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Kontaktadresse: Sekretariat Institut für Indologie und Südasienwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg D — 06099 Halle (Saale) www.suedasien.uni-halle.de Südasienwissenschaftliche Arbeitsblätter Band 5 Geopolitik, atomare Kriegsgefahr und indische Sicherheitsinteressen KLAUS VOLL Halle (Saale) 2003

Geopolitik, atomare Kontaktadresse: Kriegsgefahr und ...archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/6375/1/Geopolitik.pdf · Südasienwissenschaftliche Arbeitsblätter herausgegeben

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Kontaktadresse:Sekretariat

Institut für Indologie und Südasienwissenschaftender

Martin-Luther-Universität Halle-WittenbergD — 06099 Halle (Saale)www.suedasien.uni-halle.de

SüdasienwissenschaftlicheArbeitsblätter

Band 5

Geopolitik, atomareKriegsgefahr und indische

Sicherheitsinteressen

KLAUS VOLL

Halle (Saale) 2003

Geopolitik, atomare Kriegsgefahr undindische Sicherheitsinteressen

SüdasienwissenschaftlicheArbeitsblätter

herausgegeben von

Rahul Peter Das

amInstitut für Indologie undSüdasienwissenschaften

derMartin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg

Band 5

Geopolitik, atomareKriegsgefahr und indische

Sicherheitsinteressen

KLAUS VOLL

Halle (Saale) 2003

© Klaus Voll ISBN 3-86010-708-9

Nicht alle im Anhang aufgelisteten Gesprächspartner werden in1

den folgenden Ausführungen namentlich erwähnt.

Die Ansichten des Verfassers erscheinen lediglich in einem kur-2

zen persönlichen Fazit am Ende dieser Ausführungen.

1

ie stellt sich aus indischer Sicht die dasW Land unmittel- und mittelbar berührendegeopolitische Lage dar? Gelang es In-

dien nach dem Ende der Blockfreien-Bewegungund nach einer radikalen Bestandsaufnahme seinerAußenpolitik in den neunziger Jahren, eine ange-messene kohärente Formel für seinen keineswegsnur von den Hindu-Nationalisten propagierten An-spruch auf eine führende Rolle in Südasien, Asienund im internationalen System zu entwickeln?

Um Antworten auf diese Fragen zu erlangen, wur-den Gespräche mit mehreren prominenten, im An-hang näher beschriebenen Personen geführt. Die1

in diesen Gesprächen geäußerten Ansichten undEinsichten werden im folgenden in zusammenge-faßter und thematisch geordneter Form präsentiert.2

Die Eckpunkte

Die drei wichtigsten Eckpunkte der Außen- und Si-cherheitspolitik Indiens sind:

1. Das positiv gewachsene Verhältnis zu denUSA.

2. Der Versuch verbesserter Beziehungen zuChina.

C. Uday Bhaskar, Deputy Director, Institute for Defence Studies3

and Analyses (IDSA).

K. Subrahmanyam ist Consultative Editor, The Times of India4

und The Economic Times, ehemaliger Direktor des IDSA undehemaliger Vorsitzender des National Security Advisory Board.

2 3

3. Das sehr komplexe und schwierige Verhält- Welche Elemente prägen das Verhältnis Indiensnis zu Pakistan. zu den USA? Wo liegen die wichtigsten Gemein-3

Die Beziehungen zu den USA

Bill Clinton, Präsident der USA, bezeichnete im Jah-re 2000 Südasien mit dem Dauerkrisenherd Ind-ien–Pakistan als die unsicherste Region der Welt.Die geopolitische Situation hat sich in Südasienseitdem qualitativ verändert. Durch die außenpoliti-sche Annäherung zwischen den USA und Indiennach dem bahnbrechenden Clinton-Besuch imMärz 2000 und die militärische US-Präsenz mit ihrerLufthoheit in Zentral- und Südasien nach dem 11.September 2001 ist der Einfluß der USA auf Indienund Pakistan sichtlich gewachsen, auch in der Wahr-nehmung durch die öffentliche Meinung in Indien.

Die USA sind sicherlich an Stabilität in Südasieninteressiert. Sie spielten eine nicht unwesentlicheRolle bei der Entschärfung der Kriegsgefahr zwi-schen Indien und Pakistan im Januar und Mai/Juni2002. Die USA haben ein Interesse an einem stärke-ren Indien, so K. Subrahmanyam, der Nestor der in-dischen Sicherheitspolitik.4

samkeiten und neuen Qualitäten? Welche Interes-sengegensätze bestehen im bilateralen Verhältnis?Wie wird die verstärkte Präsenz der USA in Afghani-stan und Zentralasien bewertet? Ist eine informelleMittlerrolle der USA im indisch-pakistanischen Kon-flikt für Neu-Delhi mittel- bis längerfristig akzeptabel?

Die USA geben Indien den Eindruck, mit seinersichtlich erhöhten Relevanz in den Klub der Füh-rungsmächte des internationalen Systems aufge-nommen worden zu sein. Neu-Delhi seinerseitsstrebt maximale Vorteile aus seinen Beziehungenmit den USA, einschließlich seiner Alliierten, an. DieRegierung von Premierminister Atal Behari Vajpa-yee unterstreicht die harmonischen Beziehungen zuden USA und opponierte nicht öffentlich, trotz z.B.eigener Sichtweisen, in der Irak-Frage.

C. Raja Mohan, Strategic Affairs Editor, The Hin-du, argumentiert, daß Indien mit den USA im Rah-men eines mehrgliedrigen Engagements sehr eng,fast im Stile einer Allianz, mit erheblich erweitertenmilitärischen Beziehungen zusammenarbeiten solle,um die Region Südasien zu transformieren. Die seitden siebziger Jahren bestehenden mentalen Barri-eren, so unter anderem die Nuklearbewaffnung unddie Kaschmir-Frage, seien ausgeräumt. Indien erfül-le eine wichtige Funktion bei der Sicherung derEnergiewege im Indischen Ozean.

Kanti Bajpai, Chairman, School of International

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Studies an der Jawaharlal Nehru University, Neu- Suresh Prabhu, unter anderem ehemaliger Ener-Delhi, konstatiert, daß zu Beginn der Amtszeit von gie- sowie Umweltminister und gegenwärtig im Ka-George Bush sich nahezu eine strategische Partner- binettsrang Vorsitzender der Kommission für dieschaft zwischen den USA und Indien abzeichnete. Verbindung der großen indischen Flüsse — ein aufDie Ereignisse des 11. September 2001 hätten je- 10 Jahre angelegtes Infrastrukturprojekt mit ca. 200doch fast zu einer völligen Umkehr dieses indischen Mrd. US $ Volumen —, sieht, durchaus repräsenta-Vorteils, zur Legitimation des Musharraf-Regimes tiv für Teile der politischen Klasse, “Indien durch dieund damit zur Stärkung Pakistans gegenüber Indien enge Anlehnung an die USA in den nächsten 50— unter anderem durch Waffenverkäufe, Kredite, Jahren auf dem Weg zu einer Supermacht”.Hilfen und das faktische Entwaffnen der politischen Bharat Karnad, Centre for Policy Research, Neu-Opposition (Nawaz Sharif, Benazir Bhutto) — ge- Delhi, kritisiert diesen bandwaggon-approach undführt. Die Amerikaner wollten sich die Hände in Pa- unterstellt, daß langfristig ein nukleares Indien, unterkistan nicht schmutzig machen. Musharraf wisse anderem durch Interkontinentalraketen, auch einesehr wohl, wie er mit den USA umgehen könne. Bedrohung für die USA darstelle und deshalb eine

Trotzdem konstatiert Bajpai zwischen den USA Interessenkollision absehbar sei. Manoj Joshi ver-und Indien eine wachsende militärische Zusam- tritt die Auffassung, daß Indien aufgrund einer feh-menarbeit, unter anderem durch Ausbildung und ge- lenden grand strategy und einer keineswegs geziel-meinsame Manöver. Nach dem Ende der Sanktio- ten Aufrüstung mit langwierigen Beschaffungszeitennen, der Wiederaufnahme von Waffenverkäufen und zu sehr von den USA abhängig werden könnte. Nureiner erneuten Zusammenarbeit bei der friedlichen wirkliche Wirtschaftsstärke könne eine kohärente in-Nutzung von Kernenergie seien die häufigen hoch- dische Außenpolitik ermöglichen.rangigen Besuche Symptome für die sehr engen bi- Die enge Anlehnung Indiens an die USA — unterlateralen Beziehungen. Im Hinblick auf Afghanistan anderem mit dem Ziel, Pakistan zu fixieren —, sobesteht eine Übereinstimmung der Interessen. Aller- konträr Praful Bidwai, meinungsbildender Journalistdings lehne Indien eine externe Vermittlung in sei- und Mitbegründer der indischen Antinuklear-Bewe-nem Konflikt mit Pakistan eindeutig ab. Die USA sei- gung, führe zu einer verringerten außenpolitischenen sich andererseits aber auch der nicht ganz aus- Autonomie Indiens. Allerdings habe sich die Annä-zuschließenden Gefahr bewußt, daß sich Indien auf-grund seiner internen Entwicklungen als instabilerstrategischer Partner erweisen könnte. Chief, The Times of India News Bureau, und Political Editor, The

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Times of India.

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herung für die regierende Bharatiya Janata Party(“Indische Volkspartei”, BJP) ausgezahlt, wie dieweiche Haltung der USA nach den schrecklichen,genozid-artigen Ereignissen in Gujarat im Februar/März 2002 bewiesen habe.

Aus der Sicht der USA sei das pakistanische Mili-tär die glaubwürdigste Institution, so C. Uday Bhas-kar. Der Westen insgesamt habe ein genuines Inter-esse daran, daß Pakistan kein failed state werde. Essei keine lange militärische US-Präsenz in Süd- undZentralasien zu erwarten, wenn diese Regionen sta-bil und ohne dezidiert anti-amerikanische Regierun-gen blieben.

Die Beziehungen zur Volksrepublik China

Gilt die Annahme noch unverändert, daß sich Chinaals globaler Mitspieler Indien gegenüber überlegenfühlt, die südasiatische Führungsmacht deshalb nichtals gleichberechtigt anerkennt, sie mit Hilfe Pakistansvorzugsweise in Südasien eindämmen und besten-falls auf den Status einer für die Sicherheit und Sta-bilität der asiatisch-pazifischen Region nicht ganzunwichtigen Macht reduziert sehen möchte?

Peking bringt, nach seinen wütenden Reaktionenauf die China als “Bedrohung” erklärende Rede vonVerteidigungsminister George Fernandes und dieindischen Nukleartests 1998, heute Indien mehrRespekt entgegen, so C. Raja Mohan. Trotz der mi-litärischen Achse Peking–Islamabad sollte die indi-

Benannt nach dem früheren Premierminister Inder Kumar Gujral6

(1996/97).

Ehemaliger Staatssekretär im Ministry of External Affairs unter7

Ex-Premierminister I.K. Gujral.

sche Politik deshalb darauf abzielen, das InteresseChinas an guten Beziehungen mit Indien zu erhö-hen. Die außerordentlich schlechten Beziehungen In-diens zu seinen unmittelbaren südasiatischen Nach-barn treibe diese in die Arme Pekings. Ein Wandelim Sinne der “Gujral-Doktrin” sei zwingend erfor-6

derlich. Andererseits agiere auch Indien in ChinasHinterhof.

China stellt langfristig Indiens primäre strategi-sche Herausforderung dar, unter anderem wegendes hohen und rapide wachsenden Energiebedarfsbeider Länder. Neben den chinesischen Territorial-forderungen müssen deshalb Indiens Sicherheitsbe-sorgnisse innerhalb dieser größeren Matrix — d.h.auch maritime Sicherheitsfaktoren, wie z.B das Vor-dringen der im Aufbau befindlichen chinesischenHochseeflotte in den Indischen Ozean — in Zukunftmit bedacht werden.

China trug und trägt durch seine Waffenlieferun-gen maßgeblich zu der Konfrontation zwischen Indi-en und Pakistan bei. Es instrumentalisiert Pakistan,um Indien einzudämmen. In diesem politischenSpiel benutzt Peking, obwohl es wohl keinen Kriegmit Indien will (C. Raja Mohan, Salman Haider , C.V.7

Vorsitzender des National Security Advisory Board und ehema-8

liger Botschafter in China, Frankreich und Äthiopien.

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Ranganathan ), die pakistanischen Streitkräfte. Es8

gibt bislang keine Evidenz für einen grundlegendenWandel dieser chinesischen Politik, so K. Subrah-manyam. Die faktischen Auswirkungen des Be-suchs von Premierminister Atal Behari Vajpayee inChina Ende Juni 2003 und die dort vereinbartenVerbesserungen der bilateralen Beziehungen müs-sen erst noch abgewartet werden. Sie könnten die-se Einschätzungen jedoch verändern.

Indische Sicherheitsanalytiker behaupten, daß In-dien für einen konventionellen Krieg sowohl mit Chi-na als auch mit Pakistan gut gewappnet sei, andere(Manoj Joshi) bezweifeln dies allerdings, speziellwohl bei einem nicht ganz auszuschließenden Zwei-frontenkrieg. Die Mehrzahl erachtet jedoch eineKriegsgefahr zwischen Indien und China als höchstunwahrscheinlich.

G. Parthasarathy, Centre for Policy Research, Mit-glied des Ausschusses für Energiesicherheit desAußenministeriums und ehemaliger indischer Hoch-kommissar in Pakistan, sagt: “Die Chinesen sindPakistan sogar bei der Entwicklung von Thermonu-klearwaffen behilflich. Pervez Musharraf kündigte2001 im Beisein des Oberbefehlshabers der pakista-nischen Marine an, daß die Inder bei einem näch-sten Angriff im Hafen von Gwadar, in der Nähe desPersischen Golfs, auf Chinesen treffen könnten.”

Die indische Nuklearisierung diene primär dazu,einer chinesischen Nuklearerpressung zu widerste-hen und mit einer Minimalabschreckung zu einemVergeltungsschlag fähig zu sein. Mit Blick auf denfeindlichen chinesischen Rivalen fordert Bharat Kar-nad bereits heute die Erklärung einer “indischenMonroe-Doktrin”, um mit einer strategischen Visiondie weit gesteckte indische Einflußsphäre zu mar-kieren, selbst wenn die wirtschaftliche Basis gegen-wärtig dafür noch nicht ausreiche.

Salman Haider stellt die in Indien keineswegsvöllig unumstrittene These auf, “daß China ernsthaftan einer Lösung der Grenzfrage interessiert ist. Inder Kaschmir-Frage bewegt es sich auf eine mehrzentristische Position zu.” Die Nuklearpolitik seibedauerlicherweise nicht Bestandteil der Gesprächeund Verhandlungen, auch nicht zwischen Indienund Pakistan. Auch Jasjit Singh, Air Commodoreund ehemaliger IDSA-Direktor, attestiert China Ent-spannungsinteresse; “allerdings gibt es die Ge-schwindigkeit vor”.

Kanti Bajpai betont, daß der Handel zwischenChina und Indien erheblich anwachse. HochrangigeBesuche, ein Sicherheitsdialog und das gemeinsa-me Interesse an der Bekämpfung des internationa-len Terrorismus stellten weitere Indikatoren sich ver-bessernder Beziehungen dar. Die Chinesen wollenin größerem Stile in Indien investieren, die indischeRegierung sei sich jedoch darüber noch nicht imklaren, wie sie darauf reagieren solle, so N.N. Voh-

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ra, ehemaliger Direktor des India International Cen-tre und neuer Kaschmir-Beauftragter der indischenRegierung.

Wie repräsentativ ist die bis vor kurzem geäußer-te Einschätzung von Verteidigungsminister GeorgeFernandes innerhalb der politischen Klasse sowieunter außen- und sicherheitspolitischen Experten,daß China mit Hilfe von Pakistan und sogar vonBurma versuche, Indien zu umzingeln? Wenn ja,wie sehen die politisch-diplomatischen sowie militä-rischen Gegenstrategien Indiens gegen eine einesTages keineswegs auszuschließende chinesischeHegemonie in Südasien aus? Zeichnen sich Ten-denzen einer Entspannung zwischen China und In-dien ab?

Salman Haider erkennt keine Bedrohung Indiensdurch China. “Die These der Einkreisung ist eine fi-xe Idee des indischen Militärs.” Burma mit seinernationalistischen Regierung sei kein Satellit Chinas.Die Bedeutung der chinesischen Horchposten aufden der burmesischen Küste vorgelagerten Cocos-Inseln werde überbewertet, einschließlich des Auf-tauchens von chinesischen U-Booten im Golf von und da ein wenig nervös macht” (Kanti Bajpai).Bengalen. Man dürfe auch nicht das Aufkreuzen in-discher U-Boote im Chinesischen Meer vergessen.Die Demilitarisierung der indisch-chinesischenGrenze mit ihrer unnötigen Truppenkonzentrationkönnte wesentlich zur Normalisierung der Beziehun-gen beitragen.

Haider kritisiert das in Indien und insbesondere

im Militär vorherrschende Denken in Kategorien ei-nes Sicherheitsstaates und vertritt die These, daßChina hinsichtlich der beiden mit Indien in denneunziger Jahren erzielten Übereinkünfte, im Geisteder OSZE-Charta, genuin an einer Truppenreduzie-rung entlang der beiderseitigen Grenze interessiertsei. China strebe militärische Stabilität mit seinenNachbarn an. Die Rivalität mit Indien beinhalte keinedirekte Drohung. “Wir können China nicht schwä-chen. Die Zeit ist nicht auf unserer Seite.”

Die Rolle Rußlands

Rußlands Einfluß auf die südasiatische Region hatseit dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion erheb-lich nachgelassen. Kanti Bajpai: Nobody cares real-ly about Russia. Zwischen Indien und Rußland be-stehen jedoch gemeinsame Sicherheitsperspekti-ven im Hinblick auf Zentralasien, Afghanistan undKaschmir, abgesehen von einem allerdings operativnicht klar definierten gemeinsamen Interesse an ei-ner multipolaren Weltordnung, “das die USA hie

Rußlands Veto im UN-Sicherheitsrat ist aus indi-scher Sicht nicht ganz unbedeutend. “Amerika wirdbei zu erwartenden Verlusten Afghanistan nicht ver-dauen und sich mittel- bis langfristig von dort zu-rückziehen. Deshalb ist eine intensive Zusammen-arbeit mit Rußland und dem Iran hinsichtlich desTerrorismus angezeigt. Indiens Energiewege nach

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Zentralasien und nach Rußland laufen über den Nordosten begünstige, sind u.a. Indikatoren für die-Iran,” so G. Parthasarathy. se These. Es bestehen zudem low intensity conflicts

Die intensive Rüstungszusammenarbeit und ge- in Bangladesh, Bhutan und Nepal. Sri Lanka könntemeinsame Interessen bei der Bekämpfung des isla- möglicherweise jedoch eine südasiatische Erfolgs-mischen Terrorismus sind, trotz des eklatant schwa- geschichte der Konfliktlösung werden.chen Wirtschaftaustauschs, entscheidende An- Pakistan ist ein auf Grenzrevision ausgerichtetertriebskräfte für historisch recht kontinuierliche und Staat, während Indien am status quo festhält. Kannnachhaltige Beziehungen ohne nennenswerte Dis- die immer noch erkennbare — kritische Beobachtersonanzen. Rußland liefert im Gegensatz zu den sprechen sogar von einer wachsenden atavisti-USA beste und sensitive (dual use) Militärtechnolo- schen — Fixierung der indischen Außenpolitik aufgie und ist zu gemeinsamer Forschung, Produktion den Erzfeind Pakistan überwunden werden? Zeich-und Vermarktung bereit, obwohl Indien durchaus an nen sich nach dem vorläufigen Ende einer unmittel-einer größeren Diversifizierung bei Waffenkäufen in- baren Kriegsgefahr zwischen Indien und Pakistan interessiert ist. Indiens eigene Fertigung basiert hoch- der ersten Jahreshälfte 2002, damals durchaus mitgradig auf russischer Technologie. der realen Möglichkeit eines atomaren Schlagab-

Die Beziehungen zu Pakistan Jammu und Kaschmir im Herbst 2001 Initiativen für

Mit seinen zahlreichen Unruhe-Zonen gerät Südasi-en zunehmend in Unordnung. Die fortbestehendeKriegsgefahr zwischen Indien und Pakistan, dieStärke der maoistischen Kommunisten in Nepal miteiner möglichen Vernetzung von zur Gewalt berei-ten Gegeneliten in Indien sowie die wachsendenSpannungen zwischen Indien und Bangladesh mitdem indischen Vorwurf, daß Dhaka Al Qaida-Ele-menten und dem pakistanischen Geheimdienst In-ter-Services Intelligence Agency (ISI) gegen Indiengerichtete Operationen von seinem Territorium auserlaube und zudem Sezessionisten im indischen

tausches, und nach den überaus fairen Wahlen in

einen Abbau der Spannungen zwischen beidenStaaten ab, oder droht vielmehr eine Phase derKonfrontation auf relativ hohem Niveau mit Elemen-ten eines auf Südasien begrenzten “KaltenKrieges”, verbunden mit einem militärischen undnuklearen Wettrüsten?

Zwischen Indien und Pakistan — “ eine giftige Pil-le” (Kanti Bajpai) — zeichne sich eine länger andau-ernde Phase eines “Kalten Krieges” mit Tendenzenzum Wettrüsten zumindestens bis zu den Wahlen2004 zur Lok Sabha (Unterhaus des Parlaments)ab. Die indische Führung scheine entschlossen zusein, ihre Eindämmungspolitik (policy of contain-

National Democratic Alliance (von der BJP dominierte Regie-9

rungskoalition).

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ment) gegenüber Pakistan verstärkt fortzusetzen,dem westlichen Nachbarn sowie Erzrivalen die kalteSchulter zu zeigen und ihn auf Distanz zu halten.Sie folgt allerdings nicht der Position, an der Grenzedie Streitkräfte ständig in Alarmbereitschaft zu hal-ten (K. Subrahmanyam, C. Raja Mohan) — obwohlselbst dies nicht völlig die Infiltration verhindert —um die Kosten für Pakistan zu erhöhen und gleich-zeitig durch Druck auf allen Ebenen die Eindäm-mung fortzusetzen. “Es gibt gegenwärtig keineChancen für eine Détente; allerdings ist auch keinekonsequente Eindämmungspolitik der indischenRegierung erkennbar,” so K. Subrahmanyam. G.Partharasathy vertritt die These einer Politik von“Zuckerbrot oder Peitsche” mit konkreten Verhand-lungen gegenüber Pakistan. Er beklagt, daß dieNDA -Regierung zu schwach sei, um diese durch-9

zuführen, obwohl Premierminister Atal Behari Vaj-payee die Richtigkeit dieses Ansatzes im Prinzip er-kenne. Die Prämissen für diese Einschätzungen gel-ten allerdings nach der Entspannungsinitiative vonVajpayee mit seiner Rede vom 18. April 2003 undder Wiederherstellung voller diplomatischer Bezie-hungen so nicht mehr.

Musharraf setzt seine Nuklear-Politik als Instru-ment ein und akzeptiert nicht den territorialen statusquo, trotz der Clinton-Rede im März 2000 an die pa-

kistanische Nation, daß die Grenzen nicht durchBlut neu gezogen werden sollten und die USA fürdie Einhaltung der Line of Control (LoC) als Grenzeeintreten. Als Voraussetzung für eine veränderteindische Politik, so K. Subrahmanyam, müsse sichPakistan von seiner grand strategy lossagen, dieimmer noch ein Zerschlagen der Indischen Union— “Anfang der neunziger Jahre ein erfolgverspre-chendes Ziel” (C. Raja Mohan) — anstrebt. “Die ir-rationalen Akteure auf der Gegenseite werden wei-terhin versuchen, spektakuläre Ereignisse zu insze-nieren,” so K. Subrahmanyam. Die Basis des Terro-rismus in Saudiarabien und Pakistan müsse ausge-schaltet werden, um diese Gesellschaften zu verän-dern. Nun seien in zwei pakistanischen Provinzensogar die religiös-fundamentalistischen Kräfte ander Macht. Führer verbotener Organisationen wür-den entlassen. Hoffnung bestehe in Bezug auf dieallerdings anti-indische pakistanische Mittelklasse,die jedoch einen moderaten islamischen Staat wolle— durchaus im Einklang mit Musharrafs Erklärungan die Adresse Indiens: “Wir gehören nicht zur sel-ben Zivilisation.” V.R. Raghavan, ehemaliger Lieut-enant General und Head, Delhi Policy Group, sagtkategorisch, daß die Pakistaner grunsätzlich andersseien und sich als Teil der arabischen, west- undzentralasiatischen Welt verstünden. Zukünftige Ver-suche der Konfliktlösung müßten von diesem Tatbe-stand ausgehen und ihn akzeptieren.

Prem Shankar Jha, A Jobless Future. Political Causes of Eco-10

nomic Decline. New Delhi: Rupa 2002.

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Die indische Wirtschaft tion derselben bedroht? N.N. Vohra argumentiert,

Trotz international über dem Durchschnitt liegenderWachstumsraten ist die indische Volkswirtschaft kei-neswegs der vielversprechende Antriebsmotor, derzur längerfristigen gesellschaftspolitischen Stabili-sierung nennenswert beiträgt. Die extrem hohe Ar-beitslosigkeit mit einer “Zukunft ohne Arbeitsplätze”(Prem Shankar Jha, Buchautor und einflußreicher10

Journalist), die mangelhafte Infrastruktur trotz desrapide in Angriff genommenen Aufbaus eines — diegroßen Metropolen verbindenden — Autobahnsy-stems, ein international nur ungenügend wettbe-werbsfähiger Industriesektor, eine schwächer wer-dende Landwirtschaft sowie vor allem die hohe in-terne Verschuldung lassen am Erfolg der für denzehnten Fünfjahresplan projizierten BSP-Wachs-tumsrate von 8% zweifeln, trotz positiver Tendenzenin der ersten Jahreshälfte 2003. “Falls Indien internnicht vereint bleibt, die liberale Demokratie gefähr-det und kein konstant rapides Wirtschaftswachstumerreicht wird, dann könnte es eines Tages dasSchicksal der Sowjetunion erleiden,” so Kanti Bajpai.

Die innenpolitische Komponente

Wird die Einheit der Indischen Union von externen du-Nationalismus und der Opposition verschärftund internen Kräften bzw. sogar aus einer Kombina- sich zunehmend. Innerhalb der regierenden Bhara-

Indien müsse zuerst sein Haus in Ordnung bringen.Es sei für externe Kräfte ein billiger Weg, sich mitunzufriedenen Elementen innerhalb Indiens zu ver-netzen. Die innere Herausforderung sei mindestensebenso gefährlich wie die äußere. Die Regierungverfüge nicht über den politischen Willen, den poli-tisch-kriminellen Nexus im politischen System zubrechen.

Inwieweit behindern innenpolitische Instabilität,innerstaatliche Zerreißproben und die wachsendeEntfremdung der indischen Muslims nach denschrecklichen Ereignissen in Gujarat (“Faschismusin Aktion”) eine ausgewogene regionale Außenpoli-tik Indiens in Südasien bzw. machen sie sogar zu-nehmend unmöglich? “Obwohl innenpolitische Fak-toren immer eine gewisse Rolle bei der Formulie-rung und Durchführung der indischen Außenpolitikgespielt haben, so haben sie niemals eine solcheProminenz wie in der Gegenwart erlangt,” so Mo-hammad Hamid Ansari, früher unter anderem Stän-diger Vertreter Indiens bei den Vereinten Nationen,in Übereinstimmung mit anderen Experten.

Indiens innenpolitische Situation mit einer deutli-chen Polarisierung zwischen den Kräften des Hin-

tiya Janata Party (BJP) drohen die extrem nationali-stischen und hindu-fundamentalistischen Kräfte ineinem inszenierten und verteilten Rollenspiel mit der

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BJP an Einfluß zu gewinnen. Die Ereignisse in Guja- sie eine autoritäre Herrschaft an”, so Indiens ehe-rat im Februar und März 2002 sowie der überlegene maliger Premierminister V.P. Singh.Sieg der BJP bei den dortigen Landtagswahlen imDezember 2002 deuten darauf hin, daß die von derKaderorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh(“Nationales Freiwilligenkorps”, RSS) und dem Vish-wa Hindu Parishad (“Weltrat der Hindus”, VHP) —“die besten Agenten des pakistanischen Geheim-dienstes Inter-Services Intelligence Agency in In-dien” (K. Subrahmanyam) — vertretene Linie einerunverblümten Feindschaft gegenüber der religiösenMinderheit der Muslims, aber auch gegenüber Chri-sten, sich fortsetzen und möglicherweise sogarnoch verstärken wird. “Die BJP hat ein Interesse da-ran, den Konflikt mit Pakistan am Kochen zu hal-ten.” (Kanti Bajpai) Auch in Zukunft zu erwartendeAnschläge gegen Tempel, Militärs, paramilitärischeKräfte und Mitglieder der Zivilgesellschaft werdendas “Feindbild Pakistan” verschärfen. C. Raja Mo-han sieht kognitiv keine nennenswerten Differenzenzwischen dem Prämodernisten Bin Laden und demRSS-Führer Sudarshan. Aufklärerisches europäi-sches Gedankengut sei gefragt.

Jasjit Singh meint, der extreme Hindu-Nationalis-mus könne zur Entfremdung der indischen Bürger Kriegsführung ist jedoch keine Parteiangelegen-muslimischen Glaubens mit einem Potential von 20Millionen anti-nationaler Muslims und langfristig, ineinem Land der Minderheiten, zu einer Auflösungder Indischen Union führen. “Letztendlich streben

Die Kräfte des Sangh Parivar (Sammelbezeichnung für gewisse11

als hindu-national angesehene und miteinander verflochtene Or-ganisatioen, zu denen auch RSS und VHP gehören).

“Hindus are Next”, India Today vom 30.12.2002, S. 32.12

11

12

Bharat Karnad, ein strategischer Falke, der diegegenwärtige Regierung sicherheitspolitisch alsschwach einstuft, erwartet einen zunehmend inten-siveren Nationalismus bzw. Ultranationalismus in In-dien; hier zeichne sich ein Konsens zwischen denpolitischen Parteien ab. Allerdings attestiert er derpolitischen Klasse eine weitgehende Ignoranz instrategischen Fragen.

Möglichkeit eines pakistanisch-indischenKrieges

Die indische Regierung und das Militär verfügtenüber kein klares Konzept bei der Generalmobilisie-rung der Streitkräfte. “Abgesehen von dem Ziel, dip-lomatischen Druck auf die USA und Pakistan auszu-üben, war man nicht sicher, in einen Krieg, der inSüdasien bestenfalls 7-10 Tage dauern und nichtentscheidend geführt werden kann, einzutreten. Nurbegrenzte Operationen wurden in Erwägung gezo-gen. Zudem gibt es keine Definition, was einen be-grenzten Krieg ausmacht. Die Entscheidung zur

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heit,” so K. Subrahmanyam. Kriegsgefahr zwischen erfolgreich verlaufen wäre, dann hätte dies zumbeiden Seiten besteht jedoch potentiell unverändert Krieg geführt.”fort, obwohl durch den beiderseitigen Rückzug derStreitkräfte und die Normalisierung der diplomati- Indische Kriegsoptionenschen Beziehungen eine unmittelbare Gefahr abge-wendet worden ist.

“Das nukleare Säbelrasseln Pakistans durch dieErklärungen seines UN-Botschafters führte zu kei-nen eindeutigen Verurteilungen durch die USA undEuropa, abgesehen von Äußerungen des britischenAußenministers Jack Straw. Als Alliierter der USAkann man offensichtlich tun, was man will,” so K.Subrahmanyam.

Salman Haider sieht sich als “… Häretiker undnuklearer Skeptiker. Die indische Nuklearpolitik mitihrer fragwürdigen Nuklear-Doktrin” — auf einer“strafenden Vergeltung” basierend (K. Subrahman-yam) — “hat es Pakistan ermöglicht, sich gegenü-ber Indien als ebenbürtige Macht zu etablieren. Diepakistanischen Raketensysteme sind den indi-schen, abgesehen von dem Agni, überlegen. Paki-stan kann jeden Ort in Indien erreichen. Ein nuklea-res und militärisches Wettrüsten ist im Gange. DieLieferung nuklearer Unterseeboote durch Rußlandan Indien wird von Pakistan entsprechend beant-wortet. Fernandes und andere Sicherheitsexpertenergehen sich in losem Gerede über einen begrenz-ten Krieg. Das Potential für einen umfassendenKrieg ist gegeben. Wenn der terroristische Angriffauf das indische Parlament am 13. Dezember 2001

PoK: Pakistan occupied Kashmir. Es handelt sich anscheinend13

auch um ein Wortspiel auf pork chop (wobei Muslime Schwei-nefleisch als unrein betrachten).

Verfügt Indien angesichts der fortgesetzten Politikder “tausend Nadelstiche” durch Pakistan — trotzder von Pervez Musharaff gemachten gegenteiligenZusicherungen kam der grenzüberschreitende Ter-rorismus keineswegs zum Stillstand — über die Fä-higkeit, gezielte Vergeltungsschläge gegen Paki-stan durchzuführen?

Nach C. Raja Mohan stehen sich in Indien dreiSchulen hinsichtlich einer angemessenen militäri-schen Antwort auf Pakistans Konzept eines low-in-tensity war gegenüber:

1) Die Vertreter eines “begrenzten Krieges” argu-mentieren, daß die Glaubwürdigkeit des indischenStaates auf dem Spiel stehe, wenn Indien nicht inder Lage sei, der pakistanischen Politik des seit1989 bestehenden low-intensity war erfolgreicheVergeltungsschläge entgegenzusetzen. Jasjit Singhgeht davon aus, daß Indien mit seinen überlegenenLuftstreitkräften partielle Erfolge durch Vergeltungs-schläge im pakistanisch kontrollierten Teil vonKaschmir (salami slicing, Operation PoK-Chop )13

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unterhalb der atomaren Schwelle erringen kann, militärische Ziele.“obwohl Pakistan eine ernstzunehmende Militär- Der indische Verteidigungsminster George Fer-macht ist”. Verteidigungsminister George Fernan- nandes stellt die Hypothese auf, daß unterhalb derdes sei von dem Konzept des “begrenzten Krieges” nuklearen Abschreckungsschwelle weiterhin dieüberzeugt; der Kargil-Konflikt 1998 sei dafür ein Möglichkeit konventioneller Kriege gegeben sei.Beispiel. G. Parthasarathy meint kategorisch: “Ver- Auch die chinesische Militärdoktrin gehe in Zukunftgeltungsschläge gegen pakistanische Einrichtun- von der Möglichkeit “lokaler Grenzkriege” aus. Fer-gen hätten bereits vor zwei Jahren durchgeführt nandes unterstellt, daß die pakistanische Führungwerden sollen. Sie sind definitiv unterhalb der nukle- glaube, unter dem nuklearen Schirm Kaschmir vonaren Schwelle möglich. Die pakistanische Führung Indien abtrennen zu können. Er behauptete öffent-wird keinen Selbstmord begehen.” lich, daß Pakistan am 31. Mai 1999 eine nukleare

Die Verfechter eines begrenzten Krieges unter Drohung gegenüber Indien ausgesprochen habe.nuklearen Bedingungen glauben sich im Besitz ei- Die Skeptiker in dieser Gruppe harter Realisten,ner “Eskalationsdominanz”; d.h., durch die Andro- so Manoj Joshi, bezweifeln, daß Indien, das überhung der nächsten Ebene glauben sie, den Gegner keine grand strategy verfüge, gegenwärtig eindeu-von einer Eskalation abhalten zu können. Das gan- tig erfolgversprechende Vergeltungsschläge gegenze Arsenal dieser Vorschläge umfaßt: Pakistan durchführen könne. Er attestiert Indien da-

1. Ermutigung von Terrorismus in Pakistan, für eine fehlende militärische Kapazität und folglich2. hot pursuit von Militanten, militärische Schwäche. Eine Modernisierung der3. Einsatz von “Spezialkräften” gegen terroristi- Streitkräfte sei, zumal angesichts der umständlichen

sche Ausbildungslager, Beschaffungsprozeduren, eine sehr langfristige An-4. Artillerieschläge gegen terroristische Einrich- gelegenheit. Jasjit Singh kritisiert die mangelnde Ko-

tungen, ordination zwischen den verschiedenen Waffengat-5. Besetzen eines Abschnitts von pakistanischem

Territorium,6. Eine Blockade oder ein Angriff der Kriegsmari-

ne,7. ein entscheidender Vorstoß in den pakistani-

schen Punjab und/oder Sindh,8. Angriffe der Luftwaffe auf Städte, Dämme und

Kanti P. Bajpai, Roots of Terrorism. New Delhi u.a.: Penguin14

India 2002, S. 159f.

Manoj Joshi, “India has no Policy to Combat Terrorism”, The15

Times of India vom 9.12.2002, S. 7, sowie “The Indo-Pakistan Mili-tary Balance and Limited War”, Harvard Asia Quarterly VI,4 (Au-tumn 2002), S. 35-43.

14

15

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tungen. Kanti Bajpai sekundiert: “Pakistan hat keine laterale Angelegenheit mehr; die internationale Ge-Angst vor unserem Militär, zumal 8-10 Divisionen an meinschaft sei davon betroffen. Allerdings gebe esder Nordfront gebunden sind. Die pakistanischen bislang, nach der gescheiterten Lahore-Deklaration,Nuklearwaffen neutralisieren unsere Luftwaffe.” nicht die geringsten Kommunikationslinien für eine

Gemeinsam ist Manoj Joshi und Jasjit Singh, daß nukleare Risikoverminderung, da die Politiker auf bei-sie dem indischen Militär nur eine begrenzte Inno- den Seiten, die mit der nuklearen Gefahr spielten,vationsbereitschaft attestieren, zumal nach dem dies aus innenpolitischen Gründen verhinderten.Sieg 1971. Nach Auffassung von Jasjit Singh sinddie Armee, die entgegen ihrem Selbstverständniseine eindeutig defensive Zielvorgabe erhalten undsich aus der Terrorismus-Bekämpfung unbedingtheraushalten sollte, und die Marine im Konfliktfallbei der von ihm vertretenen Strategie nicht ent-scheidend. Er unterstellt, daß Pakistan seine Nukle-arwaffen nicht einsetzen wird.

Raghavan betrachtet das Konzept des “begrenz-ten Krieges” als eine falsche und gefährliche Annah-me — diese Einschätzung wird durch das ehema-lige Kabinettsmitglied Suresh Prabhu völlig geteilt—, zumal möglicherweise der Zwang zum atomarenSchlag auf das eigene Territorium erfolgen müßte.Es gebe keinen Raum für einen begrenzten Krieg.Durch die Nuklearisierung habe Pakistan in Kargilgeglaubt, den Grad der Gewalt anheben zu können.Trotz gegenwärtig vernünftiger Entscheidungsträgerauf beiden Seiten könnten jedoch Mißverständnissenicht ausgeschlossen werden, zumal die strategi-sche Politik zunehmend von innenpolitischen Fakto-ren bestimmt werde, die leicht außer Kontrolle gera-ten könnten. Krieg in Südasien sei heute keine uni-

2) Die wesentlichsten außenpolitischen Entschei-dungsträger (Brajesh Mishra, Nationaler Sicher-heitsberater des Premierministers, usw.) vertreten,trotz Differenzen innerhalb des Kabinetts, ein gradu-alistisches Programm zwischen “etwas tun” bis zueiner “glaubwürdigen Drohung unter strikten Bedin-gungen”, das allerdings die atomare Gefahr nichtvöllig ausschließt.

Nach C. Raja Mohan bestand das zentrale Zieldes militärischen Aufmarschs darin, die Amerikanerzu zwingen, Druck auf Pakistan auszuüben. Er ver-tritt die Auffassung, daß die Amerikaner schon beieiner zehnprozentigen Chance für den Ausbruch ei-nes Krieges intervenieren würden, wie sie dies 1987bei der Operation Brass Tacks, in der Krise 1990bzw. im Kargil-Konflikt 1999 bereits getan hätten. Esmangele der indischen Regierung an klaren Überle-gungen, was einen Erfolg ausmachen würde undwie eine Strategie des Ausstiegs aus Kampfhand-lungen auszusehen hätte. Die indische Regierungfolge nicht einer Strategie, die Generalmobiliserungfortzusetzen und Gespräche mit Pakistan aufzuneh-

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men. Die Internationalisierung der Frage des grenz- des pakistanischen Staates plädierten.überschreitenden Terrorismus stellt jedoch, so K.Santhanam, Direktor des IDSA, unzweideutig einen Kritik und Empfehlungendiplomatischen Erfolg Indiens dar. Kanti Bajpai be-zeichnet dagegen die Mobilisierung als einen Fehl-schlag, da die Angriffe auf indische Einrichtungensogar mit einer neuen Qualität fortgesetzt würden,abgesehen von dem Mittelverlust und den Frustra-tionen innerhalb der Truppe.

3) Die politisch absolut einflußlose Gruppe der Indische Spitzenpolitiker unterstellen Pakistan einKriegs- und Atomkriegsgegner (Praful Bidwai, Achin “psycho-pathologisches Syndrom” und tiefgreifen-Vanaik, Arundhati Roy usw.) lehnt eine Strategie de Inkohärenzen als Nation. Die pakistanischen Si-des “begrenzten Krieges” als ein “verrücktes Unter- cherheitsstreitkräfte seien in ihrem Wesensgehaltfangen” (Praful Bidwai) ab. Sie befürworten als Aus- islamistisch.weg Verhandlungen und direkte Kontakte der Be- Manoj Joshi unterstellt, daß gegenwärtig eine mi-völkerungen. litärische Parität zwischen Indien und Pakistan be-

Entspannungsmöglichkeiten Stärkeverhältnis, um Pakistan konventionell ent-

Gegenwärtig sind die Chancen für eine Entspan-nung zwischen Indien und Pakistan äußerst gering.Jasjit Singh zeigt dafür Verständnis, daß Pakistansowohl durch die Äußerungen des stellvertretendenPremierministers L.K. Advani über eine Konfödera-tion zwischen Indien und Pakistan als auch über dieverbale Herausforderung zu einem erneuten Waf-fengang beunruhigt sei. V.R. Raghavan zeigt eben-falls Verständnis dafür, da Teile der BJP und ihresfundamentalistischen Umfelds für ein Akhand Bha-rat (“ungeteiltes Indien”) und damit die Auflösung

a) Die politische Klasse verfügt über keine außenpo-litische und strategische Vision, insbesondere nichtdie BJP, die in die Fallen Pakistans und der terrori-stisch-sezessionistischen Gruppen läuft. Es findetkeine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Phä-nomen des “Terrorismus” statt.

stehe. Indien verfüge nicht über das erforderliche

scheidend besiegen zu können. Mit ihrer orthodo-xen Planung kämpften die indischen Militärs im Stiledes 2. Weltkrieges. Sie hätten keine klaren Instruk-tionen und würden ihrerseits der politischen Füh-rung keine wirklichen Optionen überlassen. Es exi-stiere keine Gesamtstrategie, ganz im Gegensatzz.B. zu China. Seit fünfzig Jahren lasse sich eine mi-litärische Inkompetenz beobachten; trotz großer Rü-stungsinvestitionen wachse die Unsicherheit. Eshandele sich um eine Leerformel, daß ein starkesund stabiles Pakistan im indischen Interesse sei.

UAV: unmanned aerial vehicle. Licht für den Verkauf gegeben.16

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b) Der BJP-Wahlsieg in Gujarat mit einer militant-ag- auszuschließen. Es gelte, Pakistan einen Ge-ressiven Hindutva-Ideologie unter Führung von Na- schmack seiner eigenen Medizin zu verabreichen,rendra Modi im Dezember 2002 wird möglicherwei- so Joshi. Leider hätten der frühere Premierministerse mit gesamtindischen Auswirkungen zu einer Ent- Chandra Shekhar (1990/91) einseitig die indischenfremdung der religiösen Minderheiten vor allem der Geheimdienstoperationen in Pakistan insgesamtMuslims, aber auch der Christen, und zu militaristi- und sein Nachfolger Inder Kumar Gujral (1996/97)schen Tendenzen mit einem einhergehenden Wett- speziell die in Karachi eingestellt (Bharat Karnad).rüsten sowohl Pakistan als auch China gegenüber Westliche Doktrinen und Ideen seien in dieser Welt-führen. N.N. Jha, Gouverneur der Andamanen und region nicht anwendbar.Nikobaren, plädiert offen für eine militärische Aufrü-stung und eine entschieden höhere Mannschafts-stärke, “zumal keine Aussicht auf eine Lösung derMassenarbeitslosigkeit besteht. Das Rückgrat despakistanischen Militärs muß entscheidend gebro-chen werden; nur mit einer Zivilregierung ist einAusgleich möglich.” Damit kommt die zunehmendePräferenz für militärische Lösungen in Teilen des in-dischen Establishments und der gesellschaftlichenElite zum Ausdruck.

Jasjit Singh, der darauf verweist, daß der pakista-nische Geheimdienst ISI zu keinem Zeitpunkt mehrals ca. 3 000 Kämpfer nach Kaschmir entsandte,und Manoj Joshi plädieren dafür, daß sich IndienPakistan widersetzen und ihm den Rücken zukeh-ren solle. UAVs und anti-terroristische Ausrüstung16

müßten die defensiven Kapazitäten erhöhen unddazu beitragen, die low-intensity-Option für Pakistan

C. Raja Mohan, “Countering Pak.’s Nuclear Blackmail”, The17

Hindu vom 1.1.2003, S. 12. Die USA haben inzwischen grünes

c) C. Raja Mohan plädiert dafür, daß Indien als Ant-wort auf die pakistanische Nuklearerpressung beigleichzeitiger Förderung des grenzüberschreiten-den Terrorismus zügig “ein Raketenabwehrsystemals dringende nationale Priorität” verfolgen sollte.Der Kauf von “Arrow-” und “Patriot”-Raketen aus Is-rael bzw. den USA müßten als diplomatische Her-ausforderung vorangetrieben werden, um den inWashington noch bestehenden Widerstand gegeneine indisch-amerikanische Zusammenarbeit beider Raketenabwehr und gegen den Verkauf des is-raelischen Systems — Bharat Karnat rät davon we-gen mangelnder Einsatzerfahrung kategorisch ab— zu überwinden, ergänzt durch eigene Forschungund Entwicklung in Raketenabwehrtechnologie.17

Auch C. Uday Bhaskar betont das “zentrale indi-

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sche Interesse an dieser Technologie der Zukunft”. Nach Auffassung von K. Subrahmanyam handelt

Zukunftsperspektiven en und Pakistan um einen “ideologischen Krieg zwi-

Gibt es trotz der extrem angespannten Beziehun-gen zwischen Indien und Pakistan Perspektiven füreinen Dialog und eine konstruktive Diplomatie? Wel-che Chancen und Aussichten bestehen für verbes-serte indisch-chinesische Beziehungen?

Eine Loslösung Kaschmirs bedeutet für die indi-sche politische Klasse von rechts bis links uneinge-schränkt den Kriegsfall, denn dieser erste Domino-stein könnte einen Prozeß der Auflösung der Indi-schen Union, z.B auch im Nordosten, einleiten. “In-dien verfügt über das Potential von 47 Bosnien,” soS.S.Ray, ehemaliger Ministerpräsident von West-bengalen.

Pakistan, dessen Auslandsschuld mehr als dieHälfte seines Bruttoinlandsproduktes beträgt, kannsich aufgrund seiner gesamtwirtschaftlichen Situa-tion (Handelsbilanzdefizit, niedrige Währungsreser-ven, hohe Schuldentilgung) ein konventionelles undnukleares Wettrüsten mit Indien eigentlich kaum er-lauben. Andererseits unterstreichen sogar besonne-ne Analytiker wie V.R. Raghavan, daß der Westenund China das pakistanische Militär mit einer ange-messenen Kapazität ausrüsteten, um einen ent-scheidenden Sieg Indiens zu verhindern. Die paki-stanische Armee würde nicht aufgeben und habeeine langfristige Perspektive.

es sich bei der Auseinandersetzung zwischen Indi-

schen einem demokratisch-multikulturellen und ei-nem autoritär-religiösen Staatsverständnis, der sicheiner Vermittlung von außen entzieht”. Der Verfas-ser des Entwurfs der indischen Nukleardoktrin, dieAnfang Januar 2003 nach über drei Jahren instituti-onell endlich Form annahm, beklagt, daß die indi-sche Regierung national und international eine völ-lig unzureichende Informationspolitik betreibe unddem “nuklearen pakistanischen Säbelrasseln, eindurchaus erfolgreicher Mythos, nicht angemessenentgegentrete. Selbst der ehemalige AußenministerJaswant Singh, der Architekt der indisch-amerikani-schen Annäherung, vermochte es trotz wohlmei-nender Intentionen nicht, sich gegen das Behar-rungsvermögen des Systems durchzusetzen. Dieinkompetente politische Klasse denkt nur bis zurnächsten Wahl. Man wird sich wie bislang weiterhindurchwursteln.”

Arun Singh, Joint Secretary, Ministry of ExternalAffairs, meint, daß von der EU kein nennenswerterDruck auf Pakistan erwartet werden könne, da dieEU, die primär im sozialen Sektor Hilfe leiste, be-sorgt sei, Pakistan könne ein failed state werden.

Prem Shankar Jha sieht in absehbarer Zeit keinePerspektiven für einen indisch-pakistanischen Dia-

Kaschmir-Expertin mit über zwei Jahrzehnten empirisch-wis-18

senschaftlicher Erfahrung sowie politischen Kontakten zur außer-parlamentarischen Opposition in Jammu und Kaschmir.

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log. Er erkennt in den, auch von Aparna Rao be- Grenzverlauf,18

obachteten, internen Veränderungen in Kaschmir 6. Handel,(Bereitschaft großer Teile der Bevölkerung, der Re- 7. Kultur und andere Kontakte,gierung von Mufti Mohammad Syed eine Chance zu 8. den offenen Katalog: gemeinsame Wirtschafts-geben, Eintreten für das Verbleiben der Armee, Ent- unternehmen, regionale Kooperation. täuschung über die weitgehend korrumpierte All- Diese Punkte bildeten auch die Grundlage für dieParties Hurriyat Conference sowie das Gefühl, Lahore-Erklärung von 1999. Die wechselseitigendurch Pakistan verraten worden zu sein) eine neue Anliegen bezüglich aller Punkte wurden jedoch vonQualität, die Rehabilitationsprozessen, auch z.B. beiden Seiten nicht wirklich völlig durchdacht, meintvon der EU unterstützten, in bestimmten Feldern Haider.wie unter anderem Erziehung und berufliche Ausbil- Diplomatie müsse auch Illusionen schaffen, sodung eine erfolgversprechende Chance eröffnen Haider weiter. Die Verringerung des Sicherheits-könnten. Die Verhältnisse haben sich nach überein- schutzes könne den Einstieg in einen Dialog mitstimmender Meinung in Kaschmir zugunsten Indi- weit gespannten Inhalten bedeuten. In einem An-ens verbessert, obwohl Praful Bidwai eine kurzsich- fangsprozeß der Entspannung könnte die pakista-tige indische Politik in der Kaschmir-Frage gegenü- nische Regierung ihrer Bevölkerung sagen, welcheber Pakistan beklagt. Vorteile aus einem Ende grenzüberschreitender Ak-

Der 1997 unter dem damaligen Premierminister tivitäten gezogen werden könnten: I.K. Gujral eingeleitete gemischte Dialog mit Paki- — der Rückzug der Truppen in Kasernen außer-stan mit seinen insgesamt acht Punkten ist im Prin- halb des Kaschmir-Tals und damit eine Stär-zip immer noch aktuell und umfaßt: kung des Freiheitskampfes,

1. Frieden und Sicherheit, — Verhandlungen über den harten Kern, d.h.2. Jammu und Kaschmir, Kaschmir, um den Prozeß durch Pakistan auf-3. den Siachen-Gletscher, rechtzuerhalten.4. das Navigationsprojekt des Tulbul-Sees, Die Öffnung der Kommunikationslinien unter Ver-5. die Sir-Bucht in Kutch mit ihrem umstrittenen weis auf das Volk von Kaschmir — “mit dessen

Subnationalismus als einer wichtigen Kraft gerech-net werden müsse” (Praful Bidwai) —, sowie ein in-tensivierter Handel mit Vorteilen für Pakistan undgemeinsame Interessen durch Investitionen und ge-

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meinsame Unternehmen seien wichtige Schritte. Ei- indirekten Beitrag zu einer auf die Verbindung vonne Erdgasleitung vom Iran über pakistanisches Ter- Süd- und Zentralasien ausgerichteten Vision mit ei-ritorium nach Indien, wozu konkrete Pläne beste- ner Wiedererrichtung der historischen Handelsrou-hen, könnte sich als wesentlicher Meilenstein erwei- ten, “ohne daß dies die Antagonisten Indien und Pa-sen. “Unter Außenminister Yashwant Sinha spielen kistan von ihrer Verpflichtung enthebt, ihren Konfliktdie ökonomischen Interessen der indischen Außen- zu entschärfen”.politik, gerade auch im Hinblick auf die Nachbarn, Der Handel zwischen den Staaten der South Asi-eine sehr viel größere Rolle als unter seinem Amts- an Association for Regional Cooperation (SAARC)vorgänger Jaswant Singh,” so G. Parthasarathy. beträgt nur ca. 5% des Außenhandels aller SAARC-

Salman Haider unterstellt, daß Pakistan Interesse Staaten. SAARC ist klinisch im Koma. Der ehemali-daran hat, den Kaschmir-Konflikt aufrechtzuerhal- ge Militär V.R. Raghavan, dessen Delhi Policyten. Die Öffnung zwischen Indien und Pakistan und Group interessanterweise von der indischen Indu-die Beseitigung von Hindernissen, mit Kaschmir in strie finanziert wird, sieht bezeichnenderweise in ei-einer Brückenfunktion, könnte jedoch zu einer wei- ner vibrierenden und starken indischen Wirtschaftteren Vision mit Blick auf Zentralasien führen. Es be- den einzigen Ausweg, um langfristig eine vernunft-stünden unter anderem Vorschläge über eine inter- bezogene Integration mit Sogwirkung auf die Nach-nationale Identität für Kaschmiris ohne eine eigene barstaaten zu erreichen. Europa könne mit seinenStaatsbildung. historischen Erfahrungen industrieller Entwicklung

Haider plädiert für ein Moratorium über einen und wirtschaftlicher Integration in Südasien eineZeitraum von 15-20 Jahren, ohne daß eine der bei- wegweisende Funktion einnehmen.den Seiten ihre grundsätzlichen Positionen aufgibt. Ein konstruktiver Bilateralismus zwischen IndienZwischenzeitlich müsse eine Verbesserung der Be- und China, der sowohl das ungenutzte Handelspo-ziehungen, unter anderem durch einen erleichterten tential beider Länder ausschöpft sowie ein abge-Besuchsverkehr, erreicht werden. Die internationale stimmtes Verhalten in ausgewählten internationalenStaatengemeinschaft sei betroffen, deshalb läge ei- Fragen im Rahmen der sich herausbildenden globa-ne Art “Oslo-Prozeß” durchaus im Bereich des Mög- len Ordnung beinhaltet, könnte mit dazu beitragen,lichen. Mohammed Hamid Ansari, unter anderem die unvermindert angespannten bilateralen Bezie-ehemaliger Botschafter in Afghanistan, verspricht hungen zu entschärfen.sich von einer “Finnlandisierung” Afghanistans — Neben der finanziellen Ersparnis als Folge einerdie Initiative sollte von Europa ausgehen — einen Demilitarisierung zwischen Indien und China könne

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der Grenzhandel einen wirklichen Aufschwung neh- Warte von good governance und Menschenrechten.men. Salman Haider: “Indien könnte innerhalb weni- Im Gegensatz zur amerikanischen Diplomatie vorger Jahre den tibetischen Markt von Kalkutta aus Ort mit ihren intensiven und breitgefächerten Kon-dominieren und damit zur Wiederbelebung der süd- takten, einschließlich zu ihren Kritikern, reproduzier-lichen Seidenstraße beitragen.” ten die Mehrzahl ihrer Diplomaten ihre Berichte nur

C. Uday Bhaskar sieht trotz der angespannten aus der Presse.Beziehungen zwischen Indien und Pakistan in den C. Uday Bhaskar beklagt, “daß die Europäischezur Jahreswende 2002/03 gemachten Aufzeichnun- Union als kohäsives und glaubwürdiges Staatswe-gen von Premierminister Atal Behari Vajpayee die sen bislang nicht erkennbar sei. Wir sind nicht si-indische Bereitschaft, den Handel mit Pakistan und cher, was die Deutschen beabsichtigen und wieweitKontakte zwischen verschiedenen Bevölkerungs- sie sich mit Indien engagieren wollen.” Ein mäßi-gruppen beider Staaten zu fördern. gendes Einwirken auf Pakistan sei wünschenswert.

Kritik und Empfehlung an Deutschland zwischen Indien und Deutschland. C. Raja Mohanund Europa findet es wichtig, daß, abgesehen von ihrer Füh-

Übereinstimmend wird die für die Außen- und Si-cherheitspolitik in Südasien bestimmende Rolle derUSA, an der sich Indien primär orientiert, betont. DieBeziehungen zu den USA und China sind zentral.Den Deutschen und Franzosen, bzw. Europa insge-samt, kommt in strategischer Hinsicht nur eine un-tergeordnete Bedeutng zu, so prononciert C. UdayBhaskar, V.R. Raghavan und G. Parthasarathy.

Nach Ansicht von C. Raja Mohan verstehen dieDeutschen und Europäer die geopolitischen Dyna-miken in Südasien nur sehr unzureichend. Sie argu-mentierten, wie wohl Indiens Diplomaten zur Zeitdes “Kalten Krieges” ihnen gegenüber, von einervon den Grundrealitäten abgehobenen moralischen

N.N. Vohra fordert intensivere politische Kontakte

rungsriege, die sehr parochialen BJP-Politiker durchgezielte politische Kontakte und Besuche im Aus-land weltoffener werden.

Salman Haider verweist darauf, daß die europäi-schen Erfahrungen der Mutual Balanced Force Re-duction (MBFR) sowohl für das indisch-pakistani-sche als auch das indisch-chinesische Verhältnisvon Relevanz seien. Andere, so G. Parthasarathy,vertreten die Ansicht, daß dafür die Grundvoraus-setzungen in Asien nicht gegeben seien.

Der von Mohammad Hamid Ansari gemachteVorschlag einer “Finnlandisierung” Afghanistans un-ter denkbarer Mitwirkung Europas bedarf sicherlicheines sehr detaillierten Nachdenkens, angesichtsder zu erwartenden indirekt positiven Auswirkungen

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auf den indisch-pakistanischen Konflikt.

Persönliches Fazit

Insgesamt wäre es nach Ansicht des Verfasserswünschenswert, daß durch den Aufbau eines mehr-dimensionalen Informationssystems zwischenDeutschland, idealtypisch sogar Europa, und Indiendie personalen sowie institutionellen Beziehungenzu dieser demokratischen südasiatischen Füh-rungsmacht sowie zu wesentlichen Segmenten ih-rer Zivilgesellschaft systematisch verbessert undunter anderem dadurch auf eine qualitativ höhereStufe gestellt werden, auch um ein institutionellesGedächtnis dieser Beziehungen zum wechselseiti-gen Nutzen zu sichern.

ANHANG

Gesprächspartner (1.12.2002–9.1.2003)

MOHAMMAD HAMID ANSARI, ehemaliger Ständiger Vertreter In-diens bei den Vereinten Nationen; Botschafter in Saudi-arabien, Iran, Afghanistan und den Vereinigten Arabi-schen Emiraten und High Commissioner in Australien;bis 2002 Vice Chancellor, Aligarh Muslim University; Mit-glied der Observer-Foundation.

Prof.Dr. KANTI BAJPAI, Chairman, School for InternationalStudies am Centre for International Politics, Organizationand Disarmament der Jawaharlal Nehru University, NewDelhi; Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen zur indi-schen Außen- und Sicherheitspolitik.

Commodore C. UDAY BHASKAR, Deputy Director des Institutefor Defence Studies and Analyses.

PRAFUL BIDWAI, Journalist, Hindustan Times und Frontline;Mitbegründer, Movement in India for Nuclear Disarma-ment.

MUCHKHUND DUBEY, President, Indian Institute for Social De-velopment; ehemaliger Staatssekretär im Ministry of Ex-ternal Affairs; früherer Gemeinsamer Vorsitzender derDeutsch-Indischen Beratergruppe.

SALMAN HAIDER, ehemaliger Staatssekretär im Ministry of Ex-ternal Affairs.

Dr. FRÉDÉRIC GRARE, Directeur, Centre de Sciences Hu-maines, New Delhi.

N.N. JHA, Gouverneur, Andaman and Nicobar Islands.

PREM SHANKAR JHA, Buchautor; einer der führenden indi-

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schen Journalisten, unter anderem für Hindustan Times C.V. RANGANATHAN, Vorsitzender, National Security Advisoryund Outlook. Board; ehemaliger Botschafter in China, Frankreich und

Dr. MANOJ JOSHI, Political Editor, The Times of India; VisitingProfessor, School of International Studies der JawaharlalNehru University, New Delhi. Dr.habil. APARNA RAO, Universität Köln; Ethnologin und

Prof.Dr. BHARAT KARNAD, Chair, National Security Studies amCentre for Policy Research, New Delhi; ehemaliges Mit- K. SANTHANAM, Director, Institute for Defence Studies andglied des National Security Advisory Board; Verfasser, Analyses, New Delhi.Nuclear Weapons and Indian Security, New Delhi: Mac-millan 2002.

Dr. C. RAJA MOHAN, Strategic Affairs Editor, The Hindu; füh-render außen- und sicherheitspolitischer Journalist; Au-tor, Crossing the Rubicon. The Shaping of India’s NewForeign Policy, New Delhi: Viking Penguin 2003.

G. PARTHASARATHY, Visiting Professor, Centre for Policy Re-search; Mitglied des Ausschusses für Energiesicherheit,Ministry of External Affairs; ehemaliger indischer HighCommissioner in Burma und Pakistan.

SURESH PRABHU, Mitglied des Unterhauses für die Shiv Se-na; ehemaliger Umwelt- und bis August 2001 Energiemi-nister; seit Dezember 2002 im Kabinettsrang Vorsitzen-der der Kommission für die Verbindung der Flüsse; Vor-sitzender der Indo-German Parliamentary Group.

Lieutenant General (Retd) V.R. RAGHAVAN, Director, DelhiPolicy Group, New Delhi.

Prof.Dr. E.A. RAMASWAMY, führender indischer Industriesozi-ologe; ehemals Administrative Staff College of India, Hy-derabad; ehemals Institute for Development Studies, denHaag; gegenwärtig University of the South Pacific, Fid-schi.

Äthiopien; Mitverfasser, India and China. The Way Ahead.After Mao’s India War; New Delhi: Har-Anand 2000.

Kaschmir-Expertin.

ARUN SINGH, Joint Secretary, Ministry of External Affairs, zu-ständig für Pakistan und Afghanistan.

Air Commodore JASJIT SINGH, Director, Centre for Strategicand International Studies; Editorial Adviser (Defence andStrategic Affairs), Indian Express Group, ehemals Direc-tor, Institute for Defence Studies and Analyses.

K. SUBRAHMANYAM, Nestor der indischen Sicherheitspolitik;Consultative Editor, The Times of India und The Econo-mic Times; ehemals Director, Institute for Defence Stud-ies and Analyses; ehemaliger Vorsitzender des NationalSecurity Advisory Board.

Dr. ACHIN VANAIK, Visiting Professor, Department of PoliticalScience der University of Delhi; Gründungsmitglied derindischen Anti-Atomkraftsbewegung (Movement in Indiafor Nuclear Disarmament).

Prof.Dr. SHANTA NEDUNGADI VERMA, Department of PoliticalScience der University of Delhi; Expertin für indisch-rus-sische Beziehungen.

N.N. VOHRA, ehemals Director, India International Centre;ehemaliger Vorsitzender der Kommission für innere Si-cherheit; Verfasser des nach ihm benannten Berichtsüber den Nexus von Politik und Kriminalität; langjährig

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im Verteidigungsministerium, dort unter anderem Staats-sekretär und ehemaliger Principal Secretary unter Pre-mierminister I.K. Gujral; seit 2003 neuer Kaschmir-Beauf-tragter der indischen Regierung.

Südasienwissenschaftliche ArbeitsblätterBisher erschienen:

1 (2000): Rahul Peter Das, Wie stellen wir uns der Herausfor-

derung des neuen Südasiens? ISBN 3-86010-613-9. 47

Seiten.

2 (2001): Torsten Tschacher, Islam in Tamilnadu: Varia.

ISBN 3-86010-627-9. 108 Seiten.

3 (2001): Hans Harder, Fiktionale Träume in ausgewählten

Prosawerken von zehn Autoren der Bengali- und

Hindiliteratur. ISBN 3-86010-636-8. iv;142 Seiten.

4 (2003): Ursula Rao, Kommunalismus in Indien. Eine Dar-

stellung der wissenschaftlichen Diskussion über Hindu-

Muslim-Konflikte. ISBN 3-86010-707-0. iii;83 Seiten.