Römisch-katholisches Pfarrblatt Region Olten 40-42/2012

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Römisch-katholisches Pfarrblatt Region Olten 40-42/2012

Text of Römisch-katholisches Pfarrblatt Region Olten 40-42/2012

  • KIRCHEheuteDer Kampf des Konzils um einen neuen Zugang zur BibelVor fnfzig Jahren wurde in Rom das Zweite Vatikanische Konzil erffnet

    Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das am 11. Oktober 1962 erffnet wurde, hat die katholische Kirche ihr Verhltnis zur Welt und zu den andern Religionen, aber auch ihre eigene Grundlage radikal neu be-stimmt. Wie das Konzil gearbeitet und was es gewollt hat, zeigt am deutlichsten sein Umgang mit dem Thema Bibel.

    Was bedeutet es, von Gottes Wort, von gttlicher Inspiration oder von Heiliger Schrift zu sprechen? Und gibt es neben der Bibel noch andere Quellen der gttlichen Of-fenbarung? Als die rund 2500 Konzilsvter im Herbst 1962 ein erstes Mal fr einige Wo-chen in Rom zusammenkamen, lag ihnen ein Arbeitspapier zu diesen Fragen vor, dessen Antworten wir heute als fundamentalistisch bezeichnen wrden. Die Bibel wurde darin wie in frheren Jahrhunderten als Wort fr Wort von Gott diktiert angesehen, die Ausle-gung einzig dem Lehramt zugetraut. Viele Bischfe und Kardinle reagierten emprt. Eine Rckweisung des von Mitarbeitern der Kurie verfassten Papiers scheiterte am 20. November 1962 ganz knapp an der dafr er-forderlichen 2/3-Mehrheit. Papst Johannes XXIII. vermied eine ernsthafte Krise des Kon-zils, indem er ein Machtwort sprach und ent-schied, eine neue Kommission mit der Ausar-beitung eines neuen Papiers zu beauftragen.

    In den folgenden drei Jahren mussten vier weitere Fassungen erarbeitet werden, bis es in der letzten Sitzungsperiode des Konzils, im November 1965 zur Annahme der Dogmati-schen Konstitution ber die gttliche Offen-barung Dei Verbum kam. Bis dahin hatte das Lehramt der katholischen Kirche Offen-barung als bernatrlichen Vorgang gesehen, aus dem die Bibel als ein Buch der Wahrhei-

    ten auch ber historische oder naturwis-senschaftliche Fakten resultierte. Die im 19. Jahrhundert aufgekommene historisch-kriti-sche Bibelauslegung, die danach fragt, wann und unter welchen Umstnden die biblischen Texte entstanden sind und sie aufgrund die-ser Erkenntnisse interpretiert, blieb in der katholischen Theologie bis zum Konzil ver-boten. Weder archologische noch literatur-wissenschaftliche Erkenntnisse durften bis dahin der lehramtlichen Bibelauslegung ent-gegengesetzt werden.

    In Dei Verbum definierte das Konzil die Of-fenbarung neu: Gott teilt in der Heiligen Schrift den Menschen nicht etwas mit, son-dern sich selbst. Die biblischen Bcher sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments sind

    unter dem Wirken des gttlichen Geistes ent-standen. Da aber Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gespro-chen hat, muss der Ausleger aufmerksam erforschen, was die Hagiographen wirklich deutlich zu machen beabsichtigten.

    Dei Verbum fordert zudem Bibelberset-zungen nach Mglichkeit kumenische(!) aus dem hebrischen oder griechischen Ur-text und rckt damit, wie Jahrhunderte zu-vor die Reformatoren, die lateinische Vulgata in den Hintergrund. Die Glubigen sollen sel-ber die Bibel lesen knnen und auch in den Gottesdiensten mehr von ihr hren als in den vergangenen Jahrhunderten. Sie erhielten mit Dei Verbum einen neuen Zugang zur Grundlage ihres Glaubens. Alois Schuler

    KN

    A

    Gebet der Konzilsvter in der im Petersdom aufgebaute Konzilsaula.

    R m i s c h - k at h o l i s c h e s P fa R R b l at t R e g i o n o lt e n 29. september bis 19. oktober 2012

    A Z A 4 6 0 0 O l t e n

    4042/2012

    www.pfarrblatt-region-olten.ch

    trauer und angst 2Was ist ein konzil? 2impuls von ludwig hesse: gottes Recht heisst gnade 3Das bischofswort / kirchenmusik 4

    aus den Pfarreien 51850 Jahre danach: Wo das konzil entschieden neues sagte 19kurse/begegnungen/fernseh- und Radioprogramm 20

  • 2

    Trauer und Angst

    50 Jahre nach dem Konzil scheinen Freude und Hoffnung, die in den Sechzigerjahren breite

    Schichten nicht nur in der katholischen Kirche erfasst hatten, verflogen. Bei einigen ist Resignation zu-rckgeblieben, bei den meisten herrscht Gleichgltigkeit. Viele jener, die sich seit den Sechzigerjahren in Pfarrei- und Seelsor-

    gerten, als Aktive der Synode 72, als Kommu-nionhelfer oder Lektoren engagierten, blicken mit Wehmut und Schmerz in eine Zeit des Auf-bruchs zurck.

    Natrlich hatten zahlreiche nderungen, die whrend oder nach dem Konzil eingefhrt wur-den, grosse Auswirkungen auf die gewhnli-chen Glubigen. Und sie nahmen sie dankbar an: Gottesdienste in der Landessprache, Mitver-antwortung fr die Geschicke der Kirche vor Ort, aktive Rollen in der Liturgie. Doch all das war doch eigentlich nur ein Nebenprodukt der Hauptstossrichtung: Das Konzil richtete die Kirche auf die Welt aus, brachte sie in Dialog mit der Gesellschaft, mit den Wissenschaften und mit andern Religion. Von den 16 verab-schiedeten Dokumenten ist jedes auf seine Wei-se das wichtigste. Etwa die Erklrung ber die Religionsfreiheit, die jedem Menschen seine Verantwortung zuspricht.

    Das Zweite Vatikanische Konzil ist das erste pastorale Konzil. Es wurde nicht einberufen, um in einem Streit ein letztes Wort zu sprechen, sondern um die Welt in den Blick zu nehmen. Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes han-delt ber die Kirche in der Welt von heute. Und ihr Titel gebendes Motto sieht die Kirche als mitfhlende Gemeinschaft von Menschen: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrng-ten, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jnger Christi. Damit die Glu-bigen gestrkt den Mitmenschen beistehen kn-nen, wurde die Liturgie erneuert. Damit keiner mit seinem Engagement zuwartet, bis ein Hirte ihn schickt, wurde an das Priestertum aller er-innert. Und damit keiner denkt, es reiche, den eigenen Glaubensgenossen beizustehen, hat das Konzil daran erinnert, dass alle Menschen eine einzige Gemeinschaft bilden.

    Innerhalb der Kirche scheinen gegenwrtig Trauer (an der Basis) und Angst (bei vielen Bischfen) zu dominieren. Statt Ermutigung erleben viele Engagierte Misstrauen. Als Hoff-nung bleibt einzig, dass die Kirche in allem Wandel, den sie gegenwrtig erlebt, fhig bleibt, auf die Trauer und Angst der Menschen um sie herum zu reagieren.

    Alois Schuler, Chefredaktor

    W e lt

    Beschrnkungen der ReligionsfreiheitLaut einer US-Studie, die letzten Donnerstag verffentlicht wurde, nehmen die Beschrn-kungen der Religionsfreiheit weltweit zu. In 37% aller Lnder herrschen demnach hohe oder sehr hohe Restriktionen fr die Glau-bensgemeinschaften. Da die meisten dieser Lnder sehr hohe Bevlkerungszahlen auf-weisen, lebten drei Viertel aller Menschen mit behrdlichen Restriktionen. Laut dem Paw Research Center, welches die Studie verffent-lichte, zeigten auch Lnder mit relativ hoher Toleranz gegenber Religionen, wie die USA oder die Schweiz, eine negative Entwicklung.

    Spekulation ber Ehe JesuDie Professorin Karen Leigh King stellte am Donnerstag ein Papyrusstck vor, welches be-legen soll, dass Jesus verheiratet war. In kop-tischer Schrift sind darauf die Zeilen Jesus sagte zu ihnen, meine Frau und sie kann zu meinen Jngern gehren festgehalten. Es wird darber spekuliert, dass damit Maria Magdalena gemeint ist. Ob es sich hierbei um einen eindeutigen Beweis handelt, steht nicht fest. Der Theologieprofessor Robert Pilhofer sagte dagegen, dass Jesus alle Familienbande gelst habe, weswegen es absolut unmglich war, dass er verheiratet gewesen sei.

    Vat i k a n

    Ethisches Fundament gefordertVor mehreren christlich-demokratischen Po-litikern forderte der Papst am Samstag ein ethisches Fundament fr Finanzmrkte. Die gegenwrtige Krise verpflichte dazu, den Weg neu auszurichten. Die Politik msse das Ge-meinwohl in den Mittelpunkt stellen und sich nicht einfach auf die Logik des Marktes verlassen. Leider seien die Antworten auf fundamentale Herausforderungen oft effekt-heischend, oberflchlich und von kurzem Atem. Benedikt XVI. sprach vor mehr als 100 Mitgliedern der Christlich-Demokratischen Internationale, die bis Samstag in Rom tagte.

    Nicht nur Spezialisten als BotschafterJeder Katholik msse sich fr die Wiedergabe der christlichen Botschaft verantwortlich fhlen, sagte der Papst letzten Donnerstag im Vatikan. Es sei nicht nur die Aufgabe weniger Spezialisten, dies zu tun. Eine solche Neu-evangelisierung msse sowohl in als auch mit der Kirche stattfinden, sagte Benedikt XVI. vor neuen Bischfen. Sie sei ein Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils, das es auch heute weiterzupflegen gelte. Der Papst for-derte die neuen Bischfe zudem auf, die Zu-sammenarbeit mit allen Gruppen und Ein-richtungen in ihren Bistmern zu verstrken. Ihre besondere Frsorge msse den Priestern gelten. Sie seien ihre ersten und wertvollen Mitarbeiter fr die Glaubensverkndigung.

    s c h W e i Z

    Kenntnisnahme der Pfarrei-InitiativeDie am 17. September lancierte Initiative Schweizer Seelsorger haben die Bischfe von St. Gallen, Chur und Basel zur Kenntnis ge-nommen. In einer Mitteilung zeigen sie sich berrascht, dass nicht zuerst das Gesprch gesucht worden sei, bevor man sich an die ffentlichkeit wandte. In der Initiative erkl-ren die Unterzeichnenden unter anderem, dass es selbstverstndlich sei, mit Angehri-gen anderer christlicher Kirchen das Mahl zu teilen und gemeinsam mit wiederverheirate-ten Paaren um einen Segen fr ihre Bezie-hung zu bitten. Dies sei kein gangbarer Weg, um die Pastoral verantwortungsvoll zu ge-stalten, schreiben die Bischfe. Bis Redakti-onsschluss unterschrieben 257 Seelsorgende die Initiative.(www.pfarrei-initiative.ch)

    Umsetzung der AusschaffungsinitiativeDer Bundesrat schickt zwei Varianten zur Umsetzung der Ausschaffungsinitiative in die Vernehmlassung. Whrend Caritas beide Vorschlge ablehnt, favorisiert der Katholi-sche Frauenbund die erste Variante. Laut Ca-ritas verletzen die Vorlagen vlkerrechtliche Bestimmungen und Grundstze der Bundes-verfassung, zudem knnen auch Auslnder der zweiten und