

    Abb. 2. Mittelgesichtsdysplasie mit eingezogener Nasenwurzel, Epikanthus und Karpfenmund

    Abb. 3. Wenig modellierte Ohrmuscheln, prominente Anthelix, vorspringender Antitragus

  • Ring-Chromosom 18 291

    Klini~'~he Be/unde 3 T~ge Mtes, weibliches Neugeborenes mit Braehycephalie, Mittelgesichtsdysplasie, Epi-

    canthus mediMis beidseits, Hypertelorismus, eingesunkener Nasenwurzel, auffallender Mnnd- region mit abfallenden Mundwinkeln und hiingender, wulstiger Unterlippe, Progenie, hohem Gaumen, Uvula bifida, wenig modellierten, normM angesetzten Ohrmuscheln mit prominenter Anthelix und vorspringendem Antitragus, Aui~erer GehSrgang eng und gewunden. Kurzer HMs, tiefer Nackenh~aransatz. Kurze H~nde mit spindelfSrmigen Fingern. GenerMisierte Muskelhypotonie (die Abb. 1--3 zeigen die Patientin im Alter yon 3 ~onaten). Relativ guter Allgemeinzustand, keine Cyanose, keine Dyspnoe, regelrechtes Pulsverhalten. Anskultatorisch f~nd sich ein fast holosystolisches Ger~usch, Grad III/IV, mit p.m. fiber dem 3. und 4. ICR links, das nach lateral und zum P~iicken hin fortgeleitet wurde. Herzt6ne unauff~llig. Leber und Milz nicht vergr6Bert. - - EKG: Gr61~ter QRS-Vektor -~ 90 . Sinnsrhythmus, P dextro- cardiale. Keine Hyperi~rophiezeichen. Das PKG entsprach dem Ausknltationsbefund. - - R6ntgen-Thorax a.p. und seitlich: Rechtsbetonter, nicht vergrSl]erter Herzschatten mit leicht angehobener Spitze. Lungengef~Szeichnung vermindert. Zeichen einer Thymushyperpiasie.

    Die im Alter yon 2 Wochen durchgeffihrte Herzk~theteruntersuchung ergab oxymetrisch und mit Hilfe der Farbstoftdiagnostik keinen Hinweis auf einen bedeutsamen Shunt. Die Druckwerte waren im reehten Ventrikel mit 41/0 mm Hg gering erh6ht. Die Kineangiokardio- graphie zeigte w~hrend des I)extrogramms im a.p.-Strahlengang einen n~ch links rotierten, vergrSl~erten, vermehrt trabekulierten rechten Ventrikel mit unregelmg[3iger Begrenzung des linken oberen Randes, systolisch und diastolisch rundliche Kontrastmittelaussparung im Bereich der Ausflui~bah~x, wahrscheinlich bedingt durch das verdickte septa]e Band der Crista supraventrikularis./)er rechi~e Ventrikel kontrahierte sich lebhaft. Unter der Injektion in den rechtenVentrikel kam es zu einem wohl dutch die Lage des Herzkatheters bedingten Reflux in den leicht vergr61~erten rechten Vorhof. Die Pulmona]gef~ESe waren hypoplastisch. Um- schriebene Stenosen kanaen nicht zur Darstellung. Das L~evogramm war bis anf einen distalen Abgang des Truncus brachiocephalicus und eine leichte Ektasie der Aorta ascendens unauf- f~llig. - - Kardiologische Beurteilung: Puhnonalgef~l~- und AortenbogenanomMien. Atypische Muskeltr~beknlierung des rechten Ventrikels.

    R6ntgenbe/unde des 8keletsystems mit 6 Monaten. Brachycephale Kopfform, abgeflachtes 0cciput, etwas weite Sell~. Grol~e Fontanelle welt often. Einige Nahtinseln in der Lambd~naht. Kurzer Oberkiefer im Vergleich zum Unterkiefer. Un~uff~llige I-Iandskeletknochenstru]~tur. Grazile Endglieder. Kurzes Daumenendglied. Handwurzelknochen entsprechen dem 6. Lebens- monet. Angedeu~ete Flfigelform der Beckenschaufeln. Plumpe, senkrecht verlaufende Sitzbeine. Keine Pfannendyspl~sie.

    Weitere Be/uncle

    Blutgruppe 0, CDe/C, keine irregul~ren AntikSrper. Negativer Antiglobulintest. HAH- Test und KBR auf RSteln bei Mutter und Kind 1 : 80 bzw. 1 : 5, unver~ndert nach 4 Wochen. KBI~ auf CytomegMie bei Mutter und Kind negativ. Sabin-Feldman-Test nnd KBR auf Toxoplasmose 1:4 bzw. negativ. Der hypothyreote Aspekt des Kindes veranlM~te eine Schild- drtisendiagnostik: Anf~nglich mehrmMs leicht hyperthyreote Befunde des PI~J, T-3- und T-4-Wertes. 2 Monate sp~ter euthyreote Befunde. IgA, IgM und IgG bei Mutter und Kind bei wiederho]ten Kontrollen Mtersentsprechend. - - ])as i.v.-Pyelogramm lie8 keine patho- ]ogisehen Befunde erkennen. - - EEG: o. B.

    Kontrolluntersuchung im Alter yon 6 Monaten. G ewieht 5400 g, L~nge 64 era, Kopfumfang 40,3 cm. Keine Kr~mpfe. L~eheln und Kopfheben bus ~auch- und Riickenlage bald nach der station~ren Entlassung im Alter von 4 Monaten zu Hause erlernt. Kopfhalten Ende 4./Anf~ng 5. Monet. Aktives Rollen vom Rficken auf den Bauch. Keine Sitzreaktion. Keine Z~hne. Taubheit (?).

    Mit 8 Monaten. Gewieht 6650 g, Lgnge 66 era, Kopfumfang 42,5 cm. Kind sitzt nicht. Keine Stehbereitschaft. Im Audiogramm verringerte HSrleistung.

    Dermatoglyphen

    8 Wirbelbildungen der Fingerendglieder I I - -V beidseits, beide Daumen zeigen ulnare Sehleifen. Triradius beidseits o. B. Thenar und tIypothenar reehts ohne Musterbildung, links Wirbelbildung.

    21"

  • 292 J. Kunze, E. Stephan und M. Tolksdorf:

    Abb. 4. Autor~diographie. Relolikationsmuster einer Lymphocytenmitoso mit 18 l~ing- Chromosom

    Cytogenetik X-Chromatin positiv (26% Barr-bodies, 6 drumsticks/340 Granulocyten). Die

    Chromosomenanalyse nach Lymphocytenkurzzeitkulturen zeigt ein ringfSrmig konfiguriertes Autosom innerhalb der E-Gruppe. Mit Hilfe der Autoradiographie nach aH-Thymidin-Inkorporation (Abb. 4 u. 5) und der , ,banding-pattern-method" - - Methode nach Chaudhuri et al. (1971) - - (Abb. 6) konnte das Ring-Chromosom als Ring Nr. 18 identifiziert werden. Es kam in allen - - insgesamt 90 - - z. T. nach Mikrophotographie zum Karyo typ geordneten, z. T. im Mikroskop analysierten Mitosen zur Darstellung.

    Der Karyo typ der Eltern ist normal.

  • Ring-Chromosom 18 293

    Abb. 5. Chromosomengruppen D und Emi t 18 Ring-Chromosom aus 3 Mitosen. Autoradio- gr~ph![sche Markierung nach 3H-Thymidin-Inkorporation

    Abb. 6. B~nding-Muster. Gruppe E

    Diskussion

    Ringbildung eines Chromosoms se~zt~ Chromosomenbriiche mit Verlust geneti- schen Materials voraus. Deletion am kurzen und langen Arm eines Chromosoms fiihrt zu ,,Klebstellen", wobei die beiden Bruchh1ften des meist grSl~eren inter- kalaren Segmentes miteinander verschmelzen und so zur Ringbildung fiihren. Go- lomb et al. (1971) erbrachten durch quantitat ive elektronische Untersuchungen wohl den endgtiltigen Beweis des bisher theoretisch geforderten Sttickverlustes bei dieser Chromosomenstrukturanaomalie.

  • 294 J. Kunze, E. Stephan un