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  • So arbeiten Schülerinnen und Schüler mit dem Buch

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    So arbeitest du mit Geschichte und Geschehen

    Jede Themeneinheit beginnt mit ei- ner Orientierungsseite. Hier erfährst du, um welches Thema es geht und du kannst erste Fragen stellen.

    Die Kapitel unterteilen sich in den infor- mierenden Verfassertext (VT) und einen Materialteil. Neben der Seitenzahl findest du ei- nen Hinweis auf die im Kapitel berück- sichtigte Kategorie. Kategorien sind Gesichtspunkte, unter denen man Ver- gangenheit betrachten kann. In deinem

    Leben im Deutschen Kaiserreich

    die weltweite auseinandersetzung um politische ordnungen1

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    Leben im Deutschen Kaiserreich

    die weltweite auseinandersetzung um politische ordnungen1

    Nationalismus und Militarismus

    „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, so lautete ein viel zitierter Satz, der auf den Dichter Emanuel Geibel zurückging. Dieser übersteigerte Nationa- lismus prägte die Einstellung weiter Bevölkerungskreise im Kaiserreich.

    Der „vaterländische Gedanke“ Seit dem Sieg über Napoleon 1814 / 15 hatte der Nationalgedanke in Deutsch- land eine antifranzösische Tendenz. Die wurde im Krieg 1870 / 71 noch ver- stärkt: Der gemeinsame Kampf gegen den französischen „Erbfeind“ einte die Deutschen. Weil Deutschland die führende Militär- und bald auch Wirtschafts- macht auf dem Kontinent war, fühlte man sich anderen Völkern und Staaten überlegen. Überheblichkeit und Missachtung anderer kamen besonders un- ter Kaiser Wilhelm II. zum Ausdruck. Mit anmaßenden Reden und seiner Vor- liebe für alles Militärische rief er im Ausland Verwunderung, Ablehnung und Misstrauen hervor. An der Pflege des „vaterländischen Gedankens“, wie es damals hieß, wirkten viele mit. Selbstverständlich verbreitet war er im Militär. Aber auch die Schule hatte die Aufgabe, die deutsche Geschichte, das deutsche Volk und die deut- schen Herrscher zu verherrlichen. Schützen-, Turner- und Sängervereine feier- ten mit Begeisterung nationale Feste und sangen patriotische Lieder. Sie hatten Millionen von Mitgliedern – so verwurzelte sich der „vaterländische Gedanke“ in der Bevölkerung immer stärker.

    Die Militarisierung der Gesellschaft Mit dem Nationalismus eng verbunden war die Hochschätzung alles Militäri- schen. Militärische Stärke galt als Garantie für die Sicherung der neuen Vor- machtstellung in Europa. Parlament und Regierung hatten auf das Militär praktisch keinen Einfluss. Der Oberbefehl lag beim Kaiser. Das Militär stieg zum angesehensten Stand im Reich auf. Dabei blieben die ho- hen Offiziersränge vorwiegend von Adeligen besetzt. Die Offiziere hoben sich durch besondere Privilegien und Lebensformen von der übrigen Bevölkerung ab. Sie wurden bewundert und nachgeahmt. Auf den Bürgersteigen wich man ihnen aus und in den Restaurants wurden sie bevorzugt bedient. Gut gestellte Bürger strebten nach militärischem Aufstieg: Sie konnten den so genannten einjährig-freiwilligen Militärdienst leisten und es dann bis zum Reserveoffizier bringen. Uniformen für Zivilberufe – von der Eisenbahn bis zur Feuerwehr – standen hoch im Kurs. Viele eigneten sich die Hierarchievorstellungen, das Ver- halten und die Redeweise des Militärs an. Auch im zivilen Leben bestimmte oft der militärische Rang den Stellenwert eines Menschen.

    A: Erläutere, warum der „vater ländische Gedanke“ für weite Kreise der Bevölke- rung so attraktiv sein konnte. [II]

    B: Erkläre, was der zeitgenössische Begriff „Erbfeind“ meint. Denke dabei auch an frühere Auseinandersetzun- gen zwischen Deutschland und Frank- reich. [II]

    einjährig-freiwilliger Militärdienst Wer mindestens die 10. Klasse einer höheren Schule abgeschlossen hatte, konnte statt des üblichen zweijährigen einen einjährigen Militärdienst leisten. Er musste die Kosten dafür aber selber tragen.

    Q1 Ausschnitt aus einer Bildpostkarte um 1900 Die Originalunterschrift lautet: „Der Sol- dat ist der schönste Mann im Staat.“

    C: Begründe, weshalb der Hersteller der Ansichtskarte sich für dieses Motiv ent- schieden haben könnte. [II]

    Herrschaft 17

    Leben im Deutschen Kaiserreich

    die weltweite auseinandersetzung um politische ordnungen1

    Herrschaft

    D2 Reichstagswahlen von der Reichs- gründung bis zum Ersten Weltkrieg jeweils in der ersten Spalte Stimmen- anteil in Prozent, in der zweiten Spalte die Mandate

    Gerd Hohorst / Jürgen Kocka / Gerhard. A. Ritter, Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch II. Materialien zur Geschichte des Kaiserreichs 1870–1914, Mün- chen 1978, S. 173–175.

    Partei 1874 1884 1893 1903 1912

    Konservative 6,9 22 15,2 78 13,5 72 10,0 54 9,2 43

    Zentrum 27,9 91 22,6 99 19,1 96 19,8 100 16,4 91

    Nationalliberale 29,7 155 17,6 51 13,0 53 13,9 51 13,6 45

    Sozialdemokraten 6,8 9 9,7 24 23,3 44 9,7 24 34,8 110

    Paul Hirsch, Der preußische Landtag. Handbuch für sozialdemokratische Landtagswähler, 3. Aufl. Berlin 1913, S. 11, zit. nach Gerhard A. Ritter (Hrsg.), Das deutsche Kaiserreich 1871–1914. Ein historisches Lesebuch, 5. Aufl. Göttingen 1992, S. 123 (Vandenhoeck und Ruprecht)

    D3 Wahlen zum preußischen Land- tag 1908

    Partei Stimmenanteil Mandate

    Konservative 14,15 152

    Freikonservative 2,24 60

    Zentrum 19,91 104

    Nationalliberale 12,71 65

    Freisinnige Volkspartei 3,93 28

    Polen und Dänen 9,02 17

    Sozialdemokraten 23,87 1

    1. Erläutere anhand von Q3 den Cha- rakter des neuen Staates. [II]

    2. Charakterisiere das Verständnis von Herrschaft und Politik, das hinter der Äußerung Wilhelms II. steht (Q4). [II]

    3. Berechne für jedes Jahr den Anteil der einzelnen Parteien an der Gesamt- zahl der Reichstagsmandate (397) in Prozent (D2). [I]

    4. Untersuche das jeweilige Verhältnis von Stimmen- und Mandatsanteil (D2).

    Wem nützen und wem schaden die Unterschiede dazwischen? [II]

    5. Verfasse eine kurze Äußerung: Was würde ein SPD-Abgeordneter seinem Kollegen Oldenburg-Januschau im Reichstag erwidern (Q5)? [II]

    6. Charakterisiere das Verhältnis von Parlament und Regierung, das von Sybel als Ideal ansieht (Q6). [II]

    7. Städtische Wahlkreise hatten meist mehr Wähler als ländliche. Welche

    Auswirkungen hatte das? Vergleiche mit deinen Berechnungen. [III]

    8. Berechne, wie viele Abgeordnete jede Partei bei gleicher und direkter Wahl im Verhältniswahlrecht erhalten hätte. [I]

    9. Erläutere anhand des Verfasser- textes die Gründe für die Unter- schiede. [II]

     Beurteile die Wahlverfahren im Reich und in Preußen im Vergleich. [III]

    Q5 Herrscher und Parlament Der konservative Abgeordnete Elard von Oldenburg-Januschau erregte 1910 in ei- ner Reichstagsrede mit dieser Äußerung Aufsehen: Der König von Preußen und der Deut- sche Kaiser muss jeden Moment im- stande sein, zu einem Leutnant zu sa- gen: „Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag.“ Zit. nach: Verhandlungen des Reichstages, Vl. Legislaturperiode, Bd. 259. S. 898.

    5

    Q6 Gegen Absolutismus und „popu- läre Agitation“ Der Historiker und nationalliberale Ab- geordnete Heinrich von Sybel meinte 1871: Auch wenn eine Volksvertretung, wie in Deutschland und Nordamerika, nicht die Kraft besitzt, Minister ein- und abzu- setzen, so ist schon ihr Dasein und ihre Debatte, ihre Kritik des Budgets [Haus- halts] und ihre Befugnis, misslungene Gesetzentwürfe zu vernichten, eine

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    höchst bedeutende Schranke gegen je- den willkürlichen Absolutismus der Re- gierung. Diese Regierung aber in fester Hand und den Wogen der populären Agitation entzogen zu wissen, erscheint uns (…) als unschätzbarer Segen. Heinrich von Sybel: Das neue deutsche Reich. In: Vorträge und Aufsätze. Berlin 2. Aufl. 1874, S. 322 f.

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    Die Anforderungs- bereiche der ver- wendeten Opera- toren findest du in eckigen Klammern.

    1 die weltweite auseinandersetzung um politische ordnungen

    mehr Infos zum Kapitel xxxxxx

    Leben im Deutschen Kaiserreich

    Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches war ein mächtiger neuer Staat in der Mitte Europas entstanden. Wirtschaft, Industrie und Verkehr entwickelten sich schnell. Die Städte wuchsen und veränderten ihr Gesicht. Vieles blieb aber auch beim Alten, vor allem auf dem Lande. Des wegen fallen die Urteile über das Kaiserreich sehr unterschiedlich aus: • Lebte man im Kaiserreich in der „guten alten Zeit“? • War das Kaiserreich ein Staat mit überholter Adelsherrschaft

    und Unterdrückung der Arbeiterschaft? • War es ein militaristischer Unruhestifter? • Oder war es ein Industriestaat, mit dem in Deutschland die

    moderne Zeit begann?

    Berlin 1908

    1860 1870 1880

    1866 Preußen besiegt Österreich und der Deutsche Bund wird aufgelöst.

    18. Januar 1871 Der preußische König Wilhelm I. wird zum „Deutschen Kaiser“ ausgerufen.

    16. April 1871 Die Verfassung des Deutschen Reiches tritt in Kraft. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck wird erster Reichskanzler.

    1870 / 71 Krieg zwischen Deutschland und Frankreich

    die weltweite auseinandersetzung um politische ordnungen Das Deutsche Kaiserreich 1871

    Parade der Gardetruppen im Berliner Lustgarten 1909

    1890

    1884 / 85 Deutschland erwirbt Kolonien in Afrika und Südostasien.

    1890 Wilhelm II. entlässt Bismarck als Reichskanzler.

    1888 Nach dem Tod Kaiser Wilhelms I. besteigt sein Sohn Friedrich III. den Thron. Er ist schwer