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  • Heinrich-Böll-Stiftung Die grüne politische Stiftung Schumannstraße 8 10117 Berlin Telefon 030.285 34-0 www.boell.de info@boell.de

    Tagungsbericht

    Urban Futures 2030

    Bericht: Sabine Drewes/Johannes Kode

  • 2Tagungsbericht Urban Futures 2030 Heinrich-Böll-Stiftung Juli 2009, Berlin

    Wie sehen die Städte der Erde 2030 aus? Peter Head, Direktor von Arup, eines der weltweit führenden Architekturbüros, gab dem Wandel ein Gesicht, zeigt ihn in einprägsamen Bildern. Zunächst ein authen- tisches: Der Bürgermeister von Seoul setzte 2003 durch, dass zur Steigerung der Attraktivität der Metropole anstelle einer achtspurigen Autobahn den Fluss Cheonggye renaturiert werden solle. Flanierende Fußgänger statt Blechlawine: eine radikale Vision, die sogar jemand den Mut hatte in die Tat umzusetzen. Die übrigen Bilder von Peter Head waren allerdings Simulationen: Aus Manchester verschwinden die Autos, statt dessen fahren Straßenbahnen, Bäume werden gepflanzt und Fassaden begrünt. Auch Suburbia bekommt ein grünes Design: Neue Bushaltstellen und Parkzonen für eCarsharing dominieren die Straßen, in den Vorgärten wird wieder Gemüse angebaut, das in der obsolet gewordenen Garage verkauft wird.

    Visionen künftigen Städtebaus und urbaner Lebensweisen. Head präsentierte seine auf dem Kongress Urban Futures 2030 am 3. und 4. Juli 2009. 350 architektur- und stadtinteressierte Menschen trafen sich im neu- en Stiftungshaus der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung, um zukunftsträchtige Fragen zu diskutieren. Welche Gestalt nimmt ökologisches Bauen von morgen an? Wie können Städte der wachsenden Energienachfrage und den Mobilitätsbedürfnissen einer weltweit wachsenden städtischen Bevölkerung gerecht werden, ohne die Ökosphäre definitiv zu ruinieren?

    Die Klimakrise mit ihrem drängenden Handlungsappell bildete das inhaltliche Epizentrum des Kongresses. Denn eines der vorrangigen urbanen Gegenwartsprobleme ist der Klimawandel. Mittlerweile ist hinlänglich bekannt, dass in den Städten ca. 80 % der Treibhausgase emittiert werden. 80 % Reduktion der Treibhaus- gas-Emissionen in den hochindustrialisierten Ländern bis zum Jahr 2050 lautet denn auch die Forderung aus der Perspektive globaler Klimagerechtigkeit. Wer dem Klimawandel zu Leibe rücken will, muss sich

    aber mit der Bautätigkeit der Menschen befassen. Allein in Deutschland sind Errichtung, Betrieb und Abriss von Gebäuden für 40 % der Triebhausgas-Emissionen verantwortlich. Neben dem Verkehr und industrieller Produktion ist gebäudebezogener Energieverbrauch eine der wesentlichen Ursachen des städtischen CO2- Ausstoßes. Zukunftsfähige Stadtplanung und Architektur müssen Antworten auf den Klimawandel geben. Aber natürlich verbietet es sich, den Klimawandel in der Stadtentwicklung isoliert zu betrachten – eine Bau- kultur, die das Attribut «nachhaltig» verdient, muss auch immer soziale Aspekten und Kultur mitdenken. Der erste Kongresstag war Visionen des Stadtneubaus gewidmet, der zweite schwerpunktmäßig den Ideen für einen klima- und sozial gerechten Stadtumbau, wobei sich diese Aspekte nicht unbedingt sauber trennen lassen.

    Stadt neu denken, Stadt neu bauen? Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, führte in die Komplexität des Kongressthemas ein. Im Zentrum seiner Einführung stand die Doppeldiagnose stätischen Lebens: Die Stadt ist eine der zentra- len Verursacherinnen des Klimawandels und zugleich Pionierin der Veränderungen, die den Klimawan- del mindern helfen. Ihr Potenzial birgt Lösungselemente für die Überwindung ihrer Verursacher-Rolle. Fücks betonte: «Es geht nicht nur um Technik, sondern um neue Entwürfe urbanen Lebens. Die Gestaltung der Stadt ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir – die städtische Öffentlichkeit muss die Akteurin des Wandels werden.» Die Heinrich-Böll-Stiftung habe dazu auch ganz praktisch einen Beitrag gelei- stet – mit ihrem energieeffizienten neuen Stiftungshaus, von dem die FAZ einen «grünen Schimmer der Moderne» ausgehen sah.

  • 3Tagungsbericht Urban Futures 2030 Heinrich-Böll-Stiftung Juli 2009, Berlin

    Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau, dem Kooperationspartner bei diesem Kongress, konkre- tisierte die Bedeutung der Architektur für die Zukunft der Stadt: Architektur forme den Raum und dieser die Nutzer des Raumes. Es werde bei städtischen Lösungen für den Klimawandel auf eine Neudefinition des Verhältnisses von Individuum und Raum ankommen.

    «Economy of trees» Peter Head ging zunächst auf Chinas als Beispiel einer Erdregion ein, in der ein immenser Urbanisierungs- druck tatsächlich zum Stadtneubau führt. China sei ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man Ökostädte als neues Modell der Stadtentwicklung brauche. Die chinesische Ökonomie würde nicht funktionieren, wenn dieses neue Modell nicht gefunden wird. Allerdings gelte das auch in anderer Form für den Stadtumbau in hochindustrialisierten Ländern. Die Menschheit müsste sich von den auf fossilen Brennstoffen beruhenden Prinzipien städtischen Lebens endgültig verabschieden. Andernfalls sei es nicht möglich, bis 2050 eine nach- haltige Lebensweise umzusetzen und die Klimakatastrophe zu verhindern.

    Head stellte das Konzept der «10 Prinzipien der Biomimicry» vor. Demnach müssen effiziente Lösungen un- ter anderem smart, responsive und simple sein. Der Planer stellte städtische Dichte als ein zentrales Element nachhaltiger Stadtentwicklung dar, da ein direkter Zusammenhang zwischen Dichte und Energieverbrauch bestehe. Autos seien seiner Auffassung nach allein schon aus ökonomischen Gründen ein Desaster. Er warb dagegen für eine «Ökonomie der Bäume»: Aus Gründen der wirtschaftlichen Rentabilität sollte in Städten

    zunächst die Bäume geplant und dann die Häuser darum herumgebaut werden.

    Fakten aus dem Reich der Mitte Long Weiding, Professor am Research Center of Building Energy & New Energy der Tongji Universität in Schanghai illustrierte den Zusammenhang von Urbanisierung, Energienachfrage und Klimawandel in China mit eindruckvollen Zahlen. Die Umweltbelastung ist in China hoch, die Energienachfrage durch das anhal- tende Bevölkerungswachstum und die rasch voranschreitende Urbanisierung immens. Laut Prognosen wer- den 2020 insgesamt 60 % der chinesischen Bevölkerung in Städten leben. Heute sind es 46 % – was bereits 606 Millionen Menschen entspricht. Steigende Auto-Zahlen und energieintensive Produktion werden auch in Zukunft die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen steigern. Durch das Wachstum des Automobilmarktes werde allein China pro Jahr zusätzliche 20–30 Millionen Tonnen Öl brauchen. Die CO2-Emissionen seitens der intensiven Kohle-Nutzung müssten zurückgefahren werden. 70 % des Energiekonsums werde durch Koh- le gedeckt. Alleine der chinesische Export verursache mehr CO2-Emissionen als das Vereinigte Königreich. Die chinesische Regierung versuche, sich den immensen Herausforderungen entgegenzutreten. So wurde u.a. der China National Plan for Coping with Climate Change sowie der National Assessment Report on Climate Change erstellt. Demnach sollen u.a. bis 2010 insgesamt 10 % des Energiekonsums durch erneuerbare En- ergien gedeckt werden; bis 2020 dann 15 %. Daneben wird die Regierung in Kernenergie investieren. Ziel: 2020 sollen 5 % der Energie aus Reaktoren kommen. Eine weitere Anstrengung liegt im Bereich der ‹eco cities›. Weiding Long stellte in diesem Rahmen die Ökostadt Lingang als Beispiel emissionsarmer Stadtent-

  • 4Tagungsbericht Urban Futures 2030 Heinrich-Böll-Stiftung Juli 2009, Berlin

    wicklung vor. Welche Rolle der chinesischen Bevölkerung bei der Bekämpfung des Klimawandels zukäme, darauf ging der Wissenschafter nicht näher ein.

    Neuer ökologischer Gesellschaftsvertrag Renate Künast MdB, die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Bundestag, griff Peter Heads Simulationen begeistert auf, waren sie doch dazu angetan, das grüne Wahlprogramm in Bilder zu übersetzen. Das Indus- triezeitalter habe sich der Politikerin zufolge zu Tode gesiegt. Nun sei ein neuer, ökologischer Gesellschafts- vertrag vonnöten, in dem die Gesellschaft die Bedingungen des Zusammenlebens neu verhandeln müsse. Sie brachte das Stichwort des Green New Deal in die Debatte, der eine ökologische Wende mit neuen Arbeits- plätzen und Lebensqualität verknüpfe. Neben den von ihren beiden Vorrednern angesprochenen technischen Anpassungen müsse es auch eine low-carbon culture geben, die auch soziale Aspekte aufgreift, einschließlich einer low-carbon Bauweise. Die Vision müsste in einer breiten Bewegung von unten entwickelt werden. Sie plädierte für die Schaffung entsprechender ökologischer Modellregionen.

    Forum Lernen von Masdar? Zwei Foren befassten sich mit der Realität und den Perspektiven des Stadtneubaus: «Lernen von Masdar» und «Haus – Wie sieht ökologische Architektur von morgen aus?»

    Dass nicht nur in den von Öl-Importen abhängigen Staaten über Lösungen für das Post-Öl-Zeitalter nachge- dacht wird, zeigt die Modellstadt Masdar. In den Vereinigten Arabischen Emiraten entsteht eine Universi- tätsstadt mit 50.000 Einwohnern und Einwohnerinnen, die vollständig durch erneuerbare Energien versorgt werden soll. Masdar wurde als Fallbeispiel einer ökologisch nachhaltigen Modellstadt im Bezug auf die Übertragbarkeit auf Europa diskutiert.

    Klimaingenieur Prof. Matthias Schuler, dessen Firma Transsolar am Aufbau Masdars beteiligt ist, stellte die Nachhaltigkeitsprinzipien der Stadt vor. Er führte aus, dass dabei sowohl ressourcentechnische als auch ökonomische und kulturelle Aspekte berücksichtigt w