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Jan Nill, IÖW - Universität Kassel: · PDF fileJan Nill Evolutorisch-ökonomische Perspektiven einer Theorie ökologischer Innovationspolitik Volkswirtschaftliche Diskussionsbeiträge

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  • Volkswirtschaftliche DiskussionsbeitrgeVolkswirtschaftliche Diskussionsbeitrge

    U N I K a s s e lV E R S I T T

    FachbereichWirtschaftswissenschaften

    Evolutorisch-konomische Perspektiven einerTheorie kologischer Innovationspolitik

    von

    Jan Nill

    Nr. 56/04

  • Jan Nill

    Evolutorisch-konomische Perspektiven einer Theorie kologischer Innovationspolitik

    Volkswirtschaftliche Diskussionsbeitrge des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Universitt Kassel, Nr. 56/04

    Kassel 2004

    Kontakt: Dipl.-Volkswirt Jan Nill, Doktorand am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universitt Kassel; Borsigstr. 26, 10115 Berlin; E-Mail: [email protected]

  • 1 Einfhrung Die Gewhrleistung einer kologisch nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung gehrt zu den bedeutenden langfristigen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen. Die Entste-hung und Verbreitung von kologischen Innovationen ist hierfr eine Voraussetzung. Bei dieser Ausgangslage wre zu erwarten, dass Konzeptionen kologischer Innovationspolitik ein Paradebeispiel fr die Fruchtbarkeit evolutorischer Anstze der Wirtschaftspolitik darstel-len. Ein entsprechender Bedarf wird aus der empirischen Umweltinnovationsforschung zu-nehmend signalisiert (Klemmer et al. 1999, Hemmelskamp 1999). Bisher sind jedoch insbe-sondere theoretische Arbeiten hierzu dnn gest.

    Vor diesem Hintergrund hat das vorliegende Papier das Ziel, bisherige evolutorische Anstze der Wirtschaftspolitik im Hinblick auf ihren Beitrag fr eine Theorie kologischer Innovati-onspolitik zu sichten sowie entsprechende Ansatzpunkte und Weiterentwicklungsrichtungen zu diskutieren. Als Rahmen wird ein gegenber klassischen Ziel-Mittel-orientierten Konzep-tionen erweitertes Problem-Ziel-Mittel-Restriktions-Schema der Wirtschaftspolitik unterlegt (Abschnitt 2.1).

    Wie der kurze berblick in Kapitel 2 zeigt, sind zwei evolutorische Diskussionsstrnge deut-lich zu unterscheiden: der Hayekianisch-ordnungspolitische und der Schumpeterianisch-innovationspolitische. Ersterer betont vor allem die Steuerungsgrenzen und legt daher tenden-ziell Abstinenz zumindest bezglich prozessbezogener Eingriffe - als politische Zielrichtung nahe (Abschnitt 2.2). Neo-Schumpeterianische Anstze erlauben hingegen eine Problembe-schreibung, die auch problematische Marktdynamiken umfassen und so potenziell fruchtbare Anknpfungspunkte fr eine kologische Innovationspolitik bietet (Abschnitt 2.3).

    Diese werden ausgehend von zwei Thesen in Kapitel 3 nher verfolgt. Neuere evolutorische Anstze setzen an neo-Schumpeterianischen Konzepten wie technologischen Paradigmen und Pfadabhngigkeiten an, um Markteinfhrungsstrategien fr Umweltinnovationen (Reichel 1998) oder Zeitstrategien kologischer Innovationspolitik (Nill/ Zundel 2002, Zundel et al. 2003) zu entwickeln. Damit rcken aber neben der Sicherung von Variationsprozessen, einem aus evolutorischer Perspektive naheliegendem Politikziel (z.B. Rammel/ van den Bergh 2003, Lehmann-Waffenschmidt 2002), auch problematische Selektionsprozesse in den politischen Fokus (Abschnitt 3.1). Es geht im Rahmen einer Theorie kologischer Innovationspolitik auch darum, Mglichkeiten und Grenzen einer ablaufpolitischen "Wirtschaftspolitik der Ex-perimente" zu bestimmen (vgl. auch Okruch 2002). In Abschnitt 3.2 erfolgt daher insbesonde-re aufbauend auf Wegner (1996) eine Auseinandersetzung mit der Frage der Steuerungsgren-zen und der Wissensproblematik.

    Als Schlussfolgerung wird in Kapitel 4 als Antwort auf die evolutorisch-konomisch przi-sierte Problemstellung unter bestimmten Voraussetzungen eine strker prozesspolitisch aus-gerichtete Konzeption kologischer Innovationspolitik rehabilitiert, um kologische Nachhal-tigkeit und damit auch die langfristige Aufrechterhaltung der dynamischen Kapazitten von Mrkten zu gewhrleisten.

    Der Beitrag ist im Rahmen des laufenden Promotionsvorhabens "Pfadverndernde kologische Innovationspo-litik. Anstze und empirische Prfung einer (ko-) evolutorischen Theorie" am Fachbereich Wirtschaftswissen-schaften (Betreuer: Prof. Dr. Frank Beckenbach) entstanden. Fr hilfreiche Anmerkungen geht mein Dank ins-besondere an Frank Beckenbach, Sylvie Geisendorf, Jrg Jasper, Christian Sartorius, Ulrich Witt und Stefan Zundel.

    2

  • 2 Ein berblick ber relevante evolutorische Konzeptionen einer Theorie der Wirtschaftspolitik

    2.1 Alternative Zugnge zu einer Theorie der Wirtschaftspolitik

    Der dominierende wirtschaftswissenschaftliche Zugang zur Theorie der Wirtschaftspolitik lsst sich, ausgehend von den Arbeiten von Tinbergen (1952) als Ziel-Mittel-Ansatz be-schreiben. Sowohl die keynesianische Theorie der Makropolitik als auch die mikrokonomi-sche neoklassische Wohlfahrtskonomik ist dadurch gekennzeichnet, dass zunchst wirt-schaftspolitische Ziele legitimiert und dann Mittel bzw. Instrumente zu ihrer Umsetzung ge-prft werden. Eine Besonderheit der Wohlfahrtskonomik ist dabei, dass sie ein (schwaches) normatives Kriterium in den Kern der Theoriebildung integriert, das Kriterium der Paretoeffi-zienz. Dies bezeichnet einen Zustand in dem niemand mehr besser gestellt werden kann, ohne dass jemand anderes schlechter gestellt wird. Basierend auf dem theoretischen Nachweis, dass vollkommene Mrkte im Gleichgewichtszustand dieses Kriterium erfllen, postuliert sie die allgemeine und zeitinvariante Gltigkeit der Pareto-Norm als Begrndung einer Theorie der Wirtschaftspolitik.

    Die vermag (nicht nur) aus einer dynamischen oder wirtschaftsprozessorientierten Perspektive jedoch nicht zu berzeugen. So ist die Aussagekraft des Pareto-Kriteriums an den Rahmen der statischen realwirtschaftlichen Allokationstheorie gebunden. Dynamische konomien, in denen Neuerungen alte Handlungen entwerten, tendieren zu einer systemimmanenten Verlet-zung des Pareto-Kriterium (Witt 1996). Auf einer fundamentaleren Ebene wird der Dezisio-nismus bzw. die Teleologie einer solchen Theorie der Wirtschaftspolitik kritisiert (Hayek 1969, Riese 1988, Wegner 1996). Dies setze die Fhigkeit der Politik voraus, in Marktwirt-schaften beliebig in Marktprozesse eingreifen und diesen einfach Ziele vorgeben zu knnen. Empirisch korreliert dies mit einem gerade im Bereich der Umweltpolitik deutlich beobacht-baren Auseinanderfallen von theoretisch optimalen und praktisch umgesetzten Politiken.

    Als eine neoklassisch geprgte Reaktion auf solche Kritiken wurde die normative durch eine positive Theorie der Wirtschaftspolitik ergnzt, die als "konomische Theorie der Politik" strker den Politikprozess in den Blick nahm und das individualkonomische Rationalkalkl auf diesen bertrug. Hierdurch wurden Abweichungen vom wohlfahrtskonomischen Opti-mum durch Restriktionen des demokratischen Allokationsprozesses, Binnenrationalitten der Brokratie und den Einfluss von Lobbying erklrt. Mit Ausnahme des letzteren Zweiges geht dabei jedoch der Bezug zum konomischen System verloren.

    Evolutorische Anstze einer Theorie der Wirtschaftspolitik setzen hingegen einer alternati-ven, dynamisch angelegten Analyse des konomischen Systems an. Dabei lassen sich verein-fachend zwei Spielarten deutlich unterscheiden (vgl. auch Pelikan 2003):

    an Hayek anknpfenden Anstze einer evolutorischen Ordnungspolitik (Hayek 1969, Koch 1996, Wegner 1996, Budzinski 2000), die die Wissensgrenzen politischer Akteure betonen und daher wirtschaftspolitischen Zielen, die ber die Sicherung der Funktionsf-higkeit von Mrkten hinausgehen, skeptisch gegenber stehen

    evolutorische Anstze, die Wirtschaftspolitik vorwiegend als Innovationspolitik im Schumpeterianischen Sinne, d.h. an den Eigenarten, Problemen und Wirkungen von ko-nomischen Neuerungsprozessen ansetzend, konzeptionalisieren (z.B. Metcalfe 1994, Ma-lerba 1996, Witt 1996, Lipsey/ Carlaw 1998, Metcalfe/ Georghiou 1998, Oltra 1999).

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  • Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden ein reformulierter Zugang zu einer konomi-schen Theorie der Wirtschaftspolitik vorgeschlagen. Sinnvoller Ausgangspunkt ist ein Bezug zu den Charakteristika und Funktionsbedingungen des (in heutigen Gesellschaften markt- und geldwirtschaftlich verfassten) konomischen Systems. Weiter erscheint es (nicht nur) aus evolutorischer Perspektive zweckmig, den herkmmlichen Ziel-Mittel-Ansatz der Wirt-schaftspolitik um zwei vor- und nachgelagerte Analyseelemente zu einem "Problem-Ziel-Mittel-Restriktions-Ansatz" zu erweitern:

    Das hinter wirtschaftspolitischen Zielen stehende Problem sollte zunchst soweit mglich als konomisches Problem rekonstruierbar sein. Denn jedwede Prfung von Gestaltungs-optionen setzt eine analytische Basis zur Wirkungsabschtzung voraus. Zugleich ermg-licht dies, die unterschiedlichen Anstze und Ziele, die in verschiedenen wirtschaftspoliti-schen Konzeptionen von Bedeutung sind, besser einzuordnen und die Gleichsetzung zu Problemwahrnehmung und teleologischer Umformulierung in ein Ziel zu vermeiden.

    Um die Grenzen wirtschaftspolitischer Einflussnahme zu bercksichtigen und zugleich der Analyse zugnglich zu machen, sollte eine Prfung von wirtschaftspolitischen Optio-nen mit einer Restriktionsanalyse hinsichtlich der Umsetzbarkeit einhergehen, die als -konomischer Teil der Analyse auf das konomische System bzw. die Wechselwirkungen zwischen Wirtschafts- und Politikprozess fokussiert.

    Im Folgenden wird anhand dieses Problem-Ziel-Mittel-Restriktions-Schemas eine kurze Sich-tung der evolutorischen wirtschaftspolitischen Literatur im Hinblick auf eine Theorie kolo-gischer Innovationspolitik vorgenommen. Es wird zu zeigen sein, dass sich aus beiden evolu-torischen Anstzen, den Hayekianischen und den Schumpeterianischen, u.a. aufgrund unter-schiedlicher Problemdefinitionen nur begrenzt Orientierungen fr eine Theorie kologischer Innovationspolitik gewinnen lassen; dennoch lassen sich einige analytisc

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