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Alessandro Grandi Vespro della Beata Vergine · PDF file 2019. 5. 10. · Alessandro Grandi – Meister neben Monteverdi Claudio Monteverdis Marienvesper stellt in der all-gemeinen

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Text of Alessandro Grandi Vespro della Beata Vergine · PDF file 2019. 5. 10. · Alessandro...

  • C Carus

    Alessandro Grandi

    Vespro della Beata Vergine York · Taylor · Lyon · Harvey Gächinger Kantorei Stuttgart Bach-Collegium Stuttgart Matthew Halls

  • Coproduction: SWR and Carus-Verlag, Stuttgart Recorded live at the Markuskirche Stuttgart during the Musikfest Stuttgart, 12 September 2010 Executive producer: Dagmar Munck Recording producer, digital editing: Roland Kistner Recording engineer: Wilfried Wenzl

    � © 2011 by Carus-Verlag, Stuttgart

    Cover: Antonio Raggi (1624–86), Virgin and Child, 1640, detail of the head (marble); Chapelle Saint-Joseph des Carmes, Paris, France, © Clement Guillaume Photos: p. 11: Deborah York (PR), Daniel Taylor (Marco Boggreve); p. 12: Ed Lyon (rdpphotography), Peter Harvey (Carole Latimer); p. 14: Matthew Halls (Eric Richmond); p. 18–19: Gächinger Kantorei und Bach-Collegium Stuttgart (hs)

    Alessandro Grandi (ca. 1586–1630) Vespro della Beata Vergine

    Deborah York, Soprano · Daniel Taylor, Altus Ed Lyon, Tenore · Peter Harvey, Basso

    Gächinger Kantorei Stuttgart · Bach-Collegium Stuttgart Matthew Halls

    Vespro della Beata Vergine (Marienvesper) zusammengestellt von Rudolf Ewerhart Soli SATB, Coro, Orchestra, Bc

    Deus in adjutorium meum intende 0:58 Soli SATB, Coro

    O quam suave est nomen tuum 3:11 Soli ST

    Dixit Dominus · Soli SATB, Coro 6:59

    O quam tu pulchra es · Soli ATB 3:20

    Laudate pueri · Soli SATB, Coro 2:21

    Vulnerasti cor meum · Solo S 3:59

    Laetatus sum · Soli SATB, Coro 3:05

    Laetamini vos, o caeli 3:19 Soli STB, Coro

    Nisi Dominus · Soli SATB, Coro 5:58

    O quam tu pulchra es · Solo T 3:39

    Lauda Jerusalem, Dominum 5:09 Soli SATB, Coro

    Hymnus „Ave maris stella“ 4:35 Solo A, Coro TB

    O speciosa inter filias Jerusalem 4:16 Soli STB, Coro

    Magnificat · Soli SATB, Coro 6:54

    Total time: 57’50

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  • Alessandro Grandi – Meister neben Monteverdi

    Claudio Monteverdis Marienvesper stellt in der all- gemeinen Wahrnehmung alles in den Schatten, was an geistlicher Musik im Norditalien des frühen siebzehnten Jahrhunderts komponiert und musi- ziert wurde. In diesem Schatten befindet sich auch das Werk Alessandro Grandis, das von Kennern der Musik jener Zeit hoch geschätzt und von manchem Liebhaber geradezu schwärmerisch verehrt wird. Einem breiteren Publikum sind indes weder der Na- me noch das Schaffen Grandis sonderlich geläufig. Gewiss hat das auch etwas damit zu tun, dass Grandi keine Opern hinterließ. Zu seinen Lebzeiten war sein Ruhm allerdings beträchtlich: Es gibt kaum einen anderen italienischen Komponisten der Zeit, dessen Werke so häufig nachgedruckt wurden. Dies hatte seinen Grund: Grandi rannte den stilis - tischen Moden seiner Zeit nicht hinterher, sondern prägte sie. Sein Werk gilt als maßgeblich für die Herausbildung konzertierender Verfahren in jener Zeit. Er erprobte alle denkbaren instrumental-voka- len Besetzungen, schrieb für jede nur mögliche Kombination von Stimmen; er gilt als Erfinder des Begriffs „Kantate“ und bewies einen enormen Einfallsreichtum hinsichtlich der Ausmalung und Deutung der von ihm vertonten Texte. Als bahn- brechend müssen seine Motetten „con sinfonie“ gelten – Geistliche Konzerte, die auch Heinrich Schütz stark beeinflussten.

    Um 1586 geboren, wirkte Alessandro Grandi zu- nächst in seiner vermutlichen Heimatstadt Ferrara: Schon in sehr jungen Jahren, um 1600, wurde er maestro di capella der dortigen Accademia della Morte, einer wohltätigen Bruderschaft. Zwischen 1604 und 1608 diente er als giovane di coro an der

    Basilika San Marco in Venedig; er kehrte anschlie- ßend nach Ferrara zurück, übernahm dort 1610 das Kapellmeisteramt der Accademia dello Spirito San- to (einer anderen Bruderschaft) und wurde schließ- lich 1615 Domkapellmeister der Kathedrale von Ferrara. Von 1617 bis 1627 begegnet man ihm wieder an San Marco in Venedig. Zunächst als Sän- ger angestellt, bekleidete er ab 1620 den Posten des Vizekapellmeisters an der Seite von Claudio Monteverdi. 1627 zog es Grandi – womöglich, um den Eifersüchteleien Monteverdis zu entkommen – nach Bergamo, wo er in der Folgezeit an der Basili- ka Santa Maria Maggiore als Kapellmeister tätig war, bis er im Jahre 1630 ein Opfer der Pest wurde. Sein Werk umfasst Messen, zahlreiche Motetten, Psalmen und Madrigale. Noch in Ferrara begann er mit der Publikation von Motetten, meist für zwei bis vier Stimmen und Orgel. In Venedig widmete er sich der Komposition von Solo-Motetten mit oder ohne obligate Instrumente. Aber erst in Bergamo hatte er genügend musikalische Kräfte zur Verfü- gung, um groß angelegte Kirchenmusik zu kompo- nieren und aufzuführen – nicht zuletzt anlässlich der an Santa Maria Maggiore prachtvoll gefeierten Marienfeste.

    Zu solchen Festen gehörten prächtige Vesper-Got- tesdienste, deren üppige musikalische Ausgestal- tung um 1600 in bemerkenswerter Weise zunahm. Neben Messvertonungen entstanden nun verstärkt Sammeldrucke mit Psalmvertonungen, die für jede Vesper passend zusammengestellt werden konn- ten. Während das Messordinarium ja stets das glei- che ist, wechseln die Antiphonen und Psalmen der Vesperliturgie von Tag zu Tag. Für die musikalische Gestaltung der Vespern waren deshalb Sammlun- gen unerlässlich. Aus jener Zeit ist nur eine einzige

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  • Vesperkomposition als mutmaßlich geschlossenes Kunstwerk überliefert: diejenige Monteverdis. An- ders als in dessen Fall (aber im Einklang mit der Praxis seiner Zeit) gibt es eine im Druck veröffent- lichte, vollständige Marienvesper von Grandi nicht. Vielmehr findet sich das „Material“ für den Vesper- gottesdienst verstreut in den verschiedenen ge- druckten Sammlungen: das Responsorium Domine ad adjuvandum me festina, die fünf Psalmen, zahl- reiche Motetten, die als Psalmantiphonen dienen können, sowie das krönende Magnificat. Der Mu- sikwissenschaftler Rudolf Ewer hart hat aus diesen Quellen eine Marienvesper mit Sätzen Grandis zu- sammengestellt, die sich in Konzerten unter Ewer- harts Leitung in den letzten Jahrzehnten schon viel- fach als funktionierendes und faszinierendes Stück Kirchenmusik bewährt hat, hier nun aber erstmals eingespielt wird unter der Leitung von Matthew Halls.

    Die einzelnen Sätze bilden den gesamten Schaf- fenszeitraum Alessandro Grandis ab, von der Mo- tette für drei Stimmen und Basso continuo Tota pulchra es aus dem ersten Motettenbuch von 1610 bis hin zu den Psalmen Nisi Dominus und Lauda Je- rusalem, Dominum aus der letzten Psalmensamm- lung von 1630, dem Todesjahr Grandis. Dement- sprechend groß ist die stilistische Bandbreite dieser Vespro della Beata Vergine. Dominiert wird das Werk freilich von den groß angelegten, ungemein facettenreichen Sätzen aus Grandis letzten Jahren in Bergamo. Hierzu zählen sämtliche Psalmen und das Magnificat, außerdem das Responsorium Deus, in adjutorium meum intende und der Hym- nus Ave maris stella.

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    Die Verwendung von Motetten und Geistlichen Kon zerten als Psalm-Antiphonen steht im Einklang mit dem Brauch der Zeit: Das im Jahr 1600 erschie- nene päpstliche Ceremoniale episcoporum ge stat - te te die Aufführung solcher Musikstücke anstelle der Antiphonen. Rudolf Ewerhart wählte ein-, zwei- und dreistimmige Sätze aus den Sammlungen von 1610, 1613, 1619, 1621 und 1625 aus, die in ihren unterschiedlichen vokalen und instrumentalen Be- setzungen den ganzen Erfindungsreichtum Grandis dokumentieren. Wo Claudio Monteverdi oft durch schiere Virtuosität und atemberaubende Effekte beeindruckt, fasziniert bei Grandi die Subtilität, mit der der Komponist die Texte ausdeutet: kein Wort, das unbeachtet bliebe, kaum eine Sinnschicht, die nicht musikalisch gestaltet würde. So erweist sich Grandi als eigenständiger Meister neben Monte- verdi.

    Schon O quam suave (1613) für Sopran, Tenor und Basso continuo zeigt die spezifische Kunst Alessan- dro Grandis, gerade weil diese Motette eher un- scheinbar daherkommt: Der homophone Kehrvers deutet den Text mit schlichtem Wohlklang; in den anderen Abschnitten, in denen Maria mit immer neuen Namen angerufen wird, gibt Grandi diesen Namen je eigene Farben. O quam tu pulchra es für drei Stimmen und Basso continuo (1610) ist ein Musterbeispiel für die Finesse der Grandischen Text exegese. Wo es heißt „Von deinen Lippen tropft Honig“, steigt der Bass vom kleinen b bis zum großen D abwärts – Tropfen für Tropfen ge- wissermaßen. Man achte auch auf den schmerz- haften Ausruf „Du hast mein Herz verwundet“ und den zweifach gesteigerten Anruf „O wie schön bist du!“ gegen Ende. Vulnerasti cor meum (1621) ist ein feines Exemplar des von Grandi entwickeltenDigital Booklet

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  • Beginn des Ave maris stella für „Solo-Stimme, mit einer Sinfonia für zwei Violinen“; Gesangsstimme

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  • Geistlichen Konzerts mit selbstständigen Violin- stimmen. Wort für Wort streichelt die Musik den Text, bis hin zum chromatisch aufsteigenden „denn ich bin krank vor Liebe“. Mit Laetamini vos o caeli (1619) haben wir einen kleinteiligen Satz vor uns, in dem sich die Solostimmen mit einem Refrain des Ripienochores abwechseln – Grandi erprobte tat- sächlich alle denkbaren Stimmkombinationen. Den Gipfel des Ausdrucks erreicht Grandi wohl in der Solo-Motette O quam tu pulchra es (1625) für Te- nor und Basso continuo. Den Text aus dem Hohe- lied vertont er mit einer Emphase, die in der Musik der Zeit ihresglei