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.SIAK-Journal – Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis Reuland, Pierre/Naujeck, Jens (2011): INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die besondere Rolle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation (IKPO) SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (1), 43-50. doi: 10.7396/2011_1_E Um auf diesen Artikel als Quelle zu verweisen, verwenden Sie bitte folgende Angaben: Reuland, Pierre/Naujeck, Jens (2011). INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die besondere Rolle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation (IKPO), SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (1), 43-50, Online: http://dx.doi.org/10.7396/2011_1_E. © Bundesministerium für Inneres Sicherheitsakademie / Verlag NWV, 2011 Hinweis: Die gedruckte Ausgabe des Artikels ist in der Print-Version des SIAK-Journals im Verlag NWV (http://nwv.at) erschienen. Online publiziert: 3/2013

INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die ......INTERPOL bei der Europäischen Union in Brüssel, dass INTERPOL als die einzige globale Polizeiorganisation mit 188 Mitgliedstaaten

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Page 1: INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die ......INTERPOL bei der Europäischen Union in Brüssel, dass INTERPOL als die einzige globale Polizeiorganisation mit 188 Mitgliedstaaten

.SIAK-Journal – Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis

Reuland, Pierre/Naujeck, Jens (2011):

INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die besondere Rolle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation (IKPO)

SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (1), 43-50.

doi: 10.7396/2011_1_E

Um auf diesen Artikel als Quelle zu verweisen, verwenden Sie bitte folgende Angaben:

Reuland, Pierre/Naujeck, Jens (2011). INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge. Die besondere Rolle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation (IKPO), SIAK-Journal − Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (1), 43-50, Online: http://dx.doi.org/10.7396/2011_1_E.

© Bundesministerium für Inneres – Sicherheitsakademie / Verlag NWV, 2011

Hinweis: Die gedruckte Ausgabe des Artikels ist in der Print-Version des SIAK-Journals im Verlag NWV (http://nwv.at) erschienen.

Online publiziert: 3/2013

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INTERPOL im europäischen Sicherheitsgefüge Die besondere Rolle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Organisation (IKPO)

Braucht Europa und speziell die Europäische Union eine Organisation wie INTERPOL in Zeiten sehr gut aufgestellter europäischer Agenturen, wie Europol, Frontex, Cepol und anderen, die den allergrößten Teil der polizeilichen Zusammenarbeit abdecken? Die Antwort ist eindeutig: Ja! In diesem Artikel beschreibt der Sonderbeauftragte von INTERPOL bei der Europäischen Union in Brüssel, dass INTERPOL als die einzige globale Polizeiorganisation mit 188 Mitgliedstaaten einen unerlässlichen Beitrag auch für die Sicherheit in Europa leistet und wesentlich dazu beiträgt, dem Netzwerk inter­nationaler krimineller Strukturen ein globales Sicherheitsnetzwerk entgegen zu stellen.

ALLGEMEINES Die Anforderungen an die Strafverfol­gungsbehörden sind in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Potentielle Terroristen und Gruppierungen der Orga­nisierten Kriminalität agieren global unter Nutzung modernster digitaler Technolo­gien, um ihre Anschläge und Straftaten durchzuführen und enorme illegale Gewin­ne zu realisieren, die dann wieder „gewa­schen“ den legalen Wirtschaftskreisläufen zugeführt werden. Die Schäden für die Volkswirtschaften sind exorbitant.

Folgendes Szenario: Ein Polizeibeamter hat einen Sachverhalt zu ermitteln, in dem die involvierten Straftäter mittels Internet kommunizieren, Straftaten auf fünf ver­schiedenen Kontinenten begangen wer­den, multiple Geldströme fließen, die dann letztlich in Offshore-Steuerparadie­sen versickern.

Ein derartiges Szenario, welches durch­

aus regelmäßig in der Realität stattfindet, bedarf in der praktischen polizeilichen Arbeit der Unterstützung einer global ver­netzten Polizeiorganisation.

Die IKPO-INTERPOL bietet diese Unter­stützung durch ihre vier Arbeitsprioritäten:

Globale sichere Kommunikation durch das I-24/71 Kommunikationssystem. Globale Datenbanken zu gesuchten Straftätern, Fingerabdrücken, DNA, ge­stohlenen und verloren gegangenen Rei­sedokumenten, gestohlenen Kunstge­genständen und Weiterem. Sofortige Unterstützung polizeilicher Maßnahmen weltweit rund um die Uhr durch das Command and Coordination Centre. Internationale polizeiliche Aus- und Fortbildungsmaßnahmen durch das glo­bale Netzwerk der Experten der Mit­gliedstaaten von INTERPOL.

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PIERRE REULAND, Leiter des INTERPOL-Verbindungsbüros zu den euro­päischen Institutionen in Brüssel.

JENS NAUJECK, Koordinator im Büro des Leiters des INTERPOL-Verbindungsbüros zu den europäischen Institutionen in Brüssel.

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In den vergangenen zehn Jahren wurden diese Prioritäten kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt, so dass aktuell im Durchschnitt monatlich mit Hilfe dieser Instrumente:

zehn Kinder von andauerndem sexuel­lem Missbrauch befreit werden, 500 Straftäter festgenommen werden, 2.000 gestohlene oder verloren gegange­ne Reisedokumente identifiziert werden, 3.000 gestohlene Fahrzeuge weltweit si­chergestellt werden. Das ist der konkrete praktische Mehrwert,

den INTERPOL im Rahmen der internatio­nalen Verbrechensbekämpfung leistet.

Die EU-Mitgliedstaaten haben in den vergangenen 15 Jahren die polizeiliche Zu­sammenarbeit erheblich verbessert und beschleunigt, insbesondere mit der Ein­führung und Realisierung des Schengener Informationssystems. Nichtsdestotrotz bleibt INTERPOL das „Fenster zum Rest der Welt“ für die europäischen Strafverfol­gungsbehörden.

In den vergangenen zehn Jahren haben INTERPOL und die EU ihre Partnerschaft kontinuierlich und konsequent intensiviert, wobei dies die relevanten Meilensteine des Prozesses sind:

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Development 2004–2009

STOLEN DOCUMENTS HITS + 11.214%

FINGERPRINT HITS + 1.470%

INTERPOL DEPLOYMENTS + 425%

ABUSED CHILDREN IDENTIFIED + RESCUED + 394%

NOMINAL HITS + 301%

RED NOTICES + 164%

I-24/7 COMMUNICATION EXCHANGES + 95%

Quelle: INTERPOL General Secretariat 2010

Entwicklung der Datenbestände in ausgewählten

INTERPOL-Datenbanken 2004–2009

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Im Jahr 2001 wurde die Zusammenar­beitsvereinbarung zwischen INTERPOL und Europol abgeschlossen. Auf Basis dieses Kooperationsabkommens fanden allein im Jahr 2009 rund 80 Treffen auf operativer und strategischer Ebene statt. Im Jahr 2005 verabschiedete die EU einen Gemeinsamen Standpunkt zum Aus­tausch von Daten zu gestohlenen und verloren gegangenen Reisedokumenten mit INTERPOL, was einen ersten Schritt in Richtung Interoperabilität zwischen INTERPOL- und EU-Datensystemen darstellte. Im Jahr 2008 wurde INTERPOL bei der EU offiziell akkreditiert und die Organi­sation eröffnete eine permanente Reprä­sentanz in Brüssel2, um eine privilegierte Partnerschaft zu etablieren und eine en­ge Kooperation mit dem Rat der EU, der Europäischen Kommission und dem Eu­ropäischen Parlament zu pflegen und auszubauen. Kooperationsabkommen zwischen INTERPOL und Frontex sowie Cepol3

wurden abgeschlossen. In dem 2009 verabschiedeten „Stockhol­mer Programm“ wird INTERPOL explizit als wichtiger Partner für die EU im Rah­men der externen Dimension der polizei­lichen Zusammenarbeit bezeichnet, aber auch wenn es im Rahmen der internen Di­mension darum geht, Synergien zu erzeu­gen und Redundanzen zu vermeiden.

Alle 27 EU-Staaten sind Mitgliedstaaten der IKPO-INTERPOL; einige bereits seit der Gründung der Organisation im Jahr 1923. In der heutigen Zeit, die geprägt ist von finanziellen Engpässen und wirtschaft­lichen Restriktionen auch für die nationalen Strafverfolgungsbehörden, ist es unerläss­lich, die internationale polizeiliche Zu­sammenarbeit auf Basis von Komplemen­tarität zu organisieren, speziell zwischen den Agenturen der EU und INTERPOL.

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INTERPOL hat fünf Felder identifiziert, in denen die Organisation speziellen Mehr­wert für die EU offerieren und leisten kann:

Informationsaustausch, Schutz der EU-Außengrenzen, Bekämpfung spezifischer Formen von grenzüberschreitender Kriminalität, Polizeiliche Aus- und Fortbildung, Krisenmanagement und Terrorismusbe­kämpfung.

INFORMATIONSAUSTAUSCH Hinsichtlich der Verfügbarkeit von Infor­mationen muss die EU flexibel genug sein, um auf jedes wie auch immer gearte­tes erwartetes oder unerwartetes Ereignis reagieren zu können, welches die Sicher­heit der EU-Bürger oder der EU-Institu­tionen gefährdet. In diesen Fällen ist es nicht immer möglich, das geografische Ausmaß des Ereignisses genau zu prognos­tizieren oder einzugrenzen. Daher bedarf es der schnellsten, sichersten und effektivs­ten Mittel und Mechanismen für den inter­nationalen Informationsaustausch, unab­hängig von der betroffenen Region in Europa oder dem Rest der Welt.

Ohne die existierenden Mechanis­men und Kanäle (INTERPOL, SIENA4, SIRENE5) oder künftige Systeme (SIS II6) in Frage stellen zu wollen, erscheint es zwingend notwendig, geeignete Schnitt­stellen zu schaffen, die Interoperabilität zwischen den unterschiedlichen Systemen herstellen und gewährleisten.

INTERPOL verfügt über eines der mo­dernsten und sichersten Informations- und Kommunikationsnetzwerke, an das alle 188 Mitgliedstaaten der Organisation an­geschlossen sind, inklusive aller 27 EU-Staaten. Dieses bietet ein enormes Poten­tial für einen effizienteren und besser organisierten Informationsaustausch zwi­schen EU-Staaten und dem Rest der Welt.

In diesem Zusammenhang darf auch darauf hingewiesen werden, dass es uner­

lässlich ist, den Europäischen Haftbefehl und das SIS7 mit dem „Notices-System“8

von INTERPOL zu verknüpfen, um sicher­zustellen, dass Straftäter, die innerhalb der EU gesucht werden, auch außerhalb der EU identifiziert und festgenommen werden können.

Die Interoperabilität von europäischen und INTERPOL-Informationssystemen und der damit einhergehende Informa­tionsaustausch auf Grundlage exakt defi­nierter Datenschutzbestimmungen werden zu einer Beschleunigung und Vereinfa­chung der täglichen Arbeit der Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden führen.

SCHUTZ DER EU-AUSSEN­GRENZEN Ein zweites Feld möglicher Synergien be­trifft den Schutz der EU-Außengrenzen. Für eine erfolgreiche Strategie zur Siche­rung der EU-Außengrenzen sind wiederum in Sekundenschnelle verfügbare globale Daten erforderlich, die rund um die Uhr für die Grenzkontrollbeamten abrufbar sind.

INTERPOL verfügt aktuell über ein ef­fektives Instrument zur Intensivierung der Grenzsicherheit mittels eines elektroni­schen Systems zur Abfrage von Reisedo­kumenten und zur Feststellung gestohle­ner und verloren gegangener Dokumente, die missbräuchlich genutzt werden, um Grenzen zu passieren. Dieses System steht allen INTERPOL-Mitgliedstaaten zur Ver­fügung und wird derzeit von 151 Ländern mit Daten bestückt. Derzeit befinden sich mehr als 21 Millionen Datensätze in der SLTD9-Datenbank. Im Jahr 2009 konnten durch die Nutzung dieses Systems durch nationale Kontrollbeamte mehr als 28.000 Reisedokumente identifiziert werden, die als gestohlen oder verloren gegangen registriert waren und missbräuchlich ge­nutzt wurden.

Großbritannien ist derzeit das einzige Land europaweit, welches dieses System

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Quelle: INTERPOL General Secretariat 2010

Übersicht der Entwicklung der INTERPOL Stolen

and Lost Travel Documents Datenbank10

national flächendeckend zur Kontrolle ei­nes jeden Reisenden einsetzt.

Im Lichte des Stockholmer Programms sollte dieses Instrument nicht nur an den mehr als 1.600 Kontrollstellen an den Au­ßengrenzen der EU Anwendung finden, sondern auch im Rahmen von Visaverga­ben durch die europäischen diplomati­schen Missionen im Ausland.

Auch die intensivere Zusammenarbeit zwischen INTERPOL und Frontex, basie­rend auf dem Kooperationsabkommen, welches am 28. Mai 2009 unterzeichnet wurde, soll dazu beitragen, die Grenz­sicherheit in Europa zu verbessern.

BEKÄMPFUNG SPEZIFISCHER FORMEN VON GRENZÜBER­SCHREITENDER KRIMINALITÄT Zwei besonders schwere Formen von grenzüberschreitender Kriminalität, die sich des Internets als Tatmittel bedienen, sind Cybercrime und Kinderpornografie. Das „world wide web“ kennt keinerlei na­tionale oder regionale Grenzen und die Bekämpfung der Internetkriminalität er­fordert somit zwingend globale Mechanis­

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men, welche INTERPOL nutzt und den Mitgliedstaaten zur Verfügung stellt.

Hinsichtlich Cybercrime sind dies im Besonderen:

Unterstützung operativer Maßnahmen durch ein 24/7-Netzwerk von speziali­sierten Experten der nationalen Polizei­en der INTERPOL-Mitgliedstaaten. Entwicklung von Partnerschaften und Synergien zur Entwicklung modernster technischer Möglichkeiten zur Detek­tion und Prävention von Cybercrime-Attacken im Internet in Zusammenarbeit mit INTERPOL’s globalen Partnern, wie beispielsweise Google und Microsoft. Zusammenarbeit mit der „Cybercrime Platform“ von Europol, die im Rahmen der französischen EU-Ratspräsident­schaft11 institutionalisiert wurde, um Cy­bercrime wirkungsvoll bekämpfen zu können.

Im Hinblick auf die Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet verfügt INTERPOL über ein einzigartiges Instru­ment, welches den Spezialdienststellen der Mitgliedstaaten zur Verfügung steht, um entdeckte Bilder und Videos einem globa­len Vergleich zuzuführen und insofern Hinweise zu erlangen, welche möglicher­weise zur Identifizierung des Täters, des Opfers und/oder der Missbrauchsörtlich­keit führen.

Es handelt sich hierbei um die „IN­TERPOL Child Abuse Image Database (ICAID)“, die im Jahr 2001 implementiert wurde und die mittlerweile über eine Mil­lion relevante Bilder und Videos enthält. In den vergangenen neun Jahren konnten durch die unterstützende Nutzung dieser Datenbank mehr als 1.600 Opfer aus 38 Ländern von ihrem andauernden Miss­brauch befreit werden.

Weitere Möglichkeiten zur intensiveren Bekämpfung der Kinderpornografie im Internet, die mit den Maßgaben des Stock­

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holmer Programms in Einklang stehen, sind:

Weiterentwicklung der ICAID, die auf einer Initiative der G 8 basiert, um on­line verbesserte und schnellere Ver­gleichsmöglichkeiten von Bildern und Videos für die Spezialdienststellen der Mitgliedstaaten zu ermöglichen. Intensivierte Nutzung und Zirkulation der sogenannten „INTERPOL Green Notices12“, um die nationalen Polizeien über die Reisebewegungen von verur­teilten Pädophilen innerhalb von Europa in Kenntnis zu setzen, was auch bereits im Rahmen der tschechischen EU-Rats­präsidentschaft13 beschlossen wurde. Systematische Nutzung der so genannten „INTERPOL Yellow Notices14“ als Be­standteil eines globalen Warnsystems, welches insbesondere auch die Kontrol­le von Minderjährigen an den Außen-grenzen betrifft, um sie als mögliche Missbrauchsopfer zu identifizieren und andauernden Missbrauch zu beenden. Identifizierung von Kooperationsmög­lichkeiten mit Internet Service Provi­dern sowie mit nationalen zuständigen Behörden und anderen internationalen Institutionen. Hervorzuheben ist in die­sem Zusammenhang die von Norwegen initiierte CIRCAMP15-Initiative, die sich im Rahmen der COSPOL16-Projekte mit dieser Thematik beschäftigt und die von INTERPOL unterstützt und aktiv be­gleitet wird. Cybercrime im Allgemeinen und Kin­

derpornografie im Besonderen stellen ei­ne signifikante Bedrohung für die Bevöl­kerung weltweit dar und sind eine besondere Herausforderung für die Straf­verfolgungsbehörden.

Die enge Zusammenarbeit zwischen INTERPOL und Europol im Rahmen der Bekämpfung dieser Kriminalitätsphäno­mene wird zweifellos zu signifikanten operativen Erfolgen führen und somit zu­

gleich eine deutliche Demonstration für die Bürger innerhalb und außerhalb der EU sein, die verdeutlicht, dass ein gut durchdachter, sorgfältig geplanter und pragmatischer Ansatz richtungsweisend und erfolgreich ist.

POLIZEILICHE AUS- UND FORTBILDUNG Ein weiteres globales Kriminalitätsphäno­men ist der internationale Rauschgifthandel und hier im Besonderen die so genannte „Kokain-Route“, auf der Kokain von Süd­amerika über Westafrika nach Europa ge­schmuggelt wird.

Dieses Phänomen unterstreicht die Not­wendigkeit der Unterstützung und Verbes­serung der polizeilichen Fähigkeiten und Strukturen insbesondere in der Region Westafrika, um diese Form der grenzüber­schreitenden Kriminalität wirkungsvoller und nachhaltig bekämpfen zu können, da sie auch zur Schwächung der politischen Stabilität und der sozioökonomischen Situation in der Region beiträgt.

Das „OASIS17-Projekt“ von INTERPOL, welches 2008 mit finanziellen Mitteln des deutschen Außenministeriums implemen­tiert wurde, konzentriert sich auf die Un­terstützung und den Kapazitätsaufbau der afrikanischen Polizeien und fokussiert sich im Besonderen auf Tatortarbeit, spezielle Ermittlungstechniken und Kriminalitäts­analyse sowie den Ausbau der existierenden INTERPOL-Kommunikationsstrukturen für die Nationalen INTERPOL-Zentral­büros und der INTERPOL-Regionalbüros.

Die konkreten Ergebnisse des OASIS-Projektes in den ersten beiden Jahren stel­len sich wie folgt dar:

Mehr als 100 hochrangige afrikanische Polizeibeamte nahmen an zehnwöchi­gen Aus- und Fortbildungskursen im INTERPOL-Generalsekretariat teil. Mehr als 1.500 afrikanische Polizei­beamte nahmen an Aus- und Fortbil­

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Quelle: INTERPOL General Secretariat 2010

INTERPOLs Krisenmanagement – Entsendung von

Krisenreaktions-/Interventionsteams zur Unter­

stützung der Mitgliedstaaten

dungsmaßnahmen insbesondere in den Bereichen Kraftfahrzeugkriminalität, Drogen, Markenpiraterie und Umwelt­kriminalität vor Ort in Afrika teil. Alle afrikanischen Staaten sind an das INTERPOL I-24/7 Informations- und Kommunikationssystem angeschlossen und im Rahmen des OASIS-Projektes wurden in 13 afrikanischen Ländern technische Infrastrukturen geschaffen, die die direkte Abfrage der INTERPOL-Datenbanken an Grenzkontrollstellen ermöglichen. Mehr als 1.200 afrikanische Polizeibe­amte partizipierten in von INTERPOL organisierten operativen Maßnahmen, die sich speziell auf die Sicherstellung von gefälschten Medikamenten, gestoh­lenen Kraftfahrzeugen, Elfenbein sowie weiteren illegalen Fauna-/Floraprodukten und Rauschgift fokussierten. Das Hauptziel des Projektes ist die

Schaffung nachhaltiger und kompetenter Polizeistrukturen in den Zielländern und die Kombination von Sicherheits- und Entwicklungsmaßnahmen in Form einer Vorverlagerungsstrategie zur Bekämpfung aller Formen von Organisierter Kriminali­tät, die letztlich Europa erreichen.

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In diesem Zusammenhang organisierte INTERPOL gemeinsam mit der belgischen EU-Ratspräsidentschaft ein hochrangiges Symposium zur Situation in Westafrika und den Bezug zu Europa am 30. September 2010 in Brüssel.

INTERPOL und Cepol schlossen am 16. Dezember 2008 eine Zusammenarbeits­vereinbarung ab, die zu einer Bündelung der jeweiligen Kompetenzen und Mög­lichkeiten im Rahmen der polizeilichen Aus- und Fortbildung führt und die fol­gende Schwerpunkte beinhaltet:

Abstimmung der jährlichen Arbeitspro­gramme zur Vermeidung von Redun­danzen. Aktive Beteiligung von INTERPOL-Experten im Rahmen der Cepol-Kurse und -Seminare. Ab dem Jahr 2010 hat sich INTERPOL aktiv an zahlreichen Cepol-Maßnahmen beteiligt. Mögliche gemeinsame Forschungspro­jekte.

KRISENMANAGEMENT UND TERRORISMUSBEKÄMPFUNG Im Rahmen der europäischen Sicherheits­und Verteidigungspolitik ist die EU in der heutigen Zeit in vielen Regionen der Welt präsent, um Krisen, die aus kriegerischen Auseinandersetzungen oder massiven ter­roristischen Aktivitäten resultieren, zu be­wältigen. Als Beispiele seien hier der Irak, das ehemalige Jugoslawien, Gebiete unter palästinensischer Selbstverwaltung oder der Kongo genannt.

An dieser Stelle soll aber zunächst an­hand des aktuellen Phänomens der See­piraterie dargestellt werden, wie sich die Kooperation von INTERPOL und Europol in der Praxis darstellt und bewährt.

INTERPOL, in enger Kooperation mit den Vereinten Nationen, der International Maritime Organization (IMO) und Europol, unterstützt die Bemühungen im Kampf gegen die Seepiraterie vor Ort18 durch

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Aus- und Fortbildungsmaßnahmen der Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden und der Justiz.

Dies geschieht primär durch die 24/2419-Überwachung der Situation im Golf von Aden und vor der somali­schen und kenianischen Küste durch das Command and Coordination Centre im INTERPOL-Generalsekretariat in Lyon in Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern wie IMO20, ATALANTA21 und anderen, die Untersuchung und Analyse aktueller Pirateriefälle mittels der Analysekapazi­täten von Europol in Form eines Analy­tical Work Files (AWF), die Erhebung und Sicherung von Be­weismitteln für die Ermittlungen und die Strafprozesse durch das INTERPOL-Regionalbüro in Nairobi und die Außen­stelle des Büros in Mombasa, den von der EU finanziell unterstützten Ausbau der investigativen Kapazitäten in ausgewählten afrikanischen Staaten durch die dortigen Nationalen Zentral­büros von INTERPOL in Zusammenar­beit mit East African Police Chiefs Committee (EAPCCO), den Austausch von Informationen zu ak­tuellen Trends und Entwicklungen wie beispielsweise im Rahmen einer zweitä­gigen Konferenz im INTERPOL-Gene­ralsekretariat im Januar 2010, die sich im Besonderen auf die finanziellen Aspekte und Auswirkungen der Seepiraterie fo­kussierte, wie beispielsweise Geldwä­sche und die Nachverfolgung des weite­ren Flusses der gezahlten Lösegelder.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die IKPO-INTERPOL durch ihr glo­bales Netzwerk für den Informationsaus­tausch und die globalen Datenbanken über die geeignetsten Mittel verfügt, um binnen kürzester Zeit auf Katastrophen und terro­ristische Großanschläge zu reagieren und Unterstützung anbieten zu können. Das weltweite Netzwerk von IKPO22-Spezialis­ten steht zur Verfügung, um äußerst zeitnah vor Ort in Regionen, die von Naturkata­strophen23 oder terroristischen Anschlägen betroffen sind, im Rahmen von Incident Response Teams (IRT) Unterstützung zu leisten.

Darüber hinaus hat INTERPOL seit 2001 ein weltweites Netzwerk von mittler­weile mehr als 200 nationalen Experten im Bereich der Terrorismusbekämpfung eta­bliert, welches internationale Ermittlun­gen und Fahndungen unterstützt24.

FAZIT Zusammenfassend und abschließend lässt sich feststellen, dass die IKPO-INTER­POL auf Grund ihrer weltweit einzigarti­gen Stellung und der im Artikel darge­stellten Produkte und Serviceleistungen der erste und natürliche Partner der EU ist, wenn es darum geht, die globale poli­zeiliche Zusammenarbeit und die interna­tionale Verbrechensbekämpfung zu inten­sivieren und zu fördern. Dieses Ziel gilt es gemeinsam zu erreichen, getragen von dem Gedanken der Komplementarität und im Lichte der Ausführungen des Stock­holmer Programms.

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1 Globales polizeiliches Informations- und Kom­

munikationssystem von INTERPOL, an welches

alle 188 Mitgliedstaaten der Organisation ange­

schlossen sind und mittels dessen der internatio­

nale polizeiliche Nachrichtenaustausch betrie­

ben wird. 2 Office of the Special Representative of INTER­

POL to the European Union. 3 European Police College. 4 Secure Information Exchange Network Applica­

tion ist eine Webapplikation zum Austausch von

Informationen zwischen Europol und anderen

Akteuren, vornehmlich INTERPOL. 5 Supplementary Information Request at the Na­

tional Entry. Nach Artikel 108 des Schengener

Durchführungsübereinkommens hat jeder Ver­

tragsstaat eine zentrale Stelle einzurichten, die

für den nationalen Teil des Schengener Informa­

tionssystems (N.SIS) verantwortlich ist. Diese

Stellen tragen den Namen SIRENE. 6 Schengener Informationssystem II. 7 Schengener Informationssystem. 8 Internationale (Fahndungs-)Ausschreibungen. 9 Stolen and Lost Travel Documents. 10 Datenbestand, Abfragen und Treffer 2002–2010

(1. Halbjahr). 11 2. Halbjahr 2008. 12 Internationale Ausschreibungen zur Warnung

vor überörtlich agierenden Straftätern. 13 1. Halbjahr 2009.

14 Internationale Ausschreibungen zu vermissten

Personen. 15 Cospol Internet Related Child Abusive Materi­

al Project. 16 Comprehensive Operational Strategic Planning

for the Police. 17 Operational Assistance, Services and Infra­

structure Support. 18 Derzeit primär in Kenia und den Seychellen. 19 Überwachung prinzipiell „rund um die Uhr“;

d.h., dass das Kriminalitätsphänomen der See­

piraterie von INTERPOL rund um die Uhr,

24 Stunden, 7 Tage/Woche beobachtet wird, um

schnellstmöglich auf akutelle Entwicklungen rea­

gieren zu können. 20 International Maritime Organization. 21 Die EU NAVFOR (Naval Forces) Somalia-Ope­

ration ATALANTA ist eine multinationale Mission

der EU zum Schutz von humanitären Hilfsliefe­

rungen nach Somalia, der freien Seefahrt und zur

Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somali­

as am Horn von Afrika im Golf von Aden und be­

zeichnet gleichzeitig einen multinationalen Mari­

neverband (Flottille). Die Mission ist die erste

Marineoperation der EU. 22 Indentifizierungskommissionen. 23 Unter anderem 2004 in Südostasien nach dem

Tsunami und 2010 nach dem Erdbeben in Haiti. 24 Beispielsweise nach den terroristischen An­

schlägen 2008 in Mumbai.