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Alltagsleben im 19. Jahrhundert - geschichte- · PDF fileEhefrau und Kinder eines aargauischen Ortsbürgers erhielten das Bürgerrecht des Gatten und Vaters und ... Das Leben im Aargau

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  • Alltagslebenim 19. Jahrhundert

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    Zwischen 1803 und 1850 stieg die Zahl derAargauer Bevlkerung von 130000 um53 Prozent auf 200000 Personen an. DieseZuwach rate lag ein Drittel ber demschweizeri chen Durchschnitt und wurdevon keinem anderen Kanton erreicht. Ab-solut ge ehen, hatte der Aargau die Waadtum die Jahrhundertmitte knapp berholtund befand sich bevlkerungsmssig hin-ter den Kantonen Bern und Zrich an drit-ter Stelle. Die Wachstumskurve begannallerdings schon vor 1850 abzuflachen.Der Aargau war zwar bereits stark indu-striali iert, aber die Erwerbsgrundlage vonLandwirtschaft und Industrie reichtenicht, um die tark wachsende Bevlke-rung zu ernhren. Obwohl die Geburten-ziffern zurckgingen, fanden viele Aar-gauer kein Auskommen in ihrem Kanton.

    Der Wunsch, die Geburtenzahlen zusenken, bestand durchaus, liess sich aberschwer realisieren. Wirksame empfngni -verhtende Mittel existierten nicht, undauf Abtreibung standen schwere Strafen.Als ein indirektes Mittel zur Geburten-regelung diente die Massnahme der Ge-meinden, Eheschliessungen durch mate-rielle und rechtliche Vorbedingungen zuerschweren. Ehefrau und Kinder einesaargauischen Ortsbrgers erhielten dasBrgerrecht des Gatten und Vaters undhatten somit Anspruch auf Untersttzungbei Verarmung und auf die utzniessungdes Gemeindevermgens. Deswegen be-mhten sich die Gemeinden, alle Perso-nen, die ihnen einmal zur Last fallenkonnten, mglichst vom Brgerrecht fern-zuhalten oder sie eine betrchtliche Ein-kaufssumme bezahlen zu lassen. ichtaar-gauische heiratswillige Frauen hatten um1830 etwa das dreifache Jahreseinkommeneiner erwach enen Fabrikarbeiterin in dieEhe mitzubringen. Aargauerinnen, dienicht aus dem gleichen Ort stammten wie

    der Brutigam, mussten zugunsten deSchul- und Armenfond ein Weiberein-zug geld bezahlen, das die Hhe einesFabrikjahresverdiensts erreichen konnte.Auch der Brutigam entrichtete fr denSchulfonds ein Heiratsgeld. Erst die revi-dierte Bundesverfassung von 1874 hobdiese materiellen Ehehindernisse auf.

    Als Folge der einschrnkenden Hei-ratspolitik stieg das durch chnittliche Hei-ratsalter auf zeitweise ber dreissig Jahrean. Der Anteil der Ledigen nahm stark zu.Um 1860 blieben jeder sechste Mann undjede fnfte Frau unverheiratet. Mit demhohen Heirat alter der Frau sank die Zahlvon ber vier Kindern pro Familie in dercf:>lcl1 Jalll hUIH.1cllhalftc auf uun:h:>chl1iu-lich dreieinhalb gegen Ende de Jahrhun-derts. Dafr stieg der Anteil unehelicherGeburten frappant. Zwischen 1850 und1870 kamen auf 100 eheliche ber 7 unehe-liche Geburten. Hufig heiratete ein Paarerst, wenn ein Kind unterwegs war. Um1850 drfte ber die Hlfte aller aargaui-schen Brute bei ihrer Hochzeit schwan-ger gewe en sein.

    Kleinrumigkeit undOhnmacht

    Das Leben im Aargau des 19. Jahrhun-derts spielte sich wie zuvor vorwiegendim lokalen Rahmen ab. Wer nicht aus-wanderte, kam selten aus der Region her-aus. Heiraten ergaben sich meist zwischenAngehrigen derselben Gemeinde. VomTagesgeschehen wusste man lange Zeitnicht be onders viel und wenn, dann mei-stens aus dritter Hand. Selb t um dieJahrhundertmitte waren Zeitungen wenigverbreitet. Wollten Geistliche auf demLand verstanden werden, mussten sie in

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    0-19 20-59Jahre Jahre

    Abb. /3/Ein Beispiel mh amenFrauenalltag um etwa 1890:Wa chtag auf dem Inseli inRheinfelden.

    Abb. /32Altersverteilung der Bevlke-rung 1860 und 1988. Knntesich der Aargauer der Gegen-wart um hundert oder mehrJahre in die Vergangenheitzurckver etzen lassen, wr-de ihm eine ehr junge Gesell-schaft auffallen. Da hohe undweiterhin teigende Durch-schnitt alter der AargauerBevlkerung unterscheidetda au gehende 20. wesentlichvom 19. Jahrhundert.

    Mundart predigen. Nach 1850 bessertenich die Verhltnis e. Die Verbreitung

    von Zeitungen nahm zu Bibliothekenwurden gegrndet, und der Besuch hhe-rer Schulen (Sekundar-, Bezirks-, Kan-ton schule) stieg. och in den achtzigerJahren erlangten allerdings jhrlich blossetwa dreissig junge Mnner einen MitteI-schulabschluss. Frauen besassen durch-schnittlich eine ebenso gute Volksschulbil-dung wie Mnner. Dagegen blieb ihnender Zugang zu weiterer Ausbildung er-schwert. Die Mnnergesellschaft empfandeinen hheren oder gar akademischen Ab-schluss fr Frauen schlicht als unntigund unweiblich.

    Die Menschen waren den Jahreszei-ten nach wie vor ausgeliefert. Im Winterver chieden mehr Menschen als im Som-mer, im Mrz fast 50 Prozent mehr als imOktober. Die Leute starben nicht wie heu-te an Kreislauferkrankungen, Alters-schwche und Unfllen, ondern in ersterLinie an akuten, damal unheilbarenKrankheiten, selbst wenn keine Seuchen

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    D 1860

    ber 60Jahre

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  • Ourchschnillliche Einkommen in den 1850er Jahren in Franken:

    im eigentlichen Sinn mehr vorkamen. Sehrhufig und gefhrlich waren insbesondereErkrankungen der Atemwege (Lungenent-zndung, Bronchitis, Tuberkulose). Auch}(jnderkrankheiten wie Scharlach oderDiphtherie waren lebensbedrohend. Diebereits hohe Suglingssterblichkeit stiegbis in die achtziger Jahre weiter an undgalt als naturgegeben. 1870 kam jede vier-te aargaui che }(jnd tot zur Welt oderstarb in einem er ten Leben jahr. Die er-sten Leben monate waren vor allem we-gen der falschen Ernhrung mit Kuh- undZiegenmilch die gefhrlichsten. Bis gegendie Jahrhundertmitte machten die Leuteunter 20 Jahren die Hlfte aller Einwoh-ner aus. Danach gewannen die 20-60jh-rigen eine knappe Mehrheit. Keine zehnProzent waren ber 60 Jahre alt. Bedingtdurch die hohe Suglings terblichkeit lagdie Lebenserwartung noch um 1860 unterfnfzig Jahren.

    Hherer Bankangesleiller

    Kilo-(Liler-IPreis fr wichligeNahrungsmillel in Rappenum 1850:

    gen bei Preisen und Lhnen erlauben, galtim 19. Jahrhundert fast uneingeschrnktdas Prinzip von Angebot und Nachfrage.

    Nach 1850 stiegen zwar die Lhne,bis 1885 je nach Beruf und Region um25-50 Prozent, doch die Kaufkraft nahmwegen der Teuerung wenig zu. Um 1873versteuerten 35 Prozent der Steuerpflichti-gen weniger al 300 Franken jhrlichesEinkommen, in gesamt 80 Prozent weni-ger als 800 Franken.

    Selb t bei bescheidensten Anspr-chen mu sten Frauen und }(jnder in einerFamilie meisten mitverdienen, sei e inder Landwirt chaft, der Heimindustrieoder der Fabrik. Selbst dann war das An-legen von Er parnissen kaum mglich.Kurzfristig stark teigende Preise, schlech-te Ernten oder sinkende Lhne gengtenchon, um zahlreiche Menschen unterstt-

    zungsbedrftig werden zu lassen.Gesamthaft nahm das Armenelend

    zwischen 1820 und 1860 deutlich, nach1845 sogar explosiv zu. In den Notjahrenum 1850 waren Brot und Kartoffeln Man-gelware. Rbenbrei mu ste die hungrigenMuler stopfen. Um 1855 waren berzwlf Prozent der Gesamtbevlkerung un-tersttzung bedrftig, 1890 immer nochfnf Prozent. Um 1870 galt minde tenj t:

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    Abb. /35Wochenmarkt in Lenzburgum 1900. Angesichts des oftbescheidenen Sortiments inden Lebensmittellden hatteder Markt fr Stadtbewohnereinen hohen Stellenwert.

    Abb.136Das Birischloss in Vill-mergen mit seinen smtlichen25 Bewohnern, Ende 19. Jahr-hundert. Das Foto vermittelteinen Eindruck der damalssehr bescheidenen und engenWohnverhltnisse. Auffallendsind die wenigen und kleinenFensterffnungen. Im erstenStockwerk - hier nicht sicht-bar - gab es sogar nur winzigeSchiebefenster.

    ge mir, was du isst, und ich sage dir, werdu bist fr das 19. Jahrhundert nicht vonder Hand zu weisen. Hauptbestandteilaller Mahlzeiten bei der Mehrzahl allerLeute waren Kartoffeln (gebraten, in einerWassersuppe gesotten oder als Brei) undZichorienkaffee mit gekaufter Kuhmilchoder Milch der eigenen Ziege. Brot warteuer und wurde sparsam genossen. Drr-obst oder Gemse aus dem eigenen Gar-ten brachten etwas Abwechslung in denmeist monotonen Speisezettel. Fleisch,Eier und Butter kamen bloss an seltenenFesttagen auf den Tisch.

    Ernhrung und krperliche Konstitu-tion stehen zweifelsohne in einem engenZusammenhang. Um 1870 waren nur20 Prozent der Aargauer Rekruten grsserals 170 Zentimeter. ber 40 Prozent der

    erstmals Einrckenden wurden aus ge-sundheitlichen Grnden ausgemustert. DieDurchschnittsgrsse der Mnner in den1880er Jahren betrug 163, hundert Jahrespter dagegen 175 Zentimeter. Die heuteals sehr niedrig empfundenen alten Bau-ernstuben und Eingnge zu Bauernhu-sern waren ihrer Zeit durchaus angepasst.

    Wenn in der zweiten Hlfte des19. Jahrhunderts auch viele schlecht er-nhrt waren, brauchte doch niemand mehrzu verhungern. Der Speisezettel erweitertesich langsam. Reis wurde nach 1850 zuse-hends zum alltglichen Nahrungsmittel,eben 0 andere Importartikel wie Kaffeeund Zucker. Nach 1860 kamen Nahrungs-mittelextrakte auf (Nestle, Maggi). Bieravancierte erst seit den 1870er Jahren, we-sentlich bedingt durch die stark wachsen-de Brauerei-Industrie, zum Volksgetrnk.1891 zhlte man im Aargau nicht wenigerals 46 Bierbrauereien. Mit dem Auf-schwung der aargauischen Tabakindustriestieg der Anteil der Raucher in der zweitenJahrhunderthlfte stark an.

    hnlich bescheiden wie die Ernh-rung waren die Wohnverhltnisse. Die bisheute erhaltenen, hablichen Bauernhusersind rare Einzelflle und drfen nicht dar-ber hinwegtuschen, dass um die Jahr-hunderlwende dreimal weniger W hn-raum pro Person zur Verfgung stand alsheute. Einfache kleine Huser waren dieRegel. Sie wiesen in der Stadt nicht mehrals zwei oder drei Stockwerke und einenbescheidenen Grundriss von 6 mal 12-15Metern auf. Die Platzverhltnisse auf demLand waren noch knapper, die Huserprsentierten sich rmlicher und mssenteilweise als Htten bezeichnet werden.Nur ausnahmsweise besass jedes Fami-lienmitglied ein eigenes Zimmer. Beson-ders die armen Leute wohnten auf sehrengem Raum. Bauernknechte und Taglh-ner schJiefen nicht selten im Heu.

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  • Abb.IJBeerdigung in Wegenstettenaus dem Jahr 1900. achd

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