GALILEO GALILEI, DISCORSI - Neutonus Galileo Galilei im 70. Lebensjahr, Gem£¤lde von J. Sustermans,

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  • GALILEO GALILEI, DISCORSI

    UNTERREDUNGEN UND MATHEMATISCHE BEWEISFÜHRUNGEN ZU ZWEI NEUEN WISSENSGEBIETEN (1) ZUR MECHANISCHEN WECHSELWIRKUNG AKTIVER PRINZIPIEN MIT PASSIVER MATERIE (2) ZUR ÖRTLICHEN BEWEGUNG IN RAUM UND ZEIT NEBST IHRER ERZEUGENDEN URSACHE Mit einem Anhang über das gemeinsame Schwerezentrum mehrerer Körper ZUM 450. GEBURTSTAG ALS FESTSCHRIFT FÜR GALILEO GALILEI LINCEO PHILOSOPH UND ERSTER MATHEMATIKER DES GROSSHERZOGS DER TOSKANA AUS DEM ITALIENISCHEN UND LATEINISCHEN ÜBERSETZT UND HERAUSGEGEBEN VON ED DELLIAN BERLIN 2014

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    Die größten Wahrheiten widersprechen oft geradezu den Sinnen, ja fast immer. Die Bewegung der Erde um die Sonne – was kann dem Augenschein nach absurder sein? Und doch ist es die größte, erhabenste, folgenreichste Entdeckung, die je der Mensch gemacht hat, in meinen Augen wichtiger als die ganze Bibel. Johann Wolfgang von Goethe, 1831 (zu Kanzler von Müller).

    Die Titelseite dieser Ausgabe zeigt Galileo Galileis Darstellung des räumlich-zeitlichen Maß- und Bezugssystems der absoluten Bewegung (IK die absolute Zeit, GH der absolute Raum), wie man sie eingangs des „3. Tages“ der Discorsi findet (zu Theorem I, Lehrsatz I).

    Die Übersetzung beruht auf dem Text der Ausgabe des Verlags Giulio Einaudi, Torino 1990. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten Sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Ed Dellian Galileo Galilei –Discorsi Berlin Pro BUSINESS 2014-05-03 ISBN 978-3-863386-677-8 1. Auflage 2014 © 2014 by Pro BUSINESS GmbH Schwedenstraße 14, 13357 Berlin Alle Rechte vorbehalten. Produktion und Herstellung: Pro BUSINESS GmbH Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier Printed in Germany www.book-on-demand.de

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    Galileo Galilei im 70. Lebensjahr, Gemälde von J. Sustermans, Florenz, Uffizien. „Im Streit um Rechtsfragen oder um andere menschliche Dinge, in denen es weder Wahres noch Unwahres gibt, mag einer wohl auf seinen Scharfsinn, seine Schlagfertigkeit und seine größere Belesenheit vertrauen und hoffen, dass der in diesen Dingen Überlegene auch als der Klügere erscheinen und beurteilt werden wird; aber in den Naturwissenschaften, deren Schlüsse wahr und notwendig sind, und wo menschliche Willkür nichts vermag, muss man sich hüten, das Falsche zu verteidigen, weil tausend Männer wie Demosthenes und tausend wie Aristoteles nichts ausrichten gegen irgendeinen mittelmäßigen Kopf, der das Glück gehabt hat, die Wahrheit zu erkennen.“ (Galileo Galilei, Dialogo 1632, Erster Tag – Salviati).

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    ZUM GELEIT - DAS LOB DER GEOMETRIE ALS MITTEL ZUR VERNÜNFTIGEN ERKENNTNIS DER WAHRHEIT DER NATUR.

    (1) Du hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht bestimmt. Buch der Weisheit, Kap. 11. (Die geometrische, messend erkennbare Ordnung des Universums beweist Schöpfung und Schöpfer). (2) ΑΓΕΩΜÉΤΡΗΤΟΣ ΜΗΔΕÍΣ ΕΙΣÍΤΩ. (Zutritt für Nicht-Geometer verboten). Platon. Nach alter Überlieferung soll Platon mit dieser Schrift an der Pforte zu seiner Athener Akademie allen Schülern, die nicht bereits die Geometrie studiert hatten, den Zutritt verboten haben (Kenntnis der Geometrie als Zulassungsbedingung für das Philosophiestudium). (3) Alles Erkennen ist Messen, und alles Messen ist Vergleichen mit einem Maßstab. Nicolaus Cusanus, De docta ignorantia, 1440 (Geometrie als Instrument der Erkenntnis). (4) ΑΓΕΩΜÉΤΡΗΤΟΣ ΜΗΔΕÍΣ ΕΙΣÍΤΩ. (Zutritt für Nicht-Geometer verboten). Nicolaus Copernicus, De revolutionibus orbium coelestium, 1543; Leitspruch. (Kenntnis der Geometrie als Voraussetzung für das Studium der neuen, kosmozentrischen As- tronomie). (5) La filosofia è scritta in questo grandissimo libro che continuamente ci sta aperto innanzi a gli occhi (io dico l’universo), ma non si può intendere se prima non s’impara a intender la lingua, e conoscer i caratteri, ne’ quali è scritto. Egli è scritto in lingua matematica, e i caratte- ri son triangoli, cerchi, ed altre figure geometriche, senza i quali mezi è impossibile a inten- derne umanamente parola; senza questi è un aggirarsi vanamente per un oscuro laberinto. Galileo Galilei, Il Saggiatore, 1623. (Geometrie als Sprache des „Buches der Natur“). (6) Sagr. (II,51): “Che diremo, Sig. Simplicio? Non convien egli confessare, la virtù della ge- ometria esser il più potente strumento d’ogni altro per acuir l’ingegno e disporlo al perfetta- mente discorrere e specolare? e che con gran ragione voleva Platone i suoi scolari prima ben fondati nelle matematiche?” Simp. (II,52) “Veramente comincio a comprendere che la logica, benché strumento prestantissimo per regolare il nostro discorso, non arriva, quanto al destar la mente all’invenzione, all’acutezza della geometria.” Sagr.(II,53) “A me pare che la logica in- segni a conoscere se i discorsi e le dimostrazioni già fatte e trovate procedano concludente- mente; ma che ella insegni a trovare i discorsi e le dimostrazioni concludenti, ciò veramente non credo io.” Galileo Galilei, Discorsi 1638, Giornata seconda (Geometrie und Logik als zwei verschiedene Instrumente der Vernunft; Primat der erkenntniserweiternden und insofern allein wahrheitsfähigen Geometrie). (7) Verum ut Geometris philosophantibus, & Philosophis geometriam exercentibus, pro con- jecturis & probabilibus, quae venditantur ubique, scientiam Naturae summis tandem evidenti- is firmatam nanciscamur. Isaac Newton, Lectiones Opticae, ca. 1674 (Geometrie als Instru- ment philosophischer Wahrheitssuche in der Natur). (8) Gloriatur Geometria quod tam paucis principiis aliunde petitis tam multa praestet. Funda- tur igitur Geometria in praxi mechanica, & nihil aliud est quam Mechanicae universalis pars illa, quae artem mensurandi accurate proponit ac demonstrat. Isaac Newton, Philosophiae Naturalis Principia Mathematica, 1687, Auctoris Praefatio. (Die geometrische Messkunst als erkenntnistheoretisches Instrument der exakten Wissenschaft).

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    Inhaltsverzeichnis Vorwort des Herausgebers S. 7 Zur Einführung: Eppur’ si muove (… und sie bewegt sich doch!). Galileo Galilei beweist der Welt die wirkliche Bewegung der Erde und damit zugleich die Wahrheitsfähigkeit des Menschen. S. 13 Anmerkungen zur Einführung S. 28 Frontispiz der Ausgabe Leiden 1638 S. 33 Galileis Widmung vom 6. März 1638 an den Fürsten von Noailles S. 35 Der Verleger (Elzevir Leiden) an die Leser S. 37 Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 1638 S. 39 Erster Tag S. 41 Zweiter Tag S. 141 Dritter Tag S. 179 Vierter Tag S. 259 Anhang (über das Schwerezentrum mehrer Körper) S. 307 mit einer Anmerkung des Herausgebers: Geozentrismus, Heliozentrismus, Kosmo- zentrismus:Weshalb hängte Galilei den Discorsi seine Jugendschrift „Über das Schwere- zentrum mehrerer Körper“ an? S. 329 Nachwort des Herausgebers: Noch einmal: Galilei und wir. Plädoyer für eine wahrheitsfähige Wissenschaft S. 335

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    Vorwort.

    450 Jahre nach der Geburt Galileo Galileis in Pisa und rund 375 Jahre nach dem Erscheinen von Galileis Discorsi in Leiden (1638) liegt dieses Buch hiermit in einer neuen deutschen Ausgabe vor. Die Discorsi sind Galileis wichtigstes Buch. Man findet darin das Fundament und den Kern der neuen anti-aristotelischen und anti-scholastischen, platonisch inspirierten geometrischen Naturlehre und der auf Erfahrung gegründeten anti-akademischen, natürlichen Philosophie (philosophia naturalis) der Renaissance. Fünfzig Jahre später veröffentlicht Isaac Newton 1687 in London sein Jahrtausendwerk Philosophiae naturalis principia mathematica in drei Büchern. In den beiden ersten Büchern stellt er (unter Zurückweisung der hypothe- tisch-deduktiven Philosophia naturalis des Descartes) die neue, empirisch und experimentell arbeitende Naturphilosophie systematisch als Lehre von der Bewegung vor, wobei er die eu- klidische Geometrie, Galileis Wissenschaftsmethode und die mit beidem gewonnenen Er- kenntnisse Galileis ausdrücklich voraussetzt. Es steht außer Frage: Galileis Discorsi von 1638 sind die Gründungsurkunde der neuzeitlichen, empirischen Naturwissenschaft. Galileis Buch, gegliedert in vier „Tage“, ist bisher in deutscher Sprache noch nie in einer Aus- gabe erschienen, die in Form und Inhalt dem Original entsprechen würde. Die erste und bisher einzige deutsche Übersetzung, welche Ende des 19. Jahrhunderts Arthur von Oettingen vor- stellte, wurde zunächst nur zerstückelt publiziert, in „Ostwald’s Klassikern der exakten Wis- senschaften“, die Wilhelm Ostwald in Leipzig herausgab, verteilt auf die Oktavhefte 11