Petzold - Athen Seeherrschaft

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Athen Seeherrschaft

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    Thuk. 6,78,2

    DIE GRUNDUNG DES DELISCH-AT'll'SCHEN SEEBUNDES: ELEMENTT EINER 'IMPERIALISTISCHEN'

    POLITIK ATHENS?

    I. Von der Hellenensymmachie zum Seebund*

    Das Problem, inwieweit der in einer bestimmten historischen Situation entstan- dene Begriff Imperialismus auBerhalb seines origintren Kontextes verwendet und speziell auf antike Tatbestinde iibertragen werden darf, soil hier angesichts seines unbefangenen Gebrauchs, vor allem in der angelsachsischen Forschung', nicht erortert werden. Es sei aber auf die Schwierigkeit hingewiesen, die mit diesem Begriff - selbst in einer restricted definition _"2 ausgedruckte BewuBtseinsdispo- sition3 und das aus ihr flieBende politische Konzept im nachhinein aus der Uberlie- ferung herauszudestillieren, zumal wenn diese, wie in unserem Fall, fast aus- schlieBlich aus nichtzeitgenossischen und dazu literarischen Quellen besteht. Da ist nicht nur zu bedenken, daB der Autor entsprechend seinemjeweiligen Anliegen aus dem zur Verfilgung stehenden Material selektiert, sondem auch zu unterscheiden zwischen der Mitteilung von Fakten, in die eine Bewertung einflieBen kann, und der

    * Teil II: Zielsetzung des Seebundes und die Politik der Zeit, Historia 43, 1994, 1 ff. 1 Dazu P. D. A. Gansey - C. R. Wittaker, Imperialism in the Ancient World, Cambridge 1978,

    1 ff., 103 ff. Vgl. etwa J. M. Balcer, Sparda by the Bitter Sea. Imperial Interaction in Western Anatolia, Chico, Califomia 1984, 4 ff., 13 ff. u. pass. Zum grundslltzlichen Problem J. Bleicken, Slaatliche Ordnung und Freiheit in der rcmischen Republik, FAS 6, Kallmiinz 1972,9-11.

    2 Gamsey - Wittaker (Anm. 1), 3. Vgl. W. S. Ferguson, Greek Imperialism, 1913 (1941, ND N.Y. 1963), 4 f.

    3 Neben der klassischen Stelle Thuk. 5,105,2 sowie den 1,75,3 genannten Antrieben zur Herrschaftsausubung (MOT, TLId, c4eX(a) ist Isokrates zu vergleichen, der von Trv dX- XOTp(WAV rrtOvL(a (8,84) oder der dpX, fs! (IrLOuVOIeDRV (8,88) spricht, also eine bestimmte Willensrichtung voraussetzt, die allerdings auf einer verderbten Moral grUnde, deren Antithe- se die aw4poa6vr sei. Vgl. J. Davidson, Isokrates against Imperialism: An Analysis of the De Pace, Historia 39, 1990, 20-36.

    Historia, Band XLII4 (1993) ? Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH, Sitz Stuttgart

  • Die Grilndung des Delisch-Attischen Seebundes - I 419

    Beurteilung derselben4, und andererseits dem unabsichtlich Mitgeteilten, das fur den Historiker besonders wertvoll ist. Die hinter den Fakten wirkenden Bedingun- gen und die Willensrichtungen der Akteure herauszupraparieren, wirft besondere Probleme auf. Die Analyse der ersteren ist wichtig zur Herstellung des historischen Kontextes, in dessen Zusammenhang die Absichten teilweise oder vollstindig realisiert werden. So sind nur die den Fakten unmittelbar zugeordneten Motive - wenn Uberhaupt - rekonstruierbar5. Denn langerfristige Konzepte der Handelnden mussen sich nicht in den Handlungen niederschlagen, das Ende einer Handlungs- kette muB nicht das Ergebnis eines liingerfristigen Konzepts sein.

    So wird man mit Skepsis zur Kenntnis nehmen, daB es - etwa nach Steinbre- cher6 - eine ,,lingerfristige Konzeption der athenischen Politik" (75) gegeben habe, die ,,lange vor den Perserkriegen" (124) hinter der ,,Kontinuitat athenischer Expan- sionspolitik gegenuiber anderen griechischen StSdten" stand und die ,,machtpoliti- schen Ambitionen Athens" verdeutlichte. Daher verwundert es nicht, daB in dieser Sicht ,,Athen aktiv auf den AbschluB eines Bundnisses mit den ionischen Gemein- den hingearbeitet hat" (75), daB sich ,,in der Grindung des Seebundes weitgespann- te athenische Machtinteressen manifestieren" und ,,Athen bereits mit den ersten Untemehmungen der delisch-attischen Symmachie ... konsequent den Weg zur 'Arch6' beschritten" (115) hat. Es ware schon ein Phanomen, wenn man uber Jahrzehnte hinweg trotz zahkeicher sich kreuzender Handlungsstrange und trotz groBer Verinderungen in der gesellschaftlichen Ordnung und Politik Athens eine so klare und unveriinderliche politische Linie nachweisen k6nnte, auch wenn man dabei die Frage zunaichst unberiicksichtigt lie3e, was oder wer unter 'Athen' oder 'die Athener' zu verstehen ist. Der philosophierende Sklave Pseudolus zeigt bei Plautus7 gegenuber solchen Vereinfachungen gleichfalls Bedenken, da er das Wir- ken der Tyche, die Kontingenz im Geschehen kennt: Sie macht zu nichts, so sagt er, was Hunderte der Kligsten ausgesonnen: ut qufsqueftrtuna utitur, / (ta pra6cellMt, d.h. man muB den Kairos ergreifen. Wer nur die Erfuillung seiner Intentionen im Auge hat, ohne auf die Gegebenheiten zu schauen, als ,,konnte er bestimmen, was ihm dienlich ist, der lIf3t das Sichere dahinten, wahrend er Unsicherem nachjagt".

    4 Ch. Schneider, Information und Absicht bei Thukydides, Hypomnemata 41, 1974, 52 unter- scheidet bei Thukydides zwischen ,,mimetischer ErzAhlung und narrativer Aussage", die gleichwohl ineinander (ibergehen kOnnen.

    5 Nach Schneider (Anm. 4), 24 ff. ,,setzt Thukydides die Gedanken und Wahmehmungen der Handelnden als kompositorische Mittel ein", die auch der Charakterisierung der Akteure dienten.

    6 M. Steinbrecher, Der delisch-attische Seebund und die athenisch-spartanischen Beziehungen in derkimonischen Am (ca. 478/77-462/1), Palingenesia XXI, Stuttgart 1985. Zustimmend J. M. Balcer, Gnomon 58, 1986,552-553. Kritisch K. Raaflaub, Expansion und Machtbildung in frtlhen Polis-Systemen, in: W. Eder (Hrsg.), Staat und Staatlichkeit in der frtUhen rbmischen Republik, Stuttgart 1990,542-545.

    7 Pseud. 679-686.

  • 420 KARL-ERNsT PETZoLD

    Versuchen wir auch unsererseits, diesen allgemein gUiltigen Spruch zu beherzigen und nur das Sichere aus der Uberlieferung herauszuschblen8.

    Bekanndich fdhrt Thukydides den Peloponnesischen Krieg im letzten Grunde auf ein psychologisches PhKnomen zuruck, hinter dem die in der Offentlichkeit vorgetragenen gegenseitigen Beschuldigungen, etwa die Auseinandersetzungen um Kerkyra und Potidaia oder das megarische Psephisma, zuricktreten, n&nlich auf die Furcht der Lakedaimonier vor der wachsenden Macht Athens. Sie habe die Spartaner in den Krieg 'hineingezwungen' und in ihr sieht er im Methodenkapitel die dXflOEcrrdTh 1Tp64)aULs- des Konflikts9, der ganz Griechenland erschiitterte. Der historischen Begrundung dieser Behauptung dient die Einfuigung der Pentekontae- tie in seine Monographie, die sich demgemaB auf die Entstehung und das Wachsen der athenischen ArcMe konzentriert, womit methodisch ein selektives Verfahren unter dem genannten Aspekt gefordert, inhaltlich vor allem die Zeit der Begriin- dung und des Wirkens des Delisch-Attischen Seebundes umfaBt wird. lier interes- siert wiederum in erster Linie die Intention, die Athen mit der Hegemonie verband, und die Weise ihrer Ausiibung, wobei deren Milbrauch durch Iberschreiten der mit der Zielsetzung des Seebundes gezogenen Grenze fur das vorliegende Problem aussagekrlftiger ist als die Aktionen innerhalb des mit ihr gezogenen Rahmens. Thukydides gliedert demgemB seinen Stoff in drei Gruppen1o: Untemehmungen gegen die Barbaren, d.h. hier die Perser, die dementsprechend nur kurz gestreift werden, ausflihrlicher gegen die eigenen Bundesgenossen sowie gegen die Pelo- ponnesier, soweit sie sich in Athens Aktionen einmischten, deren Abfolge eine logische, keine zeitliche Entwicklung darstellt. Da das ausgewhlte Material die Interpretation des riickblickenden Historikers stutzen soil, enthalt es auch eine Bewertung.

    Der Historiker war Zeuge der voll ausgebildeten attischen Arche, in der die tbV4aXOL ZU bT1KOOL geworden waren. Soll man ihm unterstellen, daB er vom Effekt her Schltisse auf die ursprungliche Intention zog, m.a.W. dienten die Aktio- nen der Athener, die uber die Zielsetzung des Seebundes hinausgingen, in seiner Sicht der Erfullung eines Planes, den der athenische Demos und seine Strategen mit der Begrundung des Bundes oder gar schon vorher gefaBt hatten? Und war dann die 8 Zu Recht bemerkt A. Powell, Athens and Sparta: Constructing Greek Political and Social

    History from 478BC to 146BC, Routledge London 1988,2: ,,Reconstructing the history of the Delian League should involve an exercise in self-restraint". Die folgenden Ausftlhrungen beschranken sich demgemAB darauf, interpretatorisch der Intention des jeweiligen Autors mCglichst nahe zu kommen und Spekulationen zu vermeiden.

    9 1,23,6; 88. Zu1Trp6aaLTS und cdTra etwa K. v. Fritz, Die griechische Geschichtsschreibung I, Berlin 1967, 623 ff. L. Pearson, Prophasis and Aitia, TAPhA 83, 1952, 205-223.

    10 1,97,1. Zur Selektion v. Fritz (Anm. 9), 607:,,... die funktionale Bedingtheit der Auswahl der erforschten und mitgeteilten Tatsachen in den Exkursen ..."

  • Die GrUindung des Delisch-Attischen Seebundes - I 421