Athanasius Kircher und das Theater des Wissens .Athanasius Kircher (1602-1680), who worked since

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Athanasius Kircher und das Theater des Wissens Lucas Burkart, Luzern (lucas.burkart@unilu.ch)

Abstract Ausgehend von der Bedeutung des Theaters fr Unterricht, Ausbildung und konfessionelle Indoktrination der Jesuiten rckt der Beitrag die Vielfalt des Theaterbegriffs ins Zentrum des Interesses. Nicht in seiner Statik einer Definition, sondern in der Polyvalenz rumlicher, performativer sowie metonymischer Bedeutung wird Theatrum hier untersucht. Anhand der Sammlung sowie der Druckwerke des Athanasius Kircher (1602-1680), der seit 1635 am Jesuitenkolleg in Rom wirkte und zu den schillerndsten Gelehrtenfiguren des Jahrhunderts gehrte, analysiert der Beitrag den Theaterbegriff auf seine Bedeutung und Funktion fr ein Verstndnis frhneuzeitlichen Wissens hin.

Given the importance of theatre for the instruction, education and confessional in-doctrination of the Jesuits this paper focuses on the variety of the term theatre. It does not take as a base a static definition but rather analyses the diversity of spatial, performative and metonymic signification of theatrum. Looking at the collection and the printed works of Athanasius Kircher (1602-1680), who worked since 1635 at the Jesuits College in Rome and who was one of the most scintillate scholars of the century, this paper underlines the signification and importance of the term theatre for an understanding of knowledge in the early modern period.

Seit der Grndung des Ordens im Jahre 1540 und der Erffnung des ersten Kollegs in Messina acht Jahre spter gehrten Theaterstcke und -auffhrungen zum regulren curriculum jesuitischer Bildung und Aus-bildung. Zur Unterrichtung und Indoktrination im Kontext katholischer Restauration fand das Theater in Jesuitenkreisen seit Anbeginn hohe Beachtung. In der Ratio studiorum von 1599 wurden die Leitplanken drama-tischer Inszenierung festgehalten und das Theater als Ort und Mittel religiser Instruktion bestimmt (Bjurstrm 1972:99).

Zugleich erlebte der Begriff theatrum seit der Mitte des 16. und bis weit ins 18. Jahrhundert hinein sowohl im Lateinischen als auch in den National-sprachen als teatro, thtre, theatre oder Theater weite Verbreitung. Fr Institutionen und Sammlungen wurde Theater ebenso verwendet wie es als Titel fr deren Bekanntmachung in Buchform diente. Das weithin berhmte Naturalienkabinett des Bologneser Gelehrten Ulisse Aldrovandi trug nicht nur die Bezeichnung Studio Aldrovandi, sondern auch die eines teatro di natura. Die architektonische Erneuerung Roms durch Gian Lorenzo Bernini wurde von Giovanni Battista Falda nicht nur als szenische Darstellung in Stichen

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zusammengefhrt, sondern unter dem Titel Nuovo Teatro delle fabriche et edifcii [] sotto il felice papato di Papa Alessandro VII (1665-1669) gedruckt. Als Titel fr Buchpublikationen war Theater in technischen Bereichen ebenso beliebt wie in Geographie, Moral, Historie, Literatur oder in Enzyklopdien.1 Und schlie-lich verwendete Michel de Montaigne bereits in seinen Essays von 1580 den Begriff als Metapher, wenn er davon spricht, im Theater dieser Welt erschei-nen zu wollen (Findlen 1994:294).

Die Frhe Neuzeit verwendete den Begriff theatrum in einer Vielzahl von Bedeutungen und Kontexten; sie unterschied im Begriff theatrum bereits die dramatische Handlung vom Ort des Theaters selbst sowie metonymische Verwendungen beider Bedeutungsfacetten voneinander. Angesichts dieser terminologischen Offenheit scheint es nicht weiterfhrend, eine Definition des Begriffs zu formulieren, um damit bewaffnet die heterogene Verwendung von Theater abschlieend zu deuten. Es darf also nicht um eine sprachgeschicht-liche Fixierung gehen; vielmehr bedarf es Erkundungen in einem seman-tischen Feld. Dieses Feld ist von sozialer, knstlerischer und wissen-schaftlicher Theorie und Praxis gleichermaen geprgt wie von benachbarten, aber dennoch differenten Begriffen wie musaeum, bibliotheca, studium, studiolo, galleria, thesaurus und anderen mehr.

Worauf nmlich die Verbreitung von theatrum im Lateinischen ebenso wie in den Nationalsprachen zwischen 1550 und 1750 hinzuweisen scheint, ist die Attraktivitt einer Denkfigur, mit der sich heterogene Sinn- und Bedeutungszusammenhnge fassen und reprsentieren lieen. Doch dabei ist das Verhltnis unterschiedlicher im Theaterbegriff steckender Bedeutungs-facetten nicht unverrckbar fixiert, sondern vielmehr Teil terminologischer Praxis. Etwas als Theater zu bezeichnen, bedeutet also nicht einfach per-formative, rumliche oder metonymische Realitten zu beschreiben, sondern vielmehr damit erst zu deren Realisierung beizutragen. Das gilt ganz besonders fr das hier behandelte Theater des Wissens; in seiner termino-logischen Offenheit kommt diesem Theater die Funktion des Erkennens, des Ordnens sowie des Vorfhrens zugleich zu (Mattenklott 2003:28-49). Das Theater des Wissens ist somit Kognition, Evidenzherstellung und Repr-sentation frhneuzeitlicher Wissensbestnde in einem.

1 Weitere Beispiele bei Kirchner (1985:135).

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I.

In der zweiten Hlfte des 17. Jahrhunderts zhlte zu den Dingen, die man an-lsslich eines Rombesuchs um jeden Preis gesehen haben musste, das musaeum celeberrimum des Jesuiten Athanasius Kircher. Dieser selbst formulierte dies-bezglich prgnant: Kein auswrtiger Besucher, der das Museum des Collegio Romano nicht gesehen hat, kann behaupten, wirklich in Rom gewesen zu sein.2 Diese Einschtzung teilten im heiligen Jahr 1675 offensichtlich so viele Romfahrer, dass Kircher die aus Bekanntheit und Beliebtheit seiner Sammlung erwachsene Belastung zu viel zu werden drohte. Gegenber seinem Augs-burger Freund und ersten Biographen, Hieronymus Langenmantel, beklagte er die hohe Besucherzahl, Wrdentrger und Gelehrte, die jeden Tag zu mir kommen, um das Museum zu besuchen. Ich bin so sehr damit beschftigt, [diese Leute] zu unterhalten, dass mir kaum Zeit bleibt, nicht nur fr meine Studien, sondern auch fr meine spirituellen Pflichten, womit die tglichen Exerzitien gemeint waren (Reilly 1974:161). Dies sind nicht nur Klagen eines eitlen Professors, denn tatschlich war ein Besuch in der Sammlung Kirchers Bestandteil jeder Grand Tour, die nach Rom fhrte.

Eine gewisse Faszination umgab den gelehrten Jesuiten bereits, bevor er nach Rom gelangte. Unmittelbar nach seiner Ankunft in der ewigen Stadt wurde der kurz zuvor ins Exil verbannte Galilei (1633) ber die Anwesenheit eines gelehrten Jesuiten unterrichtet, der zwlf Sprachen spricht, ein guter Geo-meter ist [] und eine groe Zahl wunderbarer Objekte besitzt (Rivosecchi 1982:49). Sein Ruf als Kenner, insbesondere der Hieroglyphen, seine Forschungen zum Magnetismus sowie seine Fhigkeiten, wissenschaftliche Apparate zu bauen, eilten Kircher weit voraus (Hankins/Silverman 1995). Wie bereits in Deutschland und Frankreich fhrte er auch in Rom beaucoup secrets de la nature durch, aber auch vor. Unter anderem baute er eine Uhr, die angetrieben von der Blte einer Sonnenblume die Zeit auch ohne direkte Sonneneinstrahlung, ja sogar nachts und in geschlossenen Rumen anzeigen sollte ( ). Solche Vorfhrungen riefen vieler-orts Zweifel an Kircher hervor. Selbst ein so gelehrter und Kircher zudem wohl gesonnener Mann wie Claude Fabri de Peiresc nahm das Experiment der Sonnenblumenuhr mit groer Enttuschung auf. Zu Recht, denn Kirchers 2 Pontificia Universit Gregoriana, Kircher ms. 560 (VI), f. 111 (Rom, 23. Oktober 1671). Vgl. Findlen (2001:41).

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Erfindung stellte eher einen Kompass dar als eine Uhr und bedurfte fr jede Vorfhrung minutiser Vorbereitungen; um dem Wunder auf die Sprnge zu helfen, musste Kircher die Zeit jeweils von Hand norden, um den Magnet-zeiger seiner Uhr schlielich mit groer Bewunderung des Publikums die richtige Zeit anzeigen zu lassen, wenn die Magnetnadel nach Norden ausschlug. Trotz solch berechtigter Vorbehalte verbreitete sich im gelehrten Europa die Nachricht ber dieses Naturwunder und denjenigen Mann, der es bewirken konnte, wie ein Lauffeuer. Erscheint dieses Experiment von heutiger Warte aus als Scharlatanerie, muss das nicht zwingend auch fr Kirchers Verstndnis von Wissenschaft gelten. Lorraine Daston und Katherine Park haben wiederholt auf den enormen Stellenwert des Wunders fr die Ent-wicklung wissenschaftlicher Entdeckungen hingewiesen (Daston/Park 1998).

Berichte ber den Besuch der Sammlung Kirchers in Rom untersttzen dies. Der Komponist und Schriftsteller Wolfgang Caspar Printz, der 1661 nach Rom reiste und dort die Sammlung besuchte, schildert 1693 diesen Besuch unter Verwendung eines leicht zu entschlsselnden anagrammatischen Pseudonyms:

Alle diese Raritten, aber wollte ich fr nichts achten, wenn ich nicht den unvergleichlichen Philosophum und Mathematicum Katharinum Asicherum und desselben wunderwrdiges Museum gesehen htte. Als Herr Eumenes, den ich nebst einigen anderen begleitete, in das erwehnte Museum hinein trat, empfieng ihn ein Bild oder Statua, mit einer kurtzen, doch schnen und artlichen Rede, welche uns alle erst erstaunend machte, sintemal dieses Bild nicht nur die Augen verwendete, sonder auch im Reden den Mund nicht anders als ein lebendiger Mensch bewegete. Da wir beschfftiget waren allerhand Mathematische, und sonderlich wunderbare optische Kunsttcke zu besehen, ffnete Herr Katharinus Asicherus ein Fenster, da hreten wir eine frembde und artliche Harmoni, und wussten nicht, wo sie herkam (Printz 1693:93).

Auch der Botaniker und Mitbegrnder der Royal Society John Evelyn berichtet ganz hnlich ber die Sammlung Kirchers, die er im November 1644 besuchte.

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Here Father Kircher, professor of Math