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Differenzialdiagnose der Schwerhörigkeit

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Text of Differenzialdiagnose der Schwerhörigkeit

  • Deutsches rzteblatt | Jg. 108 | Heft 25 | 24. Juni 2011 433

    M E D I Z I N

    Differenzialdiagnose der SchwerhrigkeitThomas Zahnert

    ZUSAMMENFASSUNGHintergrund: Nach der Global Burden of Disease-Studie der der WHO zhlen Hrstrungen in den Industrielndern zu den sechs hufigsten, die Lebensqualitt am meisten beein-trchtigenden Erkrankungen. Grnde fr die steigende ge-sellschaftliche Bedeutung knnen die demografische Ent-wicklung mit Zunahme der Schwerhrigkeit im Alter sein, aber auch die vermehrte Betroffenheit von Jugendlichen durch ein verndertes Freizeitverhalten mit zum Teil exzessi-ver Lrmbelastung. Dem gegenber stehen verbesserte Mglichkeiten in der Versorgung von Hrstrungen durch technische Entwicklungen in der Ohrchirurgie, Hrgerte- und Cochleaimplantattechnik, so dass es heute fr nahezu jede Form der Schwerhrigkeit einen Rehabilitationsansatz gibt. Voraussetzung fr einen effektiven Versorgungsweg ist die rechtzeitige und differenzierte Diagnosestellung.

    Methodik: Selektive Literaturrecherche unter Einbeziehung nationaler Leitlinien.

    Ergebnisse und Schlussfolgerung: Die Datenlage zur Epi-demiologie der Schwerhrigkeit in Deutschland ist unzu-reichend. Schtzungsweise geht man von etwa 13 bis 14 Millionen behandlungsbedrftigen Betroffenen aus. Unter den permanenten Schwerhrigkeiten sind die Schwerh-rigkeit des Alters, die Schwerhrigkeit infolge chronischer Otitis media und die Lrmschwerhrigkeit am hufigsten zu beobachten. Passagere Schwerhrigkeiten finden sich bedingt durch Tubenbelftungsstrungen besonders im Kindesalter. In der Versorgung der hochgradigen angebo-renen Schwerhrigkeit aber auch der Schwerhrigkeit des Alters ergeben sich durch technische Weiterentwicklung der Cochlea-Implantate Indikationserweiterungen.

    Zitierweise Zahnert T: The differential diagnosis of hearing loss. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(25): 43344. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0433

    S elbst geringe Hrstrungen knnen in einer Welt des immer schneller werdenden Informationsaus-tausches zum Nachteil werden. Wer dem hrsprachli-chen Austausch nicht mehr schnell genug folgen kann, luft sogar Gefahr, beruflich, familir oder sozial iso-liert zu werden. Fr die Rehabilitation dieser Behinde-rung stehen heute neue Wege zur Verfgung. Hrst-rungen zhlen, nach der Burden of Disease-Studie der WHO, in den Industrielndern zu den sechs hufigs-ten Erkrankungen, neben Krankheiten wie ischmische Herzkrankheit, Depression und M. Alzheimer, die die Lebensqualitt am meisten beeintrchtigen (1).

    Lernziele dieses ArtikelsLernziele fr den Leser sind: die aktuell existierenden Schwerhrigkeitsformen

    kennenzulernen, einen berblick ber die teils historisch ent-

    wickelte Klassifikation der Schwerhrigkeit zu erhalten und

    die Vielfalt der Therapieverfahren und mglichen Indikationen zu verinnerlichen.

    MethodeSelektive Literaturrecherche in den Literaturdaten -banken Medline und Cochrane (20002011) sowie der Leitlinien: Periphere Hrstrungen im Kindes -alter der Deutsche Gesellschaft fr Phoniatrie und Pdaudiologie e. V., Cochlea-Implantat Versorgung und Hrsturz, beide von der Deutschen Gesellschaft fr Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie.

    Begriffsbestimmung Unter Schwerhrigkeit (Hypakusis) versteht man eine Verminderung der Hrfhigkeit im weitesten Sinne, be-ginnend von subjektiv kaum empfundenen Hrstrun-gen bis hin zur Gehrlosigkeit. Urschlich kommen Probleme mit der Schallleitung zum Innenohr, mit der

    Universittsklinik und Poliklinik fr Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Dresden: Prof. Dr. med. Dr. h. c. Zahnert

    3Punkte

    cmeTeilnahme nur im Internet mglich: aerzteblatt.de/cme

    DefinitionUnter Schwerhrigkeit (Hypakusis) versteht man eine Verminderung der Hrfhigkeit im weitesten Sinne, beginnend, von subjektiv kaum empfunde-nen Hrstrungen bis hin zur Gehrlosigkeit.

  • 434 Deutsches rzteblatt | Jg. 108 | Heft 25 | 24. Juni 2011

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    Schallempfindung durch die Sinneszellen der Cochlea oder mit der Schallverarbeitung entlang des Hrnerven, der Hrbahn oder der Hrzentren in Frage. Schwerh-rigkeit ist somit nur ein Symptom der Erkrankung des Hrorganes. Sie ist abzugrenzen von anderen Formen der Hrstrung wie der Hyperakusis (berempfind-lichkeit gegenber Schall), dem fluktuierenden Gehr oder dem Tinnitus.

    Hufigkeit der Schwerhrigkeit in DeutschlandNach epidemiologischen Studien liegt die Prvalenz von behandlungsbedrftigen Hrstrungen in Deutsch-land bei etwa 19 % (2). Dabei wurden alle Personen als schwerhrig eingeschtzt, die in fnf Testfrequenzen zwischen 0,5 und 4 kHz eine Minderung der Hrfhig-keit um mindestens 40 dB aufwiesen. Dies entsprach im Jahr 2001 etwa einer Gesamtzahl von etwa 13,2

    Millionen Menschen in Deutschland. Tatschlich drfte die Zahl jedoch hher liegen, weil zum einen Kinder bis 14 Jahre in die Studie nicht einbezogen wurden und zum anderen nach Einschtzung der WHO bereits ab 25 dB von einer geringgradigen Schwerhrigkeit aus-zugehen ist.

    Zur Prvalenz der verschiedenen Schwerhrigkeits-formen nach der Ursache gibt es keine Studie, die alle Schwerhrigkeitsformen erfasst.

    Im Kindesalter berwiegt die passagere Schalllei-tungsschwerhrigkeit infolge eines Paukenergusses mit einer Hufigkeit von 10 bis 30 % der Kinder in den ers-ten drei Lebensjahren und einer Prvalenz von bis zu 8 %. Angeborene permanente bilaterale Schwerhrigkei-ten weisen dagegen eine Prvalenz von 1,2 pro 100 000 auf, whrend beim Erwachsenen die sensorineurale Schwerhrigkeit des Alters berwiegt (Presbyakusis, Hufigkeit 40 % aller Menschen ab dem 65. Lebensjahr).

    PrvalenzEpidemiologischen Studien zufolge liegt die Pr-valenz von behandlungsbedrftigen Hrstrungen in Deutschland bei etwa 19 %.

    Angeborene bilaterale SchwerhrigkeitAngeborene permanente bilaterale Schwerhrig-keiten weisen eine Prvalenz von 1,2 pro 100 000 Neugeborenen auf.

    TABELLE 1

    Einteilung der Schwerhrigkeit nach dem Schweregrad (WHO) und allgemeine klinische Empfehlungen*1

    *1 Fr den Mittleren Hrverlust werden fr jedes Ohr getrennt die Mittelwerte des Hrverlustes aus den Frequenzen 500 Hz, 1000 Hz, 2000 Hz und 4000 Hz ermittelt, modifiziert nach WHO: Grades of hearing impairment;

    www.who.int/pbd/deafness/hearing_impairment_grades/en/index.html

    Grad der Schwerhrigkeit

    0 normalhrig

    1 geringgradige Schwerhrigkeit

    2 mittelgradige Schwerhrigkeit

    3 hochgradige Schwerhrigkeit

    4 Hrreste oder Taubheit

    mittlerer Hrver-lust im Reinton-Audiogramm

    25 dB oder besser

    2640 dB

    4160 dB

    6180 dB

    81 dB oder mehr

    klinischer Befund

    keine oder nur leichte Probleme bei der Kommunikation, Patient kann Flstersprache hren

    Umgangssprache wird 1 m vor dem Ohr verstanden

    lautes Sprechen wird 1 m vor dem Ohr verstanden

    einige Worte werden bei sehr lautem Sprechen auf dem besseren Ohr verstanden

    keinerlei Sprachverstndnis bei maximaler Lautstrke

    Empfehlung

    Beratung, Verlaufskontrolle, bei Schall-leitungsschwerhrigkeit OP-Indikation prfen

    Beratung, Hrgert gegebenenfalls emp-fehlenswert, bei Schallleitungsschwerhrig-keit oder kombinierter Schwerhrigkeit ge-gebenenfalls operative Versorgung

    Hrgert ist zu empfehlen, bei Schall-leitungsschwerhrigkeit oder kombinierter Schwerhrigkeit gegebenenfalls operative Versorgung

    Hrgert ntig. Falls kein Hrgert mglich, prfen, ob andere Hrsysteme in Frage kommen (implantierbares Hrgert, Cochlea-Implantat) Lippenlesen und Zeichensprache untersttzend

    Hrgertetrageversuch, bei Scheitern in der Regel heute Indikation zur Cochlea-Implan-tation gegebenenfalls auch Hirnstammim-plantatversorgung, ergnzend gegebenen-falls Lippenlesen/Zeichensprache

  • Deutsches rzteblatt | Jg. 108 | Heft 25 | 24. Juni 2011 435

    M E D I Z I N

    Dieser folgt die permanente Schallleitungs- beziehungs-weise kombinierte Schwerhrigkeit infolge einer chroni-schen Otitis media (Inzidenz 1,5 % der Bevlkerung) und die Lrmschwerhrigkeit (Inzidenz 0,05 %) (38).

    Klinisches ErscheinungsbildEine beginnende Schwerhrigkeit kann von den Be-troffenen relativ lange kompensiert werden. Hufig verhalten sich Schwerhrige so, dass sie das Radio- oder Fernsehgert lauter stellen oder bei einseitiger Schwerhrigkeit das gesunde Ohr zur Schallquelle hin-wenden. Bei zunehmender Hrminderung wird vor al-lem der visuelle Sinn mit in die korrekte Spracherken-nung einbezogen, indem von den Lippen abgelesen wird. Weitere Aufflligkeiten sind das hufige Nachfra-gen oder die inhaltlich falsche Beantwortung von Fra-gen, sowie die zu laute Sprechstimme.

    Evidenzlage der Therapie der SchwerhrigkeitRandomisierte Studien existieren zu den mittelohrchir -urgischen Verfahren, zur Versorgung mit implantierba-ren Hrgerten und zur Cochlea-Implantatversorgung. Geringere Evidenz herrscht dagegen in Studien zur me-dikamentsen Therapie akuter Innenohrstrung insbe-sondere des Hrsturzes. Neu ist, dass heute nahezu jede Form der permanenten Schwerhrigkeit behandelbar ist.

    Einteilung der SchwerhrigkeitIm klinischen Gebrauch sind vor allem Einteilungen nach dem Schweregrad anhand des Reintonaudio -grammes verbreitet (Tabelle 1) und die grundlegende topografisch-funktionelle Differenzierung zwischen Schallleitungsstrung, Schallempfindungsstrung und Schallverarbeitungsstrung (Grafik 1). Daneben exis-tieren Einteilungen nach dem Alter (zum Beispiel kind-liche Schwerhrigkeit, Altersschwerhrigkeit), dem zeitlichen Verlauf, dem Schweregrad und dem Fre-quenzverlauf der Hrschwelle (9, 10).

    Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhrigkeit Schallwellen gelangen ber die Ohrmuschel und den Gehrgang an das Trommelfell, das wie eine Mikrofon-membran in mechanische Schwingungen versetzt wird. Anschlieend werden die Schwingungen ber die Gehrknchelchenkette an die Peri- und Endolymphe der Cochlea bertragen. Alle Strung

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