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DER ‘UNBESCHREIBLICHE’ KRIEG UND SEIN FRAGMENTIERTER ERZÄHLER. ZU REMARQUES KRIEGSROMAN IM WESTEN NICHTS NEUES . Peter Horn Universität Kapstadt Für den Frieden arbeiten, heißt alle Kriegsursachen erkennen und sie bekämpfen, die alten wie die neuen, die Zölle, die Krise, die Not, die irrsinnige Herrschsucht der politischen Betrüger, die nicht weniger krankhafte Nachgiebigkeit der Betrogenen und Geopferten. Wer für den Frieden arbeitet, hält sich heute nicht mehr bei Ermahnungen auf, sondern fängt selbst an, ihn zu organisieren. Heinrich Mann 1 Jede fiktionale Erzählung ist ein Modell, nach dem der Leser seine eigene Erfahrung ordnen kann. Die Gattungsbezeichnung „Kriegsroman” 2 verweist zwar explizit auf einen „Inhalt", implizit auf die „Form", 1 Heinrich Mann, „Der Schriftsteller und der Krieg” .In: Anton Kaes (Hrg.), Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918 -1933. Stuttgart 1983, S. 3 (zuerst im Berliner Tageblatt vom 11.September 1932). 2 zum Kriegsroman der Weimarer Republik vgl. Herbert Bornebusch, „Kriegsromane” und Peter Horn/Brigitte Selzer, „Zeitromane" .In: Alexander von Bormann und Horst Albert Glaser (Hrsg.), Weimarer Republik - Drittes Reich: Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil. (= Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 9) S.138-143, S.123-137. Michael Gollbach, Die Wiederkehr des Weltkriegs in der Literatur: Zu den Frontromanen der späten zwanziger Jahre. Kronberg/Ts. 1978

1986 „Der ‘unbeschreibliche’ Krieg und sein fragmentierter Erzähler. Zu Remarques Kriegsroman ‘Im Westen nichts Neues’." In: Heinrich-Mann-Jahrbuch. Lübeck: Stadt Lübeck

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DER ‘UNBESCHREIBLICHE’ KRIEG UND SEIN FRAGMENTIERTER ERZÄHLER. ZU REMARQUES KRIEGSROMAN IM WESTEN NICHTS NEUES .

Peter Horn Universität Kapstadt

Für den Frieden arbeiten, heißt alle Kriegsursachenerkennen und sie bekämpfen, die alten wie die neuen,die Zölle, die Krise, die Not, die irrsinnigeHerrschsucht der politischen Betrüger, die nichtweniger krankhafte Nachgiebigkeit der Betrogenen undGeopferten. Wer für den Frieden arbeitet, hält sichheute nicht mehr bei Ermahnungen auf, sondern fängtselbst an, ihn zu organisieren.

Heinrich Mann 1

Jede fiktionale Erzählung ist ein Modell, nach dem derLeser seine eigene Erfahrung ordnen kann. DieGattungsbezeichnung „Kriegsroman” 2 verweist zwarexplizit auf einen „Inhalt", implizit auf die „Form",

1 Heinrich Mann, „Der Schriftsteller und derKrieg” .In: Anton Kaes (Hrg.), Manifeste und Dokumente zurdeutschen Literatur 1918 -1933. Stuttgart 1983, S. 3 (zuerst imBerliner Tageblatt vom 11.September 1932). 2 zum Kriegsroman der Weimarer Republik vgl. HerbertBornebusch, „Kriegsromane” und Peter Horn/Brigitte Selzer,„Zeitromane" .In: Alexander von Bormann und Horst AlbertGlaser (Hrsg.), Weimarer Republik - Drittes Reich: Avantgardismus,Parteilichkeit, Exil. (= Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte.Bd. 9) S.138-143, S.123-137. Michael Gollbach, Die Wiederkehrdes Weltkriegs in der Literatur: Zu den Frontromanen der späten zwanzigerJahre. Kronberg/Ts. 1978

mit der dieser Inhalt so geordnet werden kann, daß derAutor und der Leser sinnvolle Zusammenhänge in einemErfahrungsbereich seiner eigenen Lebensgeschichteformulieren kann - selbst dort, wo für einennichtbetroffenen Betrachter solche Zusammenhänge undein solcher Sinn nicht erkennbar ist. 3 Man könntesogar soweit gehen, solchen „Sinn” grundsätzlich füreine Operation der Erzählung von objektiv kontingentenFakten halten, die erst von der Notwendigkeit desErzähler-Ichs, sich als Zusammenhang zu erzählen, inGang gesetzt wird. Es gibt nun inhaltliche Bereiche, indenen sich ein solcher „Sinn” plausibler darstellenläßt, als in anderen. Der Erzähler kann leichterglaubhaft machen, daß seine innere Entwicklung (etwa inder Form des Bildungsromans) oder seineLiebesgeschichte einen solchen stringenten Zusammenhanghat, als die ihm wesentlich äußerliche Geschichteseiner Arbeit (es sei denn diese Arbeit läßt sich als„Entwicklung", als Karriere darstellen). Daß ichSchrauben in Metallbleche drehe, kann ich kaum als mitmir als Subjekt notwendig verbundene Tätigkeit sehen.

3 Jochen Pfeiffer, Der deutsche Kriegsroman 1945-196O. EinVersuch zur Vermittlung von Literatur und Sozialgeschichte. Königstein/Ts.1981, S.8 definiert die Gattung Kriegsroman vom Inhaltlichenher: „Die Handlung der berücksichtigten Romane spieltüberwiegend direkt im Krieg (auf Kampfschauplätzen) oderwährend des Krieges unter Hauptbeteiligung von Soldaten. Indiesem gemeinsamen Wirklichkeitsbezug erschöpft sichzunächst die Einheit der Gattung Kriegsroman” .Eine solcheDefinition kann höchstens als heuristisches Instrumentbenutzt werden. Pfeiffer fordert daher: „Der fiktiveCharakter der Romane, also das spezifisch Literarische, darfnicht unterschlagen werden” (S.1O). Wesentlicher als der„fiktive” Charakter scheinen mir kommunikationsspezifische„formale” Merkmale, die die Mitteilung des Kriegserlebnissesvon anderen Fiktionen unterscheiden.

Ein solches kontingentes Geschehen, das sich nur mühsam auf denvon jedem Ich postulierten inneren Zusammenhang derAutobiographie beziehen läßt, ist auch der moderne Krieg. 4Nicht nur das Grauen der Materialschlachten, für die es keineadäquate sprachliche und emotionale Reaktion mehr gibt, sondernauch die Erfahrung der Ohnmacht des Individuums angesichts diesesGrauens, läßt jede Erzählperspektive als unzureichend erscheinen;selbst die „objektive” Dokumentation (wie die Wochenschau und derdokumentarische Film sie anstreben, und die Remarque zumKompositionsprinzip seines Romans macht) wird in ihrerausschnitthaften Auswahl und ihrer Unfähigkeit, Ursachen undZusammenhänge darzustellen, dem Geschehen nicht mehr gerecht. 5Die Erfahrung des Krieges läßt Diskrepanzen zwischen dem Anspruch4 Diese Einschränkung ist notwendig: zwar ist Kriegwohl immer ein brutales und sinnloses Geschehen gewesen, dasvielen Kriegführenden und allen anderen Betroffenen alsihnen äußerlich erschienen sein mag, dem „Helden” aber wares als Bewährung seiner „Tüchtigkeit” und seiner „Ehre”notwendiger Bestandteil seiner Autobiographie. Heroik undOpfermut sind allerdings noch gängige Begriffe der völkisch-nationalen Kriegsliteratur der Zeit. Vgl. Helmut Vallery,„Völkisch- nationalsozialistische Erzählliteratur” .In:Bormann/Glaser, |Anm. 1|, S.144f. Vgl. auch Helmut Gruber,„’Neue Sachlichkeit’ and the World War” .In: German Life andLetters Bd. 2O (1966/67) S.145: „These writers (Joseph Wehnerusw.) attempted to show how German manhood could be cleansedof the heritage of liberalism by a physical and primordialact through which the virtues dating from a more gloriousperiod of German history could be recaptured. The picture ofwar as a heroic and ennobling experience was the end productof skilful and often absorbing narratives that gave theappearance of being factual and impartial” .5 Gruber, |Anm. 4|, S.147 weist darauf hin, daß die„objective neutrality” einiger Schriftsteller sich durchausmit einer „tendency indirectly to glorify war” verbindenließ: „Descriptions of comradeship, exhilarating adventure,and selflessness in the trenches could easily seemattractive when compared with the boredom and egotism ofdaily life in peacetime” .

des Individuums, sein Schicksal selbst zu bestimmen und solchenErfahrungen, die sich in keiner Weise dem Autonomieanspruch desIndividuums einordnen lassen, oft in krassester Weise inErscheinung treten. 6 Diese Diskrepanzen lassen sich entwederals Aporien darstellen, für die dann Begriffe wie „Schicksal",„Notwendigkeit", „Befehlsnotstand” einstehen, die selbst einerErklärung bedürften, oder aber, wie das bei Remarque häufiggeschieht, als ein unentschiedenes Schwanken zwischen einemharten Zynismus und einer verschwommenen Sentimentalität. Währenddes Besuches bei dem sterbenden Kemmerich im Feldlazarett zeigtMüller ein Interesse an dessen Stiefeln: „Wenn er nachts abgeht,haben wir die Stiefel gesehen” (S.18) 7 Remarque läßt den Leser6 vgl. Martin Kämpchen, Darstellungsweisen derUnmenschlichkeit und Grausamkeit in der Literatur zum Ersten und ZweitenWeltkrieg. Diss. Wien 1972 7 Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues.Frankfurt/Main 1982. Remarques Roman ist wohl dererfolgreichste Anti-Kriegsroman der Welt und der immer nochverbreitetste europäische Roman dieses Jahrhunderts (Auflageetwa 1O Millionen Exemplare). Es war eines der erstenBücher, das die Nazis mit den Worten „Gegen literarischenVerrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkesim Geiste der Wahrhaftigkeit!” verbrannten. Vgl. Josef Wulf,Literatur und Dichtung im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Gütersloh1963, S.46. Der Roman wurde lange Zeit nur alsjournalistischer Bericht und als Trivialliteratur gewertet.Vgl. Heinrich Spiero, Geschichte des deutschen Romans. Berlin195O, S.559ff; Albert Soergel und Curt Hohoff, Dichtung undDichter der Zeit. Düsseldorf 1963, Bd.2, S.345, 349; FritzMartini, Deutsche Literaturgeschichte. Stuttgart 1957 (8. Auflage),S.559. Positivere Einschätzungen bei Wilhelm Duwe, DeutscheDichtung des 2O. Jahrhunderts. Zürich 1962, Bd. II, S.76; HarveySwados, „Remarque’s relevance” .In: Book Week. October 23(1966), S.6 und 12; H. Liedloff, „Two War Novels. A criticalcomparison” .In: LittComparBand 42 (1968), S.39Off. ZurEntwicklung Remarques vor seinem Erfolgsroman, vgl. ArminKerker, „Zwischen Innerlichkeit und Nacktkultur. Derunbekannte Remarque” .In: ¨Die Horen Jg. 19 (1974), Nr.96,S.3ff

ausdrücklich wissen, daß Müller weder roh noch gefühllos ist; dieStiefel, meint er, seien etwas, „das gar nichts mit KemmerichsZustand zu tun hat, während Müller sie gut verwenden kann.Kemmerich wird sterben, einerlei, wer sie erhält. Warum solldaher Müller nicht dahinter her sein” (S.21). Diese Erfahrung,daß die übliche Pietät und die Konvention im Umgang mit anderennicht mehr gilt, veranlaßt den Erzähler zu folgender allgemeinerAussage, die uns den Zugang zu einer der Struktur des Romanszugrundeliegenden Problematik erlaubt: „Wir haben den Sinn fürandere Zusammenhänge verloren, weil sie künstlich sind. Nur dieTatsachen sind richtig und wichtig für uns. Und gute Stiefel sindselten” (S.21). Es geht hier um mehr als bloß die Diskrepanzzwischen einem konventionellen und einem zynischen Verhalten; inFrage gestellt werden alle „Zusammenhänge", die nicht unmittelbarauf das nackte Überleben ausgerichtet sind, also alles das, wassich im weitesten Sinne „Kultur” nennt. „Skeptizismus undNihilismus sind die der Verlorenen Generation adäquatenWeltanschauungen. Die gebrannten Kinder trauen niemandem mehr,glauben nichts mehr und schauen hoffnungslos in die Zukunft” .8Die Fixierung auf die angeblich „nackten” Tatsachen in ihrerundurchschaubaren Zufälligkeit zerstört im Bewußtsein desErlebenden (aber kann man das noch „Erleben” nennen) jede Formvon Kontinuität, Gedächtnis, Erfahrung, Geschichte alsbegriffener Zusammenhang. Zumindest erweisen sich solcheZusammenhänge (deterministische, kausale, biographische,historische) als dem Bewußtsein nicht mehr zugänglich. DerErzähler gibt angesichts solcher Fragmentierung seines Erlebensden Anspruch auf, Zusammenhänge noch herstellen zu können. Erversucht nur zu schreiben, „wie es wirklich gewesen ist", kommtdabei aber kaum über die „Obergefreitenperspektive” hinaus, diesich dieser „Realität” als höchst unangemessen zeigt. 9 Selbst

8 Pfeiffer, |Anm. 3|, S.124 9 Walter Schiffels, „Formen historischen Erzählens inden zwanziger Jahren” .In: Wolfgang Rothe, Die deutsche Literaturin der Weimarer Republik. Stuttgart 1974, S.2O6 meint allerdings,die „Einengung des Erzählhorizonts auf den Graben inRemarques und Renns Romanen” sei im Vergleich zu KracauersGinster, den er als „goutierbare Zeitkritik fürIntellektuelle” einstuft, „eine Erweiterung der Perspektive:sie ermöglicht es, den Krieg in seiner typischen und von der

die „Reflexionen” des Erzähler-Ichs gehen über diese Perspektivenicht hinaus und tragen zu der geschichtlichen Deutung undpolitischen Wertung des Geschehens wenig bei. DieFabelkonstruktion selbst, das literarische Mittel, Zusammenhängeund „Sinn” anschaulich darzustellen, wird deutlich vom zufälligenGeschehen gesteuert, und ermöglich so nicht, das Geschehensinnhaft zu strukturieren. Die ‘nüchterne Konstatierung derGegebenheiten’ läuft darauf hinaus, daß der Autor abdankt, unddie Verantwortlichkeit für den Verlauf der Fabel einerunverstandenen zufälligen Realität zuschreibt. Allerdings gilt eszehn Jahre nach Kriegsende „als höchstes Lob, direkt undauthentisch zu schreiben, so, als ob unter Ausschaltung einesgestaltenden Autors und ohne zeitliche Distanz das Geschehen sichselbst zur Darstellung gebracht hätte: nackt, einfach, ungeistig,vor aller Tendenz” .10 Das Kriterium der „Echtheit” oder„Authentizität", von jeher ein suspektes Wertkriterium in derÄsthetik, 11 besagt allerdings nur, daß der Autor seine durch einihm Unbewußtes gesteuerten Eindrücke naiv „realistisch”wiedergibt, und die „Ausschaltung des gestaltenden Autors” nur,

Mehrzahl der Kriegsteilnehmer erlebten Form zu erzählen,freilich unter Verzicht auf alle fiktionsintegrierendenErklärungen” .Ähnlich gesteht Duwe, |Anm. 7|, S.76 RemarquesRoman „eine Anschaulichkeit, die in der gesamtenKriegsliteratur nicht ihresgleich hat” zu, und Swados, |Anm.7|, S.6 lobt: „Surely no one can read it without thatimmediate quickening which in itself is sufficient tointimate that one holds in one’s hand an imperishablework” .Demgegenüber möchte ich einwenden, daß eine solcheErzählform zwar Identifikation aber nichtBewußtseinserweiterung erlaubt. 10 vgl. Bornebusch, |Anm. 2|, S.138 11 „Ehrlich ist nur die Chronologie” des historischenRomans, meint Döblin, fordert aber dann doch: „Wir müssendie Frage der ‘Echtheit im historischen Roman’ klären. Sieist die zentrale Frage. Mit ihr steht und fällt die Gattung”.Alfred Döblin, „Der historische Roman und wir” .In: ders.,Werke. („Aufsätze zur Literatur”) .Olten und Freiburg 1963,S.163ff. Vgl. auch John Coetzee, Truth in Autobiography.Inaugural Lecture, University of Cape Town 1984.

daß der Zweifel des modernen Autors an der Realität des von ihmWahrgenommenen unterdrückt wird. Das jedoch bleibt Autoren undKritikern der „Neuen Sachlichkeit” weitgehend verborgen. Soleitet die Frankfurter Zeitung den Abdruck von Ludwig Renns Krieg mitder Ankündigung ein: „Es ist der Krieg eines einfachen,beschränkten Mannes, eines mutigen Mannes, dem deshalb dieFeigheit nicht unbekannt bleibt. Es ist der Krieg aus derengen, horizontlosen Perspektive des Infantristen, der Kriegaus Grabenhöhe |...| Hier aber ist vor aller Tendenzgeschrieben worden und hier spricht zum ersten Mal, soweitwir sehen können, der gemeine Mann” .12

Einer der auffallendesten Begriffe in Remarques Roman ist daherder „Zufall”: nicht nur der Erzähler und seine erlebende Figur,Bäumler, erfahren sich als Soldat besonders deutlich demZufälligen ausgesetzt und reflektieren über die Konsequenzendieser Erfahrung; auch die anderen Gestalten des Romans erfahrensich in dieser Weise vom Zufall bestimmt: „Ebenso zufällig, wieich getroffen werde, bleibe ich am Leben. Im bombensicherenUnterstand kann ich zerquetscht werden und auf freien Feld zehnStunden Trommelfeuer unverletzt überstehen. Jeder Soldat bleibtnur durch tausend Zufälle am Leben. Und jeder Soldat glaubt undvertraut dem Zufall."(S.76) Die Passivität der angeblich äußerstaktiven Soldaten, ihre Unfähigkeit, den Zufall, der über ihrLeben und ihren Tod entscheidet, mehr als nur marginal zubeeinflussen, verdichtet sich in dem Bild des Käfigs, dessenGitter aus den Spuren der Granaten geformt ist: „Die Front istein Käfig, indem man nervös warten muß auf das, was geschehenwird. Wir liegen unter dem Gitter der Granatenbogen und leben inder Spannung des Ungewissen. Über uns schwebt der Zufall. Wennein Geschoß kommt, kann ich mich ducken, das ist alles; wohin es

12 zitiert nach Bornebusch, |Anm. 2|, S.138. Bornebuschmacht darauf aufmerksam, daß weder Renn noch Remarque ein‘gemeiner’ Soldat waren: „Der Ursprung der angeblichen‘Authentizität’ ist aber weder so autobiographisch-unmittelbar noch so kunstlos, wie es die Kritiker |...|darstellen” .Vieth von Golßenau war ein adeliger undhochgebildeter Offizier und Remarque „hat die Frontlediglich aus einiger Entfernung gesehen, dafür um so mehrGeschichten über sie gesammelt, die die Grundlage seineRomans sind” .

schlägt, kann ich weder genau wissen noch beeinflussen. DieserZufall ist es, der uns gleichgültig macht.” (S.76) Nicht einmalder, der einen Schuß abfeuert, kann wissen, ob dieser Schuß auchtreffen wird. Der Schießende und der Erschossene sind alsogleichermaßen Spieler in einem lebensgefährlichen Unglücksspiel,einer Art gigantischen russischen Roulette. Die Kategorie desZufalls impliziert die Kategorie des Sinnlosen. Nun ist Krieggewiß ein „sinnloses” Ereignis, da er ja der Menschheit in keinerWeise nützt. Er ist auch sinnlos in der Bedeutung, daß es keinenanderen Grund gibt, warum der eine überlebt, der andere stirbt,als ein mechanischer Determinismus physikalischer Gesetze undstochastische Gesetzmäßigkeiten in der Handlungsweise derMenschen, die die Maschinen bedienen. Die sinnlose Zufälligkeitdes Lebens als Erfahrung des Opfer-Seins macht sich im Kriegnatürlich besonders stark geltend. 13 Noch mehr als beiVerkehrsunfällen und anderen zivilen Katastrophen, die das Lebendes Einzelnen statistisch ja verhältnismäßig selten treffen,tritt im Krieg die Sinnlosigkeit gehäuft auf: das Würfelspiel desTodes wird täglich, stündlich sichtbar.

Was allerdings unter der Kategorie des Zufalls unsichtbar wird,ist daß das Würfelspiel als Ganzes eben doch einen „Sinn” hat,indem es ja ursprünglich von Menschen inszeniert wurde, diebestimmte Kriegsziele haben, die allerdings den Soldaten im Romanvöllig verborgen bleiben: genauso wie das Opfer einesVerkehrsunfalls selten Ursachen wie die sieht, daß dieProfitsucht der Autofabrik daran schuld ist, daß sein Auto eineleicht verbiegbare Blechkiste ist, oder das Opfer einesErdbebens, daß es die Profitsucht von Grundstückspekulanten war,die die Stadt, in der er wohnt, überhaupt an diese Stelle gebauthaben, an der er ein Opfer der Naturkatastrophe werden konnte.Mit Georg Lukmöchte ich diese Art der Darstellung „abstrakt”nennen: „Abstrakt in diesem Sinne ist also, wenn der Krieg wieein sinnloses Schicksal herunterfährt, wenn - mit noch so großer13 Gerade diese Erfahrung suchten Schriftsteller wieRemarque als Argument gegen den Krieg zu benutzen. Vgl.Gruber, |Anm. 4|, S.139: „Many Objectivists were intent onpromoting pacifism by portraying the effect of war’sdestruction on individuals and groups of men. War was madeto appear as an impersonal force that degraded anddehumanized man; all that happened during its course seemedto defy rational explanation and lack justification” .

Darstellungskraft - nur die Greuel des Krieges gestaltet werden(wie dies auch in den besten solcher Romane, bei Renn undRemarque geschieht)” .14 „Abstrakt” ist an dieserDarstellungsweise nicht nur die Subsumierung des Geschehens untereinem nicht weiter untersuchten Begriff wie „Zufall", sondernauch die Unfähigkeit von Figur und Autor, die hinter diesem nichtweiter analysierten Begriff auffindbaren konkreten (nämlichgesellschaftlichen) Gründe aufzudecken, die jene vom „Zufall”bestimmten Geschoßbahnen überhaupt erst in Bewegung gesetzthaben. Zwar bleibt dem Soldaten aus seiner Perspektive, die jadurch seine Erziehung und seine Sprache gelenkt ist, nichtsanderes übrig, als sich mythischen oder irrationalen Kräftenausgesetzt zu sehen, zumindest solang er nicht vor dem Krieggelernt hat, die Interessen, die dieses Vabanquespiel in Ganggesetzt haben, als konkrete zu erkennen; der Autor aber hättezumindest die Wahl gehabt, eine solche Figur mit geschärftenBewußtsein als Träger konkreterer Ansichten in den Romaneinzuführen - vorausgesetzt er selber hätte solche Einsichten,die die meisten seiner Gestalten (durchaus „realistisch”) nichthatten und nicht haben konnten. Literarisch befriedigender alsein solches Sprachrohr eines wissenden Autors wäre allerdingseine Struktur, die durch den Gang der Erzählung selbst Einsichtenerlaubte, die die Beschränkungen des Helden überschreiten.Abstrakt ist also literarisch die Ich- und Wir-Perspektive dessogenannten „einfachen” Soldaten, weil sich aus dieserPerspektive heraus über die orientierungslose „Erfahrung” desKriegsteilnehmers hinaus nichts mitteilen läßt, was derpazifistischen Erkenntnis dient. 15 Deren Bewußtseinsprozesse

14 Georg Luk, Kurze Skizze einer Geschichte der neueren deutschenLiteratur. Darmstadt und Neuwied 1975, S.2O1. Vgl. auch GeorgLuk, „Reportage oder Gestaltung? Kritische Bemerkungenanläßlich eines Romans von Ottwald” .In: J. Raddatz (Hrsg.):Marxismus und Literatur. Eine Dokumentation in drei Bänden. Reinbek 1969,Bd. II, S.15Off 15 vgl. Reinhard Baumgart: „Unmenschlichkeitbeschreiben. Weltkrieg und Faschismus in der Literatur.” In:Merkur 19 (1965), S.39: „Gerade die unmenschlichen Qualitätendes Krieges ließen sich als ein Knäuel aus lauterMenschlich-Allzumenschlichem nicht mehr begreiflich machen.Eine riesig ausgebreitete literarische Oberfläche fing

nämlich kreisen, wenn sie überhaupt auf die Frage nach der Schuldan dem Krieg kommen, um mythische Kräfte und banalepsychologische Einsichten der Art: „Es ist übrigens komisch, daßdas Unglück der Welt so oft von kleinen Leuten herrührt; sie sindviel energischer und unverträglicher als großgewachsene” .(S.13f)Und da ihnen rätselhaft bleibt, was den Krieg verursacht, und daes eine andere als ihre Perspektive im Roman fast nicht gibt (derWechsel von der Ich- zur Er-Perspektive am Ende des Romans istallein von der Tatsache her begründet, daß der Held auf derletzten Seite des Romans stirbt und nicht weiter Sprecher derErfahrungen sein kann), bleibt ihre begrenzte Perspektive die desLesers, wenn er nicht von seinem eigenen Bewußtsein her denRomans „gegen den Strich” lesen kann.

Nirgendwo kommen in der Perspektive des Erzähler-Ichs oderseiner Kameraden zeitgeschichtliche bedeutsame Daten vor,nirgendwo ein Verständnis oder auch nur eine Erwähnung derKriegsziele der Deutschen oder der Alliierten, nirgendwo dieEinsicht, daß dieser Krieg um anderes geführt wird als die„Heimat” und das „Vaterland" .Dieses unzulängliche Bewußtseinseiner Gestalten (zu Beginn des Krieges) spricht der Ich-Erzählerals „Ahnungslosigkeit” an: „Die Menschen hatten eben keine Ahnungvon dem, was kam. Am vernünftigsten waren eigentlich die armenund einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für einUnglück, während die bessergestellten vor Freude nicht aus nochein wußten, obschon gerade sie sich über die Folgen viel eherhätten klarwerden können” (S.14). Die Unfähigkeit der Reichen,den Krieg als Katastrophe zu verstehen, schiebt Katczinskyeinfach auf die „Bildung", die „mache dämlich” (S.14). Daß dieReichen und Gebildeten ganz andere handfeste ökonomische Gründefür die Unterstützung des Krieges gehabt haben könnten, wird fastgar nicht sichtbar. Aber selbst die „armen und einfachen Leute”(eine höchst unzulängliche Kategorie) sind korrumpierbar: Haie,der Torfstecher, wäre bereit auch nach dem Krieg in der Armee zubleiben. Torfstechen, so argumentiert er, dauert länger alsSchanzen und man kann sich vor der Arbeit nicht drücken; derKrieg in seiner Schrecklichkeit erscheint als „Erlösung” aus derMisere der Arbeitswelt: „Da ist eine arme Moorkate, da istschwere Arbeit in der Hitze der Heide vom frühen Morgen bis zumAbend, da ist spärlicher Lohn, da ist ein schmutzigerKnechtsanzug - - „ (S.61). Dem sei, so meint Haie, das Leben inder Armee vorzuziehen, eine Ansicht, der zu Zeiten einer

Einzelheiten, doch vom Wesen des Krieges kaum etwas auf.”

Rezession immer wieder viele beistimmten und wohl nochbeistimmen: „Hast beim Kommiß im Frieden keine Sorgen … Jeden Tagdein Futter da, sonst machst du Krach, hast dein Bett, alle achtTage reine Wäsche wie ein Kavalier, machst deinenUnteroffiziersdienst, hast dein schönes Zeug - abends bist du einfreier Mann und gehst in die Kneipe” (S.61f).

Anläßlich des Besuches des Kaisers kommt es zu einerDiskussion, „wie eigentlich überhaupt ein Krieg entstehe”(S.145). Diesmal ist es Tjaden, der „dickfellige” „Muschkote",der Vertreter der „armen und einfachen Leute", der Argumente wie,„daß ein Land ein anderes schwer beleidigt” oder „Ein Volkbeleidigt das andere” (S.145) mit eulenspiegelhafter Logikentlarvt: „Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg inFrankreich nicht beleidigen” (S.145). Man kommt immerhin zu derEinsicht: „Es muß doch Leute geben, denen der Krieg nützt” 16 und„Ich gehöre nicht dazu” (S.146): „Aber bedenk mal, daß wir fastalle einfache Leute sind. Und in Frankreich sind die meistenMenschen doch auch Arbeiter, Handwerker oder kleine Beamte.Weshalb soll nun wohl ein französischer Schlosser oder Schumacher16 Obwohl die These von der ökonomischen Ursache derKriege weit verbreitet ist, fehlen immer nochSpezialuntersuchungen, die das jeweils im Einzelfalldokumentieren würden. So schreibt Hans-Peter Dürr,„Möglichkeiten für eine stabile Friedenssicherung” .In: 2.Kölner Ringvorlesung zu Fragen von Frieden und Krieg, Köln 1985, S.52:„Es ist oft betont worden, |...|, daß Wirtschaftsinteresseneine ganz wesentliche Triebfeder für den Rüstungswettlaufsind. Ich finde es außerordentlich bedauerlich, daß es heutebei uns kaum Ökonomen und Historiker gibt, die sich mitdieser Frage auseinandersetzen. Interessant wäre auch einenähere Untersuchung der Frage einer Eigendynamik derRüstung, die den gefürchteten Gegner eigentlich nur indirektals Motor braucht” .Auch Norbert Mecklenburg, „LiterarischerPazifismus gestern und heute", ebd., S.83 meint, „daß dieSchriftsteller die politischen, gesellschaftlichen,ökonomischen Interessen ins Licht rücken könnten, die dasganze Rüstungsunwesen antreiben. Es heißt, daß sie die‘Tiefenideologie’ unserer Industriezivilisation (Carl Amery)und die Perversion einer instrumentellen Vernunft denkend inFrage stellen könnten” .

uns angreifen wollen?” Wer also sind die Kriegsgewinnler? Die„Regierungen", die Generäle und der Kaiser, der einen Kriegbraucht, „sonst wird er nicht berühmt” .Obwohl einmal dieVermutung auftaucht: „Sicher stecken andere Leute, die am Kriegverdienen wollen, dahinter", erscheint der Krieg dann doch wiedermystifiert als „eine Art Fieber” - „Keiner will es eigentlich,und mit einem Male ist es da” (S.146). 17 Schließlich einigt mansich: „Besser ist, über den ganzen Kram nicht zu reden” - „Wirdja auch nicht besser dadurch” (S.147). Marginale Einsichten vonStammtischpolitikern ohne Beziehung zu „Tatsachen” und zuHandlungsmöglichkeiten bleiben ohne Folgen - auch für den Leser,der keine Möglichkeiten hat, diese Teileinsichten weiter zuverfolgen. Ihm bleibt keine Alternative als die Tjadens: „DasNationalgefühl des Muschkoten besteht darin, daß er hier ist.Aber damit ist es auch zu Ende, alles andere beurteilt erpraktisch” (S.147). 18 Selbst die Diskussion der Kriegsursachen

17 vgl. Siegfried Kracauer, „Im Westen nichtsNeues” .In: ders. Schriften. Hrsg. von Karsten Witte. Bd.2: VonCaligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films.Frankfurt/Main 1979, S.458: Remarque „steigert den Krieg zueinem mystischen Schicksal empor, das er nicht ist, undbeläßt ihm die Unabwendbarkeit, die er nicht hat” .Noch beiHeinrich Böll, Wo warst du, Adam? liest man folgendes Zitat ausAntoine de Saint-ExupFlug nach Arras als Motto: „Der Krieg isteine Art Krankheit wie der Typhus” .18 alternative Darstellungsformen gibt es bei AdamScharrer, Vaterlandslose Gesellen. Das erste Kriegstagebuch eines Arbeiters.193O. In diesem Roman begreift der Dreher Hans Betzold denKrieg als ‘Fortsetzung der kapitalistischen Politik mitanderen Mitteln’ und als konsequente Zuspitzung einesnationalen Imperialismus, der sich seinen Anteil amWeltmarkt sichern will. Konsequenterweise mündet ScharrersRoman nicht in Resignation und Tod, sondern im Kampf derArbeiter- und Soldatenräte gegen den Versuch, dasimperialistische System unter einem anderen Namenweiterzuführen. Vgl. auch Theodor Plivier, Des Kaisers Kulis.Roman der deutschen Kriegsflotte. Berlin 193O; Edlef Köppen,Heeresbericht, 193O und Peter Riss, Stahlbad Anno 17. Die große Zeit.Hamburg 1931.

läuft also noch einmal auf die Ohnmacht des Individuumsangesichts der „Tatsachen” der Geschichte hinaus.

Zu den sprachlichen Verfahrensweisen, die Remarque wählt,gehören bestimmte Kunstgriffe der Reportage, die den Eindruckerwecken, es sei alles durch eine objektive Instanz dokumentiert,ein Tonband etwa oder eine Kamera, und die subjektive Sicht desErzählers weitgehend ausgeschaltet (die subjektiven Reflexionendes Erzähler-Ichs erscheinen in dieser Perspektive selbst als voneiner solchen „objektiven” Autorität aufgezeichnete Gedankeneines Kriegsteilnehmers). Natürlich steht selbst hinter jederKamera immer noch ein Photograph, der sich trotz allerneonaturalistischen Theorien nie eliminieren läßt: „Auch einPhotograph muß erst erkannt haben, was er sehen will, bevor erden Auslöser drückt", sagt Jost Hermand zu recht. 19 DasInteresse des Darstellenden, seine Vorurteile undVorinformationen, die bestimmen, welchen Wirklichkeitsausschnitter darstellen will, welche Perspektive er wählen will, sind„subjektive” Elemente, die sich auch in der „dokumentarischen”Darstellungsweise in der Literatur nicht ausschließen lassen.Dennoch versucht Remarque, wie viele seit dem Naturalismus, denEindruck zu erwecken, der Erzähler sei bloßes neutrales Medium,der das Geschehen „unverfälscht” und „objektiv” wiedergibt. Estreten in diesem Prozeß die sogenannten Tatsachen an die Stelleder Zusammenhänge (Strukturen). Eine der häufigsten Reaktionen inBesprechungen und Rezensionen von Kriegsromanen, und eine, diewohl auch Remarque anstrebte und angemessen fand, war der Satz„Ja, so war’s" .Daß die „Identität” der Wahrnehmung und damit dieMöglichkeit der empathischen Identifizierung mit dem Helden undErzähler einerseits auf Voraussetzungen beruht, die dem Erlebenvorausliegen und mit ihm selbst nichts zu tun haben (z.B. derintertextuell etablierten Vorstellung von dem, was „real” ist)und andererseits bewußt manipuliert sein können (so hat z.B.Remarque, der selbst nicht an der Front war, durch bestimmteFormen der Beschreibung den Eindruck erweckt, er berichte auseigenem unmittelbarem Erleben), entgeht einer solchen Kritik.Tatsachen sind ja in der Sprache dieses naiven Realismus dieDinge, die unmittelbar sichtbar sind, alles andere erscheint denSoldaten als „künstlich" .Die Tatsachen sind „richtig", weil sie

19 Jost Hermand, „Wirklichkeit als Kunst. Pop,Dokumantation, Reportage” .In: Basis. Jahrbuch für deutscheGegenwartsliteratur. Bd. 2, 1971

dem sinnlich Wahrgenommenen entsprechen, das andere ist„unrichtig", weil man von allem nur Geredeten bisher immerenttäuscht wurde. Es werden so die „Tatsachen", die ja einProdukt der durch die Sprache und Konvention „gelenkten”Wahrnehmung sind, naturalisiert, d.h. es wird ihnen der Statuseines unabhängig vom Menschen existierenden Wesens zugeschrieben,eine logische Fehlinterpretation, die aber unserem gesamtensogenannten Alltagswissen zugrundeliegt. Schon Broch ist esaufgefallen, daß die Reportage, die „die Dinge selbst sprechenlassen” will, sich konventioneller Sprachmuster bedienen muß -Broch nennt das Realitätsvokabular. Sie darf Sprache nichtprozessual fassen, wenn sie allgemein verständlich bleiben will.20 Naturalisierung heißt also in diesem Zusammenhang: den Rahmennicht mehr wahrnehmen, der unsere Erkenntnis lenkt, die durchunser Vorwissen erzeugten Tatsachen als Tatsachen an sich zuverstehen. Damit wird aber nun gerade die Möglichkeit, durch eineintellektuelle Anstrengung die Tatsachen in ihrem wirklichenZusammenhang zu sehen, unmöglich gemacht. 21 Gegen die Forderung,das Dokument müsse für sich selbst sprechen, hat schon Horkheimereingewandt: „Manche radikale Schriftsteller schenken sich dieTheorie. Sie glauben, wenn die grauenvolle Wirklichkeitdargestellt wäre … hätten sie schon genug getan” .22 Der so20 Hermann Broch, „Das Weltbild des Romans” .In: ders.,Dichten und Erkennen. Essays. Zürich 1955, Bd. I, S.226. MichaelGeisler, Die literarische Reportage in Deutschland. Möglichkeiten undGrenzen eines operativen Genres. Königstein/Ts. 1982, S.69 21 vgl. Bertolt Brecht, Gesammelte Werke in zwanzig Bänden.Frankfurt/Main 1967, Bd. 18, S.161f: „Die Lage wird dadurchkompliziert, daß weniger denn je eine einfache ‘Wiedergabeder Realität’ etwas über die Realität aussagt. EinePhotographie der Kruppwerke oder der AEG ergibt beinahenichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist indie Funktionale gerutscht. Die Verdinglichung dermenschlichen Beziehungen, also etwa die Fabrik, gibt dieletzteren nicht mehr heraus. Es ist also tatsächlich ‘etwasaufzubauen’, etwas ‘Künstliches’, ‘Gestelltes' .Es ist alsoeben tatsächlich Kunst nötig” .22 Max Horkheimer, Notizen 195O-1969 und Dämmerung - Notizenin Deutschland. Frankfurt/Main 1974, S.313. Geisler, |Anm. 2O|,

dargestellte Schrecken ist aber noch kein Argument gegen denKrieg, wenn der Krieg tatsächlich eine Naturnotwendigkeit ist,und wenn, wie viele nationalistische Schriftsteller behaupteten,der Krieg das notwendige Stahl- und Blutbad ist, in dem dieSelektion der überlebenden Nationen und Individuen stattfindet.Niemand käme es in den Sinn, gegen ein Erdbeben zu „protestieren".Was könnte man damit erreichen, gegen eine „Naturkatastrophe”Krieg zu protestieren? Da die „Tatsachen” in Remarques Roman sonaturalisiert auch keine sichtbaren Ursachen haben, werden dieTatsachen damit zu „zufälligen, sinnlosen” Tatsachen, derZusammenhang der Tatsachen wird als „Sinnlosigkeit” konstruiert,bzw. diese Sinnlosigkeit wird als natürlich Zustand der Weltgesehen.

Eine Reaktion auf diese erfahrene „Sinnlosigkeit” ist die Härteund der Zynismus des Erzählers, der sich des Übermaßes anGrauenvollem nur noch durch eine oft gewaltsam geschaffeneDistanz erwehren kann. „Uns jedoch bleibt nichts anderes, alssachlich zu sein. So sachlich, daß mir manchmal graut” (S.163).Die Anhäufung des Unerträglichen ist nur noch als Aufzählungmöglich: „Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt; wirsehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; siestolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch|...| ein anderer geht zur Verbandstelle, und über seinefesthaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund,ohne Unterkiefer, ohne Gesicht...” (S.99) Angesichts der sichständig steigernden Reizübersättigung des Lesers durch kaum nochüberbietbare Greuel greift schließlich auch Remarque zurGrotesque als Mittel zur Darstellung des äußersten Ekels: „DieTage sind heiß, und die Toten liegen unbeerdigt |...| Manchentreiben die Bäuche auf wie Ballons. Sie zischen, rülpsen undbewegen sich. Das Gas rumort in ihnen.” (S.93) Zeitweilig könnendie Soldaten mit dem Grauen der Front nur noch mit „gemeinen undgrimmigen Witzen” fertig werden. Längst schon genügt es nichtmehr, nur die Zahl der Toten zu nennen, die Zerstörungmenschlichen Lebens und die Degradation des toten menschlichenKörpers muß dem Leser ‘hautnah’ gebracht werden: „...die Erderuckt, es kracht, dampft und stöhnt, wir stolpern über glitschigeFleischfetzen, über weiche Körper, ich falle in einen zerrissenenBauch, auf dem ein neues, sauberes Offizierskäppi liegt” .(S.87)Aber auch solche Häufungen von Grausigem (und sie finden sich inRemarques Roman immer wieder) können dem wirklichen Grauen des

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Krieges nicht gerecht werden - das Wort bleibt hilflos angesichtseiner Erfahrung, die alles überschreitet, was Emotionen nochfassen können; selbst die Schockwirkung, die der Autor anstrebt,stumpft sich schließlich ab, wenn in immer neuen Bildern immerwieder die Abwandlungen der Zerstörung des menschlichen Körpersgeschildert werden. 23 Ja man könnte einem solchen Vorgehen wieBenjamin den Vorwurf machen, es sei ihm gelungen, „auch noch dasElend, indem |es| es auf modisch-perfektionierte Weise auffaßte,zum Gegenstand des Genusses zu machen” .24 Der Krieg wird zumSujet des „Unterhaltungs"-Romans .Darüber hinaus erscheinen immerwieder Bilder, die - ähnlich wie im italienischen Futurismus undz.T. bei Ernst Jünger - die Schönheit des Kriegsmaterials und derKriegstechnologie apostrophieren: 25 „Auf einer Querstraße fahrenleichte Geschütze und Munitionswagen heran. Die Pferde habenglänzende Rücken im Mondschein, ihre Bewegungen sind schön, siewerfen die Köpfe, man sieht die Augen blitzen. Die Geschütze undWagen gleiten vor dem verschwimmenden Hintergrund derMondlandschaft vorüber, die Reiter mit ihren Stahlhelmen sehenaus wie Ritter einer vergangenen Zeit; es ist irgendwie schön undergreifend.” (S.46) Kat kann ein Bombardement sogar als„Feuerwerk” genießen - „wenn’s nicht so gefährlich wäre” (S.48).Weiter kann die Verharmlosung der Tötungsmaschinerie nicht23 vgl. Robert Neumann, „Zum Problem derReportage” .In: Die Literatur I (1927), Nr.29 kritisiert diesich fortlaufend steigende Reizübersättigung in derSensationsreportage. „Dem Leser genüge, wenn er von einemBergwerksunglück lese, nicht mehr die Zahl der Erschlagenen:‘Zucken muß er sie sehen’ .Dem kontrastiert er die Ökonomiedes Ausdrucks, gerade auch in der Schilderung des Grauens,als die Provinz der Dichtung. Der Dichter selektiereWesentliches, der Reporter dagegen ‘rafft an Stofflichemauf, was am Wege liegt’, ihm werde die Tatsache zum‘Surrogat der Sache’." Nach Geisler, |Anm. 2O|, S.67 24 Walter Benjamin, „Der Autor als Produzent” .In:ders., Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main 1972ff, Bd. II/2,S.683ff 25 Pfeiffer, |Anm. 3|, S.126: „Aber das Grauen wirdabgeschwächt, wenn gleichzeitig die grauenstiftende Technikästhetisiert wird” .

getrieben werden. Schließlich gerät die „objektivistische”Darstellung des Sterbens und Leidens der Soldaten in den Verdachtnur die Kehrseite der Heldendarstellung der Romane zu sein, dieden Krieg verherrlichen - dulden und ausharren, das Unerträglicheertragen, werden selbst zu irreduziblen Tugenden. Zum „Helden” imeigentlichen Sinn fehlt ihnen nur das Handeln, das Aktive. Aberdas kommt mehr und mehr auch denen abhanden, die das Soldatischeund Heldenhafte noch bejahen: sie können es nur nochrückwärtsgewandt erträumen.

Typisch ist Remarques Roman für viele folgende Kriegsromane,auch die, die den Zweiten Weltkrieg beschreiben, weil er erfaßt,daß die Entscheidungen von einzelnen im Krieg selbst fastbedeutungslos sind, weil der Soldat, wie er ihn beschreibt, fastkeine Handlungsfreiheit hat, weil seine Gestalten nicht Subjektesondern Objekte der Geschichte sind. Die sehr tief sitzendeUnfähigkeit, sich einem unsinnigen oder verbrecherischen Befehlzu widersetzten, wird nicht problematisiert; die Situation desBefehlsnotstands als „selbstverständlich” und gegeben einfachhingenommen. 26 Es kommt so im Roman zu Beschreibungen derRealität, die einem Abstraktum eine Wirkungskraft zuschreiben,die doch nur in der Handlung bestimmter Menschen liegen kann. Sowird die Front, die ja nichts anderes ist als die Linie zwischenden beiden kämpfenden Parteien, personalisiert und mitübernatürlichen, irrationalen Kräften ausgestattet. „Für mich ist

26 vgl. Pfeiffer, |Anm. 3|, S.136: „DieGehorsamspflicht gehört zu den konstitutiven Merkmalen einerArmee. Ohne daß Befehle ranghöherer Soldaten befolgt werden,ist eine Kriegsführung |...| nicht vorstellbar. dieser Logikwird in der Kriegsliteratur vor dem Zweiten Weltkrieg -einschließlich der pazifistischen - nicht wiedersprochen;eine Problematisierung des soldatischen Gehorsams findetsich erst in der deutschen Kriegsliteratur über den ZweitenWeltkrieg” .Karl Bonhoeffer, „Zivilschutz undFriedenspolitik” .In: Zweite Kölner Ringvorlesung, |Anm. 16|, S.15verweist auf die Untersuchungen von Stanley Milgram über die„Gehormsamsbereitschaft", in denen sich zeigte, daß 75%aller Versuchspersonen sich freiwillig bereitfinden, andereMenschen zu quälen und sogar ernsthaft in Lebensgefahr zubringen, wenn ihnen von einer anerkannten Autoritäteingeredet wird, das diene einem wichtigen Zweck.

die Front ein unheimlicher Strudel. Wenn man noch weit entferntvon seinem Zentrum im ruhigen Wasser ist, fühlt man schon dieSauggraft, die einen an sich zieht, langsam, unentrinnbar, ohneviel Widerstand.” (44) Es wird hier nicht bezweifelt, daß dastatsächlich dem „Erleben” oder der „Erfahrung” vieler entsprach;es wird hier lediglich gegen diese Naturalisierung der„Erfahrung” eingewandt, daß sie als Konstrukt eines immer schongegebenen gesellschaftlichen (Nicht-)Wissens erzeugt wird, unddaß andere Konstruktionen der erfahrenen Wirklichkeit möglichwaren und zum Teil auch in anderen Kriegsromanen erscheinen. Wohlungewollt führt das zu einer Verherrlichung des Schreckens alseines Augenblicks des höchsten Daseins, des Abenteuers, desvollen Lebens am Rande des Abgrunds: „Wir fühlen, daß in unsermBlut ein Kontakt angeknipst ist. Das sind keine Redensarten; esist Tatsache. Die Front ist es, das Bewußtsein der Front, dasdiesen Kontakt auslöst.. ein geducktes Warten, ein Lauern, einstärkeres Wachsein, eine sonderbare Gschmeidigkeit der Sinne. DerKörper ist mit einem Male in voller Bereitschaft.” (S.43f) Inwesentlichen Zügen unterscheidet sich daher der pazifistischeRoman Remarques nicht so sehr von jenen heldischen Kriegsromanen,in denen der Augenblick des Angriffs in der Materialschlacht alsder Augenblick des aufs höchste gesteigerten Lebens gefeiertwird: „vielleicht ist es unser innerstes und geheimstes Leben,das erzittert und sich zur Abwehr erhebt."(S.44) Mythische Kräftewerden wach: „Aus der Erde, aus der Luft aber strömen unsAbwehrkräfte zu - am meisten von der Erde … dann ist sie seineinziger Freund, sein Bruder, seine Mutter.” (S.44) DiesesIrrationale wird schließlich in hyperbolischen Metaphern alsAngstglück zwar, aber eben doch als „Glück” gefeiert. „Erde, dugabst uns im Kampf des Grauens, im Aufspritzen der Vernichtung,im Todesbrüllen der Explosionen die ungeheure Widerwellegewonnenen Lebens! Der irre Sturm fast zerfetzten Daseins floß imRückstrom von dir durch unsere Hände, so daß wir die gerettetenin dich gruben und im stummen Angstglück der überstandenen Minutein dich hineinbissen."(S.45)

Von dieser so konstruierten Wirklichkeit her ist Widerstandtatsächlich unmöglich, weil er sich ja gegen etwasnaturgesetzlich Gegebenes richten würde. Dieses Gegebene, daspolitische System, der deutsche Nationalismus und Imperialismus,der doch die Voraussetzung der Kriegshandlung ist, kommt inRemarques Roman nicht in den Blick, wird also als Ursache desKrieges auch keiner Kritik unterzogen. Der Widerstand könnte nur

dort einsetzen, wo es Ursachen gibt, die man beseitigen kann.Lägen diese Ursachen, wie behauptet worden ist, in der Natur desMenschen, dann gäbe es keine Hoffnung, den Krieg als Mittel derpolitischen Auseinandersetzung abzuschaffen, und wir müßten unsdamit abfinden, daß die Menschheit früher oder später in einemAtomkrieg untergehen muß. 27 Auch in einem anderen Sinn istWiderstand unmöglich: hat man sich einmal den Zwängen desMilitärs unterworfen, dann ist es beinahe unmöglich, sich diesenZwängen im entscheidenden Moment, nämlich im Augenblick derSchlacht zu widersetzen. Um das zu verhindern gibt es dasStandgericht oder Kriegsgericht, das „Feigheit vor dem Feinde”fast immer mit dem Tode bestraft. Dazu kommt, daß einer, der sichda nicht wehrt, vom Gegner unterschiedslos niedergemacht würde.Der Widerstand müßte also wo anders ansetzen: Widerstand, sichüberhaupt rekrutieren zu lassen, natürlich mit allen Folgen, diedas hätte; Widerstand gegen die Ursachen des Krieges, also vorallem dem Profitstreben jener, die aus dem Krieg ihren Gewinnmachen, sowohl der Waffenhändler als auch jener, die dieeroberten Gebiete zu „verwalten” streben; Widerstand gegen jedeArt von militärischen Geist schon in Friedenszeiten usw. ImKriege bliebe nur noch der verzweifelte und fastselbstmörderische Widerstand des Deserteurs. Auch da gibt esMöglichkeiten, wie es z.B. Scharrer in seinem Roman VaterlandsloseGesellen zeigt: Möglichkeiten der Organisation derKriegsgegner in einer Partei oder Gewerkschaft, die sichgegen Krieg ausspricht, und schließlich Sabotage. Das istnatürlich nur dann möglich, wenn man sich grundsätzlich vonjeder Art von kriegerischem Nationalismus getrennt hat.

Der Kriegsroman stellt mit einer schockierenden Offenheit aus,was sich, in anderer Form aber auch im Roman der Moderne imallgemeinen zeigt, den Verlust aller, das Ich bisherkonstituierenden Zusammenhänge. Kafka, Döblin, Musil, Broch undRilke hatten je verschiedenartig auf die neuen Erfahrungen derGroßstadt, der Industrialisierung, des Verlustes vontraditionellen sozialen Bindungen reagiert. Sie hatten, wenn auchlabile Formen gefunden, in denen sich das fragmentierte Ichdieser neuen Erfahrungen darstellen konnte. Der Kriegsroman,zeitlich mit dem Ende der ‘Neuen Sachlichkeit’ zusammenfallend,27 vgl. W. McGeorge Bundy, „The Avoidance of NuclearWar since 1945” .In: Franklin Griffith and John C. Polanyi,The Dangers of Nuclear War. Toronto 1979, S.25ff

verzichtet weitgehend auf die Errungenschaften des modernenRomans (z.B. innerer Monolog, essayistische Einschübe in denErzählverlauf) abgesehen etwa von der Montagetechnik, und meintdie erfahrene „Sinnlosigkeit” am besten durch das brute Faktumverkörpern zu können. Die Frage, die der Autor vermeidet, die eraber im Roman selbst thematisieren müßte, um den Anschein einerlückenlosen Faktizität zu durchbrechen, ist die Frage nach derFiktionalisierbarkeit der Geschichte, die, im Rahmen dertraditionellen Erzähltechniken eine Frage nach dem Individuum undseinem Zusammenhang ist. Der moderne Roman hat erfahren, wasRemarques Roman noch nicht weiß, daß diese traditionelleErzählform (Realismus im weitesten Sinn) nichts anderes unbewußttransportiert als die Entfremdung des Individuums, seineSinnleere, und daß in ihrem Rahmen die entscheidendenZusammenhänge, die das Individuum konstituieren nicht sichtbargemacht werden können. Ihr Charakteristikum ist die „Dummheit desErzählens” .28 Dort wo er, wie im Falle der Erfahrung„Kameradschaft” oder „Heimatliebe", einen solchen Sinn nocheinmal zu konstituieren versucht, verfällt er derSentimentalität. Ohne Zweifel ist die „Kameradschaft” einSchlüsselbegriff der Kriegsgeneration. „Der vielbeschworeneRausch: ‘wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, geeint in einemgroßen Willen, einem großen Gefühl’, wurde nach dem Zusammenbruchnicht durch eine ähnliches Gemeinschaftsempfinden wiederholt.|...| Für einen großen Teil der Soldaten war diese‘Kameradschaft’ Lebensbasis geworden.” 29 Aber wie Peter Riss inseinem Roman Stahlbad Anno 17 darstellte, war diese„Kameradschaft” in ihrem Kern ein Mythos; im entscheidendenAugenblick waren immer Selbsterhaltung und Selbstsuchtstärker. In der Schlacht dachte jeder nur an sich selbst,und wenn ein Soldat neben einem fiel, war dessen ersterGedanken: Gott sei Dank! es war nicht ich. 30 KämpchensBeobachtung, daß dem Kriegsroman - bei aller Brutalität der

28 Theodor W. Adorno, „Über epische Naivität” .In:ders., Noten zur Literatur I, Frankfurt/Main 1971, S.53. Vgl. auchWalter Schiffels, |Anm. 9|, S.196 29 Wolfgang Wendler, „Die Einschätzung der Gegenwart imdeutschen Zeitroman” .In: Rothe, |Anm. 9|, S.173 30 vgl. Riss, |Anm. 18|, S.254, 4O5f

Darstellung - ein „Zug zum Rührseligen” anhafte, trifft auchauf Remarques Roman zu, der immer wieder solche„verbalisierten Emotionsstöße enthält", die aber „aus Mangelan Anschaulichkeit und konkreter Bildhaftigkeit nichtEmotionalität gestalten, sondern sentimental wirken” .31 So„erleben” seine Figuren selbst „ein festes, praktischesZusammengehörigkeitsgefühl… das sich im Felde dann zumBesten steigerte, was der Krieg hervorbrachte: zurKameradschaft."(25) Auffassungen wie die, die Remarque imRoman seine Soldaten vertreten läßt, auch wenn sie sehrehrenvoll zu sein scheinen, zeigen, daß hier immer noch„Vaterlandsliebe", jenes so ausgebeutete Gefühl, zumSelbstverständlichen gehört. Auch dieser Begriff tritt hierganz „natürlich” auf: „wir liebten unsere Heimat genauso wiesie, und wir gingen bei jedem Angriff mutig vor… „(S.15) 32Das ist natürlich zunächst eine Schutzbehauptung, die in derRezeption des Romans vor allem die Wirkung haben soll, daßdem Schriftsteller Remarque und seinen Gestalten nichtvorgeworfen werden kann, sie seien eben das, was Scharrermutiger schon im Titel bekennt: „Vaterlandslose Gesellen",jenes Schimpfwort jeder Rechten gegen den Internationalismusund Pazifismus, gegen die Arbeiterbewegung, soweit sie nichtnational ist. Es macht aber gleichzeitig jenes soausgebeutete Gefühl noch einmal verwendbar: wennVaterlandsliebe (auch um den Preis grenzenloser Vernichtung)und todesverachtender Heldenmut beim Angriff oder bei derVerteidigung dieses geliebten Vaterlands so auch vomAntikriegsroman bejaht wird, stellt der Pazifist Remarquediese Begriffe auch jenen wieder zur Verfügung, die sieeinmal mehr ausbeuten werden. Wenn man einmal in den Krieghineingerutscht ist, dann kann man kaum umhin, auch jeneTugenden wieder zu loben, ohne die Krieg kaum zu überleben31 Kämpchen, |Anm. 6|, S.135 32 vgl. Pfeiffer, |Anm. 3|, S.22: „Auch impazifistischen Roman über den ersten Weltkrieg bleiben Werteder Frontgemeinschaft und des Vaterlandes unangetastet. DieSentimentalisierung der Kriegskameradschaft mündet in dasGefühl des Verlorenseins nach dem Krieg” .

ist. So sehr Remarque das sinnlose „Schleifen” der Rekrutenverabscheut, von der Erfahrung des Krieges her begreifenseine Figuren: „Wir wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos,rachsüchtig, roh - und das war gut; denn diese Eigenschaftenfehlten uns gerade. Hätte man uns ohne diese Ausbildungszeitin den Graben geschickt, dann wären wohl die meisten von unsverrückt geworden. so aber waren wir vorbereitet für das,was uns erwartete."(S.25) Wer sich auf die widersinnigeLogik des Krieges einläßt, kommt nicht darum herum, dieMittel zu bejahen, ohne die die Ziele nicht erreicht werdenkönnen, z.B. das Aushaltevermögen: „daß der einfache Soldathier vorn so aushält, das ist allerhand.” (S.37) So sehr esverständlich ist, wenn Remarque in seinem Roman einnachträgliches Denkmal für die Gefallenen und einenLobgesang auf die Opferbereitschaft der Überlebendenschreibt, 33 so sehr verfestigt er damitkriegsunterstützende Bewußtseinshaltungen; noch impazifistischen Antikriegsroman bleibt die im Kriegegeforderte Kameradschaft und Heimatliebe unangetastet. Wasdabei völlig übersehen wird, ist, daß eben jene, die sich sobesonders national geben, selbst eine Internationale bilden,die Internationale der Kriegsgewinnler, die sich keineswegsscheuen, die Profite auch dann einzustreichen, wenn sie ausdem Mord der eigenen Soldaten durch den sogenannten Feindfließen. So kann Krupp durchaus die englischen Gewinne ausder Verwendung seiner Patente einstecken, auch wenn jederPenny mit dem Tod eines deutschen Soldaten bezahlt wordenist. Statt zu fragen, wem es nützt, wenn man seine Heimatliebt, wird auch hier naturalisierend „Heimatliebe” alsselbstverständliches Gefühl vorausgesetzt. Genauso wie dasFeindliche in der Front personifiziert ist, so ist dasEigene in der Heimat verkörpert.

33 das ist nach Pfeiffer, |Anm. 3|, S.28 übrigens stetsdie Funktion von Kriegsliteratur von der Ilias über Krieg undFrieden bis zu In Stahlgewittern gewesen. Es erhebt sich die Frage,ob „Kriegsliteratur” überhaupt pazifistischen Zweckendienstbar gemacht werden kann.

Auch wenn Remarques Roman also in dieser Form nicht mehrvorbehaltslos als Antikriegsliteratur rezipiert werden kann, auchwenn vor allem seit „Stalingrad, Auschwitz und Hiroshima |...|auf alle herkömmliche Antikriegsliteratur ein Schatten vonUnangemessenheit” fällt, 34 auch wenn sich die Frage stellt, obLiteratur überhaupt, „und mit welchen Mitteln, die gegenwärtigenProbleme des Friedens und der atomaren Bedrohung angemessenvermitteln kann", 35 so ist Remarques Roman - in all seinerUnzulänglichkeit - doch ein wichtiger Zeuge der Vorgeschichte derFriedensbewegung, und verdient als solcher unsere historische undkritische Aufmerksamkeit - im exakten historischen Bezug sowohlauf die Zeit, die er als vergangene darzustellen versucht, alsauch vor allem im Bezug auf die Zeit, in der er entstand. 1928setzte plötzlich eine Konjunktur des Kriegsromans ein, die nichtnur rückwärts gewandt, historische Authentizität herzustellenbemüht war, sondern die aufs engste mit den damals gegenwärtigensozialen Problemen und der politischen Situation zu tun hatte. Eswar ein Stellungnahme nicht nur zu der historischen Vergangenheitdes Kaiserreichs, sondern vor allen Dingen zu den historischenElementen, die den Weltkrieg hervorgebracht hatten, und die mitdem Untergang des Kaiserreichs keineswegs selber untergegangenwaren. 36 Hans Harald Müller weist zurecht daraufhin, daß derKriegsroman am Ende der Weimarer Republik noch einmal kurzfristig„als ein zentrales Medium allgemein weltanschaulicher undpolitischer Orientierung fungierte und daß aus der Behandlung desSujets eine Stellungnahme auch zur Wirklichkeit der WeimarerRepublik abgelesen werden konnte. Die Frage, weshalb ausgerechnetdie literarische Gattung des Kriegsromans zum Medium undGegenstand einer umfassenden politischen Auseinandersetzungwerden konnte, läßt sich beantworten nur unter Berücksichtigung

34 Mecklenburg, |Anm. 16|, S.76 35 Mecklenburg, |Anm. 16|, S.78. „Ernstzunehmendeliterarische Texte hätten das ‘Bewußtsein derUnangemessenheit von Worten’ gegenüber der gegenwärtigenBedrohungssituation in sich aufzunehmen, anstatt es zuverdrängen” .(S.79) 36 Ähnlich hat Pfeiffer, |Anm. 3|, S.43 nachgewiesen,daß der Kriegsroman nach 1945 eine Rolle in derWiederbewaffnungsdebatte der Bundesrepublik gespielt hat.

der historischen Bedeutung, die das Weltkriegserlebnis in derWeimarer Republik hatte.” 37 Zwei Dinge waren es vor allem, diedie Gemüter in der Weimarer Republik beunruhigte: die sogenannteKriegsschuldlüge und das sinnlose Opfer von Millionen vonMenschen in den ersten riesigen Materialschlachten derGeschichte. 38 Schon während des Krieges wurde dieKriegsschuldfrage leidenschaftlich diskutiert, im Friedensvertragvon Versailles dann pragmatisch im Sinne der Sieger beantwortet.In der Weimarer Republik blieb die ‘Kriegsschuldlüge’ und diesogenannte Dolchstoßlegende brisanter politischer Zündstoff nichtnur in der Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Nationen,sondern auch in der Weimarer Republik selber: der Vorwurf der„Erfüllungspolitik", der den demokratischen Parteien der Mittenicht nur von rechts, sondern auch von den Kommunisten gemachtwurde. Ja, noch 1961 entfesselte die These Fritz Fischers, einvor 1914 zurückreichendes imperialistisches Programm habe dieKriegsbereitschaft Deutschlands begründet, den Streit aufs neue.39 Klaus Vondung bemerkt dazu: „Die Heftigkeit, mit der dieser

37 Harald Müller, „Kriegsroman und Republik,Historische Skizze mit einer Interpretation von AdamScharrers Antikriegsroman „Vaterlandslose Gesellen” .in:Manfred Brauneck (hrsg.), Der deutsche Roman im zwanzigstenJahrhundert. Bd.2: Analysen und Materialien zur Theorie und Soziologie desRomans, Bamber 1976, S.223 38 Pfeiffer, |Anm. 3|, S.22 weist daraufhin, daß dieseThemen im Kriegsroman des Zweiten Weltkriegs irrelevantgeworden waren. Das trifft meiner Meinung nach nur bedingtzu: vgl. Theodor Plieviers Stalingrad (1945) München 1978 undHans Zürrlin, „Die Frage der Kollektivschuld aus demBlickwinkel deutscher Literaten und Publizisten” .In:Gerhard Hay (Hrsg.), Zur literarischen Situation 1945-1949, Kronberg1977, S.15ff 39 Wir wissen heute sehr viel mehr überKriegszielprogramme, politische, wirtschaftliche,diplomatische und militärische Vorgänge vor, während undnach dem Ersten Weltkrieg als die Schriftsteller der spätenWeimarer Republik, und Fischers These ist in derGeschichtswissenschaft zumindest in der Form akzeptiert

Streit geführt wurde, und die bis ins Persönliche gehende Schärfemancher Äußerungen zeigten einmal mehr, und für vieleüberraschend, daß die Frage nach den Ursachen des erstenWeltkriegs als Frage nach der ‘Schuld’ am Krieg eine moralischeund existentielle Tiefendimension besitzt, die bis heute starkeEmotionen wecken kann.” 40 Keiner der Teilnehmer des Ersten unddes Zweiten Weltkriegs konnte leichthin zugeben, daß dieserAbschnitt seines Lebens „sinnlos” gewesen sei oder daß der Todvon Millionen auf eigene Schuld zurückgeführt werden kann. Miteinem solchen Bewußtsein läßt sich kaum leben. Und so ist denn,seit es eine öffentliche Meinung gibt, eine der Hauptaufgabenstaatlicher Lenkung vor, während und nach einem Krieg diePropaganda, die den Krieg als sittlich gerechtfertigt auszugebenhat. Und derjenige, der dann, freiwillig oder gezwungen an diesemstaatlich organisierten Massenmord teilnimmt, muß, wenn er nichtwie z.B. Adam Scharrer als klassenbewußter Arbeiter Krieggrundsätzlich als Machwerk der Kapitalisten durchschaut, dieIntegrität seiner Psyche dadurch zu wahren suchen, daß er dieSchuld für den Krieg bei anderen sucht, eben bei den Feinden.Gleichzeitig wird er das trostlose Schlachten der modernenMassen= und Materialschlacht zu heroisieren und idyllisierenversuchen. Das ist so schwierig nicht, da er als einer vonMillionen Teilnehmern, willenlos dem militärischen Gehorsamunterworfen, ohnehin über den Vorgang keinerlei Übersicht hat,und eben jene Momente aus seinem Bewußtsein zu verdrängenversucht, wo er persönlich an moralisch auch ihm sonstunerträglichen Handlungen teilgenommen hat. So entsteht jene„Landser"-Bewußtseinshaltung, für die der Krieg vor allemFreiheit von der stumpfsinnigen Arbeit in der Fabrik und im Büroist, trotz aller Disziplin, die Möglichkeit bestimmte Triebeauszuleben, die vor allem im kleinbürgerlichen Milieu verpönt

worden, „daß das Deutsche Reich 1914 das Risiko einesKrieges bewußt in Kauf nahm und ‘der unmittelbare Anteil derdeutschen Politik (am Kriegsausbruch) erheblich größerbemessen werden muß, als es von der deutschenGeschichtsschreibung früher getan wurde.’" .Theodor Schiederzitiert nach Klaus Vondung, „Propaganda oderSinndeutung?” .In: ders., Kriegserlebnis. Der erste Weltkrieg in derliterarischen Gestaltung und symbolischen Deutung der Nationen. Hrsg vonKlaus Vondung. Göttingen 198O, S.12 40 Vondung, |Anm. 39|, S.11f

sind, und schließlich jenes Kreisen um Sexualität und Fressen,wie es etwa Remarque schildert, das den Menschen aus dengesellschaftlichen Verpflichtungen und aus den Zwängen des„Alltags” herausnimmt und ihn in ein Leben dersozialdarwinistischen Moral des Fressens und Gefressenwerdensentläßt. Diese „Hoch-Zeit” ihrer Existenz wollen sich manchenicht durch das Moralisieren von ein paar Schreiberlingenvermiesen lassen, ja mehr: sie wollen in ihrer unmoralischenExistenz nicht in Frage gestellt werden, sie wollen ihrheroisches oder selbstzufriedenes Selbstbildnis nicht durch dieFrage nach der eigenen Mitschuld beeinträchtigen lassen.

Was das Kriegserlebnis von 1914 von dem im Dritten Reichunterschied und was es den Teilnehmern schwerer machte, sich vonihren eigenen Taten und ihrer Rechtfertigung zu distanzieren, wardie Tatsache, daß fast alle 1914 von einem Begeisterungstaumelergriffen wurden, daß in allen Ländern die Überzeugung herrschte,für eine gerechte Sache zu kämpfen. Man hatte die „glühendeBereitschaft, für diese Sache zu sterben” und man bewies eine„bemerkenswerte Standfestigkeit” im Ertragen von Leiden undEntbehrungen. Das erklärt die nahzu obsessive, „auch im Vergleichzum Zweiten Weltkrieg beispiellos intensive Beschäftigung mit demKriegserlebnis in Literatur und Kunst, Film und Publizistikwährend der Nachkriegszeit.” 41 Wie „erlösend” das Erlebnis desKrieges allgemein empfunden wurd, kann man in der Literatur derZeit nachlesen. Wenige gab es, die wie Hermann Hesse oderHeinrich Mann von Anfang an gegen den Krieg eingestellt waren. 42Und Ludwig Renn dürfte wohl das aussprechen, was noch unter denheroischen und patriotischen Reden zum allgemeinen Zeitgefühl41 Vondung, |Anm. 39|, 12 42 „Verschwindend wenige, meist demokratischorientierte und linksintellektuelle Autoren erhoben, wieHeinrich Mann, von Anfang an ihre Stimme gegen den Kriegoder überwanden, wie Hermann Hesse, schnell ihre anfänglicheVerblendung. Den entschiedensten literarischenAntimilitarismus und Pazifismus vertraten im erstenWeltkrieg eine Reihe von Schriftstellern, die in den Umkreisder expressionistischen Bewegung gehören”: Franz Pfempfert,RenSchickele, Karl Kraus; gegen Ende des Krieges WilhelmKlemm, Oskar Kanehl, Stefan Zweig, Ernst Toller, LeonhardFrank und Kurt Hiller. vgl. Mecklenburg, |Anm. 16|, S.74

gehörte, wenn er seinen Helden auf der Fahrt zur Front denkenläßt: „bin ich nicht glücklich daran, einen Krieg zu erleben? Esist doch irgendeine Loslösung. Wie schlimm für die, deren Jugendohne das vergeht.” 43 Zwar gab es, das wird in den Kriegsromanenund in der Geschichtsschreibung nicht immer deutlich genug,durchaus auch Versuche, gegen den beginnenden Krieg zuprotestieren, ja ihn zu verhindern. Vor allem in Berlin und inden sächsischen Industriestädten war unter der Arbeiterschaft einentschiedener Wile festzustellen, den Kriegstreibern in die Armezu fallen. Allein zwischen dem 28. und 30. Juli wurden in dreißigStädten des Reichs Antikriegsdemonstrationen durchgeführt, andenen sich nach Polizeiberichten rund 25O,OOO Männer und Frauenbeteiligten. Zum Teil gelang es erst durch Waffenanwendung dieMassen zu zerstreuen. Die Parteiführung und die Gewerkschaftwaren allerdings entschlossen, jeden Widerstand gegen den Kriegzu verhindern, und Friedrich Ebert kämpfte für die Zustimmung zuden Kriegskrediten. Auch wenn eine starke Minderheit derSozialdemokratischen Partei gegen diesen Fraktionsbeschlußankämpfte, wurden die Kriegskredite bewilligt, und damit jedemWiderstand der Arbeiter selbst die Spitze abgebrochen. 44 Dervorhandene Widerstand ging unter und wurde vor allem auch in derGeschichtswissenschaft verschwiegen. Sichtbar war der Taumeleiner irrationalen Kriegsbegeisterung, die wie Vondung richtiganalysiert, keineswegs einfach als Werk der Propaganda desZweiten Deutschen Reiches abgetan werden kann. 45 Nun gab esnatürlich Kriegspropaganda, sowohl die organisierte des Staatesals auch die individuelle, freiwillige, die niemand abverlangtwurde. Berühmte Wissenschaftler hielten „Deutsche Reden inunserer Zeit", (Delbrück, Gierke, Harnack, Wilamowitz-Moellendorfusw), Schriftsteller produzierten begeistert Texte, die den Kriegunterstützten (Ludwig Ganghofer: Die eiserne Zither; Ernst Lissauer:Haßgesang gegen England; Hugo von Hofmannsthal: Vortragsreisen insneutrale Ausland). Auch nach dem Kriege setzten viele dieseProgaganda fort. Hans Zöberlein, der schon früh der NSDAPbeigetreten war, schreibt seinen Kriegsroman Der Glaube an

43 Ludwig Renn, Krieg. Nachkrieg, Berlin 1948 (1929), S.14 44 vgl. Bernt Engelmann, Wir Untertanen. Ein deutsches Anti-Geschichtsbuch, Frankfurt 1977, S.320f 45 Vondung, |Anm. 39|, S.16

Deutschland bewußt im Sinn seiner Partei. Werner Beumelburg,Rudolf Binding, Josef Magnus Wehner stellten sich dernationalsozialistischen Propaganda zur Verfügung; ErnstJüngers Weltkriegstagebücher paßten ins Konzept der NSDAP,und erschienen in hohen Auflagen.

In dieser offenen Form ließ sich nach 1945 für den Krieg kaummehr Propaganda machen. Um so eher ließen sich die vorliegendenStrukturen der Sinnlosigkeit, wie sie sich im sogenanntenpazifistischen Roman Remarques und seiner Nachfolger nach 1945nachweisen lassen, die uns einzureden versuchen, es seiunmöglich, sich gegen die Übermacht der Kriegsmaschinerie zuwehren, dazu benutzen, einen objektiven Zwang zu postulieren, demauch der Friedensliebende sich leider beugen muß. Wir sind zwaralle gegen den Krieg, aber die Wirklichkeit ist leider immer nochso, daß wir den „Frieden” mit den wahnsinnigsten Waffen zuverteidigen gezwungen sind, die jemals geschaffen worden sind. Soargumentiert die Bundesregierung z.B.: „Die militärische Vorsorgezum Schutz unserer Lebensordnung muß sich - soll der Schutzwirkungsvoll sein - an der Bedrohung orientieren. Solange dieSowjetunion die Völker der freien Welt politisch und militärischbedroht, kann der Westen nicht darauf verzichten, den Friedenauch mit militärischen Mitteln zu sichern” .46 Es werden immernoch die raffiniertesten sozialpsychologischen PR-Technikenangewandt, „um der Bevölkerung den sogenannten Verteidigungsfalleinerseits als schicksalhaft und andererseits als erträglicherscheinen zu lassen".* 47 Diese „Politik der Abschreckung” hatihre eigene Logik. Hat man die Prämisse einmal zugegeben, siehtman sich genötigt, sich mehr um die „Überlebensfähigkeitnuklearer Potentiale” als um die „Überlebensfähigkeit derMenschen” oder der „Freiheit” zu sorgen. 48 Wenn wir uns nicht umdie strikte und lückenlose Abschaffung dieser Kriegspotentialebemühen, die an Zerstörungsmacht alles in den Schatten stellen,was Remarque als das „Grauen” des Ersten Weltkriegs schildert,wenn wir uns nicht darum bemühen, phantasievoll Verhaltensweisenzu schaffen, die ein Zusammenleben ermöglichen und kriegerische

46 Der Bundesminister der Verteidigung, Weißbuch 1983. ZurSicherheit der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1983, S.141 47 Bonhoeffer, |Anm. 26|, S.9 48 Weißbuch 1983, |Anm. 46|, S.153

Verhaltensweisen unmöglich machen, könnten wir uns eher früherals später in einer Hölle vorfinden, in der wir Entscheidungennicht mehr fällen können. 49

Anmerkungen:

Wie steht es nun mit den „Meinungen” der Soldaten in „Im Westen nichts Neues” .1. „es wäre alles nicht so schlimm mit dem Krieg, wenn man nur mehr Schlaf haben würde”(8) 2."Der Soldat soll eben ständig unter Aufsicht sein” (11) 3."Dem Soldat ist sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet als jedem anderen Menschen” (12) 4."Es ist übrigens komisch, daß das Unglück der Welt so oft von kleinen Leuten herrührt; sie sind viel energischer und unverträglicher als großgewachsene."(13f) 5."die Erzieher haben ihr Gefühl so oft in der Westentasche parat; sie gebenes ja auch stundenweise aus."(14) 12."denn in unserm Alter ist die Kraft der Eltern am schwächsten und die Mädchen sindnoch nicht beherrschend.” ..."wir waren noch nicht eingewurzelt” (20) 13."Wir wurden zehn Wochen militärisch ausgebildet und in dieser Zeit entscheidender umgestaltet als in zehn Jahren Schulzeit… daß nicht der Geist ausschlaggebend zu sein schien, sondern die Wichsbürs: hat man sich einmal den Zwängen des Militärs unterworfen, dann ist es beinahe unmöglich, sich diesen Zwängen im entscheidend"Es ist ein sonderbarer Anblick, wenn wir nackt sind; dann sind wir Zivilisten und fühlen uns auch beinahe so.” (27) 17."die Erde ist von Kräften durchflossen, die durch meine Fußsohlen in mich überströmen… Die Nacht lebt, ich lebe.” (30) 18."Gleiche Löhnung, gleiches Essen - wär der Krieg schon längst vergessen"(35) 19."wo die falschen Leute sich bekämpfen"(35) 21."Es heißt eben, Disziplin muß sein.” (37) 23. „Denn es ist ein eisernes Gesetz: der Soldat muß auf jeden Fall beschäftigt werden” .29. „Es ist das andere 49 Man vgl. zum Beispiel Owen Greene, Barry Rubin, NeilTurok, Philip Webber, Graeme Wilkinson, London after the bomb.What a nuclear attack really means. Oxford 1982.

gewesen, diese hellsichtige Witterung in uns, die uns niedergerissen und gerettet hat.” (Antiintellekt)(45) „es ist der Instinkt des Tieres, der in uns erwacht."(45) (in einer Situation, die ganz untierisch ist!) 30. „Das sage icheuch: es ist die allergrößte Gemeinheit, daß Tiere im Krieg sind.” (51) 31. „Dann würde ich mir so einen strammen Feger schnappen, so einen richtigen Küchendragoner, weißt du, mit ordentlich was dran zum Festhalten, und sofort nichs wie rinin die Betten."(61) 33. „(Schulwissen) von dem ganzen Kram wissen wir nicht mehr allzuviel. Er hat uns auch nichts genutzt. Aber niemand hat uns in der Schule beigebeacht,wie man bei Regen und Sturm eine Zigarette anzündet, wie manein Feuer aus nassem Holz machen kann - oder daß man ein Bajonett am besten in den Bauch stößt, weil; es da nicht festklemmt, wie bei den Rippen.” (66) 34. „Aber Quatsch bleibt es trotzdem, was sie dir da eintrictern.” (66) 35. „Wie kann man das ernst nehmen, wenn man hier draußen gewesen ist."(66) 36. „Man müßte Rentier sein und ganz allein in einem Wald wohnen können.” (66) 37."Ich habe zu nichts Lust… eines Tages bist du doch tot, was hast du da schon.” (67) 38. „wenn ich das Wort Frieden höre… irgend etwas unausdenkbares tun… Etwas, weißt du, was wert ist, daßman hier im Schlamassel gelegen ist Ich kann mir bloß nichtsvorstellen. Was ich an Möglichkeiten sehe, diesen ganzen Betrieb mit Beruf und Studium und Gehlat und so weiter - daskotzt mich an, denn das war ja immer schon da und ist widerlich.” (67) 43. „wir sind zwei menschen, zwei winzige Funken Leben, draußen ist die Nacht und der Kreis des Todes.Wir sitzen anihrem Rande, gefährdet und geborgen ...” (72) 46. „ein altes Frontschwein, das Witterung besitzt.” ‘78) 47. „Aus uns sind wilde Tiere geworden. Wir kämpfen nicht, wir verteidigen uns vor der Vernichtung"(84) 48. „Käme ein Vater mit denen drüben, du würdest nicht zaudern, ihm eine ?Granate gegen die Brust zu werfen!"(85) 49. „Wären wir keineAutomaten in diesem Augenblick, wir blieben liegen, erschöpft, willenlos. Aber wir werden wieder mit vorwärts gezogen, willenlos, und och wahnsinnig wild und wütend, wir wollen töten, denn das dort sind unsere Todfeinde jetzt… vernichten wir sie nicht, dann vernichten sie uns.” (86) 50.

„nkfurt/Main 1971, S.53. Vgl. auch Walter Schiffels, |Anm. 9|, S.196 Dort wo er, wie im Falle der Erfahrung „Kameradschaft” oder „Heimatliebe", einen solchen Sinn noch einmal zu konstituieren versucht, verfällt er der Sentimentalität. Ohne Zweifel ist die „Kameradschaft” ein Schlüsselbegriff der Kriegsgeneration. „Der vielbeschworene Rausch: ‘wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, geeint in einem großen Willen, einem großen Gefühl’, wurde nach dem Zusammenbruch nicht durch eine ähnliches Gemeinschaftsempfinden wiederholt. |...| Für einen großen Teil der Soldaten war diese ‘Kameradschaft’ Lebensbasis geworden.” 50 Aber wie Peter Racht gibst, dann geht es ihm ebenso; er schnappt danach. Das kommt ganz von selber, denn der Mensch ist an und für sich zunächst einmal ein Biest… Der Kommiß besteht nun darin, daß immer einer über den andern Macht hat. Das Schlimmste ist nur, daß jeder viel zu viel Macht hat.” (37) 39. „Mit einemmale scheint mir alles aussichtslos und verzweifelt.” (67) 40. „Der Krieg hat uns für alles verdorben.” (67) 41. „Wir sind keine Jugend mehr. Wir wollen die Welt nicht stürmen. Wir sind Flüchtende. Wir flüchten vor uns. Vor unserem Leben. Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir mußten darauf schießen. die erste Granate, die einschlug, traf in unser Herz. Wir sind abgeschloseen vom Tätigen, vom Streben, vom Fortschritt. Wir glauben nicht mehr dran; wir glauben an den Krieg."(67) 42. „Denn das Könnnen wir, Kartenspielen, fluchen und Krieg führen."(68)3 42. „Denn das Könnnen wir, Karten spielen, fluchen und Krieg führen."(68)3BIBLIOGRAPHIE

50 Wolfgang Wendler, „Die Einschätzung der Gegenwart imdeutschen Zeitroman” .In: Rothe, |Anm. 9|, S.173