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Felix Mendelssohn Bartholdy Elias - Berner Kammerchor · 2014-12-03 · 4 Werkeinführung Felix Mendelssohn Bartholdy Elias delssohn Bartholdy geistliche Musik. wollte der protestantische

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Text of Felix Mendelssohn Bartholdy Elias - Berner Kammerchor · 2014-12-03 · 4 Werkeinführung Felix...

  • 4 Werkeinfhrung

    Felix Mendelssohn Bartholdy Elias

    Sein Leben lang schrieb Felix Men-delssohn Bartholdy geistliche Musik.Meistens entstanden seine kirchen-musikalischen Werke aus eigenem innerem Impuls. Aber auch mit denseltenen Auftragswerken wie dem fr das Birmingham Music Festivalkomponierten Oratorium Elias wollte der protestantische Christ j-discher Abstammung seinem persn-lichen Glauben Ausdruck verleihen.Mendelssohn nahm seine Aufgabesehr ernst: Ich halte es fr uner-laubt, etwas zu komponieren, wasich eben nicht durch und durchfhle. Es ist, als sollte ich eine Lgesagen; denn die Noten haben docheinen ebenso bestimmten Sinn wiedie Worte, vielleicht einen noch be-stimmteren. Und in einem anderenBrief hielt er fest: Nur das gilt, wasin tiefstem Ernst, aus der innerstenSeele geflossen ist. Mit wohl keinem anderen Werk hatMendelssohn so gerungen wie mitdem Elias. Zehn Jahre beschftigteer sich zumindest in Gedanken damit. Bereits kurz nach der Fer-tigstellung des Paulus im Jahr 1836reifte in Mendelssohn der Plan frein weiteres Oratorium. Zunchstberliess er seinem Freund KarlKlingemann die Wahl der Haupt-person. Der Komponist wollte an

    den grossen Erfolg des Paulus an-knpfen und scherzte, es sei ihm gleich, ob sein Freund Elias, Petrus oder gar den Amoriterknig Og von Baschan zur Hauptfigur des neuen Werkes mache. Spter war auch noch Knig Saul im Gesprch. Dann aber bestand der Komponist auf dem Elias, und da Klingemann sich nicht darauf einlassen wollte, scheiterte die Zusammenarbeit der alten Freun-de. Schliesslich war es Pfarrer Julius Schubring, der Jugendfreund aus Berliner Tagen, der Mendelssohns Wnschen nachkam und das Libretto des Oratoriums zusammenstellte. Mit der Komposition begann Men-delssohn jedoch erst, als ihm 1845 angeboten wurde, ein grsseres Werk fr das Musikfestival in Bir-mingham zu komponieren. Eine grosse Persnlichkeit Das Libretto setzt sich aus verschie-denen Episoden aus der im ersten und zweiten Buch der Knige berlieferten Elias-Erzhlung und betrachtenden Bibelworten zusammen. Mendelssohn hatte klare Vorstellungen vom Cha-rakter des Elias: Er wollte seinen biederen Zeitgenossen eine Persn-lichkeit grossen Formats vorfhren. In einem Brief an seinen Librettisten hielt er fest: Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten Propheten gedacht,

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    Trotz der erfolgreichen Urauffhrung des Elias in Birmingham arbeitete Felix Mendelssohn Bartholdy unermdlich an seinem Werk weiter. Die erste deutscheAuffhrung fand ein Jahr spter am 9. Oktober 1847 in Hamburg statt. Der schwerkranke Komponist, der kurz darauf einem Schlaganfall erlag, hatte sein Werk nur in der englischen Fassung gehrt.

  • 6 Werkeinfhrung Ich hatte mir eigentlich beim Elias einen rechten Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen knnten, stark, eifrig, auch wohl bs und zornig undfinster. Bild: Titelblatt der gedruckten Partitur (Erstausgabe von 1847)

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    wie wir ihn etwa heut zu Tage wiederbrauchen knnten, stark, eifrig, auchwohl bs und zornig und finster, imGegensatz zum Hofgesindel undVolksgesindel, und fast zu der ganzenWelt im Gegensatz, und doch getragenwie von Engelsflgeln. Ein organisches Ganzes Die biblische Vorlage ist alles andereals abgeschlossen. Die einzelnen Er-zhlungen sind sehr unterschiedlich und lassen sich deshalb nicht leichtzusammenfgen. Manche reflektierenhistorische Ereignisse und Tatsachen,wie etwa die Konfrontationen desPropheten mit dem Knigshaus.Manche Stcke sind mrchenhaft, sodie Geschichte von den Raben undder Witwe, die den Prophetenwhrend der Drre nhren. Mancheeher legendenartig, so die Erzhlungber die Entrckung des Prophetenim Feuerwagen. Manche sind wun-derbar, wie die Geschichte ber dieErweckung eines toten Knaben. Undein Moment ist mehr als das, istgnzlich unerhrt: Es ist der Um-stand, dass der Prophet von Engelnumgeben ist, schreibt Willhelm Sei-del in seinem Aufsatz ber die re-ligise und musikalische Konzeptiondes Oratoriums. Historisches, Mr-chenhaftes, Legendenhaftes, Wun-derbares und schlechthin Unerhrtessind demnach mit dem Namen desPropheten verbunden und musstenvon Schubring und Mendelssohnderart miteinander verknpft werden,dass ein schlssiges, organischesGanzes entstand.

    Gegenber Schubring setzte sich Mendelssohn fr eine mglichst dra-matische Verlebendigung der Elias-Erzhlung ein. Deshalb verzichtet das Libretto auf erzhlende Einsch-be. Whrend im Paulus der traditio-nelle Erzhler die Handlung voran-treibt, bernehmen diese Aufgabe im Elias die Hauptcharaktere. Hufig wird der Originaltext in die direkte Rede umformuliert. So wird etwa der originale Wortlaut des Berichts ber die Wiedererweckung des Sohnes (Und der Herr erhrte die Stimme Elias, und das Leben kehrte in das Kind zurck, und es wurde wieder lebendig.) im Libretto in eine di-rekte, an Elias gewandte Rede der Mutter umgeschrieben: Der Herr er-hrt deine Stimme, die Seele des Kindes kommt wieder! Es wird le-bendig! Es wird lebendig!. Durch diesen Kunstgriff wird aus dem blos-sen Tatsachenbericht ein emotional aufgeladenes, vergegenwrtigtes Er-eignis, das dem Oratorium die dra-matische Unmittelbarkeit einer Oper verleiht. Ungewhnlicher Beginn Das Oratorium beginnt hchst unge-whnlich. Der Komponist fhrt seine Hrer mitten in das Geschehen: Vor die Ouvertre setzt er ein kurzes, eindrucksvolles Rezitativ des Pro-pheten, worin er eine Drrezeit an-kndigt. Damit unterstreicht der Komponist die einzigartige Stellung Elias im Alten Testament und ver-deutlicht zugleich, dass fr ihn die biblische Tradition wichtiger ist als

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    die musikalische Konvention. Ihr er-weist er erst mit der nachgereich-ten Ouvertre die ntige Ehrer-bietung. Ungewhnlich sind auch dieTritonus-Intervalle, die zweimal inder Singstimme und einmal in denInstrumenten auftauchen. Der Trito-nus ist nach alter Tradition der dia-bolus in musica, und als Wider-sacher, als irdischer Vertreter desIsrael zrnenden Gottes Jahwe agiertElias an dieser Stelle. Damit ist klargestellt, dass Elias nur ein WerkzeugGottes ist und nicht jener, der Is-rael verwirrt, wie ihm Knig Ahabvorwirft (Rainer Bartelmus).

    Die Ouvertre ist nicht Vorspann zum Oratorium, sondern als ber-leitung zum nachfolgenden Chor eingebunden. Der fugierte Satz stellt die Drre, Not und Verzweiflung des Volkes dar und kulminiert schliess-lich im ersten Choreinsatz: Hilf Herr! fleht das Volk der Israeliten. Die Klage um die verlorene Ernte und die eindringliche Bitte um Hilfe veranschaulichen die Notlage des Volkes Israel. Die Bitte des Chores wird in intimerer Form als Duett zweier Soprane wiederholt. Dem wohlklingenden, liedhaften Duettie-ren ist der Chor gegenbergestellt,

    Am 26. August 1846 fand in der berfllten Town Hall in Birmingham die erfolg-reiche Urauffhrung des Elias statt: Alle Zeitungen berichteten von einem ungeheu-ren Beifall, der nach den letzten Takten des Oratoriums losbrach. Acht Stcke (vierArien und vier Chre) mussten auf Verlangen des Publikums wiederholt werden!

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    der mit einem kurzen, archaischwirkenden Motiv (Herr, hre unserGebet) am Geschehen beteiligt ist. Nach den kollektiven usserungender Verzweiflung tritt ein Einzelner auf: Obadja fhrt dem Volk die eige-ne Schuld vor Augen und mahnt zu-gleich zur Rckkehr zu Gott. DieseRolle des Obadja, der ein Gefhrtedes Elias ist und sich zum Mono-theismus bekennt, hat mit der bibli-schen berlieferung nichts zu tunund ist im Oratorium frei erfunden.Die Tenor-Arie So ihr mich von gan-zem Herzen suchet gibt der Got-tessehnsucht Obadjas Ausdruck. Dieemphatisch geschwungene Melodiewird von einer wiegenden Beglei-tung getragen, aus der die Holzblas-instrumente solistisch hervortreten. Das Volk antwortet mit dem ver-zweifelt erregten Chorsatz Aber der Herr sieht es nicht, er spottet unser, der die musikalische Ausgestaltungder Drre abschliesst. Seine auffl-lige formale Zweiteilung in ein poly-phones Allegro vivace und in ein homophon-choralartiges Grave, das sich gegen Ende hymnisch nach C-Dur aufhellt, stellt noch einmal diebeiden Seiten Gottes gegenber: denzrnenden und den barmherzigenGott. (Andreas Eichhorn) Intermezzo am Bach Ein Intermezzo berichtet, wie Eliasdurch einen Engel an den Bach Crithgefhrt wird, wo Raben ihm Brotbringen. Ein Doppelquartett der En-

    gel (Denn er hat seinen Engeln be-fohlen) begleitet seinen Weg. Das Doppelquartett, das zu den schnsten Stzen des Elias gehrt, ist eine Neubearbeitung einer A-cappella-Motette, die Mendelssohn 1844 un-ter dem Eindruck eines fehlgeschla-genen Attentats auf den Preussenk-nig Friedrich Wilhelm IV. kompo-niert hatte. Die Disposition steht in der Tradition barocker Doppelch-rigkeit: Frauen- und Mnnerchor tra-gen ihre liedhaften Phrasen im Wechsel vor, um sich anschliessend zur Achtstimmigkeit oder zu anderen doppelchrigen Kombinationen zu vereinen. und bei der Witwe Nachdem der Bach vertrocknet ist, weist der Engel Elias weiter nach Zarpath. Dort nimmt ihn eine Witwe auf, deren verstorbenen Sohn der Prophet durch sein Gebet ins Leben zurckruft. Die Szene ist in einem dramatischen Duett (Was hast du an mir getan) geschildert, das die Kla-gen der Trauernden, das Gebet des Elias und den jubelnden Dank der Mutter in einer grossartigen Stei-gerung zusammenfasst. Der Chor fllt ein mit einem von fliessenden Sechzehntelfiguren der tieferen Streicher begleiteten Danklied: Wohl dem, der den Herrn frchtet ein lyrisch-heiteres, im Mittelteil mit einem fanfarenartig aufsteigenden Dreiklangsthema zu fester Zuver-sicht gesteigertes Stck, ein bewe-gendes Dokument romantischer Re-ligiositt. (Reclam)

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    rum schlfst du? auf. Immer sieges-sicherer spottet Elias: Rufet lauter! Ein letztes Mal wenden sich die Priester an Baal, doch auf die beiden letzten Anrufungen folgen beklem-mende Pausen. Jetzt herrscht Gewiss-heit, dass Baal nicht antworten wird. Nun lenkt Elias die Aufmerksamkeit auf sich: Kommt her, alles Volk, kommt her zu mir!. In der anschlies-senden Arie Herr Gott Abrahams, Isaaks und Israels vollzieht sich ein Stimmungswandel: Elias ist nicht mehr der selbstsichere, spttische Herausforderer, sondern betet demtigzu Gott eine Haltung, die Mendels-sohn durch den fallenden Melodiever-lauf ausdrckt. Auf dem Spannungs-hhepunkt fgt er als retardierendes Moment das Kirchenlied Wirf dein Anliegen auf den Herrn ein. Nach diesem vorbergehenden Still-stand der dramatischen Zeit setzt die ussere Handlung wieder ein. Elias' Gebet wird erhrt, eine Flamme strzt vom Himmel auf den Opferaltar her-ab. Schwirrende Streicherfiguren ver-anschaulichen den Brand. Schliess-lich mndet der Feuerzauber in einen choralartigen Gesang des Volkes, das dem Eindruck des Wunders erliegt: Der Herr ist Gott, es sind keine ande-ren Gtter neben ihm. Gewalterfahrungen verarbeitet Nun fordert Elias das Volk auf, die Baals-Priester zu greifen, dass ihrer keiner entrinne und offenbart sichin der Arie Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer? emotional von einer

    Nach dem Intermezzo folgt die dra-matische Hauptszene des Oratoriums.Elias geht im dritten Jahr der Drrezu Knig Ahab und verkndet, dassGott es wieder regnen lassen werde.Sein Rezitativ nimmt die schwerenBlserakkorde und den Tritonus die musikalischen Symbole seiner pro-phetischen Sendung am Anfang desWerks wieder auf. Elias ruft die Priester des heidnischen Baals zueinem Wettstreit auf: Ein Brandopfersoll bereitet werden, und die Baals-Priester sowie Elias sollen den Na-men ihres Gottes anrufen. Wer eineFlamme auf den Altar sendet, soll alswahrer Gott verehrt werden. In einem Meisterwerk musikalischerSteigerung setzen die Priester drei-mal an, Baal zu einer Antwort zubewegen. In der ersten AnrufungBaal, erhre uns wechseln Mnner-stimmen, von Hrnern und Posaunenbegleitet, und Frauenstimmen, vonHolzblasinstrumenten getragen, ein-ander ab und vereinigen sich zueinem auftrumpfenden Tutti-Satz. Das rituelle Pathos schlgt um indrngende Erregung: Ein Allegro-Satz mit Chor-Unisono scheint schondie innere Unsicherheit der Betendenanzudeuten. Die Anrufung endet miteiner pltzlich leise zurckgenom-menen Note, welche die sich aus-breitende Mutlosigkeit andeutet. Hhnisch ermuntert Elias die Pries-ter, lauter zu rufen. Auch die zweiteAnrufung beginnt eindringlich, hrtaber mit der unsicheren Frage: Wa-

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    Elias aber befahl ihnen: Ergreift die Propheten des Baal! Keiner von ihnen soll ent-kommen. Man ergriff sie und Elias liess sie zum Bach Kischon hinabfhren und dorttten. (1 Kn, 18,4). Diese Szene ist keine verbindliche Anweisung fr das sptere Is-rael, sondern stellt die Verarbeitung von massiven Gewalterfahrungen dar (Nohl). Bil-der: Bibelgrafiken von Gustave Dor

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    und bekundet sich in der Kraft, mit der der Prophet in dunkler Zeit die Offenbarung seines Gottes ersehnt und auf die Erlsung des Menschen gehofft hat. Vershnlichere Tne Mit der Alt-Arie Weh ihnen, dass sie von mir weichen wechselt die Per-spektive. Aus gttlicher Sicht wird die Opferszene rckblickend kom-mentiert und abgeschlossen. Im Ge-gensatz zur Rachearie des Elias schlgt die schlichte Arie nun ver-shnlichere Tne an. Die Vernich-tung der Baals-Priester wird zwar gerechtfertigt, aber nicht in einem zornigen, sondern in einem weh-mtig-schmerzhaften Ton. Auf dem Hhepunkt des Konflikts dringt Mendelssohn in die Tiefe des bibli-schen Gottesbildes vor: Gott ist den Menschen liebend zugewandt und leidet daran, wenn sie ihn ablehnen. Er straft die Abtrnnigen nicht leichten Herzens, sondern trauert um alle, die er strafen muss. Es ist bemerkenswert, dass Mendelssohn lange vor aller feministischen Dis-kussion um das christliche Gottes-bild eine Frau dem trauernden Gott ihre Stimme leihen lsst. (Rainer Albertz) Das zweite Wunder beschliesst den ersten Teil des Oratoriums. Elias fleht zu Gott, die Not des Volkes zu beenden und Regen zu spenden. Dreimal wiederholt er immer drin-gender seine Bitte, die der Chor des Volkes wie in einem Responsorium

    bisher unbekannten Seite: Zornigsich ereifernd rechtfertigt er die Er-mordung der falschen Propheten. Of-fenbart seine wilde Arie die schreck-liche, furchterregende Seite alttesta-mentlicher Gottesschau? Ist IsraelsGott ein Gott der Rache? Die Elias-Geschichten enthalten keine Anwei-sungen, die fr das sptere Israelverbindlich sein wollen; sie stellenvielmehr die Verarbeitung von mas-siven Gewalterfahrungen dar, urteiltPaul-Gerhard Nohl. Was im 9. Jh. v. Chr. in einer einmaligen historischenSituation beim Zusammenstoss derIsraeliten und Kanaaner mit ihrenethnischen, sozialen und religisenGegenstzen geschah, fand wegendieser Verarbeitung keine Fort-setzung. Die alttestamentlichen Texte sind Zeugen fr einen kriti-schen Umgang mit den einschl-gigen Traditionen und damit zu-gleich fr das langsame Findenneuer Formen religiser Konflikt-bewltigung. Auch nach Ansicht von WilhelmSeidel haben Mendelssohn undSchubring die Taten und Untaten desPropheten vermutlich als Zeicheneiner historischen Grsse angesehen,die so fern und unwirklich ist, dassder, der daran erinnert, nicht in denVerdacht kommt, er rede der Wie-derholung ihrer Grausamkeiten dasWort. Das Oratorium macht im brigen deutlich: Nicht seine Tatenmachen Elias zum Vorbild, sondernseine Seelenstrke. Diese Strke be-steht in unbedingtem Gottvertrauen

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    bekrftigt. Dann klingen das Raunenund Rauschen des Windes und desRegens in den Sechzehntelfigurender Violen leise auf und schliesslich verkndet die Stimme des Knaben,vom rasch anwachsenden Tremolodes Orchesters begleitet, das Naheneiner Wolke vom Meere her. Der er-sehnte Regen strzt herab, durchtropfende Triolenfiguren der Vio-linen symbolisiert; im anschliessen-den Lobgesang Dank sei dir Gottussert das Volk seine Erleichterungund Freude ber den fallendenRegen. Der Mensch Elias im Mittelpunkt In der schlichten Sopran-Arie Hre, Israel, hre des Herrn Stimme und im anschliessenden gravittischenChor Frchte dich nicht, spricht un-ser Gott scheint das Thema deszweiten Teils auf: Gott wird jenenschtzen, der auf ihn vertraut. Nachdiesem meditativen Beginn geht dieHandlung weiter. Elias bezichtigtAhab erneut, von Gott abgefallen zusein. Darauf kommt Knigin Isebelzu Wort, die das Volk aufhetzt, denunbequemen Mahner zu tten. DerVolkschor Wehe ihm, er muss ster-ben hnelt in seinem dissonanzen-reichen, mit schnellen Orchesterfigu-ren untermalten Realismus den Tur-ba-Chren der Bachschen Passionen. Von nun an treten die usserenHandlungsmomente zurck und dasOratorium erhlt einen kontempla-tiv-reflektierenden Charakter. ImMittelpunkt steht nun Elias mitseinem Denken, Fhlen, wechseln-

    den Gemtszustnden und Erinne-rungen. Nach dem wilden Ausbruch des Volkschors redet Obadja demPropheten in einem beruhigenden ariosen Rezitativ zu, in die Wste zu fliehen. Elias folgt seinem Rat. Er muss enttuscht feststellen, dass sein Wirken vergeblich, dass Israel erneut vom Gott der Vter abgefallen ist. Die Wste ist in der Bibel nicht nur ein geographischer Ort, sondern ein vielschichtiges Symbol. Als Ort der Ferne, Distanz und Isolation von der usseren Welt steht die Wste fr Glaubensanfechtung und erneuernde Glaubenserfahrung zugleich. In sei-ner Arie Es ist genug! So nimm nun, Herr bringt Elias seine Resignation und Verzweiflung ber die Vergeb-lichkeit seines Tuns zum Ausdruck. Elias befindet sich auf dem hchsten Punkt seiner Krise und bittet um Er-lsung. Die Arie ist oft autobiogra-phisch gedeutet worden. Mendels-sohn hat gegen Ende seines kurzen Lebens immer wieder an sich und dem Sinn seiner Arbeit gezweifelt. Das enorme Arbeitspensum hatte seinen Krper ohnehin schon seit Jahren berfordert, so dass die De-pression den Komponisten umso hr-ter traf. Im anschliessenden Rezitativ tritt zum einzigen Mal im Oratorium ein Erzhler auf, der vom Schlaf des Elias und der Erscheinung der En-gel berichtet. Darauf spricht ein En-gel-Terzett von Trost und Hoffnung (Hebe deine Augen auf zu den Ber-

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    Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rhrte ihn an und sprach: Stehauf und iss! Sonst ist der Weg zu weit fr dich. (1 Kn 19,7)

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    gen). Damit schuf Mendelssohn einmusikalisches Kleinod, das zu seinenpopulrsten Stcken werden sollte.Die Schwere- und Krperlosigkeitder Engel durch unbegleitete Frauen-stimmen darzustellen, war in derOratorienmusik ein gelufiger To-pos, auf den Mendelssohn hier zu-rckgriff und seinerseits modellhaftumformte. (Eichhorn) Der kontem-plative Chor Siehe, der Hter Israelsschlft noch schlummert nicht be-schliesst diese Szene. Der biblische Bericht ber dievierzigtgige Wanderung des Eliaszum Berg Horeb wird als Auf-forderung durch einen Engel ausge-sprochen. Die wiederholte Klage desPropheten ber sein vergeblichesWirken (O Herr, ich arbeite vergeb-lich) zeigt, dass er seine Krise nochnicht berwunden hat. Doch seineKlage wird abrupt durch die lied-hafte, von Soloflte und Streichernbegleitete Alt-Arie Sei stille demHerrn und warte auf ihn unterbro-chen. Die Ruhe und Zuversicht ver-breitende Musik fllt ihm gleichsamins Wort, um ihn aus seiner Resig-nation herauszureissen. Der schlichteChor Wer bis an das Ende beharrtbeschliesst die Wstenszene. Im folgenden Rezitativ setzt Eliasseinen Dialog mit Gott fort. Nachseinem Verzweiflungsruf (Herr, es wird Nacht um mich) kndigt ihmein Engel die Erscheinung Gottes an(Verhlle dein Antlitz, denn es naht der Herr). Die Begegnung mit dem

    unsichtbaren, unvorstellbaren Gott am Horeb, die Mendelssohn beson-ders zur Elias-Vertonung gereizt hatte, wird im mystischen Chorsatz Der Herr ging vorber geschildert. Aus leisen, rasch anschwellenden e-Moll-Harmonien des mit Hrnern, Trompeten und Posaunen besetzten Orchesters steigt, mit einem vom Grundton zur Quinte und Sexte fortschreitenden Motiv, der Ruf des Frauenchores auf: Der Herr ging vorber. In drei Anstzen wird die Erscheinung Gottes vorbereitet. Ein Sturmwind, ein Erdbeben, ein Feuer gehen ihm voraus, aber der Herr ist nicht in ihnen. Dann, mit einer zarten Wendung nach E-Dur, wird das Wunder Ereignis: Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sau-sen, und in dem Suseln nahte sich der Herr. (Reclam) Die Gotteser-scheinung wird fr einen Augenblick festgehalten und zelebriert mit dem hymnischen Gesang der Seraphim Heilig ist Gott der Herr Zebaoth, der aus dem Buch Jesaja (6,1-4) entnom-men ist und als Sanctus des Mess-Ordinariums zu den zentralen Texten geistlicher Musik gehrt. Ein einstimmiger Mnnerchor, in den die Frauenstimmen mit vollen Akkorden einfallen, befiehlt dem Propheten, wieder hinabzugehen in das Land Israels und seinen Kampf gegen den Gtzendienst zu Ende zu fhren (Gehe wiederum hinab). Elias ist nach der Gotteserscheinung von allen Zweifeln befreit und nimmt den Auftrag an (Ich gehe hinab in

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    Whrend Elias und sein Schler Elischa miteinander gingen und redeten, erschienein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elias fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor. (2 Kn 2,11)

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    der Kraft des Herrn). Er bekrftigtseine neue Haltung im anschliessen-den Arioso Ja, es sollen wohl Berge weichen. Mit diesem ruhigen, weich schwingenden Gesang verabschiedetsich Elias als handelnde Person. Sein Lebensende ist in einer grossen,balladesken Chorerzhlung (Und der Prophet Elias brach hervor) zusam-mengefasst. Ein strmischer f-Moll-Satz erzhlt von dem letzten, eifernden Wirken des Propheten; eine C-Dur-Fanfare des Orchesters, die der Choraufnimmt, leitet den Bericht seinerHimmelfahrt ein. Mit einem pltzli-chen, ohne Modulation erreichten A-Dur-Klang kndigt sich dieses letzteWunder an: Siehe, da kam ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen. Der Satz wendet sich von d-Moll ber C-Dur nach Es-Dur; in Terzen aufsteigendeTonleitern der Singstimmen symboli-sieren die Auffahrt zum Himmel, la-pidares Unisono des Chores bildet denSchluss. (Reclam)

    Mit diesem Chor endet die eigentliche Handlung des Oratoriums. Ursprng-lich wollte Mendelssohn das Orato-rium mit der Himmelfahrt des Elias beschliessen. Julius Schubring dage-gen hielt eine abschliessende Interpre-tation der Elias-Figur fr unverzicht-bar. Der Schluss des Oratoriums sollte einen Ausblick auf das Neue Testa-ment erffnen und die geschichtlich-theologische Bedeutung des Propheten als Vorlufer Christi verdeutlichen. Schubring schrieb an Mendelssohn: Elias muss den alten Bund zum neuen verklren helfen, das ist seine grosse geschichtliche Bedeutung. Mendelssohn jedoch konnte sich nicht zu einem ausdrcklichen Verweis auf Jesus Christus als den Vollender der Heilsgeschichte entschliessen. Er schuf stattdessen einen Schluss, dersich im Kontext messianischer Vor-stellungen des Alten Testaments be-wegt und zugleich offen fr eine In-terpretation im jdischen oder christ-lichen Sinne ist. Folco Galli