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Okolište – Grabung und Geomagnetik eines zen- tralbosnischen Tells aus der ersten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrtau- sends von Z. Kujundžič-Vejzagič, J. Müller, K. Rassmann, T. Schüler www.jungsteinSITE.de 24. Januar 2004 Lage und Bedeutung Bosnien ist einerseits ein durch Gebirgszüge und Hügelketten geschlossen wirkendes Land mit kleineren und größeren Sied- lungskammern, andererseits seit Jahrtausenden eine wichtige Verbindungsroute zwischen zentraldonauländischen Gebieten und dem adriatisch-mediterranen Raum. Seit dem Frühneolithikum ist die Bedeutung dieser Route entlang der Flussläufe von Neretva und Bosna nachgewiesen und in ihrer hohen Bedeutung erkannt (Benac 1973; Gimbutas 1974; Rasson 1983; Müller 1994; ders. 2000). Im zentralen Übergangsbereich beider Flusssysteme fin- den sich 36 Fundplätze der Butmir-Kultur, die als deutlich ab- grenzbare mittel- und spätneolithische Gruppe sowohl Elemente des zentralen Donauraumes als auch des Adriaraumes verbindet (Peric 1995). Die Butmir-Siedlungshügel befinden sich entweder in Seitentälern der Bosna an kleineren Flüssen oder direkt im Bosna-Tal. Hier sind es die Siedlungskammern von Sarajevo, Vi- soko und Zenica, die abgeschlossene Siedlungssysteme der But- mir-Gesellschaften bilden. Während im Becken von Sarajevo Butmir den größten Tell darstellt (vgl. Fiala/Hoernes 1898;Ra- dimský/Hoernes 1985), ist es im Visoko-Becken Okolište. Allerdings handelt es sich bei Okolište mit ca. 7,5 Hektar Siedlungsfläche (zentraler Siedlungshügel und Vorbereiche, in denen über Boh- rungen Kulturschichten nachgewiesen werden konnten [„Vorsied- lung“]) um den größten Tell Bosniens überhaupt. Vier weitere Fundplätze der Butmir-Kultur gruppieren sich wohl als abhängige Siedlungen um diesen Haupttell des Visoko-Beckens (Abb. 1). Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen dem Bosnisch- Herzegovwinischen Nationalmuseum Sarajevo, dem Stadtmuse- um Visoko, der Römisch-Germanischen-Kommission des Deut- schen Archäologischen Institutes und der Universität Bamberg wurden im Jahr 2002 kleinere Grabungen als Voranalysen für das geplante siedlungsarchäologische Gemeinschaftsprojekt durchgeführt. Es gelang, einen durch Größe und Fundspektrum herausragenden Siedlungshügel der Butmir-Kultur als zentralen Siedlungsplatz des Mittel- und Spätneolithikums zu identifizieren: In Okolište wurden die oberen Siedlungshorizonte in einem Teil- bereich erfasst. 2003 folgten dann geomagnetische Prospektio- nen, um die Ergebnisse der Grabungen in bezug zum gesamten Siedlungshügel von Okolište zu stellen. Weiterhin wurden geo- magnetische Prospektionen an zwei der genannten Tells der Um- gebung durchgeführt, u.a. mit neuen Ergebnissen zu Obre II. Tell Okolište und die Grabungsstrategie Vom Fundplatz Okolište sind seit den 50er Jahren reiche Ober- flächenfunde bekannt. Durch eine Sondagegrabung des Bosni- sch-Herzegowinischen Landesmuseums Sarajewo im Jahr 1968 wurden zwei Meter mächtige spätneolithische Siedlungsschichen erfasst. Eigene Bohrungen im April 2002 bestätigten deren weit- räumige Ausdehnung und die Mächtigkeit der Siedlungsschichten bis zu 3,5 m (W. Schulz, Institut für Geographie Köln, vgl. Bei- trag) (Abb. 2). Der Siedlungshügel erhebt sich bis zu 405,7 m über NN auf einer pleistozänen Flussterrasse der Bosna (Abb. 2). Er bildet eine leicht abgerundet rechteckige Grundstruktur mit Seitenlängen von 330 bis 270 Metern. Aufgrund der geringen neuzeitlichen Bebauung im zentralen Bereich der Siedlung, des reichen Fundmaterials und der stratigraphischen Beobachtungen Zusammenfassung: Bei Ausgrabungen des spätneolithischen Tells von Okolište (Zentralbosnien) konnten in Verbindung mit der geomagnetischen Pro- spektion die Grundzüge eines Siedlungspla- nes aus der Zeit um 4800 v.Chr. erkannt wer- den. Neben der Befestigung sind es regel- mäßige Hausanlagen, die das Bild einer de- tailgerecht geplanten Dorfanlage vermit- teln, die wahrscheinlich zentrale Funktio- nen in der Siedlungskammer von Visoko ein- nahm. Summary: Excavations and a geomagnetic survey took place at the site of Okolište, a settlement mound in Central Bosnia. The reconstruc- tion of a settlement plan was possible, which displays beside a huge defence system the regularly planned rows of houses of the time around 4800 BC. The village fulfilled pro- bably central functions within the Visoko basin.

Lage und Bedeutung Okolište – Grabung und · PDF file Kujundžič-Vejzagič/Müller/Rassmann/ Schüler Okolište – Grabung und Geomagnetik Artikel vom 24. Januar 2004 Seite 2

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    Okolite Grabung und Geomagnetik

    Artikel vom 24. Januar 2004

    Seite 1

    Okolite Grabung undGeomagnetik eines zen-tralbosnischen Tells ausder ersten Hlfte des 5.vorchristlichen Jahrtau-

    sends

    von Z. Kujundi-Vejzagi, J. Mller,K. Rassmann, T. Schler

    www.jungsteinSITE.de24. Januar 2004

    Lage und Bedeutung

    Bosnien ist einerseits ein durch Gebirgszge und Hgelkettengeschlossen wirkendes Land mit kleineren und greren Sied-lungskammern, andererseits seit Jahrtausenden eine wichtigeVerbindungsroute zwischen zentraldonaulndischen Gebieten unddem adriatisch-mediterranen Raum. Seit dem Frhneolithikum istdie Bedeutung dieser Route entlang der Flusslufe von Neretvaund Bosna nachgewiesen und in ihrer hohen Bedeutung erkannt(Benac 1973; Gimbutas 1974; Rasson 1983; Mller 1994; ders.2000). Im zentralen bergangsbereich beider Flusssysteme fin-den sich 36 Fundpltze der Butmir-Kultur, die als deutlich ab-grenzbare mittel- und sptneolithische Gruppe sowohl Elementedes zentralen Donauraumes als auch des Adriaraumes verbindet(Peric 1995). Die Butmir-Siedlungshgel befinden sich entwederin Seitentlern der Bosna an kleineren Flssen oder direkt imBosna-Tal. Hier sind es die Siedlungskammern von Sarajevo, Vi-soko und Zenica, die abgeschlossene Siedlungssysteme der But-mir-Gesellschaften bilden. Whrend im Becken von SarajevoButmir den grten Tell darstellt (vgl. Fiala/Hoernes 1898;Ra-dimsk/Hoernes 1985), ist es im Visoko-Becken Okolite. Allerdingshandelt es sich bei Okolite mit ca. 7,5 Hektar Siedlungsflche(zentraler Siedlungshgel und Vorbereiche, in denen ber Boh-rungen Kulturschichten nachgewiesen werden konnten [Vorsied-lung]) um den grten Tell Bosniens berhaupt. Vier weitereFundpltze der Butmir-Kultur gruppieren sich wohl als abhngigeSiedlungen um diesen Haupttell des Visoko-Beckens (Abb. 1).

    Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen dem Bosnisch-Herzegovwinischen Nationalmuseum Sarajevo, dem Stadtmuse-um Visoko, der Rmisch-Germanischen-Kommission des Deut-schen Archologischen Institutes und der Universitt Bambergwurden im Jahr 2002 kleinere Grabungen als Voranalysen frdas geplante siedlungsarchologische Gemeinschaftsprojektdurchgefhrt. Es gelang, einen durch Gre und Fundspektrumherausragenden Siedlungshgel der Butmir-Kultur als zentralenSiedlungsplatz des Mittel- und Sptneolithikums zu identifizieren:In Okolite wurden die oberen Siedlungshorizonte in einem Teil-bereich erfasst. 2003 folgten dann geomagnetische Prospektio-nen, um die Ergebnisse der Grabungen in bezug zum gesamtenSiedlungshgel von Okolite zu stellen. Weiterhin wurden geo-magnetische Prospektionen an zwei der genannten Tells der Um-gebung durchgefhrt, u.a. mit neuen Ergebnissen zu Obre II.

    Tell Okolite und die Grabungsstrategie

    Vom Fundplatz Okolite sind seit den 50er Jahren reiche Ober-flchenfunde bekannt. Durch eine Sondagegrabung des Bosni-sch-Herzegowinischen Landesmuseums Sarajewo im Jahr 1968wurden zwei Meter mchtige sptneolithische Siedlungsschichenerfasst. Eigene Bohrungen im April 2002 besttigten deren weit-rumige Ausdehnung und die Mchtigkeit der Siedlungsschichtenbis zu 3,5 m (W. Schulz, Institut fr Geographie Kln, vgl. Bei-trag) (Abb. 2). Der Siedlungshgel erhebt sich bis zu 405,7 mber NN auf einer pleistoznen Flussterrasse der Bosna (Abb. 2).Er bildet eine leicht abgerundet rechteckige Grundstruktur mitSeitenlngen von 330 bis 270 Metern. Aufgrund der geringenneuzeitlichen Bebauung im zentralen Bereich der Siedlung, desreichen Fundmaterials und der stratigraphischen Beobachtungen

    Zusammenfassung:Bei Ausgrabungen des sptneolithischenTells von Okolite (Zentralbosnien) konntenin Verbindung mit der geomagnetischen Pro-spektion die Grundzge eines Siedlungspla-nes aus der Zeit um 4800 v.Chr. erkannt wer-den. Neben der Befestigung sind es regel-mige Hausanlagen, die das Bild einer de-tailgerecht geplanten Dorfanlage vermit-teln, die wahrscheinlich zentrale Funktio-nen in der Siedlungskammer von Visoko ein-nahm.

    Summary:Excavations and a geomagnetic survey tookplace at the site of Okolite, a settlementmound in Central Bosnia. The reconstruc-tion of a settlement plan was possible, whichdisplays beside a huge defence system theregularly planned rows of houses of the timearound 4800 BC. The village fulfilled pro-bably central functions within the Visokobasin.

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    Okolite Grabung und Geomagnetik

    Artikel vom 24. Januar 2004

    Seite 2

    wurde der Tell fr eine Probegrabung ausgewhlt. Oberflchen-funde lieen ein Auflassen ohne eine sptere Wiederbesiedlungam Ende der Butmir-Kultur erwarten.

    Abb. 1: bersichtsplan zum Visoko-Becken(Zentralbosnien) mit sptneolithischen Fund-pltzen.

    Fig. 1: The Visoko basin (Central Bosnia) withLate Neolithic sites.

    Abb. 2: Der Siedlungshgel Okolite unddie Lage der Grabungsflchen 2002. Diebebauten Flchen sind gerastert, das Gra-bungsareal ist eingezeichnet (10 x 20m).

    Fig. 2: The settlement mound Okolite andthe trenches of the campaign 2002.

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    Okolite Grabung und Geomagnetik

    Artikel vom 24. Januar 2004

    Seite 3

    Als Grabungsflche diente ein Areal, das sowohl Teile deshchsten Siedlungsbereiches als auch die Randzonen des Tellserfassen sollte. Dies war wegen begrenzter Mglichkeiten nurdort mglich, wo aufgrund der topographischen Situation naheder Bosna ein steilerer Hhenverlauf vorliegt. Dementsprechendkonnten sechs Schnitte (zusammen 150 m2) im nordwestlichenAreal geffnet werden (Abb. 2).

    Die Grabungsstrategie (z.B. 3D-Einmessung der Funde) dien-te dazu, sowohl mglichst feingliedrig die Befunde zu erfassenals auch eine mglichst genaue Fundkartierung in den Flchenvornehmen zu knnen, um im Nachhinein u.a. besser Aktivitts-areale rekonstruieren zu knnen.

    Befunde und Fundmaterial

    Auch wenn aufgrund der Grabungsmethode nur die oberen Be-reiche der nach den Bohrungen 3 m mchtigen Schichten ausge-graben wurden, konnten bereits nach ca. 30 cm Bodenabtraggrtenteils ungestrte Befunde aufgedeckt werden. Es handeltsich um verschiedene Befundkategorien.

    Herdplatten und Ofenanlagen (Abb. 4)Festgebrannte Herdplatten ovaler Form mit hochgewlbten Rn-dern, verbackene Lehmflchen unterschiedlicher Feuerfrbungund ltere Herdplatten und kleinere Steinpackungen bzw. recht-eckige Steinsetzungen bilden in stratigraphischer Abfolge die Restevon ehemaligen Kuppelfen.

    Pfostensetzungen und Wandgrbchen (Abb. 4)Ungebrannter hellgelber bis ockerfarbener Lehm bildet das Fll-material von lnglichen und rechtwinkligen Strukturen, die alsWandgrbchen von Husern angesprochen werden. Pfostenl-cher orientieren sich partiell an diesen Strukturen.

    Abb. 3: Okolite 2002: Der Grabungsge-samtplan und eine Rekonstruktion von Haus-arealen. Sie ist in der Grabungsflche auf-grund der Befundlage fr mindestens zwei,hchstwahrscheinlich aber mehr Husermglich. Gestrichelt eingezeichnet ein NW-SO ausgerichtetes des jngeren Siedlungs-horizontes, durchgezogen eingezeichnetHuser des lteren dokumentierten Sied-lungshorizontes SW-NO ausgerichtet. In denbeiden stlichen Flchen ist mit Erosion zurechnen.

    Fig. 3: Okolite 2002: The plan of the tren-ches and the reconstruction of houses. Inrespect to the features at least two, probab-ly more houses existed. A nw-se orientatedhut of the younger horizon is drawn withsolid lines; non-solid lines mark sw-ne ori-entated houses of the older settlement ho-rizon.

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    Okolite Grabung und Geomagnetik

    Artikel vom 24. Januar 2004

    Seite 4

    Verbrannte Wnde und Bauschutt von HusernGebrannter Rotlehm mit Stangenabdrcken in ausgerichteter ge-brochener Lage bildet die Reste von zusammengefallenen Wn-den. ber die Lage kann die Richtung der Wnde bestimmt wer-den. Flchig ergeben sich rechtwinklige Strukturen, die NW-SOausgerichtet sind.

    Planierte Stein- und Lehmlagen (Abb. 5)Auerhalb der Rotlehmbefunde sind flchig flache humose Lehm-lagen nachgewiesen, die mit Steinen bzw. reichhaltig Tierkno-chen und Funden gefllt und durchgehend planiert sind. Es han-delt sich um die Gehhorizonte ehemaliger Gassen.

    Werkstattpltze (Abb. 6)Anhufungen von Schleif- und Mahlsteinen in horizontaler Lagemit Halbfertigprodukten von Beilen und Rohmaterialien bzw. Ver-arbeitungsresten sind als Werkstattbereiche anzusprechen.

    Gruben (Abb. 5)Neben den genannten Pfostengruben gibt es zahlreiche andereGruben, die entweder mit braunem Schluff oder hellerem Lehmgefllt sind.

    Abb. 4: Zu den wichtigen Befunden der Gra-bung Okolite 2002 gehren Wandgrbchenund Pfostenlcher, die sich in unterschiedli-chen Grabungsarealen abzeichnen und zurRekonstruktion der ehemaligen Hausgrund-flchen dienen. Im Foto ist ein diagonaldurch das Bild verlaufendes Wandgrbchenzu erkennen, das in Schnitt 2 die Hausgren-ze des Hauses vom Herd darstellt.

    Fig. 4: The ditch of a small wall and somepostholes belong to the important featuresof the excavation 2002. They were found indifferent trenches and are used for the re-construction of houses. The photo shows thediagonal placed wall ditch, which marks theboundary of the house with the oven (back-ground).

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    Okolite Grabung und Geomagnetik

    Artikel vom 24. Januar 2004

    Seite 5

    HausbefundeDie Zusammenfassung einzelner Befunde zu Hausbefunden(insbesondere bei unverbrannten Strukturen) stellt eine Aufgabedar, die teilweise erst nach chronologischer und funktionaler Ein-ordnung des Fundmaterials mglich ist (s.u.). Abb. 3 verdeut-licht, dass aufgrund der Befunde, Fundverteilungen und chrono-logischen Ansprachen unterschiedliche sichere und unsichere Hu-ser oder Haus