Mosby - Schwarze Blume

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Leseprobe zum Thriller von Steve Mosby

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  • Steve Mosby

    Schwarze Blumen Thriller

    Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer

    Droemer

  • Die englische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel Black Flowers bei Orion Books, London.

    Besuchen Sie uns im Internet: www.droemer.de

    2011 Steve Mosby First published by Orion Books, London.

    Fr die deutschsprachige Ausgabe: 2012 Droemer Verlag

    Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, Mnchen.

    Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf auch teilweise nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

    Redaktion: Viola Eigenberz Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, Mnchen

    Umschlagabbildung: FinePic, Mnchen Satz: Adobe InDesign im Verlag

    Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pneck Printed in Germany

    ISBN 978-3-426-19927-5

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  • Fr Lynn und Zack

  • 7 So laufen die Dinge nicht. Wenn Detective Sergeant Michael Sullivan in den zwlf Jahren bei der Polizei eines gelernt hat, dann das: Kleine Mdchen tauchen nicht einfach so auf. Nach seiner Erfah-rung funktioniert die Welt nicht so. Nach allem, was er bis-her gesehen hat, passiert in der Regel genau das Gegenteil: der langsame Verfall, der schleichende Niedergang von dem, was gut und richtig ist. Menschen besonders Kinder gehen verloren. Manchmal in einem gleitenden bergang, bei dem die anstndigen Sei-ten an ihnen, die Hoffnung machen, kaum merklich ausge-hhlt werden; in anderen Fllen gewaltsam und mit einem Schlag. Und gelegentlich kommt es vor, dass Menschen ein-fach ganz verschwinden. Doch egal, wie es passiert, diese Menschen kommen nicht zurck, schon gar nicht die Kin-der. Jedenfalls nicht in einer wnschenswerten Verfassung. Nein, nach Michael Sullivans Erfahrung kennt die Welt nur das Nehmen. Es ist ein frher Nachmittag im September 1977. Faverton ist ein langgestreckter Ferienort an der Ostkste. Das alte Dorf auf dem Hgel zieht sich mit seinen kopfsteingepfl as-terten Gassen bis zur Strandpromenade, den billigen Spiel-hallen und Cafs hinunter. Hier ist der Asphalt von den brau-nen Metallschienen der Straenbahn durchzogen. Zwischen Strae und Meer liegt eine lange Holzbohlen-Promenade, in die verschnrkelte grne Bnke, Abfallkrbe aus Draht-gefl echt und beige Eiswagen eingesprengt sind. Gemchlich

  • 8schlendern hier Familien entlang, die ab und zu an die halb-hohe Steinbrstung treten und auf den Strand hinunterbli-cken. Der Sand ist hart und fest; nur hier und da hat ein Kind beim Buddeln eine Stelle aufgewhlt. In der Ferne liegen die Knitterfalten der grauen See unter einem von Mwen ge-sumten weien Himmel. Es ist ein gewhnlicher Tag ohne den leisesten Anfl ug von Magie. Und doch passiert diese Sache, Sullivans Erfahrung zum Trotz, einfach so. Es gibt dort ein leeres Stck Promenade. Eine Straenbahn trudelt vorbei. Sie ist so alt, und die eisernen Triebwagen sind so ramponiert, dass man sich nicht wundern wrde, wenn der Stromabnehmer, der die Oberleitungen entlangstreicht, knistern und Funken sprhen wrde, doch tatschlich be-schrnken sich die Gerusche auf das mde Mahlen der Me-tallscheiben, auf denen das Gefhrt durch die Stadt schleift. Meistens ist die Bahn leer und erinnert an einen Butler, der wie gewohnt seinen tglichen Pfl ichten im Haushalt nach-kommt, nachdem alle Kinder lngst ausgezogen sind. Der Fahrer hinter der verschmierten Windschutzscheibe hlt die Steuerung mit steifen, reglosen Armen, whrend an der offe-nen Ecke der Straenbahn ein Schaffner mit einem Mnzer steht, der ihm wie ein winziges Akkordeon an einem Riemen um den Hals hngt. Die Bahn hlt nicht an. Niemand steigt ein oder aus. Doch als sie langsam weiterfhrt, ist die Promenade nicht mehr menschenleer. Dort steht ein kleines Mdchen. Die Kleine hat langes, dunkelblondes Haar, das seitlich zu lockeren Zpfen zusammengebunden ist und ihr auf die zar-ten Schultern fllt. Sie trgt ein blau-wei kariertes Kleid und zierliche Schuhe; beides sieht so aus, als passte es eher zu

  • 9einer Puppe. Unter den Augen hat sie dunkle, traurige Rin-ge. Vor dem Bauch hlt sie eine Handtasche fest. Sie ist hell-braun, aus Leder und fr sie viel zu gro eine Tasche fr Erwachsene , doch sie hlt sie umkrallt, als wre sie schon sehr lange in ihrem Besitz und ihr ungeheuer wichtig. Das kleine Mdchen steht da. Und wartet. Und so fngt es an. Sie taucht wie aus dem Nichts auf der Promenade auf: so als drehte sich die Welt im Schlaf auf die andere Seite und erwachte pltzlich mit einer Idee, die so wichtig ist, so dringend mitgeteilt werden muss, dass sie reale Gestalt annimmt. Und jetzt steht diese Idee da und wartet darauf, entdeckt zu werden. Wartet darauf, dass sich jemand ihrer annimmt. Sullivan hockt sich vor das kleine Mdchen hin. Sein steif gebgeltes Hosenbein bildet vom Knie herauf und ber dem Oberschenkel einen scharfen Kniff. Ihr Blick folgt seiner Be-wegung. Sie sind jetzt auf Augenhhe, und er lchelt sie an, um ihr die Angst zu nehmen. Hallo. Wie heit du? Das kleine Mdchen antwortet nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist wie ein Panzer. Fr ein Kind in ihrem Alter ist sie viel zu ernst, und Sullivan wei sofort, dass hier etwas nicht stimmt. Fr einen Moment wendet er den Blick ab. Die Frau, der das kleine Mdchen aufgefallen war und die ihn benachrichtigt hat, steht zgernd in einigem Abstand. Sie ist in mittlerem Alter und hlt ihre eigene Handtasche fast genauso wie das Mdchen. Sullivan nickt ihr zum Dank noch einmal zu das wird schon, ich kmmere mich darum und wendet sich, als die Frau geht, wieder dem Kind zu. An diesem Punkt wei er nicht, dass er noch einmal mit der

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    Frau sprechen muss, um sich ber die genauen Umstnde, unter denen das Mdchen hier gefunden wurde, Klarheit zu verschaffen. Auch wenn er begreift, dass etwas nicht stimmt, ist ihm die Erkenntnis noch nicht ganz ins Bewusstsein ge-drungen. Im Moment denkt er immer noch: Sie hat sich ver-laufen und sucht ihre Eltern. Weiter nichts. Ich heie Mike, sagt er. Und du? Auch diesmal antwortet das Mdchen nicht, doch nachdem sie ihn ihrerseits eine Weile angestarrt hat, wendet sie den Blick zur Seite. Und sie sagt auch etwas, doch er versteht nicht, was. Es ist, als sprche sie mit einem Geist oder bte einen imaginren Freund um Rat. Kann ich mit ihm reden? Ist es sicher? Was hast du gesagt?, fragt er. Sie sieht immer noch weg. Hrt jetzt zu. Gott, denkt Sullivan weil ihm gerade etwas anderes dm-mert: Die Kleine hier sieht wahrhaftig wie sie aus. Anna Hanson, das Mdchen, das letztes Jahr ermordet wurde. Sie sind beide etwa im selben Alter, ungefhr sechs, und Anna hatte dasselbe buschige dunkelblonde Haar. Irritiert durch die hnlichkeit und das befremdliche Verhalten des kleinen Mdchens, luft Sullivan ein Schauder den Rcken herunter. Er hat das seltsame Gefhl, dass sie es vielleicht tatschlich ist und zu ihren verzweifelten, trauernden Eltern zurckkehrt. Natrlich ist das unmglich, nicht zuletzt, weil Anna Hanson bereits zurckgekehrt ist als Leiche an den Strand gesplt: winzig zart, grau und leer. Die hnlichkeit ist allerdings frappierend, und er hat pltzlich das dringende Bedrfnis, sich um dieses kleine Mdchen zu kmmern und es zu be-schtzen. Sie sieht ihn wieder an. In seiner ganzen zwlfjhrigen Dienstzeit hat er noch nie eine solche Verzweifl ung gesehen.

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    Das wird schon, sagt er. Ich bin Polizist. Hast du deine Mummy oder deinen Daddy verloren? Meinen Daddy. Ihre Stimme ist unglaublich zart. Also, wir knnen ihn bestimmt schnell fi nden Doch er hlt inne. Der Schrecken, der dem kleinen Mdchen ins Gesicht geschrieben steht, zeigt, dass dies die letzte Ant-wort ist, die sie hren will. Ihr kleiner Krper zittert ein wenig. Instinktiv, ohne sich zu berlegen, wie sie reagieren wird, legt ihr Sullivan die Hand auf die Schulter und sprt den rau-hen Stoff des Kleides unter den Fingern. Das kleine Mdchen zuckt nur ein wenig zusammen, rhrt sich jedoch nicht vom Fleck. Das instinktive, verzweifelte Bedrfnis, getrstet zu werden, siegt ber die Angst. Es scheint, als habe sie schon eine ganze Weile keine Zuwendung oder Freundlichkeit er-fahren, wenn berhaupt jemals, und als koste es sie Mut einen ungeheuren Vertrauensvorschuss , auch nur an die Mglichkeit zu glauben. Das wird schon, Schtzchen, sagt Sullivan. Wieder sieht er sich um. Ein paar Passanten beobachten die Szene, doch die meisten gehen einfach weiter und nehmen von ihnen entweder keine Notiz oder sind davon berzeugt, dass alles seine Ordnung hat. Ein Polizist ist schlielich Herr der Lage. Nach allgemeiner bereinkunft hat er die Aufga-be, sich um Leute zu kmmern. Sullivan ist im Begriff, sich wieder dem kleinen Mdchen zu-zuwenden, um genau das zu tun, als er den Mann sieht und innehlt. Clark Poole. Der Greis luft schwerfllig auf der anderen Straenseite jenseits der Straenbahnschienen den Brgersteig entlang. Er hat einen leichten Buckel, und ber seiner Rckgratverkrm-

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    mung ist seine Jacke speckig, als ob das Alter nach und nach seinen ganzen Rcken in ein Geschwr verwandelt htte, das in der Mitte weich ist und nsst. Sein bleicher Kopf ist bis auf einen weien Haarkranz, der ihm an den Schlfen klebt, kahl und sein jetzt abgewandtes Gesicht mrrisch und breit. Poole geht an einem Rohrstock, den er, wie Sullivan vermutet ohne es beweisen zu knnen , eigentlich nicht braucht. Tapp, tapp. Zuerst glaubt Sullivan, Poole htte ihn nicht gesehen. Doch vor dem Caf bleibt der Alte stehen, dreht sich um und er-widert seinen Blick. Poole lchelt und nickt wie so oft Sullivan gensslich zu, bevor er sich abwendet und weiter seines Weges geht. Tapp, tapp. Die Leute machen, eher in-stinktiv als aus Rcksicht, Platz fr ihn, und Sullivan bezhmt das sattsam vertraute Bedrfnis, hinberzusprinten und ihn zu packen. Bekme er den alten Mann erst in die Finger, so viel ist gewiss, wre kein Halten mehr. Also bl