Valentina Freimane: Adieu, Atlantis (Leseprobe)

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Die Lebensgeschichte Valentina Freimanes ist unauflöslich mit der Geschichte Lettlands und Europas verknüpft und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf ein ganzes Jahrhundert. http://www.wallstein-verlag.de/9783835316034-valentna-freimane-adieu-atlantis.html

Text of Valentina Freimane: Adieu, Atlantis (Leseprobe)

  • Leseprobe (S. 1-14) aus:

    Valentna FreimaneAdieu, AtlantisErinnerungen

    Aus dem Lettischen von Matthias Knoll

    ca. 320 S., ca. 20 Abb., geb., Schutzumschlagca. 22,90 (D); 23,60 (A)

    ISBN (Print) 978-3-8353-1603-4ISBN (E-Book, pdf ) 978-3-8353-2762-7ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2763-4

    Erscheint im Mrz 2015

    Die AutorinValentna Freimane, geb. 1922 in Riga, verbrachte ihre Kindheit zwischen Paris, Berlin und Riga. Whrend ihre gesamte Familie dem Holocaust in Riga zum Opfer fiel, berlebte Valentna Freimane in verschiedenen Verstecken. Nach 1945 studierte sie Film- und Theaterwissenschaften, promovierte in Kunstgeschichte, arbeitete an der lettischen Akademie der Wissenschaften. Sie lebt heute in Riga und Berlin.

    Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Ardievu, Atlantda! im Verlag Atna, Riga. Die deutsche Fassung berck-sichtigt nachtrgliche nderungen der Autorin.

    Wallstein Verlag, Gttingen 2015www.wallstein-verlag.de

    Vom Verlag gesetzt aus der Adobe Garamond

  • Valentna FreimaneAdieu, Atlantis

    Erinnerungen

    Aus dem Lettischen vonMatthias Knoll

  • Diese Erinnerungen sind jenen gewidmet, die ich liebteund die mich liebten;jenen, die Menschen warenund in mir den Menschen sahen

  • TEIL IDas erste Leben

  • 9Die Anfnge

    Seit meiner frhesten Kindheit haben sich die Erwachsenen ber die unbndige Neugier amsiert, ber meine Beobach-tungsfreude, die grundstzlich allem galt, was mich umgab. In meiner Erinnerung sind Szenen gespeichert, deren Bedeu-tung ich erst viel spter begriffen habe, Szenen, die nie ver-blasst sind.

    Mir war schon frh klargeworden, dass ich allen Grund hatte, dankbar zu sein: Wie im Mrchen von den guten Feen, die sich um die Wiege eines Kindes versammeln, wurde ich mit Gaben berhuft, als ich auf die Welt kam, und die wich-tigste war wohl die eigenwillige Art meiner Eltern, smtliche Anlagen und Fhigkeiten ihrer Tochter zu frdern, ohne sich den Kopf darber zu zerbrechen, ob sie fr das praktische Leben taugten oder nicht. Meine Eltern waren wohlhabende Leute, viele hielten uns sogar fr reich. Groe, sichere Besitz-tmer hatten wir keine, doch an Kulturangeboten, Reisen und Gastfreiheiten wurde nicht gespart. Vater vermochte uns eine sorglose Existenz zu sichern, Mutter wiederum verstand es, das Erworbene frhlich und mit leichter Hand auszuge-ben. In Zeiten, da die Quellen des Komforts pltzlich versieg-ten, konnten die Eltern nicht minder unbekmmert auf allen Luxus verzichten, solange das Wichtigste, der kulturelle Reichtum, erhalten blieb. Alles, was in der Welt des Geistes und der Kunst geschah, galt als auerordentlich wichtig. Ich war es gewohnt, dass Erwachsene unentwegt etwas lasen, Aus-stellungen, Opern und Theaterauffhrungen besuchten, sich ber Bcher und Filme austauschten, in hitzige philoso-phische Diskussionen gerieten und darber alles um sich her vergaen. Das Gelesene, Gesehene und Gehrte sogleich zu

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    errtern, einander an der Freude teilhaben zu lassen, die ein Buch oder ein Konzert geschenkt hatten, das schien mir von klein auf die einzig mgliche Lebensform zu sein.

    Nichts wurde mir verwehrt. Kein Buch in den Regalen der umfassenden Bibliothek der Groeltern, das ich nicht htte an mich nehmen drfen! Altersgrenzen oder sonstige Be-schrnkungen existierten nicht. Soll die Kleine ruhig alles le-sen ! Was sie jetzt noch nicht versteht, daran wird sie sich spter einmal erinnern und es dann begreifen. Dieses ver-bindliche Postulat schrfte Mutter jeder neuen Gouvernante ein (die mir zunchst trotzdem die gleichen Zgel anzulegen versuchte, mit denen fr gewhnlich alle Kinder geplagt wer-den). hnliche Regeln galten fr alle Wissensgebiete. Es wre unpassend gewesen, meine Fragen nicht mglichst verstnd-lich, offenherzig und vor allem logisch zu beantworten.

    Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mich von Geburt an als ein denk- und urteilsfhiges Wesen, als eine Persnlich-keit betrachtet haben. Da ich keinerlei Zwang, keine mora-lischen Vorschriften oder Denkverbote kannte, fiel es mir leicht zu akzeptieren, dass man mit den Gefhlen und Be-drfnissen anderer zu rechnen hatte und die Spielregeln eines zivilisierten Miteinander befolgen musste, die man als gutes Benehmen bezeichnet. Ich dachte an die Verkehrsregeln und dass man auf den Straen auch nicht wild durcheinander-rasen kann, ohne Chaos zu verursachen. Tadellose Umgangs-formen zu erwerben war wie abends die Zhne zu putzen. Dafr zu sorgen hatten meine Gouvernanten. Von meiner Mutter dagegen lernte ich, mich mit anderen Menschen auf eine Art und Weise zu unterhalten, dass sie sich nicht lang-weilten und mein aufrichtiges Interesse sprten.

    Viele Rigaer Bekannte, ordentliche, solide Brger, waren der Ansicht, dass ich malos verwhnt wurde; genauso urteil-ten die Damen auch ber meine Mutter, vermutlich aus Neid. Doch Vater vergtterte uns und konnte uns nichts abschla-

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    gen, wobei es nie um materielle Eskapaden ging. Mein Ta-schengeld (ich htte Vater ein viel hheres abluchsen knnen) gab ich nur fr Bcher, Kinobesuche und Sigkeiten aus.

    Ich muss zugeben, dass ich als Kind trotzig und unbere-chenbar war und zu Wutausbrchen neigte, vor allem wenn ich mir einbildete, man wolle mich unterdrcken oder ber-mig einschrnken. Als ich noch ganz klein war, biss ich der Gouvernante in die Hand, wenn sie versuchte, mich mit un-kommentierten Befehlen zu etwas zu zwingen, was ich nicht tun wollte. Einmal schnappte ich mir bei einer solchen Gele-genheit ein paar Eier und warf sie an die Kchenwand. Mama hielt keine Moralpredigt, sie schimpfte nicht einmal, sondern sagte nur: Wie hsslich und dumm. Sie schaute mit vercht-lichem Erstaunen auf mich herab wie auf ein Mondkalb, das wer wei wie hierher geraten war. Ihre schnen graugrnen Augen erloschen und wurden grau und kalt wie Granit. Sie zuckte mit den Schultern, verzog das Gesicht, drehte sich um und ging hinaus. Innerhalb von Sekunden begriff ich, wie dumm, lcherlich und unschn ich gehandelt hatte so je-mand wollte ich auf gar keinen Fall sein. Das reichte. Fortan brachte ich mir bei, wie ich mit Beherrschung und bered-tem Blick weit mehr erreichen konnte als andere Kinder durch Schreien und Toben.

    Auch in spteren Jahren pflegte Mama bei Meinungsver-schiedenheiten ber schulische oder andere Fragen zu sagen: Wir tun so etwas nicht. Dieses Wir gefiel mir ungemein, ich wollte dazugehren und nahm die Spielregeln fr mein ganzes Leben an.

    Spter begriff ich, dass diese Erziehung ohne Befehle und direkte Verbote mich vor diversen Komplexen und Frustra-tionen bewahrt hat, mit denen einige meiner Freunde ihr ganzes Leben lang zu kmpfen hatten. Sie hat jedoch auch Eigenschaften gefrdert, die ich als Schwchen empfinde. Vor allem wusste ich lange nicht, was Pflichten sind, denn bis

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    zum Alter von etwa achtzehn Jahren tat ich nur, was mir oder einem meiner Lieben Freude bereitete. Dass mir vieles von dem, was fr andere Kinder lstiger Zwang war, ganz beson-deren Spa machte, steht auf einem anderen Blatt. In der Schule begeisterte ich mich fr Mathematik: Ein komplizier-tes Problem zu lsen bereitete mir kein geringeres Vergngen, als ein kluges Buch zu lesen. Ich akzeptierte die Aufgabe, mir Wissen anzueignen, weil es mir Freude machte. Wie ich das bewerkstelligte, war vllig mir selbst berlassen. Aus diesem Grund fllt es mir bis heute schwer, unangenehme oder lang-weilige Pflichten zu erfllen, wie sie der Alltag unablssig stellt und die man eigentlich gewissenhaft erfllen sollte.

    Eine weitere Eigenschaft, die sich spter fr das alltgliche Leben als strend erweisen sollte, zeichnete sich bereits in meiner Kindheit ab. Mit Feuereifer strzte ich mich zumeist nur dann auf eine Sache, wenn ich berzeugt war, dass ich sie besser konnte als andere. Nur wenn ich mehr zu bieten hatte als sie, lohnte die Mhe. Stellte sich heraus, dass in meinem Umfeld andere auf dem jeweiligen Gebiet besser und fhiger waren als ich, dann fehlte mir jeglicher Ehrgeiz; ich empfand keine Notwendigkeit, mich anzustrengen, zu konkurrieren, sondern trat lieber zur Seite und freute mich an den Erfolgen der anderen. Spter im Berufsleben ist mir diese Eigenschaft hin und wieder vorgeworfen worden.

    Als Kind musste ich Klavierspielen lernen unverzichtba-rer Bestandteil einer Mdchenerziehung. Ich liebte die Musik sehr, ohne Oper und Konzerte htte ich mir mein Leben nicht vorstellen knnen, doch genau das erwies sich als ver-hngnisvoll: Ich mochte mich nicht selber spielen hren. Im Alter von zehn oder elf Jahren erklrte ich meinen Eltern, ich wolle mich nicht mehr mit dem Klavier befassen. Lieber lege ich eine Horowitz-Platte auf. Die Eltern lieen sich von mir berzeugen. Fnf oder sechs Jahre spter gab ich auch das Zeichnen auf, fr das ich mich eine Weile begeistert hatte.

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    Viel spter, in einem anderen Leben, qulte es mich, dass ich beim Schreiben nur selten meine eigenen Ansprche er-fllte. Mein Denken eilt der schreibenden Hand voraus, und das macht es schwer, den Gedanken zu fixieren, und bereitet Qualen, denen man sich entziehen mchte, obwohl der Kopf voll ist von nicht niedergeschriebenen Texten.

    Papier, Stift und Schreibmaschine, vom Computer gar nicht zu reden, sind nicht meine Verbndeten. Doch schon als Kind habe ich gern erzhlt. Ich brauche die unmittelbare Kommunikation, den lebendigen Kontakt, muss mein Ge-genber, seinen Blick, seine Reaktion sehen.

    Unlngst, bei einer abendlichen Gesellschaft in Riga, be-gegnete ich einer Dame meines Alters, die mich erkannte, wohingegen ich mich nicht an sie erinnern konnte. Ich habe im selben Haus wie Ihre Gromutter gewohnt, half mir die Dame auf die Sprnge. Wir haben uns auf dem Hof kennen-gelernt, Sie kamen aus Berlin zu Besuch. Die Gouvernante wollte Sie nicht mit anderen Kindern spielen lassen, aber Sie sind ihr entwischt und haben uns von Filmen erzhl