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  • Europa im Weltbilddes Mittelalters

    Kartographische Konzepte

    Herausgegeben vonIngrid Baumgrtnerund Hartmut Kugler

    Akademie Verlag

  • Gedruckt mit freundlicher Untersttzung der Geschwister BoehringerIngelheim Stiftung fr Geisteswissenschaften in Ingelheim am Rheinsowie mit Mitteln der Dr. German Schweiger-Spende unddes DFG-Graduiertenkollegs 516 "Kulturtransfer im Europischen Mittelalter"an der Universitt Erlangen Nrnberg.

    ISBN 978-3-05-004465-1ISSN 1438-7889

    Akademie Verlag GmbH, Berlin 2008

    Das eingesetzte Papier ist alterungsbestndig nach DIN/ISO 9706.

    Alle Rechte, insbesondere die der bersetzung in andere Sprachen, vorbehalten.Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlagesin irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendeinanderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere vonDatenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache bertragen oder bersetzt werden.

    Einbandgestaltung: Jochen Baltzer, BerlinGesamtherstellung: Druckhaus "Thomas Mntzer", Bad LangensalzaPrinted in the Federal Republic of Germany

  • Inhaltsverzeichnis

    Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

    Ingrid BaumgrtnerEuropa in der Kartographie des Mittelalters.Reprsentationen - Grenzen - Paradigmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

    Reprsentationen

    Alfred StekelbergerDas Europabild bei Ptolemaios. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

    Hartmut KuglerEuropa pars quarta. Der Teil und das Ganze im ,Liber floridus' 45

    Patrick Gautier DalcheRepresentations geographiques de l'Europe - septentrionale, centraleet orientale - au Moyen Age. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

    Ingrid BaumgrtnerGraphische Gestalt und Signifikanz. Europa in den Weltkarten des Beatusvon Liebana und des Ranulf Higden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

    Europa und der Orient

    Paul D. A. HarveyEuropa und das Heilige Land. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 135

    Andreas KaplonyIst Europa eine Insel? Europa auf der rechteckigen Weltkarte des arabischen,Book ofCuriosities' (Kitb Gar'ib al-funn) " 143

    Anna-Dorothee von den BrinckenEuropa um 1320 auf zwei Weltkarten sditalienischer Provenienz.Die Karte zur ,Chronologia magna' des Paulinus Minorita (BnF Lat. 4939)und die Douce-Karte (Bodleian Douce 319). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 157

  • 8 Inhaltsverzeichnis

    Grenzziehungen und Grenzerfahrungen

    Evelyn EdsonDacia ubi et Gothia. Die nordstliche Grenze Europasin der mittelalterlichen Kartographie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 173

    Patricia LiciniEuropean and Ottoman Landmarks from a PortolanChart atthe Time ofEnea Silvio Piccolomini. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 191

    Stefan SchrderGrenzerfahrungen. Mittelalterliche Reisende an den Rndern Europas . . . . . . . . . . . .. 219

    Margriet HoogvlietThe Wonders of Europe: From the Middle Ages to the Sixteenth Century . . . . . . . . .. 239

    Paradigmen

    Andrew GowEmpirical Empire: Eurocentrism and Cosmopolitanismin the 'last' Mappamundi (Fra Mauro). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 259

    Piero FalchettaThe Use ofPortolan Charts in European Navigation during the Middle Ages. . . . . . .. 269

    Martina SterckenRegionale Identitt im sptmittelalterlichen Europa.Kartographische Darstellungen " 277

    Autorinnen und Autoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . " 301

    Orts-, Namen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 303

    Autoren der modemen Forschungsliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 325

  • Europa in der Kartographie des Mittelalters.Reprsentationen - Grenzen - Paradigmen

    Ingrid Baumgrtner

    1. Zur Zielsetzung

    An welcher Vergangenheit orientiert sich die Zukunft Europas? Diese Frage fhrt in wenigenWorten von den kontrovers gefhrten Debatten um die Erweiterung des heutigen Europa zu-rck zu den historischen Begrndungen und Traditionen, vom aktuellen gesellschaftlichenund politischen Interesse an Europa zurck zu den Voraussetzungen fr einen europischenRaum. Doch der Rckgriff auf die Geschichte macht es nicht unbedingt einfacher, zu einerallgemein gltigen Begriffsbestimmung vorzustoen, denn selbst Jahrhunderte langes Nach-denken hat in dieser Frage zu keinem eindeutigen Ergebnis gefhrt.1 So konnten sich Histo-riker, Geographen, Politologen und Soziologen trotz aller Bemhungen nicht einmal inner-halb der eigenen Disziplin auf eine konsensfhige Definition von Europa einigen. Es ist alsoimmer noch zu klren, wie ein geographisch, politisch, sozial oder kulturell bestimmbarerEuropa-Begriff aussehen knnte und welche Bedeutung der Kontinent Europa in diesemKontext besitzt.

    Erfahrungsgem hat jede Generation, jede Disziplin und jede Zeit ihre eigenen Kriterienfr solche Begriffsdefinitionen. Zudem knnen gerade in diesem Fall hchst unterschiedlicheFaktoren dazu beitragen, gleichsam ein Wir-Gefhl innerhalb Europas oder innerhalb ein-zelner Teile Europas zu begrnden, seien es ethnische, anthropologische oder staatlicheBindungen, die ber Volk, Nation oder Land hinausgehen, seien es die integrierenden Wir-kungen von Sprache und Recht, die einende Funktion des Christentums oder die in Abstam-mungssagen und Chroniken tradierten Mythen als Grundlage von Einigungsprozessen. Je-denfalls drfte von der Gewichtung dieser und weiterer Aspekte die Antwort aufdie zentralen Fragen abhngen, wie sich der Politik- und Kulturraum berhaupt formierte,entwickelte und vernderte und welche Bedingungen in welcher Zeit dafr verantwortlichwaren.

    Blickt man auf die groen Entwicklungslinien, so lsst sich zudem feststellen, dass geradedie Medivisten immer wieder mit publizistischen Vereinnahmungsversuchen konfrontiertwurden, die in den Groreichbildungen nach der Vlkerwanderungszeit sofort eine geeintesEuropa erkennen wollten. Derart einfache Gleichsetzungen sind zweifellos zurckzuweisen:

    Vgl. Klaus SCHEMA, Europa in der medivistischen Forschung - eine Skizze, in: Europa im sptenMittelalter. Politik - Gesellschaft - Kultur, hg. v. Rainer C. SCHWINGES, Christian HESSE und PeterMORAW (Historische Zeitschrift. Beihefte NF 40), Mnchen 2006, S. 11-32 mit weiterer Literaturzum Thema.

  • 10 Ingrid Baumgrtner

    Das karolingische Frankenreich ist bekanntlich nur bedingt als die "Geburt Europas'" zu ak-zeptieren, auch die Rolle des Christentums als einem mageblichen Merkmal europischerIdentitt bleibt angesichts des Kulturaustausches mit Andersglubigen und flieender ber-gnge ambivalent.' und Reisen und Expansionsprozesse fhrten im Mittelalter nicht seltenber die unscharfen Grenzen Europas hinaus. Und selbst wenn Europa whrend des Mittelal-ters langsam Gestalt angenommen haben sollte, wurde der Begriff als solcher kaum verwen-det. So knnen zwar zahlreiche Quellengattungen und unterschiedlichste Fragestellungenhelfen, die vielfltigen mittelalterlichen Auffassungen von Europa zu eruieren, aber suchenwir im Mittelalter nach einem festen Europa-Begriff, so kann wohl nur als sicher gelten, dassjeder, der zwischen dem 6. und 15. Jahrhundert den Begriff benutzte, den Inhalt nach seineneigenen Vorstellungen konstruierte." Bernd Schneidmller hat infolgedessen den Kontinent-namen als einen .Abrufbegriff" bezeichnet,' der je nach Zeit und Gebrauchssituation denjeweiligen Erfordernissen anzupassen und gleichsam nach Bedarf mit Inhalten zu fllen ist.Damit wre auch eine im gegenwrtigen Forschungsdiskurs bereits artikulierte Aufgabe an-gesprochen: Es geht sicherlich nicht um das Beschreiben, Begrnden oder gar Formieren vonEinheit und Eindeutigkeit, sondern um eine diskursive Konstruktion von Vielfalt und um dieBedingungen der Zeitgebundenheit dieser Konstruktionen. Es geht um eine Bewusstma-chung und Strukturierung der fast unerschpflichen Mglichkeiten einer Annherung oder -um es mit Wolfgang Schmale zu formulieren - um die Erfassung "performativer Akte undder diskursiven Konstitutionen"," die als dynamisches Modell zu analysieren und zu konkre-tisieren sind.

    Um angesichts dieser Vielfalt ein mglichst geschlossenes Profil des Bandes zu gewhr-leisten, wurde das Untersuchungsinteresse von Anfang an auf kartographische Weltdarstel-lungen sowie deren Wechselwirkungen mit geographisch ausgerichteten Texten begrenzt.Dies bedeutet aber nicht, dass historiographische und literarische Gattungen wie Chroniken,Kreuzzugsdichtung, Reiseberichte und Abenteuerromane gnzlich zu vernachlssigen sind.Denn viele Weltkarten des Mittelalters sind in berlieferungs- und Wissenszusammenhngeeingebunden, die uns wichtige Hinweise zur Interpretation kartographischer Zeugnisse ge-ben. Zu fragen ist deshalb gewiss allgemeiner danach, welche Konzepte sich hinter den

    2 Vgl. Jacques LE GOFF, L'Europe est-elle nee au Moyen Age? Paris 2003; dt.: Die Geburt Europasim Mittelalter, Mnchen 2004; der franzsische Titel trifft den Sachverhalt besser.

    3 Vgl. u. a. Unaufhebbare Pluralitt der Kulturen? Zur Dekonstruktion und Konstruktion des mittelal-terlichen Europa, hg. v. Michael BORGOLTE (Historische Zeitschrift. Beihefte NF 32), Mnchen2001.

    4 Vgl. Bemd SCHNEIDMLLER, Europa im Mittelalter. Vorstellungen und Forschungsaufgaben, in: In-tegration und Transformation in Europa. Beitrge aus dem Forschungsschwerpunkt "Integration undTransformation in Europa (ITE)", hg. v. Heinz-Dieter WENZEL (Forschungsforum. Berichte aus derOtto-Friedrich-Universitt Ba