Heinsohn/Steiger (1981): Geld, Produktivität und Unsicherheit in Kapitalismus und Sozialismus

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  • 7/30/2019 Heinsohn/Steiger (1981): Geld, Produktivitt und Unsicherheit in Kapitalismus und Sozialismus.

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    GUNNAR HEINSOHN & OTTO STEIGER

    G e l d , P r o d u k t i v i t t u n d U n s i c h e r h e i t i n K a p i t a l i s m u s u n d S o z i a l i s m u s

    O d e r : V o n d e n L o l l a r d e n W a t T y l o r s z u r S o l i d a r i t t L e c h W a l e s a s

    aus: Leviathan, Zeitschrift fr Sozialwissenschaft, Bd. 9, 1981, S. 164-194

    in aktueller Form aufbereitetMario Schieschnek Burgstdt 2012

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    GELD,PRODUKTIVITT UND UNSICHERHEIT 1

    Gunnar Heinsohn / Otto Steiger

    Geld, Produktivitt und Unsicherheit in Kapitalismus und Sozialismus

    Oder: Von den Lollarden Wat Tylors zur Solidaritt Lech Walesas

    Die Hegelsche Vorstellung, nach der die Negation das Negierte

    zugleich bewahren msste, ist wahrscheinlich selbst der gute

    alte Aberglaube an den gttlichen Sinn, das heit die

    Affirmation des Positiven. Warum sollte ,,bewahrt werden,

    warum nicht vergessen werden? Es ist die Setzung der

    Wahrheit, die in der Philosophie doch gerade nicht

    vorausgesetzt werden darf, es ist positive Theologie.

    Max Horkheimer

    I

    Die konomische Krise der Staaten des Rats zur gegenseitigen Wirtschaftshilfe (RGW), deren Unfhigkeit, die

    programmatisch verkndete Entfesselung der Produktivkrfte ins Werk zu setzen, ist offenkundig. Dereindrucksvollste Beleg dieser Krise ist heute nicht Polen, sondern die politisch ungleich stabilere DDR. Auf

    ihrem Gebiet war aufgrund des berlegenen Maschinenbaus bis 1947 die durchschnittlicheArbeitsproduktivitt fast ebenso hoch wie auf dem Gebiet der spteren Bundesrepublik, fiel dann aber nach

    der Verstaatlichung der wichtigsten Produktionszweige innerhalb von nur 25 Jahren auf etwa 65 Prozent1

    deshiesigen Niveaus. In der CSSR mit ihrer hochentwickelten und im Kriege unzerstrt gebliebenen bhmischen

    Industrie vollzog sich die Produktivittsentwicklung nach der Verstaatlichung ziemlich hnlich.Als Ursache der Krise wird eine dem System immanente stockende konomische Entwicklung

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    diagnostiziert. Es wird aber nicht erklrt, warum dieses System, das doch fr eine dem Kapitalismus berlegeneProduktivkraftentwicklung geschaffen wurde, von sich selbst mit scheinbar berzeugenden Grnden auchtatschlich glauben durfte, eben fr solchen Zweck genau das richtige zu sein. Wir wollen nun zeigen, dass

    diese Grnde in unschlssigen Erklrungen des Kapitalismus durch Marx und den Marxismus liegen. Wir haben

    also zu zeigen, dass es sehr wohl zwischen dem konomischen System der RGW-Staaten und der Marx'schenTheorie eine direkte Verbindungslinie gibt. Das Versagen dieses Systems betrachten wir mithin zugleich alspraktische Kritik an der Marx'schen Erklrung des Kapitalismus und dabei wie zu zeigen ist besonders des

    Geldes3.

    II

    Wir werden damit beginnen, an der Marx'schen Erklrung der Entstehung des modernen Kapitalismus mit

    freier Lohnarbeit in England durch sein Konzept von der sogenannten ursprnglichen Akkumulation jene Fehlerherauszuarbeiten, fr deren Nicht-Erkenntnis dann im realen Sozialismus der Preis fehlender

    Entwicklungsdynamik gezahlt werden muss.

    1Vgl. dazu M. Melzer: Anlagevermgen, Produktion und Beschftigung der Industrie im Gebiet der DDK von 1936 bis 1978 sowie

    Schtzungen des knftigen Angebotspotentials, DIW- Beitrge zur Strukturforschung Heft 59, Berlin 1980, S. 127. Vergleicht man denKapitaleinsatz, wird erst der wahre Produktivittsunterschied deutlich, zeigt sich doch an ihm, dass die DDR mehr Kapital pro Arbeitsplatzals das BRD-Kapital aufwenden muss (1970: 8 800 Mark in der DDR und 7 200 DM in der BRD). Entsprechend lag der effektive

    Kapitalkoeffizient (Verhltnis von Bruttoanlagevermgen zum Nettoproduktionsvolumen) in der DDR 1970 bei 2,3 und in der BRD bei 1,6.Noch strker erweisen sich die Unterschiede beim Einkommen. So lag das durchschnittliche Arbeitseinkommen 1979 in der DDR mit 1.020

    Mark pro Monat ca. 50% unter demjenigen der BRD. Vgl. P. Kniersch: Die Wirtschaft der DDR an der Jahreswende 1980/81, Neue Zrcher

    Zeitung vom 6.2.19812Vgl. P. G. Hare: Economic Reform in Hungary: Problems and Prospects, in Cambridge Journal of Economics, 1977, S. 317

    3Vgl. ausfhrlich zu Abschnitt II G. Heinsohn, O. Steiger; Das Marx'sche Scheitern bei der Erklrung des modernen (i. e. englischen)

    Kapitalismus mit freier Lohnarbeit oder: Wie die neuzeitliche Geldwirtschaft wirklich zustande kommt, Diskussionsbeitrge zur Politischenkonomie Nr. 23, Universitt Bremen, 1979

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    Marx ist sich sehr frh darber im Klaren, dass er das Erscheinen des freien Lohnarbeiters auf der

    historischen Bhne richtig begreifen muss, wenn er den englischen Kapitalismus verstehen will. Am Anfang

    dieses Schauspiels sieht er einen Eigner von Geld, Produktions- und Lebensmitteln4. Dass dieser

    Geld-Anfang gar nicht ernst genug genommen werden kann, unterstreicht er mit der Aussage, dass Geld-vermgen, Kaufmannskapital

    5Ausgangspunkt der Entwicklung zum Kapitalismus mit freier Lohnarbeit wird.

    Bereits am 2.4.1858, in einem Brief an Engels, hatte er geschrieben: Die antediluvianische Form des Kapitals

    ist das Handelskapital, das entwickelt immer Geld. Zugleich Entstehung des wirklichen Kapitals aus dem Geldoder kaufmnnischen Kapital, das sich der Produktion bemchtigt

    6.

    Diese Machtergreifung stellt Marx sich nun so vor, dass die Geldleute den Plan fassen, ihr Geld durch die

    Ausbeutung freier Lohnarbeiter noch reichlicher als bis dahin zu vermehren. Da nun solche freien Lohnarbeiter

    kaum zur Verfgung stehen, setzen sie diese mit Gewalt7

    in die Welt. Wer sind nun diese Geldleute? Marxkann sich da nicht ganz eindeutig entscheiden. Er sieht sie hauptschlich whrend des 16. Jahrhunderts anihrem gewaltsamen Werke der Verwandlung der feudalen in kapitalistische Exploitation. Er entscheidet sich

    schlielich fr einen neuen Feudaladel. Bei der Betrachtung dieses Feudaladels verfngt er sich nun in Wider-

    sprchen. Er berichtet nmlich, dass die Leibeigenschaft im letzten Teil des 14. Jahrhunderts faktischverschwunden ist. Er wei berdies, dass der Landarbeiter Ende des 14. Jahrhunderts in Flle leben und

    Reichtum akkumulieren konnte und im 15. Jahrhundert das goldene Zeitalter der englischen Arbeiter inStadt und Land angebrochen war, whrend die kleinen Grundeigentmer mit ihren Familien nur noch etwa 15

    % der englischen Gesamtbevlkerung ausmachten.Da nun aber die Leibeigenschaft wie Marx sieht, verschwunden ist und die freien Arbeiter gut verdienen,

    drfte es einen Feudaladel, der ja durch Zwangsgewalt ber unfreie Arbeiter und Grundeigentum definiert ist,nicht mehr geben. Die Herkunft von Marx' neuem Feudaladel aus dem 16. Jahrhundert bleibt imZusammenhang seiner Gedankenfhrung also rtselhaft. Er macht an ihm dann weitere Beobachtungen, die

    nicht minder dunkel klingen: Er sei nmlich ein Kind seiner Zeit, fr welche Geld die Macht aller Mchte

    darstelle.

    Marx fllt damit auf, dass sein neuer Feudaladel vom gewhnlichen Feudaladel der vergangenen 1000Jahre, ber welchen das Geld keineswegs eine berragende Macht gehabt hatte, zu unterscheiden ist. Wir

    haben also nach Marx nun einen neuen Feudalherrn des 16. Jahrhunderts, obwohl wiederum nach Marxens

    eigenem Bekunden seit dem 14. Jahrhundert faktisch Feudaladel kaum noch existiert, da es kaum nochLeibeigene gibt. Dieser Feudaladel habe Macht ber Geld, aber zugleich habe das Geld Macht ber ihn und er

    tue berdies etwas, was noch nie an einem Feudalherrn beobachtet werden konnte: Statt seine unfreienArbeitskrfte mit Gewalt auf der Scholle zu halten, verjage er sie aus der feudalen Exploitation.

    Marx muss gesprt haben, dass seine Ausfhrungen unzulnglich waren. Er machte sich deshalbGedanken, warum denn der englische Feudaladel so geldgierig sei, obwohl er das noch frher nicht gewesen

    sei. Hier verfiel er zur Erklrung fr die Geldgier nun auf das unterwhlende Ausland: Den unmittelbarenAnsto dazu [zur gewaltsamen Freisetzung der leibeigenen Landarbeiter d. V.] gab in England namentlich

    das Aufblhen der flandrischen Wollmanufaktur und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Wegen einerPreisbewegung auf dem Kontinent verjage also der englische Lord seine sichere Einnahmequelle und schicke

    stattdessen Wollschafe auf seine Gter: Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Lo-sungswort.

    Nun wre es denkbar, dass bei steigenden Wollpreisen ein Feudalherr seine Wollproduktion erhhte. An

    diesen Preisen konnte er aber nicht die Gewissheit gewinnen, dass er fr alle Zukunft sein Einkommen,

    nunmehr ohne zahlreiche Leibeigene, zu sichern vermochte. Tatschlich begannen die sogenanntenEinhegungen als ohnehin blo auffallendste, keineswegs erste Manahme fr die Herbeifhrung des neu-zeitlichen Kapitalismus bereits um 1485 und nicht unmittelbar nach dem Steigen von Wollpreisen imFlandern des 16. Jahrhunderts

    8.

    Wir haben nun nicht mehr nur einen neuen englischen Feudaladel im 16. Jahrhundert, von dem Marx

    zugleich wei, dass es ihn im spten 14. Jahrhundert faktisch kaum noch gibt. Dieser Feudaladel ist auchungewhnlich einfallsreich, unternimmt er doch etwas, worauf z.B. viel nher am flandrischen Markt lebendeFeudalherren nicht verfallen und zwar nicht einmal dann, nach

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