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Katze, Hut und Regenschirm

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Joanne Harris

Text of Katze, Hut und Regenschirm

  • List

    JOANNE HARRIS

    Katze, Hut und Regenschirm

    Aus dem Englischen von Adelheid Zfel

  • List ist ein Verlag

    der Ullstein Buchverlage GmbH

    ISBN: 978-3-471-35092-8

    Frogspawn Limited 2012

    der deutschsprachigen Ausgabe

    2013 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

    Alle Rechte vorbehalten

    Gesetzt aus der Berling

    Satz: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

    Druck und Bindearbeiten: GGP Media GmbH, Pneck

    Printed in Germany

  • Inhalt

    Einleitung 9

    Faith und Hope fliegen in den Sden 11

    River Song 33

    Es ist nirgends so schn wie in Bedford Falls 55

    Mchtest du wieder Kontakt aufnehmen? 66

    Regentage und Montage 77

    Die Baumnymphe 88

    Harry Stone und die 24-Stunden-Elvis-Kirche 102

    Die Geister der Weihnacht 121

    Wildfeuer in Manhattan 126

    Cookie 153

    Geister in der Maschine 173

    Der Heimwerker 187

    Die Muse 213

    Das Game 226

    Road Song 247

    Faith und Hope rechnen ab 258

    Dank 303

  • 9Einleitung

    In einem Interview bin ich einmal gefragt worden, welche drei Gegenstnde ich auf eine einsame Insel mitnehmen wrde.

    Ich gab die etwas flippige Antwort: Katze, Hut und Re-genschirm. Zum einen, weil mir der Rhythmus gefiel, zum anderen, weil jeder dieser drei Gegenstnde verschiedent-lich verwendet werden kann, einzeln oder kombiniert das heit, meine Auswahl ist mehr als nur die Summe ihrer Teile.

    Die Katze wrde ich mitnehmen, um Gesellschaft zu haben. Den Schirm als Sonnenschutz. Der Hut hat viele verschiedene Verwendungszwecke, nicht zuletzt als Spiel-zeug fr die Katze. Ein anderes Szenario: Schirm und Hut werden zu einer simplen Fischreuse umfunktioniert (ver-mutlich fr Katzenfutter). Oder man knnte, was allerdings weniger nett wre, die Katze mit dem Schirm erschlagen und sie zum Mittagessen verspeisen, wobei der Hut be-helfsweise als Topf oder Schssel dienen wrde. (Ehrlich gesagt so richtig kann ich mir nicht vorstellen, dass ich je eine Katze essen wrde, aber wer wei, wozu man fhig ist, wenn man lang genug auf einer einsamen Insel festsitzt.) Ich glaube, ich knnte mir noch hundert Geschichten aus-denken, in denen diese drei Dinge im Zentrum stehen.

    Mit den Erzhlungen in dieser Sammlung verhlt es sich hnlich wie mit den drei Gegenstnden: Auf den ersten Blick sieht es aus, als htten sie nichts miteinander zu tun,

  • 10

    doch man merkt bald, dass sie auf alle mglichen Arten miteinander und mit meinen Romanen verbunden sind. Vielleicht erkennen Sie beim Lesen manche rtlichkeiten wieder, oder es tritt eine Person auf, die Ihnen bekannt vor-kommt. Manche Geschichten stehen ganz fr sich was aber nicht unbedingt so bleiben muss. Geschichten sind auch oft viel mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Fr mich sind sie wie unfertige Landkarten von Welten, die noch erkundet werden mssen. Sie warten nur darauf, dass jemand die Verbindungen eintrgt, die unterwegs entdeckt werden.

    Wie ich schon in Samt und Bittermandel gesagt habe: Kurzgeschichten sind nicht unbedingt meine leichteste bung. Manch eine wird wie Treibgut ans Ufer der ein-samen Insel gesplt, andere wieder bringe ich von meinen Reisen rund um den Globus mit nach Hause. Es gibt aber auch welche, die monate- oder sogar jahrelang in meinem Kopf rumoren und endlich von mir freigesetzt werden wollen, wie Mnzen, die im Staubsauger steckengeblieben sind und klappern.

    Ich hoffe sehr, dass meine Geschichten Sie ein Stck-chen weit in unerforschtes Terrain entfhren. Vielleicht begegnen Sie alten Freunden und ein paar neue finden Sie hoffentlich auch. Vergessen Sie dabei nicht Ihre Katze und Ihren Hut. Und wenn Sie einen Regenschirm mitneh-men, kommen Sie auch immer trocken nach Hause.

  • 11

    Faith und Hope fliegen in den Sden

    Fr Samt und Bittermandel habe ich eine Geschichte na-mens Faith und Hope gehen einkaufen geschrieben. Im Zen-trum standen zwei unerschrockene alte Damen, die in einem Seniorenheim leben, beide so unverwstlich wie Glaube und Hoffnung, eben wie Faith und Hope. Ich habe die beiden gleich ins Herz geschlossen, und die zahlreichen Briefe und sonstigen Mitteilungen meiner Leser sprechen dafr, dass es vielen von ihnen hnlich ging. Inzwischen habe ich Faith und Hope noch ein paarmal besucht und werde es voraussichtlich bald wieder tun.

    Wie lieb von Ihnen, dass Sie sich die Mhe machen, uns zu besuchen. Nicht jeder ist so freundlich und opfert seine Zeit zwei tatterigen Tanten, die kaum noch was anderes knnen als reden. Dabei ist eigentlich immer was los bei uns im Seniorenheim Meadowbank. Stndig gibt es irgend-welche Familiendramen, irgendeine Alltagskomdie. An manchen Tagen geht es hier zu wie im West End. Das sage ich auch immer zu meinem Sohn Tom, der einmal pro Woche kommt, immer auf dem Sprung irgendwo anders hin. Er bringt jedes Mal Blumen von der Tankstelle mit (meistens Chrysanthemen, die leider lange halten). Und spannende Geschichten aus der groen weiten Welt.

    Das heit der letzte Halbsatz stimmt nicht, den habe ich erfunden. Tom redet so, wie seine Blumen aussehen:

  • 12

    praktisch, phantasielos und de. Aber immerhin, er kommt, und dafr bin ich ihm dankbar, denn das ist mehr, als man von den meisten anderen Angehrigen sagen kann, die nur mit ihrem eigenen Seifenopern-Leben und ihren Manager-posten beschftigt sind und albernerweise fest daran glau-ben, dass das Leben mit sechzig zu Ende ist (oder jeden-falls zu Ende sein sollte) und die unattraktiven, nervenden Falten suberlich kaschiert werden mssen. Hope und ich wissen es besser.

    Hope kennen Sie ja schon. Weil sie blind ist, freut sie sich ber Ihre Besuche sogar noch mehr als ich, glaube ich. Das Personal hier versucht zwar immer mal wieder, sich etwas einfallen zu lassen, um uns bei Laune zu halten, aber wenn man Professorin in Cambridge war, mit den dazuge-hrenden Theaterbesuchen und Cocktailpartys, mit Bllen im Mai und Weihnachtskonzerten am Kings College, dann kann man sich mit den Bingo-Spielen am Dienstagabend nicht so leicht zufriedengeben. Dafr geniet man eben die kleinen Freuden (und die sind mit Abstand die hufigsten), denn wie ein franzsischer Freund von Hope gesagt hat: Man muss sich sogar Sisyphus als glcklichen Menschen vorstellen. (Falls Sie es nicht wissen: Sisyphus ist der Mann, der von den Gttern dazu verurteilt wurde, bis in alle Ewigkeit einen groen Stein einen Berg hinaufzurollen.) Im Gegensatz zu Hope bin ich keine Intellektuelle, aber ich verstehe, glaube ich, was er sagen will: Er meint, es gibt nichts, woran man sich nicht gewhnen kann jedenfalls mit der Zeit.

    Selbstverstndlich hats in einem Haus wie diesem jede Menge Nrgler. Zum Beispiel ist da John, der Pole, dessen Namen niemand richtig aussprechen kann und der fr keinen von uns je ein freundliches Wort brig hat. Oder Mr Braun er hat zwar ziemlich viel Humor fr einen

  • 13

    Deutschen, aber wenn im Fernsehen Kriegsfilme kommen, wird er total depressiv. Oder Mrs Swathen, die von allen beneidet wird, weil ihr Sohn und seine Familie jede Woche etwas mit ihr unternehmen und weil sie Enkelkinder hat, die sie besuchen, und eine hbsche Schwiegertochter, die ihr Geschenke bringt. Aber Mrs Swathen klagt und jam-mert pausenlos: Sie langweilt sich, die Kinder kommen nicht oft genug, ihre Verdauung funktioniert nicht, wie sie soll, das Essen schmeckt scheulich, und niemand versteht, wie sehr sie leidet.

    Mrs Swathen ist (auer Lorraine, der neuen Pflegerin) die einzige Person, bei der Hope je die Geduld verloren hat. Aber insgesamt kommen wir gut zurecht hier, Hope und ich. hnlich wie die Hauptfigur in Sara, die kleine Prinzessin (ein Buch von Frances Hodgson Burnett, das Hope als Kind geliebt hat und das ich ihr erst letzten Mo-nat wieder einmal vorgelesen habe, gleich nachdem wir mit Lolita fertig waren) wollen wir uns von den Mrs Swathens dieser Welt nicht das Leben vermiesen lassen. Wir amsie-ren uns, wo und wie wir nur knnen. Wir versuchen, uns wie Prinzessinnen zu fhlen, selbst wenn wir keine sind.

    Klar, es gibt Tage, da klappt das nicht. Diese Woche zum Beispiel, am 10. August. Anlass war unser traditioneller Ausflug ans Meer: Alle Jahre wieder fahren wir nmlich mit dem ganzen Heim los, wir klettern alle in den groen orangegelben Bus, mit Wolldecken, Picknickkrben und Thermoskannen voller Milchtee bewaffnet. Das Personal kommt natrlich auch mit manche munter, andere ge-nervt, je nach Veranlagung. Es ist, wie Hope immer so schn sagt, der Inkontinenz-Express nach Blackpool.

    Ich mag Blackpool. Schon immer. Frher, als Tom noch klein war, sind wir jedes Jahr hingefahren, muss man wis-sen. Ich habe zugeschaut, wie er in den Gezeitentmpeln

  • 14

    spielte, daran erinnere ich mich ganz genau, whrend Peter schlafend in dem warmen grauen Sand lag und die Wellen seufzend ber die Steine rollten, vor und zurck, vor und zurck. Damals war Blackpool unsere Stadt, wir waren Stammgste in einem Gstehaus, wo uns alle kannten, und Mrs Neames machte Eier mit Speck zum Frhstck und lobte Tom immer, weil er schon wieder so gewachsen sei. Wir waren auch Stammgste in einem Caf, in dem wir nach dem Schwimmen im kalten Meer immer eine heie Schokolade tranken. Und wir holten immer in derselben Imbissbude unser Mittagessen. Vielleicht gefllt mir die Stadt deswegen auch heute noch so gut: der lange Strand, die vielen Lden, der Pier, die Uferpassage, wo die Wellen bei Flut ber die Strae schwappen. Hope mag Blackpool ebenfalls, einfach weil es nichts Besseres gibt. Man knnte denken, fr sie ist es ein Abstieg, weil sie ja frher an der Riviera Urlaub gemacht hat, aber das wrde sie nie sagen. Sie freut sich immer auf diesen Ausflug, glaube ich. Sie ist genauso enthusiastisch wie ich und deshalb war es dop-pelt schmerzlich, als Lorraine uns erffnete, wir knnten dieses Jahr nicht mitfahren.

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